Die Zentrale Unterstützungsgruppe des Bundes

Als im vergangenen Dezember in Hamburg radioaktives Polonium gefunden wurde, trat erstmals eine Sondereinheit in der Öffentlichkeit auf, die den obskuren Namen "Zentrale Unterstützungsgruppe des Bundes" (ZUB) trägt. Was sich hinter dieser Fassade verbirgt, soll hier genauer dargestellt werden.

Die Bundesregierung hat den Namen „Zentrale Unterstützungsgruppe des Bundes“ (ZUB) mit Bedacht gewählt. Einerseits wird mit dieser Bezeichnung die zentrale Stellung der Gruppe unterstrichen, andererseits erscheint die Organisation als so unbedeutend, dass die Neugier von niemandem geweckt wird. Entsprechend zurückhaltend sind die Behörden mit der Preisgabe von Informationen über die ZUB.

Noch relativ auskunftsfreudig gibt sich das Bundesinnenministerium (BIM). In seinem 2. Periodischen Sicherheitsbericht (PSB) vom November 2006 heißt es:

Zur Bewältigung von schwerwiegenden Bedrohungslagen, die durch Straftaten mit radioaktiven Stoffen entstehen, ist auf Bundesebene die „Zentrale Unterstützungsgruppe des Bundes für gravierende Fälle nuklearspezifischer Gefahrenabwehr“ (ZUB) eingerichtet worden. Die ZUB, in der Spezialkräfte von Bundeskriminalamt, Bundespolizei und Bundesamt für Strahlenschutz mitwirken, unterstützt die für die Gefahrenabwehr originär zuständigen Länder auf deren Anforderung. Ziel der ZUB ist es, alle multidisziplinären Fachkenntnisse und Erfahrungen sowie personelle und materielle Logistik zusammenzufassen. Im Ergebnis werden Maßnahmen der polizeilichen Gefahrenabwehr mit der Expertise aus dem Strahlenschutzsektor verknüpft.

Aber was man unter der Verknüpfung von „Maßnahmen der polizeilichen Gefahrenabwehr mit der Expertise aus dem Strahlenschutzsektor“ verstehen?

Tatsächlich ist die ZUB die deutsche Sondereinheit zur Bekämpfung der Atomkriminalität und insbesondere des Atomterrorismus. Neben der rasanten Zunahme des Atomschmuggels in den neunziger Jahren waren es insbesondere zwei Ereignisse, durch die die Gründung der ZUB dringend geboten erschien. Am 20. März 1995 verübte die japanische Sekte Aum Shinrikyo einen Giftgasanschlag auf die U-Bahnstation Kasumigaseki mitten im Regierungsviertel in Tokio. Weil das selbst produzierte Sarin lediglich einen Reinheitsgehalt von 37 Prozent hatte, blieb es „nur“ bei 12 Toten und über 5000 Verletzten.

Im November 1996 fanden russische Journalisten im Moskauer Ismailow-Park eine „schmutzige Atombombe“: In einem Behälter steckte eine Ladung Dynamit, die mit radioaktivem Cäsium-137 umgeben war. Von außen war das Behältnis mit einem Bleimantel umwickelt. Die tschetschenische Terroristengruppe von Schamil Bassajew hatte damals nicht wirklich die Absicht, Moskau atomar anzugreifen, aber sie wollten mit dieser „Presseaktion“ ihre militär-technischen Fähigkeiten drohend zur Schau stellen. (Panikwaffen Schmutzige Bomben)

In 40 Jahren vom Molotow-Cocktail zur radiologischen Bombe, dies markierte die Rüstungsspirale im terroristischen Untergrund. Beide Vorfälle zeigten, dass der so genannte Megaterrorismus nicht mehr nur eine Frage hypothetischer Szenarien war, sondern eine reale Bedrohung. Demgegenüber zeigten amtliche Untersuchungen, dass die Bundesrepublik auf die neue Bedrohungslage nicht vorbereitet war. Für die Bekämpfung potentieller ABC-Terroristen war die Grenzschutzgruppe GSG 9 personell, technisch und fachlich nicht ausreichend. Außerdem wollte sich die Bundesregierung nicht länger allein auf die Amerikaner verlassen, die eine Einheit ihres Overseas Nuclear Emergency Search Team (ONEST) in Ramstein bereit hielten. Eine neue Sondereinheit sollte aufgebaut werden.

Nach offiziellen Angaben setzt sich die ZUB aus Elementen des Bundeskriminalamtes (BKA), der Bundespolizei (BPOL) und des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS) zusammen, die ihre jeweiligen spezifischen Kenntnisse und Möglichkeiten in die multidisziplinäre Mischorganisation einbringen.

Somit griffen die Sicherheitsbehörden beim Aufbau der neuen Einsatzformation auf bestehende Organisationsstrukturen zurück. Statt gänzlich neue Einheiten aufzubauen, wurden bestehende Kräfte lediglich ausgebaut und miteinander verknüpft. Das sparte Zeit und Kosten und sicherte den Sicherheitsapparaten ihre angestammten Kompetenzen. Zusätzliche Mittel mussten nur für die Beschaffung neuer Spezialtechnik aufgewendet werden. Seit dem 1. August 2003 ist die neue Spezialeinheit offiziell einsatzbereit.

Das Bundeskriminalamt (BKA) untersteht dem Bundesinnenministerium und fungiert als oberste Polizeibehörde. Laut Gesetz ist das BKA die deutsche Zentralstelle für das polizeiliche Auskunfts- und Nachrichtenwesen (INPOL), koordiniert die internationale Zusammenarbeit, besorgt den Schutz der Verfassungsorgane und übernimmt bei Staatsschutzdelikten selbst die Ermittlungen zur Strafverfolgung.

Zur Zeit hat das Bundeskriminalamt rund 5.600 Mitarbeiter, fast die Hälfte sind Kriminalbeamte. Gegliedert ist das BKA in neun Abteilungen, die wiederum in Gruppen und Referate aufgeteilt sind. Der Hauptsitz des BKA befindet sich in Wiesbaden, zwei Nebenstellen sind in Meckenheim-Merl und in Berlin-Treptow.

In einer Selbstdarstellung beschreibt das BKA seine institutionelle Rolle im Behördengefüge so:

Das Bundeskriminalamt ist herausragender Eckpfeiler eines ganzheitlichen Systems der Verbrechensbekämpfung und Partner der Polizeien des Bundes und der Länder. Laut Grundgesetz liegt die Polizeihoheit in Deutschland grundsätzlich bei den 16 Bundesländern. Doch darf die föderale Vielfalt nicht zu einem hinderlichen Nebeneinander werden. Daher hat das Bundeskriminalamt die Aufgabe, als zentrale Kriminalpolizei in Deutschland die Verbrechensbekämpfung auf nationaler und internationaler Ebene zu koordinieren.

Das BKA nimmt innerhalb der ZUB die Führungsrolle wahr. Welche Referate innerhalb des Bundeskriminalamtes an der ZUB beteiligt sind, ist nur z. T. bekannt. In Frage kommt zunächst einmal die Abteilung Polizeilicher Staatsschutz (ST) in Meckenheim-Merl bei Bonn, insbesondere dessen Referat ST 23 (islamischer Terrorismus), sowie das Referat für ABC- und politisch motivierte Waffenkriminalität und möglicherweise auch das Referat für Proliferation. Innerhalb der Abteilung Zentrale kriminalpolizeiliche Dienste (ZD) gehören die Gruppe ZD 1 (Tatortgruppe) mit dem Referat ZD 11 (Explosivsachen), sowie die Gruppe 3 mit den Referaten ZD 31 (allgemeine Polizeikooperation), ZD 32 (internationale Rechtshilfe und Personenfahndung) und ZD 35 (zentraler Sprachen- bzw. Dolmetscherdienst), sowie die Gruppe 4 mit dem Mobilen Einsatzkommando (MEK) und der Berater- und Verhandlungsgruppe (z.B. bei Erpressungen) zur ZUB. Die Abteilung Kriminaltechnisches Institut (KT), die in diesem Jahr ein neues Gebäude in Wiesbaden-Biebrich beziehen wird, steuert sein Zentrallabor und das Referat KT 16 (Explosivsachen) bei.

Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) in Salzgitter-Lebenstedt ist eine Bundesoberbehörde, die dem Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit untersteht. Es wurde am 1. November 1989 gegründet und hat heute 700 Mitarbeiter. Das BfS untersucht und überwacht die Strahlenexposition der Bevölkerung und bewertet gesundheitliche Risiken. Es ist Genehmigungsbehörde für Anwendung und den Transport radioaktiver Stoffe. Seine Störfallmeldestelle registriert alle Pannen in deutschen Kernkraftwerken.

Zu seinen vier Fachbereichen gehört u.a. der Fachbereich Strahlenschutz und Umwelt unter Leitung von Dr. Kirchner. Dieser Bereich gliedert sich in eine Stabsstelle Aufgabenplanung, Qualitätssicherung (St-SW), drei Abteilungen und die Arbeitsgruppe Nuklearspezifische Gefahrenabwehr und Aerogrammamessungen (AG-SW). Letztere ist Teil der ZUB. Die Arbeitsgruppe hat ihren Sitz nicht in Salzgitter, sondern ist bei der BfS-Außenstelle in Berlin-Karlshorst stationiert. Sie betreibt ein Labor für „nukleare Nachsorge“. Insgesamt steuert das BfS für die ZUB Führungs-, Bewertungs-, Verbindungs- und bis zu 12 Messteams bei. So besitzt das BfS neben 2150 ortsfesten Messstationen des Integrierten Mess- und Informationssystem (IMIS) sechs Messfahrzeuge (VW T4) und mindestens einen Hubschrauber Eurocopter EC 135.

Anscheinend wurde die Arbeitsgruppe AG-SW seit Oktober 2006 ausgebaut. Auf dem Arbeitsmarkt erschienen gleich mehrere Stellenanzeigen des BfS, die zugleich dessen Mangel an qualifiziertem Personal belegen. Als Nachfolger für den scheidenden Leiter der AG-SW, Regierungsdirektor Dr. Michael Hoffmann, wurde eine neue Führungskraft gesucht, außerdem ein Referent für die Bewertung von Nuklearmaterial hinsichtlich Kritikalität und Toxizität, ein Referent für die fachlich-wissenschaftliche Koordination und die Erarbeitung von Konzepten, ein Informatiker für die Weiterentwicklung der eigenen Datenbank, ein Verwaltungswirt für den Aufbau einer Geschäftsstelle und schließlich noch ein Berufskraftfahrer zum Fahren der Messfahrzeuge.

In diesem Zusammenhang ist die Stellenausschreibung für den Leitungsjob aufschlussreich. Potentielle Atomterroristen sollen durch einen Paragraphenfuchser zur Strecke gebracht werden: Für die „Leitung der Arbeitsgruppe (...) einschließlich im Einsatzfall“ wurde jemand gesucht, der „ein abgeschlossenes Hochschulstudium der Rechtswissenschaften oder der Staats- oder Verwaltungswissenschaften“ vorweisen kann. Entsprechend muss der Bewerber nicht nur „vertiefte Kenntnisse auf dem Gebiet des öffentlichen Rechts, insbesondere des Umweltrechts sowie des Atom- und Strahlenschutzrechts“, sondern auch ein „hohes Maß an Verständnis für naturwissenschaftliche Fragestellungen, insbesondere der Physik, der Chemie und der Strahlenbiologie“ mitbringen. Erwartet wurde „die Bereitschaft zu einer erhöhten Reisetätigkeit und zu einem Dienst zu ungünstigen Zeiten. (...) Darüber hinaus müssen Sie eine Atemschutzmaske tragen können.“ Dann folgt der obligatorische Zusatz: „Geeignete schwerbehinderte Menschen werden bei gleicher Eignung bevorzugt berücksichtigt.“ Für den erfolgreichen Bewerber winkte eine Bezahlung gemäß BesGr A 16 BBesO. Allerdings lief die Bewerbungsfrist im September aus und bis heute konnte offensichtlich kein geeigneter Kandidat gefunden werden.

Das Bundesinnenministerium schweigt sich darüber aus, welche Teile seiner Bundespolizei (BPOL) an der ZUB beteiligt sind. Offensichtlich nimmt die Bundespolizei verschiedene Funktionen wahr. Sie ist für den schnellen Lufttransport der ZUB zu ihrem Einsatzort verantwortlich. Dies gilt insbesondere für die Verlegung der BKA-Beamten, während die Mitarbeiter des BfS teilweise mit ihren Spezialfahrzeugen anreisen, da diese durch die Hubschrauber der BPOL nicht transportiert werden können. Außerdem stellt die Polizei Hubschrauber zur Strahlensuche und Dekontaminationstrupps zur Verfügung.

Für den Transport der BKA-Staatsschutzbeamten ist die Bundespolizeifliegerstaffel West (BPOLFLS W) zuständig, die dem Bundespolizeipräsidium West unterstellt ist und auf dem Fliegerhorst in Sankt Augustin-Hangelar stationiert ist. Die Staffel hat 117 Mitarbeiter und verfügt über insgesamt zehn Polizeihubschrauber: 3 Beobachtungshubschrauber Eurocopter EC 135 B (7 Sitzplätze incl. Besatzung), 3 Beobachtungshubschrauber Eurocopter EC 135 T1 (7 Sitzplätze), 3 leichte Transporthubschrauber Eurocopter SA 330 J Puma (21 Sitzplätze) und 1 mittlerer Transporthubschrauber Eurocopter AS 332 L1 Super Puma (25 Sitzplätze). „Normalerweise“ transportiert diese Fliegerstaffel die Grenzschutzgruppe GSG 9.

Hinzu kommen zwei Fliegerstaffeln, die zur radiologischen Aufklärung eingesetzt werden. Die Bundespolizeifliegerstaffel Ost (BPOLFLS O) ist im brandenburgischen Ahrendsfelde, Ortsteil Blumberg/Rehhahn, stationiert. Die gemischte Einheit hat einen Personalbestand von 105 Mitarbeitern und umfaßt 18 Hubschrauber: SA 118 C Alouette II; EC 135, EC 155, SA 330 und AS 332 L1. Zu ihren Aufgaben gehören u.a. die Luftunterstützung bei größeren Gefahren- und Katastrophenlagen, der Transport von Staatsgästen und gefährdeten Personen und der Betrieb von zwei Rettungshubschraubern. Die Bundespolizeifliegerstaffel Süd (BPolFLS S) ist im bayerischen Oberschleißheim stationiert mit Außenposten in Schwandorf und Donaueschingen. Die Einheit umfasst 104 Mitarbeiter und 14 Helikopter: 4 Verbindungshubschrauber EC 135, 2 Rettungshubschrauber EC 135, 3 EC 155 B, 3 Rettungshubschrauber Bo 105 CBS-5, 2 SA 330 J. Im Bedarfsfall können die Helikopter mit Gamma-Flugspektrometern in Schnellrüstsätzen des BfS ausgestattet werden. Schon heute werden Geländeabschnitte regelmäßig überflogen und vermessen, um im Einsatzfall brauchbare Vergleichsdaten für die Strahlensuche zu haben.

Zum Technischen Dienst der Bundespolizeiabteilungen gehört auch der Bereich ABC-Einsatz. Diese Untereinheiten sind mit Spürgeräten und Dekontaminationszelten ausgestattet. Um wie viele Truppenteile es sich insgesamt handelt ist nicht bekannt. Im Einsatzfall sollen sie die Dekontamination der ZUB-Einsatzkräfte sicherstellen.

Die GSG 9 unter Leitung von Polizeidirektor Olaf Lindner gehört mit ihren rund 250 Mitgliedern vermutlich nicht ständig zur ZUB. Bei der Bekämpfung von Atomschmugglern wäre ein Einsatz der Spezialeinheit unnötig. Zur Bekämpfung von potentiellen Atomterroristen kann die Anti-Terror-Einheit jederzeit nachalarmiert werden. Neben ihren Spezialeinsatztrupps (SETs) gliedert sich die GSG 9 u.a. in das Sachgebiet Waffen- und ABC-Wesen, das für die entsprechende Schutzausrüstung der Polizeibeamten zuständig ist.

Das Wehrwissenschaftliche Institut für Schutztechnologien - ABC-Schutz (WIS) der Bundeswehr untersteht dem Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung. Es befindet sich auf dem Truppenübungsplatz in Munster (Niedersachsen). Zu seinen rund 250 Mitarbeitern gehören zahlreiche Naturwissenschaftler und Diplom-Ingenieure. Das WIS betreibt u. a. die Gefahrstoffmessstelle Nord (GefStoffMStN) und die Zentrale Sammelstelle für radioaktive Abfälle (ZESAM) der Bundeswehr. An der WIS werden ZUB-Mitglieder ausgebildet und sie dient als deren Übungsstätte.

