Die alten Rocker und der große Knall

Aufregung in den USA um das neue Rolling-Stones-Album

Die Rolling Stones waren immer für einen Skandal gut. Ob ausgestreckte Zunge, langgestreckter Mittelfinger, Drogen, Sex und Rock & Roll oder öffentliches Urinieren: sie schafften es immer wieder in die Schlagzeilen. Aus der Politik hielten sie sich dagegen heraus. Bis jetzt.

The Big Bang, „Der große Knall“, so ist der Titel des neuesten Rolling-Stones-Albums, das gerade erschienen ist. Ein solcher Titel verpflichtet, zumal wenn man Rolling Stones heißt. Die gelten zwar seit Jahren, ja seit Jahrzehnten, als rockende Ur-Opas. Zugegeben, rein optisch schauen sie auch bald so aus und die Musik hat sich in den letzten Jahren auch nicht mehr deutlich verändert. Das allerdings erwartet auch niemand von den Rolling Stones.

Eher wundert man sich, dass sie unermüdlich wieder und wieder auf Tour gehen. An einem Mangel an willigen Groupies oder Geld kann es ja eigentlich nicht liegen – die Unterhaltszahlungen der Bandmitglieder sind trotz ihres bisherigen wilden Lebens für diese durchaus noch zu verkraften.

Was die Stones aber sicherlich ärgern dürfte ist, dass sie mittlerweile zum Establishment gerechnet werden. Wenn ihre Songs im Wahlkampf der CDU landen ("All die Träume, die wir einst hatten, sind in Rauch aufgegangen!"), so ist dies zwar ziemlich lustig, doch dem Image der Band als „Böse Buben des Rock“ entspricht es überhaupt nicht. Also war es mal wieder Zeit für einen kleinen Skandal. Diesmal einen politischen.

Das englische Königshaus war in der Vergangenheit oft genug Zielscheibe lästernder Sprüche von Rock- und Punk-Bands. Ob über die Herrschaften in der ersten Reihe, die statt mitzuklatschen doch bitte zu der Musik mit ihren Juwelen klappern sollten oder ob die Königin vom lieben Gott rasiert werden sollte, kein Fettnäpfchen war über die Jahre unbesetzt geblieben. Dies war somit langweilig geworden und passt auch nicht mehr zu einem von derselben Königin zum Ritter geschlagenen Mick Jagger. Die Königin macht zur Zeit ja ohnehin keine Schlagzeilen mehr; eher die Herren Blair und Bush.

Und so werden die Stones auf ihre alten Tage doch noch politisch: mit dem Song Nummer 13 ihrer neuen CD namens „My Sweet Neocon“ gehen sie die amerikanischen Neokonservativen an:

You ride around your white castle, on your little white horse.
You lie to your people and blame it on your war of course.
[...]
You call yourself a Christian, I call you a hypocrite.
You call yourself a Patriot. Well, I think, you are full of shit.
[...]
How come you're so wrong?
My sweet neo-con,
where's the money gone,
in the Pentagon.
[...]
It's liberty for all, democracy's our style,
unless you are against us, then it's prison without trial.

Pflichtgemäß sind einige neokonservativen US-Wähler nun auch prompt tödlich beleidigt und verkünden, nie wieder in ein Rolling-Stones-Konzert gehen zu wollen. Auf der Rockantenne wurde gar bereits spekuliert, die Verkaufszahlen des neuen Albums könnten aufgrund politischer Aversionen der potentiellen Käufer einbrechen. Dabei ist doch eher anzunehmen, dass die „alten Knacker“ auf diese Art auch bei jenen Punkte machen, die sonst mit ihrer Musik nichts mehr anfangen können und auf diese Weise durch eine Art politisch-musikalischen Jungbrunnen gehen. Bei Amazon.de ist das Album jedenfalls wie bei Amazon.com auf Platz 1 – und in den Staaten kann man sogar eine richtige Audio-CD erwerben, in Deutschland dagegen leider nur einen Audio-CD-ähnlichen Datenträger. Die vollwertige Audio-CD muss dagegen zum doppelten Preis aus England importiert werden.

My Sweet Neocon gilt zwar nicht gerade als musikalischer Höhepunkt des neuen Albums, doch deswegen wird der Song auch kaum gespielt werden. Der Rest des ersten Stones-Albums mit neuen Songs seit acht Jahren ist dagegen zwar nicht unbedingt sensationell, aber besser als etliche Stones-Alben zuvor und solide Musik der Sorte, die sich die Stones-Fans von ihren Idolen erwarten und die nicht enttäuscht. Nur Keith Richards macht sich Sorgen, er lebt in Connecticut, einem traditionellen stark republikanischen US-Bundesstaat, wo man den Song besser nicht beim Cruising im Cabrio laut abspielen sollte.

Mick Jagger betont außerdem, der Text sei nicht speziell auf Präsident Bush bezogen. Er passe ja schließlich auch auf Condoleeza Rice oder Dick Cheney. Schließlich würde Jagger den US-Präsidenten ja auch niemals ausgerechnet als süßen Neokonservativen bezeichnen, das passt auf My Sweet Neo-Condi schon viel eher. Auch wenn Bush und Jagger sicherlich faire Chancen hätten, wenn sie in einem Schönheitswettbewerb gegeneinander anträten (Wolf-Dieter Roth)