Die bessere Wirtschaftsphilosophie des Islam?

Der islamische Rechtsgelehrte und Publizist Jusuf al-Qaradawi erkennt im Zusammenbruch des kapitalistischen Systems die Klasse der von der Scharia geleiteten Prinzipien islamischer Finanzierungssysteme

Wie wenig sonst eignet sich dieser Tage die Finanzkrise mit ihren realwirtschaftlichen Rezessions-und Depressionsausläufern dazu, die westliche Dekadenz und die damit einhergehende moralische Verwahrlosung erneut grundlagenkritisch ins Visier zu nehmen. Wenn schon der Bekanntenkreis bei der Bewältigung der Krise, die im Alltag ja noch ziemlich virtuell ist und wirklich vor allem in Form von real empfundender Angst, immer wieder über westliche Gier und Selbstsucht reden will, über maßlose Selbstüberschätzung der Banker, die Entkoppelung narzistischer Individuen von gemeinschaftlichen Werten wie „Rechtschaffenheit, Verantwortung, Anstand, Bescheidenheit und Treue“ (Auszug aus einer Mail, die die Verantwortlichkeit für die Finanzkrise bei den 68ern wähnt), dann wundert man sich, dass es so lange gedauert hat, bis sich jene fundamentale Systemkritik am Westen zu Wort meldet, die von Lafontaine oder Schirrmacher nicht abgedeckt wird: die Kritik der islamischen Gelehrten.

Jusuf al-Qaradawi ist einer der prominentesten geistlichen Rechtsgelehrten der Sunniten. Hierzulande wurde der Publizist verschiedentlich durch dogmatische Positionen bekannt, die mit dem westlichen Menschenrechtsverständnis völlig unvereinbar sind, so etwa vertritt Qaradawi die Legitimität von Selbstmordanschlägen, die erlaubte Züchtigung von Frauen (siehe Falschfahrer der euro-islamischen Reformation) und die Erklärung der Homosexualität als Abartigkeit (siehe Islam und Homosexualität). Trotz solcher Positionen, die in steinalten Zeiten gründen, wird Qaradawi vielerorts nicht als fundamentaler Ideologie gehandelt, sondern als "moderater Modernisierer". Kürzlich hat sich Qaradawi, der sich bislang noch nicht als Finanzexperte hervorgetan hatte, mit einer Expertise zur Finanzkrise geäußert:

Der Zusammenbruch des kapitalistischen Systems, der sich auf Wucher und Papier-Buchungen gründet und nicht auf den Austausch von Waren, zeigt, dass sich die Wirtschaftsphilosophie des Islam bewährt.

Die moralisch und rechtlich verbindlichen Handlungsrichtlinien für die islamische Wirtschaftsethik stammen aus der Scharia, Ziel der islamischen Finanzsysteme soll sein „soziale und ökonomische (Verteilungs-)Gerechtigkeit und Solidarität“. Laut dem deutschsprachigen Online-Journal "Islamic Finance" wird „Geld nicht als selbst arbeitende Gewinnanlage betrachtet“, sondern als „Mittel zur Schaffung von Wohlstand für die Gesamtheit der muslimischen Gemeinschaft“. Man will demnach idealiter Handel und Unternehmertum fördern zum Wohl aller, Investitionen sollen nicht spekulativ, sondern produktiv sein. Die Kernelemente des Islamic Banking heißen:

[..] das allgemeine Zinsverbot (Riba), das Verbot der vertraglichen Unsicherheit und Spekulation (Gharar) und des Glücksspiels (Maysir, Quimar). Bei Investitionen sind soziale und ethische Ausschlusskriterien (Haram) zu beachten: Alkoholherstellung und -vertrieb, Prostitution und Pornografie sowie die Verarbeitung und der Handel mit Schweinefleisch.

Doch wie bewährt sich die „Wirtschaftsphilosophie des Islam“ (Qaradawi) nun tatsächlich in der Finanzkrise?