In einer Selbstdarstellung sagt das WIS über sich:

Das WIS ist das einzige größere deutsche Institut, das sich mit dem Schutz vor der Wirkung biologischer, chemischer oder nuklearer Massenvernichtungswaffen beschäftigt. Es verfügt über zahlreiche biologische, chemische und physikalische Laboratorien, Technikumseinrichtungen und Großversuchsanlagen, in denen vom analytischen Nachweis von Kampfstoffen über die Rückhalteeigenschaften von Schutzfiltern, bis hin zum Verhalten kompletter Waffensysteme gegenüber Wirkungskomponenten einer Nuklearwaffe ein weites Spektrum von Untersuchungen durchgeführt werden.

Die Fraunhofer Gesellschaft wurde 1949 gegründet um die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik vorzubereiten. Heute umfasst die Gesellschaft 56 Institute mit 12.500 Mitarbeitern und einem Forschungsvolumen von 1,2 Milliarden Euro. Neben zivilen Unternehmen gehören die Bundeswehr und der Bundesnachrichtendienst zu den Auftraggebern für die Forschungsprojekte.

Zu ihren Forschungseinrichtungen gehört das Institut für Naturwissenschaftlich-Technische Trendanalysen (INT) in Euskirchen. Zur Abteilung für Nukleare- und Elektromagnetische Effekte (NE) mit insgesamt 19 Wissenschaftlern und Ingenieuren gehört u.a. die Arbeitsgruppe Nukleare Detektionsverfahren. Diese berät die ZUB und entwickelt für sie nukleare Nachweisgeräte, da das Angebot an entsprechenden Industrieprodukten nicht ausreichend ist.

Im INT-Jahresbericht 2005 heißt es:

Die Arbeitsgruppe beschäftigt sich derzeit schwerpunktmäßig mit der Bedrohung durch radiologische Waffen, deren Einsatz sowohl im militärischen als auch im terroristischen und kriminellen Umfeld befürchtet wird. Hierzu wurden theoretische und auch experimentelle Arbeiten zur Funktion und zum Zerlegungsverhalten in Zusammenarbeit mit den Fraunhofer-Instituten EMI (Fraunhofer-Institut für Kurzeitdynamik, Ernst-Mach-Institut) und ITEM (Fraunhofer-Institut für Toxikologie und Experimentelle Medizin) sowie mit Herstellerfirmen für radioaktive Quellen durchgeführt. (...) An diesen Messsystemen, die nach dem Stand von Wissenschaft und Technik ständig weiterentwickelt werden, besteht auch außerhalb des Bundeswehr-Bereichs beim Bundesamt für Strahlenschutz, beim Bundeskriminalamt und entsprechenden Landesbehörden starkes Interesse.

Die Bundesanstalt Technisches Hilfswerk (THW) untersteht als staatliche Zivil- und Katastrophenschutzbehörde dem Bundesinnenministerium. Es umfasst rund 80.000 meist ehrenamtliche Helfer, die im Ereignisfall umfangreiche technische Hilfe leisten: Bergen, Räumen, Strom- und Wasserversorgung, Brückenbau etc.

Offiziell gehört das THW nicht zur ZUB. Aber seit dem Jahr 2005 hat das THW damit begonnen in seinen Reihen besondere Einsatzformationen aufzubauen, die verschüttete Personen aus zusammengestürzten Häusern unter ABC-Bedingungen herausholen können – das klassische Szenario für die Folgen einer RDD-Explosion. Der Name dieser Einheiten lautet Spezial-Einheit-Bergung ABC (SEB-ABC). Insgesamt sollen 16 Verbände á 45 Mann aufgebaut werden. Die ersten Trupps existieren in Berlin (Ortsvereine Pankow, Steglitz, Zehlendorf), im Raum Chemnitz (Ortsvereine Annaberg, Apolda, Döbeln, Gera, Pirna, Torgau, Zwickau), im Raum Dortmund (Lünen, Schwerte, Unna), dem Mannheimer Raum (Heidelberg, Neunkirchen und Sinsheim) und in der Region Göttingen (Clausthal, Northeim und Ronnenberg). Zur Ausstattung der SEB-ABC gehören u.a. Chemikalienschutzanzüge Vautex Elite ZS, Dosisleistungsmesser X50ZS, Kontaminationsmonitore Minicont H1370W, Pressluft-Atemgeräte DA58 und schweres Bergungsgerät.

Während schon „herkömmliche“ Anti-Terror-Einheiten mit allerlei Spezialtechnik ausgerüstet sind, gilt dies um so mehr für die ZUB mit ihrem besonders gefährlichen Auftrag zur Bekämpfung von Atomterroristen. Dies betrifft insbesondere die Geräteausstattung zur Detektion und Untersuchung von radiologischen Bomben. Die Gerätschaften müssen leistungsfähig, aber gleichzeitig transportabel sein. Einzelne Apparate müssen über eine Fernsteuerung bedienbar sein. Manche Maschinen werden nur in Kleinserien produziert oder sind Einzelstücke bzw. Prototypen.

Zur Verfügung stehen der umfangreiche Fuhr- und Gerätepark des BfS aus sechs Messfahrzeugen (VW T 4) mit entsprechender Technikausstattung: Szintillations-, Dosisleistungs- und Neutronenmessgeräte.

Das INT besitzt ein Messfahrzeug VW Passat-Variant, das mit einer Gammasonde und hochempfindlichen Neutronendetektoren bestückt, so dass z.B. Plutonium trotzt seiner kurzen Alphastrahlung noch in zehn Meter Entfernung aus dem fahrenden Fahrzeug aufgespürt werden kann. Außerdem hat das INT eine mobile Messkabine mit der Bezeichnung Nachweissystem Nuklear (NaNu) entwickelt. Die Messkabine dient dem „zerstörungsfreien und berührungslosen Nachweis von radioaktiven Stoffen“. Mit ihr können selbst Nuklearquellen, die sich hinter einer Abschirmung befinden oder von Packungsmaterial umgeben sind, aufgespürt werden. Dazu ist sie mit einer Gammasonde und so genannten Neutronen-Slab-Countern ausgestattet. Ein Mess- und Auswertecomputer ist in die Kabine integriert. Der Container ist nicht nur mit einer unabhängigen Stromversorgung, sondern auch mit einer Satellitenanlage INMARSAT B ausgestattet, so daß die Messkabine an jedem Brennpunkt weltweit eingesetzt und u.a. die Auslandskontingente der Bundeswehr verstärken kann. Ihr Transport erfolgt mit Lkw oder Hubschrauber.

Zur INT-Ausstattung gehören ferner Gammascanner RoScan und hochauflösende Germanium-Teleskopdetektoren des Herstellers Canberra, die an einen Fernlenkmanipulator angebracht und ferngesteuert eingesetzt werden können, um unbekannte Strahlungsquellen aufzuspüren und zu identifizieren.

Die Sicherheitsbehörden können bei der Fahndung nach potentiellen Atomterroristen nicht immer offen vorgehen, sondern müssen zeitweise verdeckt operieren. Hier ist von Vorteil, dass die Messfahrzeuge auf zivilen Autotypen basieren. Außerdem werden die radiologischen Mess- und Erfassungsgeräte getarnt eingesetzt. Dazu entwickelte die Firma Thermo Electron Corporation in Erlangen einen Spürrucksack FHT 1377, mit dem Gamma- und Neutronenstrahlung lokalisiert werden können. Messsonde, Batterie und Funkgerät sind unauffällig in einem handelsüblichen Rücksack untergebracht. Als Touristen getarnt können sich die ZUB-Mitarbeiter so auf die Suche nach einem Terroristen begeben.

Die Detektionsgeräte können auch von Bord der Hubschrauber eingesetzt werden, mit denen die Bundespolizei die ZUB-Kräfte an ihren Einsatzort fliegt. So entwickelte das Wehrwissenschaftliche Institut für Schutztechnologien der Bundeswehr in Zusammenarbeit mit der amerikanischen Thermo Electron Corporation ein Mobile Detection System (MDS), das aus einem Scintillator FHT 672 und dem Radiameter FH 40 G besteht. Mit Hilfe dieses Gerätes können die Eurocopter EC-135 Hubschrauber der Bundespolizei im Vorbeiflug in 300 Meter Höhe die Gammastrahlung einer RDD lokalisieren.

