Die armen ausgebeuteten Arbeitenden

Die Politik und die Gesellschaft entdeckt die Ärmsten der Ärmsten der Ärmsten neu - aber nicht zu deren Gunsten

"Shared Economy" klingt freundlich und fast schon ein wenig kommunistisch, erinnert an das das Generöse, das Altruistische und die Möglichkeiten, einander zu helfen (auch wenn der Begriff "Economy" da ein wenig stört). Doch seit dem "Filesharing", dem Tauschen und Teilen von Daten, hat das "Sharen" für die meisten einen positiven Klang. Dabei wird unterschlagen, dass nicht nur zwischen materiellen und immateriellen Gütern unterschieden werden muss, sondern es auch notwendig ist, hinter Fassaden zu schauen, die Anbieter der Plattformen, die das "Teilen" möglich machen, zu betrachten und zu überlegen, inwiefern und in welchem Ausmaß er profitiert.

Zu Teil 1: Wenn einer ein paar Kilometer fährt …

Die Unterscheidung zwischen immateriellen und materiellen Gütern ist wichtig weil sonst (wie in einer aktuellen Werbung) ein "Satz" wie "Sein Essen mit der ganzen Welt teilen - normal" die Realität verzerrt. "Ich habe heute ein Essen mit meinem besten Freund geteilt", bedeutet heutzutage, in der Welt von Facebook und Co. (in der "Likes" - also Bewertungen - und die Weitergabe der "Informationen" über die Relevanz entscheiden), dass das Essen photographiert und dieses Photo dann online gestellt wurde.

Der Freund hat also keineswegs auch das Essen selbst probieren können. "Nehmt das Brot und teilt es mit den Armen", würde in der Welt von Facebook bedeuten, die Bilder des Brotes an Arme zu verteilen. Dies ist kein Angriff auf Facebook, sondern eher eine Verdeutlichung, wie sich der Begriff des "Teilens" verändert hat - ganz im Sinne des Verrats der Bilder von Magritte.

Unabhängig davon ist aber auch die Betrachtung des Plattformanbieters wichtig. "Shared Economy" ist ja (wie am Beispiel von Uber zu sehen ist) nicht selten auch Scheinselbständigkeit und Selbstausbeutung im neuen Gewand. Die Idee von Uber, dass auch Privatpersonen ihr Fahrzeug zum Transport von anderen anbieten können, dafür entlohnt werden und so alle davon einen Nutzen haben, dass sich die Flotte der für jegliche Fahrten zur Verfügung stehenden Autos vergrößert, ist an sich keine schlechte.

Bild: Uber

Wären versicherungs-, haftungs- und entlohnungsrechtliche Fragen geklärt, könnten sich sowohl Anbieter wie auch Nachfragende über diese Neuerung freuen - doch bisher läuft die Idee darauf hinaus, dass ein Unternehmen ggf. unter Missachtung bestehender Regelungen bzw. unter Ausnutzung von bestehenden Regulierungslücken profitiert. Die "Shared Economy" ist, wie es Sascha Lobo formuliert, kein Teilen, sondern der Kapitalismus, der den Plattformanbietern zugute kommt und für sie mehr Einnahmen bedeutet.

"Genau dort entscheidet sich, ob man die enormen Vorteile des Plattform-Kapitalismus und damit der Sharing-Ökonomie nutzbar macht - oder eine Dumpinghölle schafft, in der ausgebeutete Amateure nur dazu dienen, die Preise der Profis zu drücken", schreibt Lobo. "Die erste politische Maßnahme müsste daher sein, die digitalen Verflüssigungen zwischen Festanstellung, freiberuflichem Schaffen und Hobbyarbeit weder sozialistisch-gewerkschaftlich totzuregulieren noch thatcheresk-neoliberal allein in die Hände von Radikalkapitalisten zu legen."

Dabei lässt er leider außer Acht, dass sich auch Nichtamateure von den neuen Plattformen neue Einnahmequellen erhoffen - eine Hoffnung, die in Zeiten von Niedriglöhnen selbst bei Fachkräften von einer fast grenzenlosen Zumutbarkeit von Erwerbsarbeit für Arbeitssuchende und einem Mindestlohn, der durch Ausnahmeregelungen besticht, durchaus nachvollziehbar ist.

Bezeichnend ist, dass die Plattformenkritik nicht etwa die Frage der Entlohnung und (Selbst)ausbeutung an sich ins Zentrum von Diskussionen rückt, sondern oftmals eher anmutet, als sei man lediglich davon empört, dass Firmen neue Ideen haben, auf die man gesetzgeberisch nicht vorbereitet ist.

In Foren zeigt sich öfter noch eine weitere Form der Heuchelei. Zwar wird gegen Uber und Co. polemisiert, der arme Arbeitnehmer und die Ausbeutung durch die (US-amerikanischen) Heuschrecken beklagt, gleichermaßen wird jedoch das Hohelied der Erwerbstätigkeit als Voraussetzung für ein wie auch immer gestaltetes Existenzminimum gesungen, das Dogma "Nur wer arbeitet, soll auch essen (dürfen/können)" wiederholt, der Unterschied zwischen "Leistungs"-Träger und -Empfänger betont und der Graben zwischen denjenigen, die bereits finanziell und gesellschaftlich abgehängt sind, und jenen, die diese Entwicklung für sich befürchten (oder aber sicher sind, dies nie erleben zu müssen), verbreitert.

Dabei sind viele Menschen nicht einmal mehr ein Jahr vom Bezug von Arbeitslosengeld II entfernt, wie erst kürzlich wieder festgestellt wurde. Prekär beschäftigte Arbeitnehmer haben häufig schon beim Arbeitsverlust keinen Anspruch auf ALG I mehr und landen (wenn sie nicht sowieso schon ergänzendes ALG II erhalten haben) sofort nach der Entlassung in "Hartz IV". Das wird von vielen mit gesellschaftlicher Ächtung, finanziellem Ruin und Perspektivlosigkeit gleichgesetzt.

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