Die Zitiercommunity

Eine utopische Kurzgeschichte zum Urheberrecht

Heute können wir uns nicht mehr vorstellen, dass es einmal eine Zeit gab, in der es möglich war, mehrere Sätze aus einem Werk zu zitieren, ohne gleich mit Schadenersatzforderungen konfrontiert zu werden. Es scheint mir daher als meine Pflicht, die junge Generation, die diese Zeit nicht erlebt hat, daran zu erinnern, wie es zu dieser fatalen Situation kommen konnte.

Im Jahr 2019 wurde in einer Kurzgeschichte die perfide Idee veröffentlicht, wie man das Urheberrecht eines Romans durch eine Kette von damals noch legalen Zitaten unterlaufen könnte. Auf einer Social-Media Plattform fanden sich auch bald Leser dieser Geschichte, die diese Idee begeistert aufgriffen. Bei der Neuerscheinung des Romans Das letzte Wort von Anne Nomis zitierte jeder der Leser zehn Sätze des Romans folgendermaßen:

In dem Roman Das letzte Wort von Anne Nomis gefallen mir folgende Sätze: …

Es folgten dann die zehn Sätze. Dabei zitierte einer die ersten zehn Sätze des Romans. Ein anderer zitierte den letzten Satz dieses Abschnittes und die nächsten neun Sätze. Der nächste fuhr auf die gleiche Weise fort, so dass sich die Zitate jeweils um einen Satz mit dem Vorgänger überlappten. Da sich einige hundert Personen fanden, die den Roman auf diese Weise zitierten, landete so der gesamte Roman als eine Menge von Zitaten im Internet. Da sich die Zitate jeweils mit dem ersten und letzten Satz überschnitten, konnte mittels einer einfachen App die korrekte Reihenfolge der Zitate ermittelt und der ganze Roman zusammengesetzt werden. Dies geschah aber nicht etwa in der Art, dass eine vollständige Kopie des Romans auf dem Computer des Lesers gespeichert wurde, denn dies hätte unzweifelhaft eine Urheberrechtsverletzung bedeutet. Nein, die App holte immer gerade soviel der Zitate aus dem Netz, wie der Leser auf seinem Bildschirm sehen konnte.

Dieses Vorgehen war so erfolgreich, dass die Auflage des ersten so zitierten Romans weit hinter den Erwartungen zurück blieb. Der Verlag wurde aufmerksam und blieb nicht untätig. Um die App irrezuführen, veröffentlichte er fehlerhafte Zitate, die sich zwar mit den Originalzitaten überlappten, aber dann auf falsche Zitate und unsinnige Inhalte führten. Auch gab es Ketten von Sätzen, die den Leser im Kreis herum führten.

Allerdings wurde zufälligerweise in dieser Zeit ein Gesetz verschärft, das verbot, falsche Nachrichten (sogenannte Fake-News) in Umlauf zu bringen. Da auch diese falschen Zitate als falsche Nachrichten galten und der Verlag dafür hohe Strafen zahlen musste, wurde diese Praxis wieder aufgegeben.

Der Verlag versuchte nun, die Teilnehmer an der Zitatkette zu einer kriminellen Vereinigung erklären zu lassen, um diese zu verbieten und die einzelnen Mitglieder auf Schadenersatz zu verklagen. Er stellte dazu eine handvoll Personen vor Gericht, die den Roman auf die oben genannte Weise zitiert hatten. Der Prozess erregte in der Öffentlichkeit großes Aufsehen und die Angeklagten wurden in der Presse die "Zitiercommunity" genannt. Der Prozess brachte aber keine belastenden Ergebnisse zutage. Das Zitieren mehrerer Sätze war ja damals noch nicht verboten. Es war auch nicht nachweisbar, dass sich die Personen gegenseitig so abgesprochen hatten, dass durch sie das ganze Werk zitiert wurde. Es gab auch keinen, der die Zitatkette als Organisator zu verantworten hatte. Selbst die Idee zu dieser Kette stammte von keinem der Teilnehmer, sondern aus der früher veröffentlichten Kurzgeschichte, deren Autor aber selbst nicht Teil der Zitiercommunity war.

