Die arktische Großmacht Dänemark

Thule Airbase. Bild: USAF

Grönland auf dem Weg zur Unabhängigkeit und der Streit um die Thule Airbase

Die Arktis ist wieder im Blick der Großmächte. Dort sind die Wege zum Feind besonders kurz. Dort könnten sich mit dem abschmelzenden Eis aber auch neue wirtschaftliche Möglichkeiten ergeben. Mittendrin: das nach Unabhängigkeit strebende Grönland.

Wenn ein Land mit 56 000 Einwohner seine Flughäfen für internationalen Tourismus ausbauen will, klingt das zunächst nicht nach einer geopolitisch wichtigen Angelegenheit. Es sei denn, es handelt sich um Grönland mit seiner für USA und NATO strategisch wichtigen Lage und Heimat der Thule Airbase, von der aus wieder besonders aufmerksam über das Dach der Welt zu den Raketenbasen in Russland gespäht wird.

Grönland hat aktuell zwei Flughäfen, die groß genug sind für Transatlantik-Maschinen: Kangerlussuaq, heute internationales Drehkreuz, und der schlechter ausgestattete in Narsarsuaq, Südgrönland. Beides sind ehemalige amerikanische Militärpisten aus dem zweiten Weltkrieg, dort angelegt, wo es günstig und strategisch sinnvoll war, nicht mit Blick auf die Bedürfnisse von Grönländern, Geschäftsleuten oder Touristen. Die wollen heute vor allem in die Hauptstadt Nuuk oder zum Eisfjord in Ilulissat, dem Welterbe. Dazu muss man bisher auf Island oder in Kangerlussuaq in kleinere Maschinen umsteigen.

Flugtransport spielt in Grönland eine extrem wichtige Rolle, da es zwischen den Orten nicht einmal Straßen gibt. Schiffe funktionieren nur so lange, wie das Eis sie durchlässt. Die Distanzen sind groß, und die alte Piste in Kangerlussuaq ist sanierungsbedürftig. So will sich Grönland künftig besser mit der Welt vernetzen: Die Regionalflughäfen in Nuuk und Ilulissat sollen zu internationalen Airports ausgebaut werden. In Südgrönland soll Qaqortoq eine regionale Startbahn bekommen. Kangerlussuaq und Narsarsuaq wären damit abgelöst, über ihr Schicksal wird noch diskutiert.

Diese Pläne kosten viel Geld, und sie lassen sich nicht allein mit einheimischen grönländischen Firmen umsetzen. Unter den Bewerbern ist der staatliche chinesische Baukonzern China Communications Construction Company Ltd. Da wurde man in Dänemark und in den USA aufmerksam. Denn chinesischen Firmen versuchen schon länger, auf der arktischen Insel Fuß zu fassen, beispielsweise beim Abbau von Bodenschätzen. Und als ein chinesisches Unternehmen vor zwei Jahren die stillgelegte dänische Militärbasis Grønnedal kaufen wollte, soll der dänische Ministerpräsident Lars Løkke Rasmussen persönlich eingeschritten sein und das verhindert haben. Die Basis wird inzwischen wieder vom dänischen Militär selbst genutzt.

Grönland ist seit 2009 weitgehend von Dänemark unabhängig. Das Land erhält einen festen finanziellen Zuschuss, der helfen soll, die staatlichen Aufgaben zu erfüllen. Noch sind nicht alle Aufgabengebiete auf die Insel überführt. Die Mehrheit der Bürger wünscht sich früher oder später komplette Eigenständigkeit, und es ist vor allem die Sorge um das Sozialsystem, die dem Drängen Zügel anlegt. Dem Bildungs- und Gesundheitssystem fehlen Fachkräfte, insbesondere in den kleinen, abgelegenen Orten. Der Klimawandel stellt Grönland vor weitere Herausforderungen: Traditionelle Jagd auf Eis ist immer seltener möglich, dafür wachsen in Südgrönland jetzt Kartoffeln. Es gab eine Zeit, da alle darauf setzten, dass die Bodenschätze Grönland wirtschaftlich unabhängig machen würden, doch aktuell sind erst zwei Minen regulär in Betrieb.