Für besonders gefährliche Einsätze verfügt die ZUB über ferngesteuerte Roboter. Um welchen Typ es sich dabei handelt, ist nicht bekannt. Das amerikanische Nuclear Emergency Search Team (NEST) setzt einen Roboter der vom Livermore-Laboratorium entwickelt wurde. Mit diesem ferngesteuerten Automated Tether-Operated Manipulator (ATOM) lässt sich eine fremde Atomwaffe auf sechs Kilometer Entfernung analysieren und entschärfen. Die deutsche Wirtschaft bietet bisher nur den Robowatch OFRO+detect an, der lediglich zur ABC-Aufklärung beim Objektschutz eingesetzt werden kann. Roboter der Basisversion OFRO patrouillierten bereits während der Fußballweltmeisterschaft am Berliner Olympiastadion.

Um sich auf den Eventualfall vorzubereiten, hält die ZUB regelmäßig Übungen ab. In einer Selbstdarstellung des Bundesamtes für Strahlenschutz vom 24. Januar 2005 werden die Übungsaufgaben genauer umschrieben:

Strahlenschutzexperten des BfS führen zusammen mit Bundeskriminalamt, Bundesgrenzschutz; Polizeien, Entschärfern und Strahlenschutzexperten der Länder Übungen durch. Dabei soll die gesamte Kette der erforderlichen Maßnahmen trainiert werden. Dazu gehören u.a.: Abstimmung der geeigneten Suchstrategie, Suche, Detektion, Analyse, Aktivitätsbestimmung, Abschätzung möglicher Auswirkungen infolge von Entschärfungsmaßnahmen, Abschätzung der Ausbreitungsbedingungen, Maßnahmenempfehlungen zum Schutz des eingesetzten Personals und der Bevölkerung sowie Maßnahmen zur Begrenzung der Auswirkungen.

Ungefähr seit dem Jahr 2001 führt die ZUB auf dem Bundeswehrübungsplatz in Munster eine jährliche Großübung durch. Darüber hinaus beteiligten sich Kräfte der ZUB an Länderübungen, die im Vorfeld der Fußballweltmeisterschaft einen Angriff mit einer radiologischen Bombe simulierten.

Am 9. und 10. Juni 2005 inszenierte das hessische Landeskriminalamt einen Anschlag auf ein Volksfest. Laut Polizeiangaben war die Übung mit 300 Einsatzkräften ein voller Erfolg:

Die Attentäter trafen sich in Wiesbaden, um die Bombe zu deponieren und die Einzelheiten der Tatausführung zu besprechen. Die Anfahrt zum Treffpunkt wurde durch Observationskräfte begleitet. Nach der Ablage der Bombe, die laut Szenario auch ferngezündet werden konnte, sperrte die Polizei den Einsatzbereich ab. Das Gelände des Segel-Clubs Mainspitze e.V. war nicht mehr wieder zu erkennen. Die Bereitschaftspolizei hatte das Gelände abgesperrt, nur Berechtigte durften die Durchlasskontrollen passieren. Feuerwehrleute mit Schutzanzügen und Atemschutzgeräten erinnerten an Szenen aus Science Fiction Filmen. Die aufgebaute Dekontaminierungsstrecke wäre im Ernstfall eingesetzt worden, kam aber nicht zum Einsatz, da der Behälter mit dem strahlenden Material nicht beschädigt wurde. Der Roboter wurde ferngesteuert an ein blaues Kunststofffass herangefahren. Die Röntgenaufnahmen bestätigten den Verdacht, dass in dem Fass ein Sprengsatz untergebracht worden war. Im Rahmen einer Messung wurde schwache Radioaktivität festgestellt. Erste Messungen durch die Strahlenschutzfachkräfte vom Landesamt für Umwelt und Geologie (HLUG) bestätigten diesen Verdacht. Das Fraunhofer Institut konnte die Herkunft der Strahlenquelle schließlich noch spezifizieren. Die Entschärfer sorgten dafür, dass es bei einer Explosion nicht zu Personen- oder Sachschäden gekommen wäre. Millimetergenau wurde die Energiequelle mit einem Schuss aus der Wasserkanone von dem Sprengsatz getrennt. Die Spezialeinheiten nahmen die mutmaßlichen Attentäter fest, bevor diese die Möglichkeit hatten, die Bombe zu zünden.

Vom 24. bis 26. Oktober 2005 unterzog die Münchner Polizei ihre Sicherheitsvorbereitungen für die Fußballweltmeisterschaft 2006 einem Praxistest. In einem der Szenarien drohte eine unbekannte Terroristengruppe damit, gegen eine Großveranstaltung eine radiologische Bombe einzusetzen.

Außerdem führen die Fliegerstaffeln der Bundespolizei jährlich ihre Manöver „Strahlenmessen aus der Luft“ mit jeweils vier Helikoptern durch. Neben diesen taktischen Einsatzübungen veranstaltet die ZUB auch einzelne technische Tests, bei denen ihre Sonderausrüstung erprobt werden soll. So führte das BfS mindestens vier Feldversuche durch, um die Einschäumung einer RDD in einem Haus oder einem Pkw zu erproben.

Hinzukommen die Übungen der ABC-Kräfte, die nicht zur ZUB gehören. So veranstalten die Feuerwehren ihre eigenen Übungen. Die Militärs bilden ihre Bombenentschärfer am neuen Zentrum für Kampfmittelbeseitigung der Bundeswehr (ZKpfmBesBw) in Stetten aus. Ob die GSG 9 spezielle Übungen zur Bekämpfung von ABC-Terroristen durchführt ist nicht bekannt.

Zwar haben Terroristen schon mehrfach Atomkraftwerke angegriffen, aber bisher zündeten sie noch nie eine radiologische oder militärische Atomwaffe. Man kann nur vermuten, dass sich die Gefahrenlage in den letzten Jahren verschärft hat. Wie real die Gefahr tatsächlich ist, können nur diejenigen zuverlässig einschätzen, die solche Anschläge planen. Washington, London, Brüssel, Rom und Tel Aviv sind für potentielle Atomterroristen vermutlich „attraktivere“ Ziele als jede deutsche Stadt zwischen Flensburg und Berchtesgaden, aber bei 800.000 nuklearen Gefahrguttransporten jährlich lässt sich Atommaterial in Deutschland sicherlich leichter beschaffen als etwa in Israel. Und manchmal wird die terroristische Operationsplanung lediglich durch Zufälle und Opportunitäten bestimmt.

In der Bundesrepublik haben sich die Politiker lange Zeit in Beschwichtigungspropaganda geübt. So erklärte der Berliner Innensenator Ehrhart Körting am 13. September 2005 gegenüber dem Berliner Abgeordnetenhaus:

Die Bewertung der Berliner Sicherheitsbehörden im Hinblick auf die Anschlagsmöglichkeit und –wahrscheinlichkeit mittels einer „schmutzigen Bombe“, d.h. unter Verwendung konventioneller Sprengmittel mit radioaktiver Beiladung, entspricht der abgestimmten Einschätzung durch die Sicherheitsbehörden des Bundes: Demnach ist die Durchführung von Anschlägen unter Einsatz auch radioaktiver Substanzen zwar möglich, mit Blick auf andere Tatbegehungsweisen (Autobomben, Suizid mit Sprengstoff, Waffen militärischer Herkunft etc.) jedoch als unwahrscheinlich anzusehen.

Nur vier Monate später, am 29. Januar 2006, überraschte Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble die Öffentlichkeit mit einer diametral entgegengesetzten Einschätzung:

Die Bedrohung Deutschlands durch Terroristen bekommt eine neue, nukleare Dimension. Nach Erkenntnissen der Geheimdienste bemühen sich islamistische Terroristen um den Erwerb von Nuklearmaterial zum Bau sogenannter schmutziger Bomben. (...) Tatsächlich lässt die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen oder schmutzigem Material die Gefahr wachsen, dass wir mit solchen Bedrohungen durch den internationalen Terrorismus rechnen müssen. Die Frage ist wohl nicht mehr, ob es einen Anschlag mit einer schmutzigen Bombe geben wird, sondern die Frage ist, wann und wo es ihn geben wird. Wir müssen diese Bedrohungen sehr ernst nehmen. (...) Daß in Kreisen terroristischer Aggressoren - das weiß man aus vielem, was man im Internet und sonstwo abfangen kann - solche mehr oder weniger perversen Überlegungen angestellt werden, ist leider nicht von der Hand zu weisen.

