Die Zahl der Verkehrstoten steigt

Bild: Jason Tester Guerrilla Futures/CC BY-ND-2.0

Sind die Smartphones und andere elektronische Geräte der Grund?

Vor fast 20 Jahren kam die Diskussion über die Risiken auf, die mit dem Einzug der Handys in die Fahrzeuge für die Fahrer einhergehen. Viele Studien wiesen nach, dass Telefonieren oder das Lesen oder Schreiben von SMS die Aufmerksamkeit ablenken. Damit wurde auch in Frage gestellt, inwieweit die Menschen überhaupt zum Multitasking fähig sind (Ablenkende Informationsflut).

In Deutschland wurde 2011 die Nutzung von Handys durch den Fahrer nach § 23 Abs. 1a StVO verboten. In den USA gab es das erste Handyverbot beim Fahren 2002 in New York. Dabei ging es vor allem darum, dass die Hände der Fahrer am Steuerrad blieben, obgleich auch schon bekannt war, dass alleine das Telefonieren auch mit einer Freisprechanlage das Risiko im Straßenverkehr erhöht. Nach einem 2002 erschienen Bericht wurde bereits ein Sechstel aller Verkehrstoten im Jahr auf die Handynutzung zurückgeführt, zusätzlich sei sie für 570.000 Verletzte und für 1,5 Millionen Fälle von Sachschäden verantwortlich (Tödliche Handys). Und da stand die Vernetzung von Autos und Fahrern erst noch am Anfang, die Smartphones begannen sich erst danach durchzusetzen, mit dem iPhone als Zugpferd, das 2007 auf den Markt kam. Dann setzte auch die Zeit der exzessiven Nutzung der Sozialen Netzwerke und zahlloser Apps ein, die die Ablenkungsgefahren vervielfachten.

Nach Zahlen der National Highway Traffic Safety Administration (NHTSA) ist die Zahl der Verkehrstoten in den letzten Jahrzehnten stetig zurückgegangen, aber 2015 wurde mit 7,2 Prozent gegenüber 2014 die höchste Zunahme seit 50 Jahren verzeichnet. Und in der ersten Hälfte des Jahrs 2016 stieg die Zahl noch einmal um 10,4 Prozent gegenüber dem ersten Halbjahr 2015 an. Zwar sei 2005 die Zahl der Verkehrstoten noch deutlich höher gewesen, habe aber bis 2015 abgenommen. Allerdings wurde 2015 auch mehr gefahren. Auch hier wurde mit einem Plus von 3,5 Prozent der gefahrenen Kilometer die höchste Zunahme seit 25 Jahren verzeichnet, wofür das Wirtschaftswachstum und der billige Treibstoff verantwortlich gemacht werden. Zugenommen haben auch die getöteten Fußgänger und Fahrradfahrer. Von den gestorbenen Autofahrern war fast die Hälfte nicht angeschnallt und jeder Dritte war betrunken oder zu schnell. Bei 10 Prozent der Verkehrstoten spielte Unachtsamkeit eine Rolle.

Anfang Oktober verkündete Verkehrsministerin Anthony Foxx als Folge der Zunahme der Verkehrstoten die Road to Zero-Koalition, mit der beabsichtigt werde, dass es in 30 Jahren keine Verkehrstoten mehr geben soll, wie das auch in anderen Ländern realisiert werden soll. Dazu soll neben anderen Sicherheitsmaßnahmen wie etwa der Einhaltung der Gurtpflicht oder der Helmpflicht für Motorradfahrer auch die Einführung der autonomen Fahrzeuge beitragen. Ob die künftige Trump-Regierung Ähnliches anstrebt, muss abgewertet werden.

Die New York Times will die Zunahme der Verkehrstoten eher auf den Einzug der Technik wie mit dem Internet verbundenen Smartphones oder automatische Assistenzsysteme in die Fahrzeuge zurückführen. Suggestiv wird getitelt: "Biggest Spike in Traffic Deaths in 50 Years? Blame Apps". Selbst wenn die Fahrer Programme nutzen, um Smartphones und andere Geräte mit der Stimme zu steuern, ohne die Hände vom Lenkrad nehmen zu müssen, wird Zweifel gehegt, ob damit grundsätzlich die Ablenkung reduziert wird.

So meint Deborah Hersman, Präsidentin des National Safety Council, dass die Menschen damit möglicherweise nur dazu verleitet werden könnten, noch mehr Funktionen ihrer Smartphones beim Fahren zu nutzen: "Die kognitive Belastung des Gehirns ist das Problem." Zitiert wird auch Robert Gordon, Vizepräsident der Property Casualty Insurers Association of America, nach dem die Versicherungskonzerne der Überzeugung seien, dass die Verwendung von elektronischen Geräten beim Fahren die größte Ursache für den Anstieg der Verkehrstoten seien: "Das ist ein schwerwiegendes öffentliches Sicherheitsproblem für das Land", meinte er.

Belegt wird die These in der NYT nicht, abgesehen von einigen Beispielen, bei denen etwa die Nutzung von Snapchat zu einem Unfall führte. Vergleicht man die Zahlen aus den USA mit denen in Deutschland findet man 2015 ebenfalls einen Anstieg der Verkehrsunfälle um 4,6 Prozent zum Vorjahr, es sind auch 2,4 Prozent mehr Menschen bei Unfällen ums Leben gekommen, während es in den vergangenen 25 Jahren einen starken Rückgang der Verkehrstoten gab und es weiterhin weniger sind als in den Jahren 1950 bis 2012. 1970 stieg die Zahl mit 21.332 Verkehrstoten auf eine Rekordhöhe, 2015 waren es trotz deutlich mehr Fahrzeugen (und Fahrradfahrern) nur 3.459 Menschen: "Gemessen am Fahrzeugbestand war das Risiko 1970, bei Unfällen im Straßenverkehr zu sterben, 16-mal höher als 2015", schreibt das Statistikamt.

Geht man nach der Statistik, so scheint die Einführung der 0,8-Promille-Höchstgrenze 1973 zu einem starken Rückgang geführt zu haben, die Gurtpflicht 1976 sowie 1984 schlug da kaum mehr ins Gewicht. Nach einem kurzen Anstieg der Zahl der Verkehrstoten um 1990 herum, ging dann sie dann kontinuierlich zurück, mit Ausnahme von 2014 mit einem geringen Anstieg und eben 2015. Daraus lässt sich aber zumindest bislang kein Hinweis ableiten, dass der Einzug der Handys und der Smartphones einen Einfluss auf die Zahl der Verkehrstoten hat.

Eine 2016 in den PNAS veröffentlichte Studie, in der 3 Jahre lang das Fahrverhalten von 2500 Menschen beobachtet und die Fahrzeugdaten aufgezeichnet wurden, führt allerdings fast 90 Prozent aller Unfälle auf menschliches Versagen zurück: Müdigkeit, Alkohol, starke Emotionen, Fahrfehler und Ablenkung. Das Benutzen eines Handys erhöhe das Unfallrisiko deutlich, wenn man Botschaften beim Fahren liest oder schreibt, bis um das Zehnfache.

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