Die Zukunft: Glückliche Kunden von öffentlichen Verkehrsmitteln

Dubai Metro. Bild: Tim Adams/CC BY 3.0

"Golfstaaten-Futurismus": AI-Kameras ermitteln die Beglückung von Kunden der Metro, der Trambahnen und Busse. Märchenhaft. Ist Deutschland bald abgehängt?

Zufriedene, ja sogar glückliche Kunden von öffentlichen Verkehrsmitteln kann das sein? In Dubai hat man im Frühling dieses Jahres smarte Kameras in Kundenzentren des staatlichen Verkehrsdienstleisters installiert, die mit künstlicher Intelligenz ausgestattet, den Gesichtsausdruck der Kunden genau beobachten und bewerten. Sobald eine Kundin oder ein Kunde ein Zentrum für Fahrtbuchungen; Tickets und Informationen betritt, erfasst eine Kamera das Gesicht des customers und beobachtet ihre oder seine Miene, bis sie oder er die Transaktion, die häufig über Geräte geschieht, abgeschlossen hat.

Vergangene Woche wurde erste Resultate veröffentlicht: Der "Happiness-Index" erreicht dabei geradezu strahlende, märchenhafte Höhen, von denen deutsche Verhältnisse weit entfernt sind.

Während die Bahn hierzulande laut Statistiker/Umfragen eine angesichts der häufigen Klagen bereits erstaunlich hohe "Kundenzufriedenheit" mit Werten bei 75 Prozent und höher (in früheren Jahren) erreicht, ist man in Dubai weiter. Dort geht es um die Beglückung (Happiness) der Kunden. Laut Auswertung der Kameras machten 85,6 bis 92,8 Prozent der Kunden am Ende ihres Besuchs in einem Kundenzentrum der RTA ein offenbar glückliches Gesicht.

Der "Laborversuch" im Versuchsgelände für die weltweite Entwicklung von AI

Der "Laborversuch" begann im März dieses Jahres in vier Kundenzentren. Die Absicht bestand darin, "die Zufriedenheit und die Happiness der Kunden mit der Qualität und Effizienz der Filialen der (Transport-)Dienstleister zu beobachten".

Die aktuelle Auswertung stützt sich auf Zahlen, die sich sehen lassen können: 4.371 Kunden im "Deira Centre", 12.002 im "Awir Centre", 4.657 Kunden des "Barsha Centre" und 5.446 im "Umm Ramool Centre". Angemerkt wird vom geschäftsführenden Direktor des Kundenglücks (Executive Director of Customers Happiness), Ahmed Mahboub, dass es eine gewisse Unschärfe gibt.

Die Unterschiede, die sich im Glücksausdruck zeigten - immerhin eine Spannweite von 85,6 bis 92,8 Prozent - müssen nicht unbedingt mit der Qualität oder der Schnelligkeit der Dienstleistungen zu tun haben, wie Mahboub erklärt. Denn es gäbe ja auch die Möglichkeit, dass die Kunden zum Zeitpunkt der Aufnahme ihres Gesichtsausdrucks von "persönlichen Umständen negativ beeinflusst waren".

Die Kameras werden übrigens nach Angaben des Ministeriums für Straßen und Transport (Roads and Transport Authority, RTA) in Dubai hergestellt. Woher die Software für die Künstliche Intelligenz stammt, die den Gesichtsausdruck einordnet, darüber schweigt das Ministerium in Dubai wie auch die ihm nahestehenden Medien (etwa Gulfnews , The National).

Aber im Bericht des letztgenannten Mediums, das über den Anfang des Versuchs informiert, findet sich eine Stelle, die aufmerken lässt. Dort zitiert man den "Staatsminister für Künstliche Intelligenz" in den Vereinigten Arabischen Emiraten, zu denen Dubai gehört, mit der Aussage, dass die Emirate das Potential haben, um ein Versuchsgelände für die weltweite Entwicklung von künstlicher Intelligenz zu werden.

An die privaten Unternehmer appellierte der AI-Minister, dass sie mit der Regierung zusammenarbeiten sollen, um aus dem Land ein Technologie-Zentrum zu machen. Ein Blick auf das Angebot des staatlichen "Verkehrsministeriums" in Dubai, der schon erwähnten Roads and Transport Authority (RTA) zeigt, dass es sich nicht nur um bloße Visionen handelt.

Metro ohne Fahrer

Neben Bussen, Booten ("Water Bus, Water Taxi"), Fähren und Trambahnen gibt es auch eine Untergrundbahn in Dubai, die auf zwei Linien ohne Fahrer unterwegs ist - vor ein paar Jahren hatte dies für einen Eintrag im Guinnessbuch der Rekorde gesorgt: "longest driverless metro system with a total of 46.35 miles". Tourismus ist eine wichtige Einnahmequelle und das Projekt Smart Dubai ist darauf ausgerichtet.

Der Gedanke, dass die Entwicklung von künstlicher Intelligenz zur Auswertung der Happiness von Kunden, letztlich politischen Zielen dient, ist naheliegend. Bislang wird der "Golfstaaten-Futurismus" noch selten genauer beobachtet.

"Golfstaaten-Futurismus": Optimiertes, sicheres Leben in einer Scharia-Zone

Die meisten Berichte, wie dieser hier auch, begnügen sich damit, mehr oder weniger spektakuläre Phänomene zu erwähnen. Es zeigten sich im größeren Bild aber eigenartige Visionen, die, wie zum Beispiel an den Giga-Projekten von neuen Städten in Saudi-Arabien - Neom und Qiddiya - ersichtlich, eine Mischung aus Unterhaltungspark und der Idee einer Hyper-Einkaufszentrumwelt entwickeln, dabei aber das bislang im Westen beheimatete(?) Projekt der (Selbst)Optimierung weitertreiben.

In der Zukunftsstadt Neom, die "keine Straßen mehr haben soll, dafür fliegende Taxis", will man auch keine Krankheiten mehr haben, die mit Stress oder Arbeitsüberlastung zu tun haben, die Kinder sollen in die "besten Schulen des Planeten" gehen, an "Hologram-Fakultäten" studieren, die medizinischen Einrichtungen sollen sich intensiv um genetische Verbesserungen der Bewohner kümmern.

Der Gesichtserkennung kommt in der Vision der saudischen Zukunftsstadt Neom eine zentrale Bedeutung zu: Um die Sicherheit in Neom zu garantieren, sind Kameras, Drohnen und die Technologie zur Gesichtserkennung zu Diensten der saudi-arabischen Geheimdienste, heißt es in einem Bericht des Wall Street Journals, erschienen Ende Juli dieses Jahres, der sich nach eigenen Angaben auf vertrauliche Berichte der Unternehmensberater Boston Consulting Group, McKinsey & Co. und Oliver Wyman stützt.

Darin heißt es: "Alles kann aufgezeichnet werden."

Interessant ist, dass man in Neom offenbar die Scharia-Gesetzgebung beibehalten will. Die kuwaitische Künstlerin Fatima Al Qadiri wird in dem Buch Ethnofuturismen, herausgegeben von Armen Avanessian und Mahan Moalerni, mit einer Äußerung zum "Golf-Paradox" ("ein überstürzter Sprint in die Zukunft, der durch ultrakonservative islamische Codes abgebremst wird") zitiert:

Das ist ein äußerst bizarrer Schwellenraum. Immer nach vorn schauen, aber sich dennoch verzweifelt an die moralischen Regeln der Vergangenheit klammern.

Fatima Al Qadiri. In: Ethnofuturismen