Atomterroristen könnten versuchen, aus einem staatlichen Militärarsenal eine Atomwaffe zu stehlen. Sie hätten dann eine nachweislich funktionsfähige Bombe. Allerdings werden solche Bomben scharf bewacht, und um sie scharf zu machen, müßte man erst den zehnstelligen, elektronischen Sicherheitscode ausschalten.

Auch die Bundesrepublik könnte zum Schauplatz eines solchen Angriffs werden. Die deutsche Bundesregierung hat bisher darauf verzichtet, eigene Atombomben zu konstruieren, obwohl sie genug Waffenplutonium eingelagert, um hunderte Bomben produzieren zu können. Aber die US-Luftwaffe hat - nach wie vor – Atomwaffen vom Typ B-61 in der Bundesrepublik (Büchel und Ramstein) stationiert. Früher lagerten auch die britischen und sowjetischen Streitkräfte Kernwaffen in West- bzw. Ostdeutschland.

Tatsächlich hat es mindestens einen Fall des illegalen Handels mit einem Atomsprengkopf in der BRD gegeben. Im Jahre 1991 verhandelte William Arkin, ein ehemaliger Agent des militärischen Nachrichtendienstes der USA in Westberlin, mit einem Oberleutnant der 36. Raketenbrigade der Sowjetischen Westgruppe der Streitkräfte in Alten-Grabow bei Magdeburg über den Verkauf eines Raketengefechtskopfs. Der Atomsprengkopf einer SS-1C Scud oder einer SS-21 Scarab sollte rund 250.000 Dollar kosten. Der Oberleutnant, der sowohl über die Schlüssel zum Atomwaffenlager mit vermutlich acht Raketen wie auch über die Alarmcodes verfügte, war der Chef der zwölfköpfigen Bewachungstruppe. Der geplante Handel war für den 7. September 1991 vorgesehen. Aber der „Deal“ platzte vorzeitig, weil der Offizier nach dem sowjetischen Putschversuch im August 1991 nach Moskau zurückbeordert wurde.

Wenn die Beschaffung einer kompletten Atomwaffe zu schwierig ist, könnten potentielle Atomterroristen alternativ versuchen, wenigsten atomwaffenfähiges Nuklearmaterial zu erwerben, um eine Do-it-yourself-Atombombe zu bauen. Das Funktionsprinzip von Atomwaffen besteht darin, daß mindestens zwei nicht zu kleine, aber ausreichend reine Massen Spaltmaterials (Plutonium 239 oder Uran 235) sehr schnell und für einen möglichst „langen“ Sekundenbruchteil ineinander geschossen werden, so dass eine überkritische Masse entsteht, die eine sich selbst erhaltende Kettenreaktion auslöst. Ziel ist es eine möglichst große Sprengwirkung zu erzielen. Da dies auf chemischem Wege nur begrenzt möglich ist, haben die Atomwaffenkonstrukteure den Umweg über die Nuklearphysik gewählt. Dass das verwendete Spaltmaterial radioaktive Strahlung freisetzt, ist „eigentlich“ nebensächlich, die wenigsten Atombombenopfer sterben an der Radioaktivität.

Atombombenkonstrukteure haben versucht einzuschätzen, was für einen Bombentyp eine Terroristengruppe möglicherweise bauen könnten, wenn sie alle Hindernisse überwinden würde: Plutonium ist zwar nur ein schwacher Alpha-Strahler, aber hochtoxisch; Uran ist zwar ungiftig, aber ein Emitter von durchdringenden Gamma-Strahlen. Plutonium ist zwar leichter zu beschaffen als Uran, aber die Bombenkonstruktion einer Plutonium-Implosionsbombe wäre viel schwieriger, als der Bau einer Uran-Kanonenrohrbombe. Für eine Atomwaffe müßte ein Terrorist wahrscheinlich 8 Kilogramm Plutonium 239, das zu mindestens 94 Prozent angereichert ist, in einen Mantel aus 362 Kilogramm konventionellen Sprengstoff einbauen, oder er verwendet stattdessen 25 Kilogramm Uran 235. Eine solche „Kitchen-Bomb“ hätte eine Sprengkraft von 1360 Tonnen und ein Eigengewicht von mehreren Tonnen, so dass die Bombe nur mit einem Lastwagen transportiert werden könnte.

Auch in der Bundesrepublik wurde mit waffenfähigen Atommaterial schon gehandelt: Am 10. Mai 1994 konnte erstmals hochangereichertes Plutonium durch einen Zufallsfund sichergestellt werden. Es handelte sich um 6,1 Gramm Plutonium 239, das zu 99,7 Prozent angereichert war. Die Polizei fand das Material in der Autogarage des ehemaligen Kfz-Meisters Adolf Jäckle in Tengen-Wiechs, nachdem dieser am gleichen Tag auf dem Stuttgarter Flughafen wegen Handels mit Falschgeld festgenommen worden war. Nach Angaben des Europäischen Instituts für Transurane in Karlsruhe soll das Material aus dem Kurtschatow-Institut in Moskau stammen. Am 8. August 1994 folgte ein weiterer Fund. In Landshut beschlagnahmte die Polizei 0,8 Gramm Uran 235, das zu 87,5 Prozent angereichert war, und 600 Gramm schwachradioaktiven Uran. Ein dritter Fall war die berüchtigte Operation HADES des Bundesnachrichtendienstes. Der BND hatte drei Spanier angeworben, die am 10. August 1994 363 Gramm Plutonium, das zu 87 Prozent angereichert war, aus Russland nach München-Riem einflogen.

Zu den Kaufinteressenten des waffenfähigen Atommaterials zählten wiederholt auch terroristische Kreise. Am 28. September 1998 nahm die bayerische Polizei den irakischen Elektroingenieur Mamdouh Mahmud Salim in München fest. Salim, der zur Al Qaida gehört, hatte seit 1993 versucht in der BRD Nuklearmaterial zu beschaffen. In einem weiteren Fall Ende 2004 verhaftete die Polizei in Mainz Ibrahim Mohammed Khalil. In einer Presseerklärung des Generalbundesanwalts vom 6. Dezember 2005 hieß es:

Im November/Dezember 2004 ließ er Bestrebungen erkennen, nukleares Material beschaffen oder vermitteln zu wollen. Über einen Mittelsmann knüpfte er Kontakte zu einer in Luxemburg ansässigen islamistischen Gruppierung. Nach dem Ergebnis der Ermittlungen blieben diese Bemühungen indes ohne Erfolg.

Außerdem haben irgendwelche „Eierköpfe“ in der Bundesrepublik wiederholt Erpressungsversuche mittels angeblich vorhandener Atomwaffen gestartet. Anfang Januar 1993 forderte ein Krimineller 20 Mio. DM, andernfalls würde er in Hamburg, Frankfurt, Stuttgart oder München einen Nuklearsprengsatz zünden. Im November 1993 fanden die Beamten des bayerischen Landeskriminalamtes in ihrem Briefkasten zwei Computerdisketten. Darin forderte ein Unbekannter von der Staatlichen Lotterieverwaltung München eine Manipulation der Lottozahlen, sonst drohte er mit Atomschlägen gegen Berlin, Frankfurt, Hamburg und München. Ebenfalls im November 1993 tauchte das Drohschreiben einer „Bosniakischen Empörung Front“ auf, deren politischen Vorstellungen zugunsten Bosniens erfüllt werden sollten, andernfalls würden sie in vier europäischen Hauptstädten Kernsprengkörper detonieren. Im November 2004 soll Ibrahim Mohammed Khalil im privaten Kreis die baldige Explosion einer „schmutzigen Bombe“ angekündigt haben.

