Die Zukunft des Körpers

Der Körper - eine Baustelle

Wie auch immer die weitere Entwicklung verläuft, so werden die Vernetzung des menschlichen Körpers mit externen oder implantierten Systemen, die interaktive Repräsentation des Körpers in virtuellen Räumen, die Verselbständigung von virtuellen Agenten und "realen" Robotern zu einem neuen Verständnis dessen führen, was menschlich und was ein menschlicher Körper ist. Jetzt schon wird der Körper immer weniger als Substanz und immer mehr als Schnittstelle mit der Welt und mit Maschinen verstanden, die sich verändern, die sich neu designen läßt. Digitale Fotografie, wie beispielsweise die von Inez van Lamsweerde oder Keith Cottingham, führt den Körper als Baustelle, auch als die von Monstern vor. Zusammen mit den wachsenden Möglichkeiten der Biotechnologie geht es nicht nur darum, mit welchen Körpern und Schnittstellen wir uns im Virtuellen darstellen und in ihm agieren wollen, sondern welche Körperbilder wir auch biologisch realisieren wollen.

Der Druck, mit immer komplexeren und schneller arbeitenden Mensch-Maschine-Systemen zurechtzukommen und immer schneller und besser Informationen aufnehmen, speichern und verarbeiten zu können, wird neben der Faszination, die sowieso von den Technologien ausgeht, die Bereitschaft erhöhen, seinen Körper und sein Gehirn zu verändern bzw. in diese einzugreifen, um bessere Schnittstellen zur Verfügung zu haben. Noch werden erst technische Implantate entwickelt, um ausgefallene oder beschädigte sensorische oder motorische Funktionen zu ersetzen, aber dieselbe Technologie könnte auch anderen Zwecken dienen. Wenn direkte Verbindungen zwischen dem Gehirn und den Computernetzwerken geknüpft werden könnten, wohin die Hoffnung mancher trotz der riesigen, noch bestehenden Schwierigkeiten zielt, dann könnte das Gehirn unmittelbar Zugang zu den gewaltigen zirkulierenden Informationen bekommen und ebenso unmittelbar weit entfernt durch Fernlinge auch in der wirklichen Welt handeln. Über diese Zerebralisierung wird der biologische Restkörper immer unwichtiger. Schon jetzt schrumpft, wie viele Sportlehrer feststellen, bei vielen Kindern die körperliche Geschicklichkeit.

Die durch unseren Körper, durch dessen sensorische und motorische Beschränkungen verursachte Verankerung im räumlichen Hier wird immer weiter aufgeweicht. Auch ohne Roboter-Fernlinge oder virtuelle Puppen überschreiten wir unsere sensorischen und motorischen Beschränkungen durch jede neue Form der Technologie, durch jedes neue Mensch-Maschine-System. Unsere Erfahrung, die stets von unserem Körper abhängig ist, verändert sich durch diese Erweiterungen oder Prothesen. Unser Körper hört nicht an unserer Haut auf, wenn wir ein Fahrzeug oder gar einen Roboter in der Ferne steuern. Plötzlich kann ein Auge oder eine Hand über Tausende von Kilometern reichen. Zwischen der Bewahrung und Perfektionierung des alten Körpermodells und dem Begehren nach einem neuen, das sich den Veränderungen anpaßt, schwanken wir hin und her, wohl wissend, daß eine Rückkehr zur "Natürlichkeit" nur noch ein größerer Schritt in die Künstlichkeit hinein wäre.

8 (Florian Rötzer)