Die amerikanischen Juden sind eher Bush-Gegner

Als Anhänger der Demokraten lehnen die meisten amerikanischen Juden den Irak-Krieg ab, stehen jedoch hinter der israelischen US-Politik und sind über den wachsenden Antisemitismus in den USA und vor allem in Europa besorgt

Nach einer aktuellen Umfrage bezeichnen sich die meisten amerikanischen Juden als Demokraten und stehen nicht hinter der Politik der US-Regierung. Gleichwohl ist das Ansehen von US-Präsident Bush gegenüber den letzten Präsidentschaftswahlen stark gestiegen, als ihn nur 19 Prozent, Al Gore hingegen 66 Prozent gewählt hatten. Jetzt würden ihn nach der Umfrage bereits 31 Prozent wählen, wenn der demokratische Präsidentschaftskandidat Howard Dean gegen ihn antreten sollte, für den 60 Prozent stimmen würden. Für Joe Liebermann, den einzigen jüdischen Präsidentschaftskandidaten der Demokraten, würden allerdings 71 Prozent stimmen.

Nach einer Umfrage, die vom American Jewish Committee in Auftrag gegeben wurde, findet die Bush-Regierung bei der Mehrzahl der Juden, die in den USA leben, wenig Unterstützung, Teile von deren Politik, zumal wenn sie mit Israel zusammen hängen, allerdings schon. In den USA leben 5,2 Millionen Juden. Für die Umfrage wurden 1.000 Personen befragt, die von sich selbst sagten, dass sie Juden sind und weiterhin den jüdischen Glauben beibehalten wollen. Über zwei Drittel geben an, dass sie sich Israel nahe fühlen und dass es für einen Juden sehr wichtig ist, sich um Israel zu kümmern. Wichtig ist für fast alle auch die jüdische Identität.

Beunruhigt sind 90 Prozent offenbar über den Antisemitismus, den es auch in den USA gibt, ein Drittel sagt gar, dass dies ein sehr ernstes Problem sei. Auch an den Hochschulen gebe es damit ein Problem. Fast die Hälfte meint, der Antisemitismus in den USA würde in den nächsten Jahren noch zunehmen, dagegen gehen 67 Prozent davon aus, dass er sich in der Welt verstärken wird. Am stärksten antisemitisch eingestellt in den USA sind in ihren Augen nicht nur die Muslime, sondern auch die religiöse Rechte. 96 Prozent betrachten den Antisemitismus in Europa gegenwärtig als Problem, 55 Prozent sogar als sehr ernstes. Das kann vom Antisemitismus, der in arabischen Welt herrscht, kaum mehr übertroffen werden: 97 sehen in ihm ein Problem, 77 Prozent ein ernstes.

Nur 16 Prozent der Befragten bezeichneten sich als Republikaner, dafür aber 51 Prozent als Anhänger der Demokraten und 31 Prozent nannten sich unabhängig. Die meisten betrachten sich als politisch gemäßigt oder als liberal. Von der Mehrzahl abgelehnt wird zwar eine stärkere Förderung von religiösen Organisationen, allerdings soll auch in den Schulen die "Pledge of Alliance" mit dem Ausdruck "unter Gott" beibehalten werden. Dass US-Präsident Bush mit seiner Nahost-Politik nicht unbedingt konform mit den Ansichten der amerikanischen Juden geht, zeigen die Umfrageergebnisse zu diesem Themenbereich. 54 Prozent lehnen den Krieg gegen den Terrorismus und ebenso viele den Irak-Krieg ab. Und 42 Prozent glauben, dass durch die Politik von Bush der Terrorismus zugenommen hat, während 48 Prozent der Meinung sind, dass sich nichts verändert habe. Nur 9 Prozent sagen, er sei weniger geworden.

Für die im Irak-Krieg mit den USA alliierten Staaten haben die amerikanischen Juden dennoch die größten Sympathien, allen voran für Großbritannien und dann Italien, Spanien und Polen. Gleichwohl schätzen sie offenbar auch Russland, der EU und Südafrika sowie den mit Israel verbundenem Indien und der Türkei. Deutschland kommt noch leidlich weg, Frankreich aber liegt noch hinter Ägypten und Jordanien, wenn auch noch vor Saudi-Arabien, Syrien und dem Iran. Die Palästinenser schneiden am schlechtesten ab. Gefragt, welche Regierungen Israel am nächsten stehen, dominiert natürlich die US-Regierung, gefolgt von Großbritannien.

Die Haltung zum israelisch-palästinensischen Konflikt ist hingegen relativ eindeutig, was die Unterstützung der Interessen Israels betrifft. 58 Prozent denken, dass man einer Friedenslösung nicht näher gekommen ist, aber 37 Prozent sind pessimistischer als noch ein Jahr zuvor. Von den "Arabern" erwartet man nichts: 81 Prozent der Befragten glauben, dass es diesen nicht um die Rückerlangung der besetzten Gebiete, sondern eigentlich um die Vernichtung Israels geht (aber sie glauben mit überwältigender Mehrheit nicht, dass die Anschläge vom 11.9. etwas mit dem wirklichen Islam zu tun haben). Die meisten stehen prinzipiell hinter der jeweiligen israelischen Regierung, befürworten einen palästinensischen Staat, sind aber auch zumindest für einen teilweisen Rückzug aus den Siedlungen im Westjordanland. Nach der Mauer wurde nicht gefragt.

Selbst wenn die meisten eine führende Rolle der USA in der internationalen Politik fordern, sind sie ebenfalls der Meinung, dass die USA nicht alleine handeln sollten. Im Unterschied zur Praxis der Bush-Regierung sagen auch über zwei Drittel, dass Entscheidungen zusammen mit Europa gefällt werden sollten, selbst wenn sie starke Sorgen über den angeblich in Europa herrschenden Antisemitismus haben. (Florian Rötzer)

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