Die Zukunftsfähigkeit vergangener Gegenwarten

(Nicht ganz farbechte) Reminiszenz an die 20er Jahre: das Studentendorf Schlachtensee (1957-64) in Berlin. Bild: Lucas Rauch

Über die zwiespältige Rezeption der Nachkriegsmoderne

Sie liegen wie einsam sterbende Elefanten in der Stadtlandschaft, sie schweben in Traumhöhe über Einkaufsstraßen wie zur Landung nicht entschlossene Ufos, sie zirkulieren wie Trabanten um die Kernstädte, und sie umlagern als Betontrutzburgen Steinwüsten und Grassteppen, aus denen nicht tot zu kriegende Stadtutopien sprießen: die gebauten Zeugnisse der Nachkriegsmoderne. Sie sind überdimensioniert und von Leerstand befallen. Sie sind die sich selbst dementierende Verklärung des ungebremsten Wachstums und des ewigen Fortschritts durch Technik. Sie erzählen das Märchen einer zweiten Gründerzeit, eine optimistische Tragödie. Würden sich diese Niederschläge eines flächenfressenden Städtebaus nicht heute selbst in Frage stellen - und damit uns "Überlebende", zu deren Enttäuschung sie beigetragen haben - sie hätten kein Recht auf Erhaltung. Denn sie lösten ihrerseits Wellen des Kahlschlags aus.

Ist die Nachkriegsmoderne, wie Adrian von Buttlar fragt, schon veraltet, aber noch nicht historisch, oder ist sie schon historisch, aber noch nicht veraltet? Siedlungen der 20er Jahre wie Siemensstadt in Berlin lassen sich leichter unter Denkmalschutz stellen als benachbarte Siedlungen aus den 60ern, selbst wenn es bedeutende personelle Kontinuitäten der Architekten und Städtebauer vor und nach dem Krieg gab. Aber saß nicht im Bauhaus "jede Niete an der richtigen Stelle", während sich bei den Rasterfassaden des Massengeschossbaus die Frage nach jener Stelle erübrigte? Haben nicht die Städtebauer des Wiederaufbaus das ganze Land mit Raumgittern überzogen? Liegen die geplanten Abrisse der Bonner Beethovenhalle (1959) oder des Plenarsaales in Hannover (1962) "im öffentlichen Interesse", weil ihre Formensprache nicht mehr postmodernen Zeiten und neuen Nutzerbedürfnissen entspricht?

Mit Großwohnsiedlungen am Stadtrand wie der Gropiusstadt in Berlin oder der "Entlastungsstadt" Neuperlach in München bei gleichzeitiger "Flächensanierung" in der Stadt kippte das Image jener Jahrzehnte. Die 68er-Studenten entdeckten die billigen Altbauwohnungen für sich, und junge Architekten, die aus ihren Reihen hervorgingen, führten Anwohner des Märkischen Viertels vor, die ihr Leben dort als "Hölle" bezeichneten. Die Rede von den Wohnsilos in Retortensiedlungen machte die Runde. In Anlehnung an A. Mitscherlichs "Unwirtlichkeit der Städte" diagnostizierten die Kritiker eine 'Urban neurosis' und in Neuperlach obendrauf eine "Munich depression".

München, Neuperlach. Bild: TP

Der optische Anziehungspunkt dieser Anlage ist eine riesige, polygonal gebrochene Häuserkette. Die Komplexe sind räumlich gestaffelt bei kleinteiliger, wenn auch etwas indifferenter Durchgrünung. Auf den ersten Blick wirken jene Satellitenstädte wie in die Landschaft gewürfelt. Aber im Unterschied zu heutigen Tendenzen einer Exklusion ist auch das innenliegende Grün öffentlich zugänglich. Die von Hans Scharoun im vielgeschmähten Charlottenburg-Nord (Berlin) 1956 bis 1961 errichteten "Wohngehöfte" sind prototypisch. Durch Versetzung werden die Gebäude durchlässig zum begrünten Hof, der das Gepräge eines ornamentellen Gartens hat, zumindest haben soll. Innere und äußere Landschaft fließen zusammen.

Im Hinblick auf die skulpturale Gestaltung der Häuser spricht Gabi Dolff-Bonekämper, die an der TU Berlin das Fachgebiet Denkmalpflege vertritt, gar von der "Landschaftlichkeit" solcher Wohnkomplexe. Sie zieht den Vergleich zur Hufeisensiedlung (1925-33) von Bruno Taut in Berlin-Britz. Die Halböffentlichkeit wird einmal durch das Halboffene der Hufeisenform repräsentiert, zum anderen durch den von Leberecht Migge gestalteten Freiraum. Privatgärten, mal an der Innen-, mal an der Außenfront der Häuserzeilen gelegen, wechseln mit öffentlichem Grün ab.

