Die Zahl der militärischen Konflikte hat stetig zugenommen

Globalisierung und Demokratisierung scheinen nach einer Studie keine Garantie dafür zu sein, dass die Welt friedlicher wird

Wer den Eindruck haben sollte, dass Kriege in der Moderne und vor allem nach dem Kalten Krieg weniger geworden seien, der könnte einer Illusion aufsitzen. Nach einer in der Zeitschrift Economic History Review erscheinenden Studie des Wirtschaftswissenschaftlers Nikolaus Wolf von der Humboldt-Universität und von Mark Harrison vom Centre for Competitive Advantage in the Global Economy der University of Warwick hat die Zahl der Kriege seit 1870 stetig zugenommen. Bis 2001 ist sie durchschnittlich pro Jahr um 2,25 Prozent gewachsen.

Die Zahlen sind beeindruckend und machen deutlich, dass wir uns gerne einer Illusion hingeben, während gleichzeitig die Rüstungsindustrie boomt und den Wohlstand in den reichen westlichen Ländern vermehrt. Die Globalisierung hat keineswegs das Interesse an kriegerischen Auseinandersetzungen schrumpfen lassen und auch die Hoffnung, dass Demokratien die Lust am Krieg schwinden lassen, scheint zu trügen. Zwar sind Handel und Demokratisierung angestiegen, gleichzeitig aber auch Kriege. Zwischen Demokratie und Kriegen haben die Wissenschaftler keine Beziehung feststellen können, während Handelsoffenheit ein klein wenig die Bereitschaft zum Krieg zu mindern scheint.

Zwischen 1870 und 1913 hat es "nur" 6 militärische Konflikte zwischen zwei Staaten gegeben, zwischen den beiden Weltkriegen schon 17, im Kalten Krieg, der gar nicht so kalt war, 31 und in den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts sogar 36. Bürgerkriege haben die Autoren in ihre Betrachtung nicht einbezogen.

Zahl der militärischen Konflikte zwischen zwei Staaten

Einer der wesentlichen Gründe für die Zunahme der Kriege war nach den beiden Wissenschaftlern die Vermehrung der Staaten durch die Entkolonialisierung und Nationalisierung, zuletzt etwa durch den Zerfall der Sowjetunion und Jugoslawiens. Je mehr Staaten, desto mehr Grenzen. 1870 habe es weniger als 50 souveräne Staaten gegeben, am Ende des 20. Jahrhunderts waren es mehr als 180. Dadurch habe sich die Möglichkeit militärischer Konflikte zwischen zwei Staaten von 1.000 auf 17.000 erhöht. In dem ausgewerteten Zeitraum hat sich allerdings die relative Häufigkeit von militärischen Konflikten zwischen zwei Staaten nicht erhöht, dafür aber hat sich deren Intensität nach den beiden Weltkriegen vermindert.

Allerdings räumen die Wissenschaftler ein, dass noch viel zu wenig bekannt sei über Krieg und Frieden, auch wenn viel darüber geschrieben und geforscht wurde. Vieles ist hier sehr komplex, beispielsweise verstecken sich hinter Demokratie und Handel viele Faktoren, die einen Einfluss auf Krieg und Frieden zwischen Staaten haben können, deren Verfasstheit selbst auch sehr unterschiedlich sein kann. Und überhaupt greifen viele Prozesse ineinander:

Demokratisierung könnte die staatlichen Finanzen verändern und als Nebenprodukt die Kapazität vergrößern, Krieg zu führen. Handelsintegration, die es Ländern ermöglicht, auch das zu konsumieren, was sie nicht selbst herstellen, könnte auch die Kapazität zum Führen von Kriegen verstärken.

Demokratisierung findet, so die Autoren, in Nationen statt, die aber seien anfällig für Kriege. Sinkende Handelskosten und engere wirtschaftliche Kooperation fördern das Wirtschaftswachstum, aber machen die Kriegsführung auch billiger. Allerdings ist die Neigung zum Krieg in reichen oder großen Nationen nicht höher als bei anderen Nationen. Sie geben zu bedenken, dass bislang zu wenig auf die Möglichkeit geschaut wurde, Kriege führen zu können. Man tritt nicht nur in einen Krieg ein, weil man dies will, sondern auch deswegen, weil man es kann. Diese Kapazität, also gewissermaßen die vorhandenen Muskeln, könnte die Schwelle zum Krieg senken. Eine Lösung für diese Dialektiken haben die Autoren nicht anzubieten. Sie fragen beispielsweise, wie man die Demokratisierung fördern könne, ohne gleichzeitig auch "Abenteurer der Nationenbildung" zu fördern.

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