Die ängstlichen Männer

Das angeblich starke Geschlecht fühlt sich nach einer Umfrage zunehmend unsicher

Viele Männer sind geplagt von Unsicherheit und von Ängsten, besonders in der Arbeit und wenn Frauen zugegen sind. Das Selbstvertrauen ist, wenn es jemals anders war, wackelig. Ist der Macho, was viele vermuten, nur der Versuch, die männliche Unsicherheit zu überspielen?

Eine Umfrage von OnePool unter fast 2000 britischen Männern zwischen 16 und 65 Jahren bringt, wenn denn die Ergebnisse verallgemeinerbar sind, überraschende Eingeständnisse, wie der Observer berichtete. Nahezu die Hälfte sagt, sie würden sich die meiste Zeit bei der Arbeit ängstlich fühlen, 40 Prozent sind sich unsicher, wenn sie abends mit Freunden unterwegs sind. Und alle sollen zugegeben haben, dass sie sich zunehmend durch Frauen entmannt fühlten und in Anwesenheit von Frauen ihre Unzulänglichkeit steige.

Beim Sex wollen 25 Prozent von Gefühlen der Unzulänglichkeit geplagt werden. Filme und Fernsehen scheinen hier das Maß vorzugeben, so dass viele glauben, beim Sex nicht lange genug durchhalten zu können und genügend Fantasie zu haben.

Interessant wäre ja gewesen, wie dies alles auf Seiten der Frauen aussieht. Der Observer ließ den Psychologen David Sharpley die Ergebnisse der Umfrage, die im Dezember veröffentlicht wurden, interpretieren. Der sagt, dass Männer sowieso ein "schwächeres Selbstwertgefühl" hätten, da sie ihren gesellschaftlichen Status meist nur von einem einzigen Bereich abhängig machen würden: von der Karriere, der Höhe des Gehalts oder dem Autotyp. Das sei alles unsicher, und "weil Männer allgemein schlecht bei der Selbsteinsicht und bei der Mitteilung ihrer Gefühle sind, kann diese Unsicherheit den Zusammenbruch ihres Selbstwertgefühl verursachen".

Nach der Umfrage fehlen Männern wirkliche Vorbilder, weswegen sie sich an fiktive Medienfiguren wie James Bond oder Indiana Jones orientieren würden. Und überhaupt sieht es düster aus. Schließlich wird die Verunsicherung mit der Zeit nicht besser, sondern wächst mit zunehmendem Alter auch noch an. Am überzeugtesten von sich sind die Männer nach der Umfrage, wenn sie zwischen 21 und 30 Jahre alt sind. Da ist auch noch alles prinzipiell möglich und steht die Zukunft noch offen. Bei den 40-Jährigen sagen gerade noch 11 Prozent und bei den 50-Jährigen 4,6 Prozent, dass sie von sich überzeugter sind, als sie dies in ihrer Jugend waren.

Natürlich glauben die Meisten sowieso, dass es den anderen Männern besser geht. Das gehört wohl auch zum Spiel, stärker, besser, erfolgreiche, begehrter und mächtiger zu sein zu wollen oder sich zu unterwerfen und die Gewalt/Demütigung an die Schwächeren weiterzugeben. Dass der Orientierung dienende Selbstbilder kaum jemals der wirklichen Welt entstammen, sondern aus der Fiktion oder der medialen Stilisierung von "Prominenten" ist nicht gerade eine neue Errungenschaft und verdankt sich auch nicht Film, Fernsehen oder Computerspielen. Selbstbewusstsein ist, sich von außen, durch den Blick eines imaginären Anderen sehen zu können und zu müssen, also gewissermaßen durch das Spiegelbild.

Sind die Männer also unsicherer als früher? Gerät ihr Rollenbild ins Wanken? Werden sie zum wahrhaft schwachen Geschlecht, während das Zeitalter der Frauen anbricht? Oder werden sie nur imstande, besser ihre Unsicherheiten zu erkennen und mitzuteilen, was dann allerdings auch das Rollenbild der Frauen verändern würde, die zunehmend ent-täuscht werden und nach "richtigen" Männern vergeblich verlangen? (Florian Rötzer)

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