Die Zweierbeziehung im Kapitalismus

Zweierbeziehung uns Systemfrage. Bild: Pixnio

Von der Frauenfrage zum Gender-Trouble (Teil 2)

Die Zweierbeziehung wurde nicht im Kapitalismus erfunden, er drückt ihr aber in spezifischer Weise seinen Stempel auf. Zunächst liefert er von der Lohnhöhe über die Arbeitszeiten zu den Mietpreisen dringende Gründe dafür, die Kosten und Erfordernisse der Lebenshaltung zu teilen und damit zu ökonomisieren. Auch braucht es, um den Arbeitsalltag zu bewältigen, eine häusliche Gegenwelt, am liebsten in einer Partnerschaft, die auf Zuneigung statt auf Berechnung und Barzahlung beruht.

Dass man bzw. frau jemanden "für's Leben" suchen und ihn am besten als "gute Partie" finden möchte, ist trotz Lebensabschnittsgefährten und in modernen Zeiten, wo nur die Liebe zählt, noch en vogue. Es wird also im Folgenden davon die Rede sein, wie das marktwirtschaftlich induzierte Bedürfnis nach Kompensation zerstörerisch in die Liebesbeziehungen eingreifen kann.

Familienpolitik

Was zunächst die staatliche Familienpolitik betrifft, so gilt sie dem widersprüchlichen Auftrag an die Familie und ihr Personal, der kapitalistischen Gesellschaft die benötigten Arbeitskräfte und zugleich die ebenfalls erforderliche Reproduktion dieser Arbeitskraft zur Verfügung zu stellen sowie dabei das Staatsvolk zu erneuern.

Sich als Frau oder auch als Mann auf dem Arbeitsmarkt bereithalten und bewähren zu müssen, konfligiert beständig mit den familiären Verpflichtungen und Notwendigkeiten. In der Regel geht Ersteres als Sachzwang der Erwerbsquelle auf Kosten von Letzterem, was in den bekannten Figuren gestresster Eltern, überlasteter Mütter oder verwahrlosender Kinder anschaulich wird.

Das bringt Zustände mit sich, die die Paare und ihre Zuneigung zueinander nur schlecht vertragen, was nicht heißt, dass mit dieser auch die staatliche Inpflichtnahme für Kinder und Partner erlischt. Mit finanziellen Zuwendungen, gestärkten Elternrechten, Kindertagesstätten, Jugendamt und Eheberatung versucht der Staat, diesen Widerspruch zu steuern – ohne dass der je eine Verlaufsform erhielte, die die privaten und öffentlichen Klagen (z.B. von Lehrern wegen unerzogener Kids, auch von Unternehmern über die Kosten der Beschäftigung von Frauen) zum Verstummen brächte.

Auch die hoheitliche Gewalt will schließlich haushalten, das versteht sich hierzulande, und dass der Gesetzgeber einen Mindestlohn verfügen sollte, von dem eine Durchschnittsfamilie ordentlich leben könnte, davon träumt noch nicht einmal die linke Parlamentspartei.

"Starkes" und "schwaches" Geschlecht

Klassenverhältnisse und die Hierarchie, die sie ausbilden, prägen sich, weil sie von den Akteuren und Profiteuren gewollt und wenn sie von den Betroffenen akzeptiert werden, unweigerlich ideologisch und psychologisch aus. Zu denken wäre im Kontext an die Redeweise vom "starken" und "schwachen" Geschlecht, an die Annahme einer inferioren "weiblichen Natur", die auch von etlichen Frauen geteilt wird, an die intellektuelle Zuordnung des Mannes zum "Abstrakten" und der Frau zum "Konkreten" usw.

Die Allgemeinheit solcher Vorurteile besteht darin, die Zumutungen und Anforderungen an Frauen wie Männer unter dem Regime von Kapital und Staat als einem Geschlechtscharakter oder einer Wesenseigenschaft geschuldet aufzufassen und die ergatterte Position oder den zugewiesenen Status in der Konkurrenzgesellschaft als "Wertigkeit" der betroffenen Person oder Gruppe auszudrücken.