Wohnhaus mit Privatgarten für die Interbau / Hansaviertel. Bild: Lucas Rauch

Die Frage bleibt offen, ob bei allen Verweisen auf die 20er Jahre noch die Maßstäblichkeit bei den "nach oben offenen" Geschoss-Ordnungen des Nachkriegsbooms stimmt. Spaziergänge durch das 1957 als Modell der Interbau angelegte Hansaviertel bestätigen jedoch die von Otto Bartning für jene Zeit erhobene Forderung nach Bescheidenheit im Bauen. Die Zugänglichkeit der Grünflächen wird großgeschrieben, und sofern einzelne Wohnhäuser auf Stelzen stehen, geht der grüne Zug gleichsam durch sie hindurch. Walter Rossow hatte zehn namhafte Landschaftsarchitekten zusammengerufen. Die Intention, den Stadtraum in den Grünraum übergehen zu lassen, vermittelt sich noch heute. Der Tiergarten fließt in das Hansaviertel hinein.

Auch Walter Gropius ist im Hansaviertel vertreten: gekrümmte Wohnhaus-Scheibe (1956/57). Bild: Lucas Rauch

Der fließende Raum von Frank Lloyd Wright, Mies van der Rohe und Walter Gropius, den diese nach der Emanzipation von der Außenwand als Tragwerk fast schon zum Synonym der Moderne erhoben, wird im Hansaviertel zum fließenden Grün. Eine "Grüne Moderne" lebt hier nach dem Krieg auf. Und auch die kleinteiligen Geometrien, räumlichen Funktionstrennungen und Abweichungen von Symmetrien verlangen eine differenzierte Betrachtung der 50er Jahre.

Zunächst galt es, Wohnraum für den "Unbehausten Menschen" zu schaffen. Heidegger setzte 1951 Wohnen und Bauen synonym und konjugierte aus dieser Gleichung Wachstum heraus. Da die zahlreichen Kirchenneubauten der Zeit ein Dach boten, wurden sie nicht nur in Anlehnung an Le Corbusiers Kapelle in Ronchamp als Arche, sondern säkular als Wohnung für den Menschen interpretiert. Parks wurden neu als "Wohnzimmer im Freien" gestaltet. Platz war genug. Der 1946 von Scharoun vorgelegte "Kollektivplan" ging von einem kompletten Neuaufbau Berlins bei dezentraler Siedlungsstruktur aus. Die modulare Aufteilung in Bereiche für Arbeiten, Wohnen und Erholung, die aus der berühmten Charta von Athen (1933) übernommen wurde, war dem Leitbild "der gegliederten und aufgelockerten Stadt" verwandt.

Zwar schlugen Landschaftsarchitekten im Umkreis von Scharoun vor, dass alle Versorgungseinheiten von zu Hause aus fußläufig zu erreichen sein sollten, möglichst durch landschaftlich am Urstromtal orientierte Grünzonen, aber was allein vom Kollektivplan in die Zukunft wies, war die autogerechte Stadt. Ringstraßen, Entlastungsstraßen und später Stadtautobahnen waren die Rezeptur in allen kriegsbeschädigten Großstädten des Westens, und diese neue Infrastruktur ließ von der Auflockerung nicht viel übrig. "Urbanität durch Dichte" war in den 60ern angesagt, und per Erhöhung der Geschossflächenzahl ging es in die Senkrechte.

Das wurde durch Stahlbeton-Konstruktionen unterstützt. Hatte in den 50er Jahren die Stadtplanung noch den Anspruch, Sozialplanung auf Grundlage des Sozialen Wohnungsbaus zu sein, kam nun erste Kritik auf: Die Sozialutopien würden im Großsiedlungsbau einbetoniert. Aber das Formbestimmende zumindest an den repräsentativen Solitärbauten war gerade, dass die tragende Betonkonstruktion offengelegt wurde (siehe Abb.).