Dank Grönlands Lage ist Dänemark eine arktische Großmacht

Dänemark ist weiter zuständig für die außenpolitischen Kontakte und die Verteidigung der Grenzen. Die Landmasse Grönlands macht 98 Prozent des Staatsgebietes des Königreichs Dänemark aus. Dank Grönlands Lage ist Dänemark eine arktische Großmacht, die mit den USA und Russland (fast) auf Augenhöhe an einem Tisch sitzt.

Dänemark hat einen territorialen Anspruch für das Polargebiet bei der Kontinentalsockel-Kommission der UN eingereicht, der sich mit dem Russlands überlappt. Auf diesen Weg hatten sich die fünf Arktis- Anrainer 2008 beim von Dänemark angeregten Treffen im grönländischen Ilulissat geeinigt - nachdem Russland 2007 schon eine Flagge auf dem Meeresboden am Nordpol platziert hatte. Auch Kanada will einen Antrag für das Gebiet einreichen. So wollen sich die Staaten rechtzeitig den Zugang zu den Bodenschätzen sichern, die bei schrumpfendem Eis möglicherweise bald zugänglicher sind.

Wegen der Kosten gab es um die Flughafenpläne in Grönland eine heftige Diskussion. Diese änderte ihre Richtung, als der dänische Regierungschef Lars Løkke Rasmussen seinem grönländischen Kollegen Kim Kielsen Unterstützung anbot. Der dänische Staat wollte mit einem Drittel in die Flughafengesellschaft für Nuuk und Ilulissat einsteigen und darüber hinaus Kredite vermitteln und bürgen. Kielsen schlug ein (vorbehaltlich der Zustimmung des Parlaments) und sprengte damit seine Regierungskoalition. Denn die kleine Partii Naleraq wollte Unabhängigkeit von Dänemark so schnell wie möglich - und nicht dänischen Einfluss bei seinem wichtigsten Infrastrukturprojekt. Das Angebot aus Kopenhagen ist auch deshalb bemerkenswert, weil es das erste Mal seit 2009 ist, dass Dänemark sich über den Blockzuschuss hinaus finanziell in Grönland engagiert.

Der Flughafenpakt inklusive der finanziellen Beteiligung Dänemarks wurde im November im grönländischen Parlament beschlossen. Ein weiterer Finanzier wartet noch im Hintergrund: Auch die USA haben nämlich in einem "Statement of Intent" Unterstützung angeboten. Dort kann man sich vorstellen, den Ausbau eines internationalen Flughafens mit zu finanzieren, damit er dann auch für Militärmaschinen nutzbar ist. Kangerlussuaq, so kam in der Diskussion heraus, wurde nämlich 2016 von NATO-Flugzeugen ebenso häufig genutzt wie von zivilen Transatlantik-Maschinen, 278 Mal von der US- und 255 Mal von der dänischen Luftwaffe. Das entsprechende Abkommen bringt Geld in die Kasse. Konkrete Details zur Kofinanzierung eines neuen Flughafens sind aber noch nicht verabredet.

Vorbild Island

Wenn von Grönlands Streben nach Unabhängigkeit die Rede ist, kommt oft der Einwand, es gebe dort zu wenige Menschen, um die Grenzen des riesigen Landes zu schützen, wie es aktuell das arktische Kommando der dänischen Flotte tut. In den jüngst veröffentlichten außen- und sicherheitspolitischen Richtlinien betont Dänemark sein Engagement in der Arktis. Wen man dabei besonders im Auge behalten will, erklärt noch ausführlicher der neueste Bericht des militärischen Nachrichtendienstes (Forsvarets Efterrettningstjeneste): Russland mit seinen in die Arktis hineingeschobenen neuen Basen und China mit seinem steigenden Interesse an Grönland. Der Nachrichtendienst der Polizei (PET) hat im Dezember ein Ein-Mann-Büro in Nuuk eröffnet.