Deshalb galt bzw. gilt der Mann als Oberhaupt in Ehe und bürgerlicher Familie, der angeblichen Heimat der Geschlechter. Personalchefs drücken den Lohn der weiblichen Angestellten, weil oder wenn ihnen deren Konkurrenzlage den Hebel dazu gibt; in ihrem Selbstverständnis werden sie nur den Eigenarten der Spezies Frau gerecht.

Noch der dümmste Sexist in Hollywood weiß sich die Angewiesenheit einer Schauspielerin auf seine Gunst, also Macht, in die Berechtigung zu übersetzen, im Gegenzug übergriffig zu werden. Bei entsprechendem Machtgefälle funktioniert das – nicht nur in der katholischen Amtskirche – auch binnengeschlechtlich.

Und depravierte Machos wie die von der Kölner Domplatte folgen diesem Muster, auch wenn ihre ganze "Macht" mit dem körperlichen Zugreifen in eins fällt. Dass sich bei ihnen oder auch bei wohlhabenderen Säcken die "libidinösen Wurzeln" einer "patriarchalen Geschlechterordnung" bemerkbar machen (wie die eingangs erwähnte Uni-Zeitschrift annimmt), trifft nicht die Sache.

Immerhin sind solche Burschen mit Willen und Bewusstsein unterwegs, die ihnen kein Trieb und seine dunklen Gründe aus- oder eingeschaltet hat. Ihre Übergriffigkeit hat ihre "Wurzeln" in den sehr zeitgemäßen Leistungen einer Psyche, mit dem sich Konkurrenzsubjekte moralisch in Szene und ins Recht setzen.

So kann, marxistisch gesprochen, der "Überbau" schädlicher Lebensumstände seinerseits zum Bestandteil der Schädigung werden. Das geht so weit, siehe Anmache, Grabschen, häusliche und sexuelle Gewalt, dass Handlungsweisen fortbestehen, obwohl sie gesellschaftlich geächtet und rechtlich sanktioniert sind.

Kompensation

Denn Menschen, die die marktwirtschaftlichen Verhältnisse gewohnheitsmäßig als Lebensgrundlage annehmen, in der sie auf ihre Kosten kommen wollen bzw. einen Anspruch darauf anmelden, laufen Gefahr, den wirtschaftlichen und staatlichen Zumutungen noch ein paar Gemeinheiten in Eigenleistung hinzuzufügen.

Dass dies gerade in Partnerschaften und Liebesbeziehungen recht verbreitet ist, hat einen spezifischen Grund, der insofern auf die politische Ökonomie verweist, als deren Folgen von den bürgerlichen Individuen bewältigt werden müssen.

Ob dem marktwirtschaftlichen Arbeitsvolk das verdiente Geld in der Regel nur dazu reicht, die Erwerbsarbeit auf Dauer zu stellen – ob diese Klasse also objektiv lebt, um zu arbeiten –, oder ob es einer reicheren Minderheit besser ergeht: Beide betätigen ihren privaten Materialismus im Selbstverständnis, mit freiem Willen die Chancen wahrzunehmen, die eine marktverfasste Demokratie zu bieten hat, also zu arbeiten, um zu leben.

Der Lebensgenuss als Ausweis der lohnenden Unterordnung unter die Sachzwänge des Gelderwerbs will wenigstens in der Sphäre zum Zuge kommen, wo Mann und Frau sich als Herren des Geschehens wähnen und in der sie sich ein Anrecht auf Belohnung und Kompensation zusprechen, das sie ignorant gegen die Umstände einfordern. Damit stellen solche Individuen die Privatsphäre unter einen Maßstab, der gemeinhin als Liebesglück benannt und besungen wird, der aber nicht oder immer nur unzureichend einzulösen ist.

Das private Leben der großen Mehrheit kann sich von seinen Beschränkungen durch das Arbeitsleben gar nicht frei machen. Und das Handeln liebender Personen ist immer bestimmter Art, geht durch den Magen, bietet Ansprache, führt ins Bett usw., genügt aber nie dem abstrakten bürgerlichen Bedürfnis nach Glück und Erfüllung.