Wenn die Beschaffung einer kompletten Atomwaffe oder von waffenfähigem Nuklearmaterial zu schwierig ist, könnten potentielle Atomterroristen alternativ versuchen, wenigstens irgendein Atommaterial zu beschaffen, um eine radiologische Bombe (Radiological Dispersion Device – RDD) zu bauen. Bei einer solchen Atomwaffe wird die radioaktive Wolke eines Radionukleid mit möglichst starker Strahlungsintensität und längerer Halbwertzeit durch eine konventionelle Sprengladung oder eine explodierende Gasflasche, in der Luft verbreitet. Zur Herstellung einer solchen Bombe eignet sich bereits Atommüll, z. B. die abgebrannten Brennstäbe aus Atomreaktoren, die keinen industriellen Nutzen mehr haben. Verschiedene radioaktive Isotope können verwendet werden: Americium 241, Barium 133, Cäsium 137, Californium 252, Iridium 192, Kobalt 60, (schwachkonzentriertes) Plutonium 239, Silber 110 oder Strontium 90 etc. Im Gegensatz zu den militärischen Atomwaffen wird hier keine nukleare Kettenreaktion ausgelöst, die eine große Sprengwirkung erzeugen würde. Bei radiologischen Atomwaffen dient der Sprengstoff lediglich dazu, das schädliche Strahlungsmaterial über die Luft zu verbreiten. Zwar ist die Zerstörungswirkung einer solchen RDD im Vergleich zu den militärischen Kernspaltungswaffen nur minimal, aber das Verbreitungsgebiet kann über Jahrzehnte kontaminiert werden. Daher hat sich für radiologische Waffen auch die Bezeichnung „schmutzige Bomben“ (engl. dirty bombs) eingebürgert. Da ihr militärischer Einsatzwert begrenzt ist, haben radiologische Bomben bisher keinen Eingang in staatliche Militärarsenale gefunden, aber für Terroristen können sie durchaus eine interessante Option sein, zumal ihr Bau relativ einfach ist. Voraussetzung ist die Beschaffung von Nuklearmaterial.

In der Bundesrepublik hat es in den neunziger Jahren zahlreiche Fälle von Atomschmuggel gegeben. So waren beim BKA zeitweise mehr als 250 Ermittlungsverfahren wegen unerlaubtem Umgang mit Kernbrennstoffen (§ 328 StGB) anhängig. Allerdings konnte das BKA auf Anfrage nicht mitteilen, wie viele Fälle gegenwärtig bearbeitet werden, und wer innerhalb der Behörde dafür zuständig ist. Um auf solche Vorfälle vorbereitet zu sein, stellte die Bundesregierung bereits in ihrem Umweltbericht vom 20. Mai 1998 fest:

Angesichts der dramatischen Zunahme von Fällen des illegalen Handels mit radioaktiven Stoffen in Deutschland und des damit verbundenen Gefährdungspotentials für die Bevölkerung in den Jahren 1992 bis 1995 wurden die bereits 1992 eingeleiteten Initiativen des Bundesumweltministeriums zur Verhinderung und Bewältigung dieser Bedrohung ausgebaut. Die Zusammenarbeit zwischen den nationalen Strahlenschutzbehörden und den Strafverfolgungsbehörden auf Bundes- und Länderebene wurden intensiviert und über besondere organisatorische Regelungen, eine Erweiterung der verfügbaren technischen Hilfsmittel, Aus- und Fortbildungsveranstaltungen und Übungen wesentlich verbessert; auch Zolldienststellen und Entschärfer wurden in die Arbeit einbezogen. Der Entwurf eines Gesamtkonzepts für die nuklearspezifische Gefahrenabwehr durch Bund und Ländern bei besonders schwerwiegenden Fällen konnte unter Federführung des Bundesumweltministeriums erarbeitet werden, ergänzt durch eine fachliche Unterstützungskompetenz beim Bundesamt für Strahlenschutz für die zuständigen Gefahrenabwehrbehörden der Länder.

Auch mit dem Einsatz einer RDD wurde in der Bundesrepublik schon gedroht: Im Herbst 1994 teilte ein anonymer Anrufer mit, wenn sich Bundeswehrsoldaten an einem Militäreinsatz in Ex-Jugoslawien beteiligen würden, planten serbische Terroristen einen Anschlag auf die bayerische Landeshauptstadt München mittels einer Artilleriegranate, die mit radioaktiven Material aus einem slowenischen Atomkraftwerk gefüllt wäre. Ebenfalls 1994 forderte eine „Deutsche Volksbefreiungsarmee“ die Räumung der „seit 1918 besetzten deutschen Gebiete“; andernfalls werde man die polnische Hauptstadt mit einem Kilogramm Plutonium verstrahlen.

Statt eine eigene Bombe zu bauen könnten Terroristen einen Nukleartransport mit einer Panzerfaust in die Luft sprengen oder ein Atomkraftwerk oder ein Atomwaffenlager angreifen. In der Bundesrepublik sind von den insgesamt 36 Kernkraftwerken zur kommerziellen Stromerzeugung noch 18 Reaktoren in Betrieb, von den vormals 46 Forschungsreaktoren sind derzeit 14 im Einsatz.

In diesem Zusammenhang sei daran erinnert, dass die Hamburger Terrorzelle um Mohammed Atta in ihrer ursprünglichen Anschlagsplanung für den 11. September die Zerstörung eines Atomkraftwerkes bei New York vorgesehen haben soll. Atta verzichtete schließlich auf einen solchen Angriff, weil er befürchtete, die Situation könne „außer Kontrolle“ geraten. Am 23. September 2001 wurden mehrere Araber dabei beobachtet, wie sie heimlich Filmaufnahmen vom AKW Obrigheim machten, drei Tage später fotografierten zwei Araber den Luftstützpunkt Ramstein, auf dem sich ein US-Atomwaffendepot befindet.

Bei einem Anschlag auf ein Atomkraftwerk wäre die Unterstützung durch so genannte „Innentäter“ günstig, da sie über die innerbetrieblichen Abläufe und Sicherheitsmaßnahmen am besten Bescheid wissen. Nach dem vermeintlichen „Fall Traube“ im Jahre 1975, gab es in den neunziger Jahren weitere Vorkommnisse. Im Europäischen Institut für Transurane (ITU) des Kernforschungszentrums Karlsruhe drohte ein pakistanischer Nuklearwissenschaftler, der nach Erkenntnissen des Bundesamtes für Verfassungsschutz über Kontakte zu moslemischen Extremisten unterhielt, nach dem Terroranschlag vom 11. September mit weiteren Anschlägen. Dies sei „erst der Anfang“ erklärte der Pakistani. Im AKW Grundremmigen arbeitete zeitweise ein Araber, der ein Neffe von Ziad Jarrah war, einem der vier Todespiloten vom 11. September.

Mehrere der in der Bundesrepublik festgenommenen oder zeitweise tätigen mutmaßlichen Mitglieder von Al Qaida hatten in den afghanischen Trainingslagern eine ABC-Ausbildung erhalten oder waren an deren ABC-Waffenprogramm „Al Zabadi“ beteiligt. Außer den bekannten Attentätern vom 11. September waren dies Shadi Mohammed Mustafa Abdalla, Aeurobui Benadali, Mohammed „Meliani“ Bensakhiria, Salim Boukhari, Hassan Enany, Hicham E., Samir Karimou, Ibrahim Mohammed Khalil, Ben Heni Lased, Lamine Maroni, Lokman Amin Mohammed, Fouhad Sabour und Mamdouh Mahmud Salim. Auffällig ist das Verhalten der deutschen Justiz. Sie warf den genannten Dschihadisten Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, Verstoß gegen das Waffengesetz, Verstoß gegen das Sprengstoffgesetz, Geldwäsche etc. vor, aber nur in Ausnahmefällen kamen in den Prozessen deren Aktivitäten im Zusammenhang mit ABC-Waffen zur Sprache.

Wenn eine Gefahr für die Umwelt besteht, müsste die ZUB gegen Atomschmuggler vorgehen. Diese haben ihr Nuklearmaterial manchmal nur unzureichend verpackt oder wissen manchmal nicht einmal, dass Atommaterial radioaktiv ist. Ein Einsatz der ZUB kommt aber insbesondere dann in Frage, wenn Nuklearkriminelle Supermärkte oder Sparkassen erpressen oder potentielle Atomterroristen eine deutsche Großstadt bedrohen. Da diese Art von Bedrohung relativ neu ist, entwickelt die ZUB gerade erst ihre Einsatztaktiken. Dazu erarbeitet sie ein „Handbuch Nuklearspezifische Gefahrenabwehr“.