Nach Unabhängigkeit strebende Grönländer zitieren dann gerne das Beispiel Island: Island ist ebenfalls ein Inselstaat, der sich von Dänemark verabschiedet hat. Island betreibt zwar eine eigene Küstenwache und Seenotrettung, ist aber ein NATO-Mitglied ohne Armee. Die Insel liegt strategisch günstig an der GIUK-Lücke und war deshalb im Kalten Krieg sehr gefragt. Die NATO-Basis in Keflavik wurde zwar danach geschrumpft und 2006 aufgelöst, ein Teil wird nun zivil genutzt.

Doch in den alten Hangars gibt es neues Leben, es wird sogar wieder investiert, um sie den P8-Poseidon-Überwachungsflugzeugen anzupassen. Die Antwort auf eine Abgeordneten-Anfrage brachte vor kurzem zu Tage, dass das Gelände wieder praktisch täglich von der NATO genutzt wird, sei es zu Überwachungsflügen auf der Suche nach russischen U-Booten oder anderen Übungen. Der "unsinkbare Flugzeugträger Island" (Magnus Nordenman, Atlantic Council) ist wieder gefragt - und die Meinung der Isländer dazu durchaus gespalten.

Auch auf Grönland gibt es natürlich unterschiedliche politische Meinungen. So gibt es Stimmen, die in der Thule Airbase auch eine Gefahr für Grönland sehen, weil diese sie zum Ziel macht, insbesondere für Russland, dessen neue Basis Nagurskoye auf Franz-Josef-Land Grönland schon recht nah ist.

Thule Airbase zwischen amerikanischen, dänischen und grönländischen Interessen

Thule Airbase, für Grönländer Pituffik, ist aber auch ein Symbol für all das, was zwischen Dänemark, Grönland und den USA nicht gut läuft. Für die Einrichtung wurden 1953 103 Menschen innerhalb weniger Tage von Dänemark zwangsumgesiedelt. Damals wurde festgelegt, dass Dänemark/Grönland zumindest in Form von zivilen Arbeitsplätzen und Aufträgen davon profitieren sollte. Das funktionierte auch lange, doch 2014 verlor die Gesellschaft Greenland Contractors, an der auch die grönländische Regierung beteiligt war, in der Ausschreibung den Servicevertrag. Bei der Ursachensuche gab es ausreichend Munition für jene Fraktion, die Dänemark sowieso im Verdacht hat, die Interessen Grönlands außenpolitisch nicht ausreichend zu vertreten. Die Zugehörigkeit zur NATO wird aber mehrheitlich nicht in Frage gestellt und war im Koalitionsvertrag vom Mai 2018 explizit verankert.

Grönland ist für Dänemark das Faustpfand, das eine privilegierte Kooperation mit den USA sichert. Doch Dänemark hat auch schon die Grenzen zu spüren bekommen. Dass die USA sich nach dem 'Zweiten Weltkrieg wieder aus Grönland zurückziehen, stand gar nicht zur Debatte. Nachdem Dänemark Grönland nicht verkaufen wollte wie einst die Westindischen Inseln, kam es zu einem Verteidigungsabkommen und zur Einrichtung der Thule Airbase.

Mit Atomsprengköpfen bewaffnete Bomber in Thule und Aktionen wie das Projekt Iceworm widersprachen den Grundsätzen dänischer Politik und wurden möglichst geheim gehalten - verhindern konnte man sie nicht. Und es ist Dänemark, das nun auf Grönland die Beseitigung alten amerikanischen Militär-Mülls finanzieren wird, weil es völlig aussichtslos ist, dass der Verursacher dies tut. Das könnte einen folgenreichen Präzedenzfall schaffen.

Wie auch immer also die Unabhängigkeitsbestrebungen Grönlands weitergehen: Sie werden so schnell nicht allein Herr auf der Insel sein. (Andrea Seliger)

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