Nationalmuseum in Buyeo, Korea (1965-1967). Bild: Blaz Kriznik

Der Brutalismus des Sichtbetons war selten Selbstzweck, sondern seine Ästhetik bestand im Anspruch funktionaler Angemessenheit. Monumentalität und Funktionalität verbanden sich zu Architekturskulpturen in der Landschaft. Das kann auch negativ ausgelegt werden: Die selbstreferentiellen Bauwerke sind dem urbanen und historischen Kontext entzogen. Dabei dienten sie gerade in den ehemals sozialistischen Ländern der Herausarbeitung eines neuen Stils nationaler Unabhängigkeit. Aber einerseits waren diese Länder städtebaulich an Moskauer Generalplänen orientiert. Wenn es andererseits hieß: "Wir bauen die neue Gesellschaft aus dem Nichts", waren die Altstädte durch einen raumgreifenden Expansionismus gefährdet. Im Westen, etwa bei Rathaus-Neubauten in skandinavischen Ländern, entsprach dem durchaus eine "demokratische Monumentalität".

Am Rande einer von Gabi Dolff-Bonekämper initiierten Tagung zur Nachkriegsmoderne wurde angemerkt, dass Bewohner in den aus Jugoslawien hervorgegangenen Republiken ihre Fertigteil-Siedlungen als "Sowjetstil" abtun. Das mag als geschmackliches Urteil gerechtfertigt sein. Aber gerade Jugoslawien sagte sich frühzeitig vom Stalinismus los und machte viele politische Richtungswechsel auch auf lokaler Ebene durch. Das schlug sich baugeschichtlich nieder. Entdeckungen können gemacht werden.

Die skulpturale Qualität kennzeichnet nicht minder Wohnhäuser. Vor und zurückspringende Bauteile werden nach Farbe und Stofflichkeit unterschiedlich gestaltet, die Balkonwaben gern schräg gestellt. Die Plastizität ist auch bei glatter Fassade zu erzielen. Die Architekten des "Konsistoriums" in Berlin-Tiergarten haben dem Y-förmigen Grundriss aus der Punkthaus-Tradition durch geschicktes Überlagern eine die Höhe abfangende Tiefenwirkung verliehen (siehe Abb.).

Ehem. Konsistorium der ev. Kirche, Berlin-Tiergarten, 1968-71. Bild: Lucas Rauch

Dem Gebäude droht trotz Protesten der Abriss. - Statt mit Aluminium-Paneelen wurde der "Bierpinsel" (1972-76) in Berlin-Steglitz mit knallroten Eternit-Platten verkleidet. Er wirkt im wahrsten Sinne abgespaced. Die auf einem schmalen Schaft auskragende Korbkonstruktion erhebt sich 46 m hoch über der Einkaufsstraße, die von einer autobahnähnlichen Hochstraße überquert wird. Vom Turmrestaurant aus konnte das Verkehrsgewimmel wie im Anflug erlebt werden. Der Pop-Art-Charakter des Turms wurde im letzten Jahr durch eine Street-Art-Übermalung ins 21. Jahrhundert hinübergerettet. Durch privates Engagement soll der Leerstand überwunden werden. Aus der vormaligen Bausünde ist ein Friendly Alien geworden. Die Architekten des "Bierpinsel" hatten auch die Ebenen darunter gestaltet. Poppige Kunststoffbänder und -verschalungen kontrastierten im U-Bahnhof mit dem schalungsrauen Sichtbeton.

Das "Re-pinseling" des "Bierpinsel" durch "Turmkunst" im Vorjahr gefiel den Architekten nicht. Bild: www.turmkunst.de

Stahlbeton ermöglicht große Spannweiten und geschwungene Dächer. Der Italiener Luigi Nervi war ein Meister der Schalenbauweise für Flächentragwerke, die in der DDR einen eigenständigen Vertreter fand: Ulrich Müther und seine "Hyparschalen". Das ist die Abkürzung für hyperbolische Paraboloide. Die Konstruktion kann als Verschiebung einer Parabel entlang einer Hyperbel gedacht werden. Die Schwünge dieser Schalen sind kühn und leicht zugleich, denn der Materialeinsatz, meist Spritzbeton, ist gering. Müther führte ab 1963 über 60 Hyparschalen-Bauten aus, Gaststätten, Pavillons, Planetarien u.a. Es war ein Exportschlager der DDR.

Beim Betonschalenbau ist die Lastabtragung der formbestimmende Parameter. Die Form folgt dem Kraftfluss - fast schon eine Überbietung des Bauhaus aus dem Geist des Ingenieurbaus. Müther war Bauingenieur. Er tauschte sich fachlich mit Jörg Schlaich aus, während sein Vorbild, der Spanier Félix Candela, mit Frei Otto (Olympiadach München) bekannt war. So stammen aus der DDR Anregungen für eine biomorphe Architektur, die das 21. Jahrhundert beflügeln wird. Um so bedauerlicher sind die zahlreichen Abrisse der Hyparschalen, etwa des "Ahornblatt" (von 1973) in Berlin. Zum Trost kann im sanierten Lebensrettungsturm am Strand von Binz auf Rügen jetzt geheiratet werden.