Nachdem der Prozess klargestellt hatte, dass bei dem bestehenden Zitatrecht nichts gegen die geschäftsschädigende Praxis der Zitiercommunity unternommen werden konnte, dauerte es verständlicherweise nicht lange, bis die Verlage auf eine Änderung des Zitatrechtes drängten. Da das Geschäftsmodell der Verlage in akuter Gefahr war, beschloss das Parlament im Eilverfahren ein Gesetzt, das das Zitieren von mehr als einem Satz für alle vom Urheberrecht geschützten Werke verbot.

Die Zitiercommunity blieb daraufhin nicht untätig. Sie war inzwischen auf einige tausend Personen angewachsen und konnte es sich daher auch leisten, dass jeder nur einen einzelnen Satz zitierte. Dies geschah mit einer Positionsangabe z.B. auf die folgende Art:

In dem Roman Das letzte Wort von Anne Nomis gefällt mir der 4. Satz auf Seite 12: …

Auf diese Weise konnte der ganze Roman zitiert werden. Die Zitate-App wurde entsprechend angepasst und lieferte wieder den gewünschten Roman. Es blieb dem Gesetzgeber also nichts anderes übrig, als das Zitieren auch nur einzelner Sätze mit Positionsangabe gänzlich zu verbieten. Das Zitieren einzelner Sätze ohne Positionsangabe blieb aber noch erlaubt. Kaum war das Gesetz in Kraft, als jemand den Vorschlag machte, man könne doch immer nur einen Satz zitieren, aber dann auch denjenigen erwähnen, der den nächsten Satz zitiert. Dies könne dann z.B. zu der folgender Form führen:

In dem Roman Das letzte Wort von Anne Nomis gefällt mir der Satz "...". Mir gefällt aber auch der Satz, den Petra Schmidt zitiert hat.

In diesem Beispiel ist Petra Schmidt diejenige, die den nachfolgenden Satz zitiert hat. So war die Sache aber nicht zu realisieren, denn woher sollte man wissen, wer den nächsten Satz zitieren würde. Man könnte auch leicht in den Verdacht geraten, man hätte sich abgesprochen. Nach den bisherigen Erfahrungen brauchte man eine Methode, die auch vor Gericht bestand hatte. Schließlich kam jemand auf die Idee, auf die oben genannte Weise nicht den Nachfolger sondern den Vorgänger zu benennen. Dazu war kein Vorherwissen und keine Absprache nötig. Die neue Zitate-App war schnell angepasst. Sie musste sich nur rückwärts über die Namen der Zitierenden zum Anfang durchhangeln und konnte dann ein ungetrübtes Lesevergnügen bereitstellen.

Es dauerte daraufhin nicht lange, bis auch das Zitieren ganzer Sätze ohne Positionsangabe gesetzlich verboten wurde. Die Folgen waren fatal und führten zu dem bedauerlichen Zustand, in dem wir uns heute befinden. Nicht nur die Zitiercommunity, sondern auch die Wissenschaft war betroffen. Die Wissenschaft hat das wörtliche Zitieren aus fremden Werken praktisch aufgegeben. Stattdessen werden die Zitate durch Verweise auf Seiten- und Zeilennummern des entsprechenden Abschnittes ersetzt. Dies geschieht unnötigerweise auch bei Werken, deren Urheberrecht schon abgelaufen ist, da es zu viel Mühe macht, diesen Sachverhalt zu prüfen. Jeder, der einen Zitatverweis nachschlagen will, ist nun gezwungen, das entsprechende Werk zu kaufen. Ob die Wissenschaftsverlage dadurch ihre Umsätze signifikant erhöhen konnten, ist mir nicht bekannt.

Ich hoffe nun trotz allem, dass es der Generation nach mir gelingt, das Urheberrecht so zu verändern, dass das Zitieren fremder Werke wieder möglich wird. (Robin Moebius)

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