Ein Interview vom vergangenen Montag mit dem Blogbetreiber "Islamische-Finanzdienstleistungen", Alexander Hinz, über Islamic Finance und Finanzkrise, betont noch einmal wesentliche Unterschiedlichkeiten – z.B. „dass Banken, die mit scharia-konformen Finanzprodukten arbeiten in ihrer Produktgestaltung deutlich eingeschränkt sind“ oder „dass weder die Modelle zu islamischen Beteiligungsfinanzierungen noch die hier verwendeten Formen der Sachmittelkredite“ Risiken enthalten, die bei den Produkten der westlichen Banken für Schlagzeilen gesorgt haben, überzogene Spekulation und das Nichtverstehen der Kunden.

Konkrete Zahlen, Bilanzen, die von einem krisensicheren Kurs von Banken und Papieren künden, die dem Islamic Finance-System verbunden sind, werden nicht genannt. Auf die Frage, ob der Westen von Islamic Finance lernen kann, um Krisen wie die jetzige zu vermeiden, ob das islamische Finanzsystem zukunftsweisend sein könne, antwortet Hinz moderat:

[..] Islamic Finance wird auch in Zukunft eher ein "Nischenmarkt" bleiben. Neben den institutionellen Schwierigkeiten, wie die Gestaltung und Besetzung der Sharia-Boards, ist die Entwicklung scharia-konformer Finanzprodukte auch immer in regionale und nationale Bedingungen gebunden. Somit gibt es für Islamic-Finance-Produkte auch nicht eine Zielgruppe. Genau wie der Islam, sind die Muslime je nach Land und Region sehr verschieden. Gerade aber nach der aktuellen Finanzkrise werden sich die Produktentwickler in vielen Geldinstituten die Frage stellen müssen: Wie erlangen wir das verlorengegangene Vertrauen zurück? Hier könnten Islamic-Finance-Produkte eine Lösung sein. Dementsprechend wird es spannend sein, die Entwicklung der "Islamic Financial Services Industry" zu verfolgen.

Auch die Antworten von Islamic-Finance-Experten, die die französische Zeitung LeMonde heute präsentiert, unterstreichen zum einen das Nischige des Marktsegments - auch wenn ein IF-Finanzberater aus Brüssel, Mohammed Boulif, die Größe des globalen IF-Sektors mit 1000 Milliarden Dollar gegenüber Hinzes bescheidener Schätzung von 270 Milliarden angibt, bleibt der Sektor für ihn nur ein „Wassertropfen“ im Meer der Weltwirtschaft. Zum anderen wird auf die Komplexität der Weltwirtschaft und ihrer Geschäftsverbindungen hingewiesen, die gesonderte Betrachtungen erschwert, dazu kommt, dass einige der jetzt als unethischen und faul erkannten Geschäfte möglicherweise unter irreführenden Titeln liefen.

Zwar, so zitiert LeMonde einen Wissenschaftler von der Ecole de management de Strasbourg, sind islamische Banken nicht auf Subprimes ausgerichtet, aber da diese riskanten Kredite verbrieft und als Produkte in anderer Form auf den Finanzmärkten weiterverkauft wurden, sei es schwierig mit Genauigkeit zu sagen, wer hier investiert habe. Man müsse abwarten, welche Konsequenzen diese Krise auf das islamische Finanzierungssystem habe.

Da der IF in der vergangenen Zeit tolle Wachstumsraten zu verzeichnen hatte – von 10 % bis 15 % jährlich – sei man manches Mal auch zu schnell vorgegangen, so Boulif, und habe islamische Produkte geschaffen, die tatsächlich den konventionellen sehr ähnlich waren. Laut LeMonde haben geistliche Experten bereits reagiert und strengere Auflagen für die islamischen Finanzpapiere, genannt sukuk, gefordert und das entsprechende Kontrollorgan, die AAOIFI (Accounting and Auditing Organization for Islamic Financial Institutions) habe daraufhin die Bedingungen für die islamische Legitimität der Sukuks verschärft. (Thomas Pany)