Die "Seerose" (1980) in Potsdam, von Müther nach einem mexikanischen Vorbild (F. Candela) erbaut. Bild: Lucas Rauch

Die Bauten des Neuen Zentrums Kreuzberg (1969-1974) am Kottbusser Tor in Berlin erheben sich als Monumente der "vertikalen Stadt" aus dem nicht sichtbaren Grund. Die Hervorbringungen überhitzter sozialdemokratischer Wohnungsbaupolitik fußen auf einer "zweiten Zerstörung" der gründerzeitlichen Stadt. Noch vorhandene Splitter des Alten sind in diesem Krater der Wahrnehmung entrückt. Der Gang aber durch den Torbogen des dem oktogonalen Platzmuster folgenden Wohn-/Geschäftshochhauses wird zum Initiationsritual. Plötzlich ist der Passant ins Herzstück des interkulturellen Lebens der Stadt in der Oranienstraße geworfen. Die Abschirmung durch die Gebäuderiegel hatte ursprünglich den Zweck, die Autobahn abzupuffern, die zeitgleich für die Oranienstraße geplant war. Die Pläne zerstoben, aber es blieb der "Kotti" als permanente Investoren-Pleite, Sanierungsfall und Zentrum der Drogenszene zurück.

Für die Architekten Andrea Benze und Christian Dengler hat diese Stadtwüste Potential. Zwischen Parkdecks und Dachterrassen entdeckten sie Community gardens, Basare und Performance-Nischen. Ungenutzte Park(platz)parzellen wurden als symbolisches Startkapital an Kreuzberger ausgegeben, deren Kreativität in der Hartz-IV-Hängematte keinen Platz hat. Ein Parkhaus wurde in einen Kindergarten umgewandelt. Utopie heißt nicht Abriss, sondern "Action in Open Spaces", sofort. Eine zeitgemäße Architektur des "As Found" erfährt in Kreuzberg ihre surrealistische Steigerung: die "brutalistischen" Versatzstücke aufgreifen "wie weggeworfen".

Die Betonwüste lebt. Die Parkdecks am "Kotti" werden bespielt. Bild: Pony Pedro

Als Wolf-Jobst Siedler 1964 nicht ohne Selbstironie die gründerzeitliche Blockbauweise mit Putten vorne und lichtlosen Höfen hinten gegen die Flächensanierungen in Schutz nahm ("Die gemordete Stadt"), zeitigte das mit der Verzögerung von zwei Jahrzehnten Wirkung in der "behutsamen Stadterneuerung". Diese ging, da inzwischen mehr als genug beseitigt worden war, mit der "Kritischen Rekonstruktion" einher, die sich als gar nicht so kritisch herausstellen sollte. Simulationen von Fassaden vormoderner Stadthäuser zerrinnen als postmoderne Zitate. Fiktionen historischer Parzellen werden so lange zurechtgestutzt, bis Townhouses aus dem Musterbuch der Beliebigkeit darauf passen. Als Vorwand, die Moderne des 20. Jahrhunderts rückwärts zu überspringen, dient die Hybris der Nachkriegsmoderne. Dabei geht es nicht nur um Abrisse von "Plattenbauten", sondern der letzte Berliner Senatsbaudirektor bezeichnete noch 2007 das Hansaviertel als Irrweg. Soll auf die zweite Zerstörung eine dritte folgen?

Solange Deutschland mit seiner Geschichte nicht ins Reine kommt, werden wir auch mit der Nachkriegsmoderne hadern.

Christian Welzbacher

Ihr behutsamer Erhalt sollte nicht nur Anliegen der Denkmalpfleger sein.

Für die Vielfalt dieser Teilepoche, für die Auflockerung nicht nur des Städtebaus, sondern auch der einzelnen Baukörper, stand das Hansaviertel Pate. Gab es eine Metastruktur? Dolff-Bonekämper spricht von der Lingua franca, welche viele lokale Dialekte zulässt. Aber in ihrer Apotheose von Technik und Wachstum schottete sich die Nachkriegsmoderne gegenüber sozialen Diskursen ab. Sie war unreflektiert. Sie vertrat ihr soziales Ethos mit Pathos. Die Chance einer Reflexion kam mit den kritischen sozialen Bewegungen der 70er Jahre auf - die Chance zu einer Modernisierung der Moderne. Und enthält nicht auch die Postmoderne Veränderungspotentiale, derer das Projekt der Moderne zu seiner Revitalisierung und Weiterführung bedarf? (Bernhard Wiens)

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