Aber Polizeidienst und Katastrophenschutz fallen zunächst einmal in die Zuständigkeit der Bundesländer. Die müssen im Ereignisfall ihre Krisenstäbe aktivieren und lagegemäß eine „besondere Aufbauorganisation“ (BAO) ihrer Polizei einrichten. Allerdings verfügt ein einzelnes Bundesland kaum über die Kapazitäten zur Bekämpfung von Nuklearkriminellen. Die Bundesländer überlassen die ABC-Abwehr einfach den Landesbehörden, die sich normalerweise mit Umwelt- oder Arbeitsschutz beschäftigen. Dies führt im deutschen Behördendschungel manchmal zu obskuren Zuständigkeiten. So war in Nordrhein-Westfalen das ehemalige Landesministerium für Arbeit und Soziales und in Niedersachsen das Gewerbeaufsichtsamt für die Bekämpfung von Atomterroristen zuständig. Immerhin haben die meisten Bundesländer Verwaltungsvorschriften oder Runderlasse für solche Bedrohungslagen erlassen. Darin ist u.a. festgelegt, daß die Öffentlichkeit über einen aktuellen Bedrohungsfall nur dann informiert werden soll, wenn sich dies nicht unbedingt vermeiden lässt. Unter diesen Umständen kann sich die Zivilbevölkerung kaum selbst schützen.

So heißt es in den „Maßnahmen zur Abwehr von Störungen durch den unbeabsichtigten und missbräuchlichen Umgang mit radioaktiven Stoffen und ionisierender Strahlen in Nordrhein-Westfalen“ vom 15. April 2002:

Ein gravierender nuklearer Nachsorgefall liegt vor, wenn das Leben, die körperliche Unversehrtheit zahlreicher Menschen oder bedeutsame Sachwerte durch radioaktive Stoffe oder ionisierende Strahlen in erheblichem Maße gefährdet werden könnten und die Gefahr mit Kräften sowie Führungs- und Einsatzmitteln des täglichen Dienstes nicht bewältigt werden kann, sondern besondere Maßnahmen für das koordinierende Zusammenwirken von Behörden des Landes und des Bundes (Polizeibehörden, Fachbehörden) erfordert. Hierzu zählen insbesondere Erpressungs- und Bedrohungslagen mit radioaktiven Stoffen, mit Einrichtungen zur Dispersion radioaktiver Stoffe oder mit Nuklearsprengsätzen bzw. unbekannten Spreng- und Brandvorrichtungen (USBV) mit radioaktiver Beladung. (...) Als oberste Landesbehörde ist das Ministerium für Arbeit und Soziales, Qualifikation und Technologie (MASQT) zuständig für Angelegenheiten der Abwicklung nuklearer Nachsorge. (...)

Die Ordnungsbehörde oder die Polizei veranlassen die erforderlichen Maßnahmen zur Gefahrenabwehr, z.B. die Rettung gefährdeter Personen, Absperrung, Räumung und Verhinderung einer weiteren Gefahrenausweitung. Die Leitstelle der Feuerwehr veranlaßt die sofortige Entsendung eines Messtrupps, damit die Maßnahmen zur Abwehr allgemeiner Gefahren, z.B. Absperrmaßnahmen, konkretisiert werden können. Die Einsatzkräfte sind unverzüglich und umfassend über die möglichen Gefahren zu informieren. Stellt der Messtrupp der Feuerwehr an dem verdächtigen Material eine erhöhte Ortsdosisleistung fest oder ist sich der Messtrupp seiner Feststellung nicht sicher, informiert die Leitstelle Feuerwehr die Landesanstalt für Arbeitsschutz (LafA) und fordert deren Messeinsatz an. Die LafA leistet im Rahmen ihrer Möglichkeiten zur Detektierung und Bestimmung radioaktiver Stoffe und ionisierender Strahlen Amtshilfe. Tätigkeiten wie dekontaminieren verunreinigter Flächen oder Geräte, aufräumen, separieren und verpacken sichergestellter oder beschlagnahmter radioaktiver Stoffe oder befördern und beseitigen radioaktiver Stoffe führt die LafA in der Regel nicht aus. Sind solche Dienstleistungen nötig, müssen geeignete Facheinrichtungen beauftragt werden. Die Leitstelle Feuerwehr informiert die zuständige Polizeibehörde, wenn Gründe für die Annahme vorliegen, dass Maßnahmen zur Abwehr von Gefahren durch unkonventionelle Spreng- und Brandvorrichtungen (USBV) mit radioaktiver Beiladung zu treffen sind. Die Leitstelle der zuständigen Polizeibehörde fordert den Entschärfer für unkonventionelle Spreng- und Brandvorrichtungen (Entschärfer USBV) über die jeweilige Bezirksregierung beim Landeskriminalamt NRW nach Prüfung des Sachverhalts an. (...) Die Ordnungsbehörde entscheidet unter Berücksichtigung der Empfehlungen der hinzugezogenen Stelle (...) über die Information der Öffentlichkeit.

Aber im Zusammenhang mit der Ermordung des früheren russischen Geheimagenten Alexander Walterowitsch Litwinenko reichte schon ein Gramm Polonium 210 aus, um die ABC-Abwehrmöglichkeiten von Hamburg zu überfordern. Dabei hat die Freiwillige Feuerwehr ihre ABC-Kräfte auf immerhin 26 Wachen im ganzen Stadtgebiet verteilt.

Reichen die eigenen Möglichkeiten nicht aus, wendet sich eine Landesregierung an den Bund mit der Bitte um Unterstützung. Dann tritt der „Gemeinsame Krisenstab“ von Bundesinnenministerium (BIM) und Bundesumweltministerium (BMU) zusammen, und deren Leiter ordnet den Einsatz der ZUB an. Gemäß der neuen Katastrophenschutzstrategie vom Juni 2002 gilt eine solche Unterstützungsleistung als „Sonderschutz mit Hilfe von Spezialkräften für von Bund und Ländern gemeinsam definierte besondere Gefahren (Stufe IV)“. Politisch brisant kann es werden, wenn die Bundesregierung nicht erst auf die Bitte eines Bundeslandes wartet, sondern von sich aus die Führungsrolle übernimmt. Im Fall Litwinenko durchsuchte die ZUB eine Wohnung in Berlin, ohne das der Senat oder die Polizei der Bundeshauptstadt vorher gefragt worden wären.

Zuträger für den interministeriellen Krisenstab BMI/BMU sind die Lagezentren der beiden beteiligten Bundesministerien: Im zehnten Stock des Bundesinnenministeriums in Berlin befindet sich dessen Lagezentrum. Dieses gliedert sich u.a. in einen Führungsstab, die Nachrichtensammel- und Informationsstelle (NASISTE) und die Zentrale Nachrichtenvermittlung (ZNV) als Auswertestelle. Beim Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit in Bonn wurde der Stab für Reaktorsicherheit (RS-Stab) aus Anlass der Fußballweltmeisterschaft 2006 umgestaltet, um auf einen eventuellen Angriff mit einer radiologischen Bombe besser vorbereitet zu sein. An der Spitze steht ein Führungsstab (Stab F). Dieser wird von der Zentralabteilung – Grundsatzangelegenheiten (Abteilung ZG) unter Leitung von Ministerialdirigent Dr. Rainer Sontowski, den beiden Fachstäbe Strahlenschutz (Stab S) und Dokumentation (Stab D) und der Strahlenschutzkommission (SSK) unterstützt. Ein Interdisziplinäres Bewertungsteam aus Verbindungsbeamten des Bundesnachrichtendienstes (BND), des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV), des Bundeskriminalamtes (BKA), der Bundespolizei (BPOL), der Kommission Sicherung und Schutz kerntechnischer Einrichtungen (KoSiKern) und der Zentralen Unterstützungsgruppe des Bundes (ZUB) soll den zwischenbehördlichen Informationsaustausch sicherstellen. Seine nachrichtendienstliche Zusammensetzung deutet darauf hin, dass dieses Gremium u.a. für die Identifikation der Täter zuständig ist.

Liegt ein Erpressungsschreiben potentieller Atomterroristen vor, wird dieses minutiös analysiert. Die Sprachexperten des BKA werden versuchen, an Hand der Diktion Erkenntnisse über die Persönlichkeit und Herkunft des oder der Täter zu gewinnen, währenddessen untersuchen die Nuklearexperten des BfS, ob die Tätergruppe über Expertenwissen über Atomwaffen verfügt oder nicht. Hiervon hängt es entscheidend ab, ob die Nukleardrohung als „ernst“ eingestuft wird oder nicht. In diesem Zusammenhang muß geklärt werden, ob die Tätergruppe mit der Zündung einer INS oder einer RDD droht. Aber in manchen Fällen wird man dies allein auf Grund des Erpressungsschreibens nicht unterscheiden können.

Lässt sich der mögliche Aufenthaltsort der Tätergruppe ungefähr bestimmen, wird man auf zweierlei Weise versuchen, diese genauer zu lokalisieren. Während die Mobilen Einsatzkommandos von BKA und LKA ihre Personenfahndung einleiten, forschen die Strahlenschutzexperten des BfS mit ihren Spezialgeräten nach dem Lagerungsort der Bombe. Ist die Suche erfolgreich, erfolgt der polizeiliche Zugriff auf die Täter und ihren Sprengsatz. Die Bekämpfung von Atomterroristen unterscheidet sich prinzipiell nicht von der Bekämpfung jedweder anderer Terroristen, allerdings gibt es einen gravierenden Unterschied: Selbst wenn das erreicht wi9rd, alle Mitglieder des Terrorkommandos gefangen zu nehmen, ist die Aktion dennoch ein völliger Fehlschlag, wenn es einem unbekannten Drahtzieher im Hintergrund zuletzt doch noch gelingen sollte, die Bombe fernzuzünden.

Ist die Bombe zugänglich, werden die zuständigen Entschärfer des LKA versuchen, den Sprengsatz zu delaborieren: Die militärischen Atomwaffen bestehen heute fast immer aus dem Alpha-Strahler Plutonium, so dass solche Nuklearsprengkörper bei ihrer Lagerung fast keine radioaktive Strahlung emittieren. Hingegen würden Atomterroristen für ihre radiologischen Bomben Nuklearmaterial mit der weitreichenden Gammastrahlung verwenden. Daher werden die Feuerwerker nur über ferngesteuerte Roboter an der Bombe arbeiten können. Es ist nicht einfach mit einer echten Atombombe zu hantieren; aber es ist noch viel schwieriger an einer Nuklearwaffe zu arbeiten, deren Aufbau und Funktionsweise man nicht im Detail kennt. Also wird die Bombe erst einmal gefilmt, geröntgt und radiologisch vermessen. Danach muss die Bombe mit einer dicken Schicht Spezialschaum Sandia AFC-380 besprüht werden, denn sollte die Bombe tatsächlich explodieren, soll der Schaum einen Großteil der radioaktiven Partikel binden. Sind alle Vorbereitungen abgeschlossen versucht der Entschärfer den Zünder der Atomwaffe durch einen gezielten Schuss aus einer Wasserkanone zu entschärfen.. Glückt die Operation wird der Sprengkörper an einen abschirmten, wenig bevölkerten Ort gebracht, z. B. zur WIS in die Lüneburger Heide.

Aber wenn es vorher überhaupt keine Warnung und Chance zur Entschärfung gab? Durch einen Explosionsknall aufgeschreckt wird zunächst jeder an einen herkömmlichen Terroranschlag denken: Während ein Auto zerfetzt am Straßenrand steht und zerrissene Menschenleiber auf der Straße liegen, steigt eine dunkle Rauchwolke über dem Ort des Geschehens auf. Die andere Wolke aus radioaktiven Partikeln, die sich langsam in Windrichtung ausbreitet, kann man nicht sehen. Irgendwann, wenn die ersten Fälle akuter Strahlenkrankheit auftreten, wird jemandem auffallen, daß es nicht nur die sichtbaren Gefahren gibt. Nach Alarmierung rücken die Strahlenmesstrupps über das ganze Stadtgebiet aus, um die radioaktive Wolke zu identifizieren und ihre Ausdehnung zu bestimmen.

Es ist zwar einfach, eine radiologische Bombe zu konstruieren, aber es ist überaus schwierig, die Folgen ihrer Explosion zu bestimmen. Die ursprünglich von den Militär verwendeten Rechnungsmodelle bezogen sich auf militärische Kernwaffen und waren daher zur Folgenabschätzung für eine RDD-Explosion ungeeignet. Heute verwendet die Bundeswehr das von der WIS entwickelte NBC Evaluation & Warning System (NEWS), mit dem sich die Ausbreitung jedweder atomaren, biologischen oder chemischen Kampfstoffwolke berechnen lässt. Speziell für die Erfassung der Kontaminationswolke einer RDD entwickelten die deutschen Sicherheitsbehörden in den letzten Jahren das Modell Lagrange Simulation der Ausbreitung und Inhalation von Radionukliden (LASAIR). Dennoch meint Prof. Dr. Dr. Herwig Paretzke, Institutsleiter bei der Gesellschaft für Strahlenforschung (GSF) im bayerischen Neuheuberg, dass es in der gesamten Bundesrepublik noch nicht einmal zehn Experten gäbe, die die Ausdehnung einer solchen Wolke berechnen könnten.

Das BKA geht davon aus, dass bei der Explosion einer RDD aus 5 kg TNT mit 20 g Cäsium-137 zehn Personen getötet und 50 verletzt werden würden. Außerdem wäre eine Fläche von 6,1 qkm verstrahlt, die erst nach fünf Jahren wieder nutzbar wäre. Den dadurch entstandenen Schaden bezifferte man auf 40 Milliarden Euro. Dazu müsste man noch die Personen addieren, die in den Folgejahren an Krebs versterben. Dies können in Abhängigkeit von der Menge und Art des verwendeten Radioisotops über 100 Personen sein. Der Unterschied zwischen einer konventionellen Autobombe und einer Autobombe, die zur radiologischen Bombe umfunktioniert wurde, besteht also nicht in der Zahl der zu erwartenden Todesopfer. Vielmehr ist eine RDD für eine Terroristengruppe „interessant“, weil mit ihr ein bestimmtes Gebiet dauerhaft verstrahlt werden kann bzw. der ökonomische Schaden enorm hoch wäre. Daher werden radiologische Bomben auch nicht als Massenvernichtungswaffe (weapon of mass destruction) eingestuft, sondern als Massenvertreibungswaffe (weapon of mass dissemination). Als typische Ziele für eine RDD kommen die Regierungsviertel in den Hauptstädten, großflächige Militärobjekte, Wirtschafts- und Bankenzentren oder Symbolziele in Frage.

Seit Herstellung ihrer Einsatzbereitschaft musste die ZUB viermal Bereitschaftsdienst ableisten. Ihren ersten Dienst versah sie während des Fußball-Confederations-Cup im Juni 2005 in der Bundesrepublik. Anschließend folgte der Besuch von Papst Benedikt XVI alias Joseph Ratzinger beim Weltjugendtag im August 2005 in Köln.

Während der Fußballweltmeisterschaft im Juni/Juli 2006 stand die gesamte Sondereinheit 24 Stunden täglich in Rufbereitschaft. Ihr Gerät war teilweise auf Hubschrauber verladen, die wochenlang startbereit auf den Luftstützpunkten der Bundespolizei bereitstanden. Das Streitkräfteunterstützungskommando der Bundeswehr in Köln-Wahn unterstützte die zivilen Sicherheitsorgane. So stationierte die ABC-Abwehrtruppe an jedem der 12 Spielorte 2 Spürpanzer Fuchs. Hinzu kam jeweils ein Pionierzug mit 30 Soldaten. In Putlos, Munster, Klietz, Baumholder und Stetten war jeweils ein Kampfmittelbeseitigungstrupp (KpfmBesTrp) in Alarmbereitschaft. Die Heeresfliegertruppe hielt Transporthubschrauber UH-1D und CH-53 in Fassberg, Bückeburg, Rheine, Holzdorf, Niederstetten und Laupheim bereit. Zuletzt war die ZUB im September 2006 beim Papstbesuch in Bayern in Alarmbereitschaft.

Ihren ersten echten Einsatz leistete die ZUB im Zusammenhang mit der Mordaffäre um den früheren Geheimagenten Alexander Litwinenko ab. In Berlin, Hamburg und Haselau fahndeten die Strahlenschutzexperten des BfS in Tyvek-Schutzanzügen und mit FFP-2-Maske versehen nach Spuren des radioaktiven Isotops Polonium 210 (Operation Litwinenko). Dabei zeigte die Affäre, dass die Strahlenüberwachung in Deutschland lückenhaft war. Während sich Litwinenkos Kontaktmann Dimitrij Kowtun bekanntlich Ende Oktober oder Anfang November in der BRD aufgehalten hatte, begannen die deutschen Sicherheitsbehörden erst am 9. Dezember damit, radiologische Nachforschungen anzustellen. Durch den ersten öffentlichen Einsatz der ZUB wurden allerdings keine neuen Informationen über diese brisante Sondereinheit bekannt. Obwohl Hamburg als Medienmetropole gilt, begnügte sich die Presseberichterstattung ausschließlich mit der Paraphrasierung des eingangs zitierten 2. Periodischen Sicherheitsberichts des Bundesinnenministeriums.

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