Die deutsche Titanic

Historische Schmach im Land der Tataren: Deutschland ist Weltmeister - des Hochmuts und der Angst. Ein Land hat sein Wintermärchen

Noch immer das hölzern pedantische Volk, / noch immer ein rechter Winkel / In jeder Bewegung, und im Gesicht / Der eingefrorene Dünkel.

Heinrich Heine "Deutschland - Ein Wintermärchen

Soll man die Erzählung mit dem Aussehen anfangen? Mit den kurzgeschorenen, akkurat nach hinten gekämmten Haaren von Süle, Kimmich, Kroos, die bei manchen sofort den Gedanken "Nazifrisuren" aufkommen lassen, auch wenn sie bei Kroos noch mit Gel glattgeschmiert und gelegt sind. Oder mit den Tatoos?

"Tätowierungen sind die Verletzungen der Seele, die nach Außen ragen", hat C.G. Jung mal gesagt. Früher waren es primitive Naturvölker und die Sträflinge, die sich tätowiert haben - jetzt die Sportler, die modernen Gladiatoren. Stärke und Härte wird hier simuliert, aber man sieht die Kindergesichter in der kruppstahlharten Maskerade nur noch deutlicher. Bubis, Hipster, kaum Männer.

Hummels wirkt am ehesten noch normal, anderen möchte man lieber nicht im Dunkeln begegnen, die Draxlers, Werners und Brandts sind Kinder, und selbst Neuer, zweifellos ein gottbegnadeter Fußballer, aber angeblich auch Kapitän und "Führungsspieler" dieser National-Mannschaft, wirkt wie einer, der Klassen übersprungen hat und jetzt Abi macht.

Kroos ist da eine wohltuende Ausnahme. Er steht zwischen den Alten und den Jungen, er ist wie Müller, schon erfahren, aber immer noch nicht am Zenit angekommen.

Und die Erwachsenen unter ihnen, Khedira und Gomez z.B., sind alle so seltsam zurückgenommen. Sie reden wie die Mannschaft spielt: Zart, leise, tastend, wenn man es freundlich sagen will; müde, blutleer, vollkommen uninspiriert, wäre präziser. Immer fehlt irgendwas. Eine große, zumindest erkennbare Emotion und sei es Verzweiflung, Wut, Zorn. Aber kein Zug, kein Ruck ging durch ihre Sätze und schon gar nicht durch ihr Spiel auf dem Rasen.

Die Mannschaft der Hipster war ausgelaugt, müde, fertig. Das lag auch an einer kräftezehrenden Saison - weil diese aber auch Spieler anderer Mannschaften hinter sich hatten, muss man sagen: Es lag noch mehr an dem fehlenden Funken, an einer Art Blindheit für das Nächstliegende.

Man muss aus Liebe zum Sieg spielen und nicht aus Angst zu verlieren.

Juan Carlos Osorio, der kolumbianische Nationaltrainer von Mexiko

Es war eine ratlose Vorstellung von Anfang an, aber zugleich war man sich nie sicher, ob eben dies der Mannschaft überhaupt bewusst war. Kein Einfall, kein Plan B. Noch schlimmer aber: Kein taktisches Geschick; kein Vermögen, umzustellen und sich etwas einfallen zu lassen. Und keinen, der auf dem Platz auch nur versuchte, die Initiative zu ergreifen.

Es gab in dieser deutschen Nationalmannschaft nicht nur keine erkennbare Kommunikation zwischen den Spielern, es gab vor allem keine "Achse", wie Olli Kahn das nannte. Es gab keine erkennbaren Kommandeure und keine Struktur, sondern nur elf Individualisten auf dem Platz, von denen jeder sein Ding machte. Zusammengewürfelt, aber nicht nach dem Leistungsprinzip, sondern nach den schrägen Vorlieben eines Trainers, dem seit acht Jahren keiner mehr widersprochen hat, denn der Mann hatte ja Erfolg.

Natürlich denkt man dann bei diesen maulfaulen Spielern, die keinen Satz geradeaus sagen können und immer irgendeinen Kopfhörer im Ohr und ein Daddelding in der Hand haben, an viele viele bunte Smarties. Und die miserable Kommunikation hat auch etwas mit der Smartphone-Generation zu tun. Aber zumindest während einer WM sollten sich manche in Zukunft vielleicht doch weniger um ihren Instagram-Account kümmern.

Oder beginnen wir mit dem Ort? Wo liegt eigentlich Kazan? An der Wolga, aber weit weg von Stalingrad, bis hierhin hat es die Heeresgruppe Mitte nicht geschafft. In Tataristan, bei den Tataren also, ging die deutsche Nationalmannschaft unter. Und nun ist "das Unvorstellbare", wie Bela Rethy in der Stimme eines Vaters der Nation formulierte, eingetreten: Deutschland ist erstmals in einer WM-Vorrunde ausgeschieden. Und das auch noch gegen richtig Fremde, gegen Asiaten und wieselflinke Mexikaner, nicht gegen blonde nordische Schweden. Ein weiterer Grund zur Angst vor dem Fremden.

Was hat diese Pleite mit dem Land zu tun, als dessen Repräsentant die Nationalmannschaft nach Russland gekommen war? Mit Steuergeldern alimentiert, das wollen wir nicht komplett vergessen.

Eine ganze Menge. Denn diese Nationalmannschaft, ihr Spielstil und ihr sportliches Abschneiden, ihre öffentlichen Auftritte und die entsprechenden Nebengeräusche, spiegeln perfekt sehr vieles von dem, was gerade in Deutschland los ist: Die Angst vor Fehlern, die rätselhafte Apathie, mit der noch die schlimmsten Dinge so hingenommen werden. Das Schönreden mehr als mäßiger Leistungen und die Aggression gegen all jene, die das Schönredespiel nicht mitmachen.

Die Unfähigkeit zu streiten. Der Unwille zu streiten und Widerspruch zu ertragen. Die Unfähigkeit zur gelassenen Selbstkritik, zur öffentlichen Auseinandersetzung und öffentlichen intellektuellen Analyse eigener Fehler.

Wo doch Kritik aufkommt und unüberhörbar wird, setzt es Medienschelte und rabiate Wagenburg-Mentalität - man erinnert sich an die "pressefreien Tage" und die unverhohlene Aggression, mit der angebliche Führungs-Spieler wie Toni Kroos nach dem Schweden-Sieg trotzig davon redeten, "manche zuhause" hätten wohl auf ein Ausscheiden gehofft.

Dabei wissen die verwöhnten Kicker gar nicht, das den deutschen Medien - wie dem Fußball die Konsequenz - auch die Härte der journalistischen Kritik fehlt. Nur ein Blick darauf, wie Argentinien mit schwachen Leistungen der "Albiceleste" umgeht: Eine Schweigeminute im Fernsehen, live. Das sollte man den Dauerquasslern unserer Sender mal sagen.

All solche Phänomene bündeln sich zu einer großen Lähmung und Müdigkeit, die sich wie Mehltau über die Mannschaft legt - wie über das Land. Arroganz und Hybris ist dessen eine Seite, die andere heißt Unsicherheit und Angst.

Gereiztheit und Arroganz, ein unflexibles Festhalten an alten Mustern, eine Unfähigkeit zur Erneuerung und dem Neuerfinden und die Lust an der Medienschelte, eine generelle Müdigkeit scheinen jedenfalls die Regierung, die Nationalmannschaft - das deutsche Kino übrigens auch - und eben die ganze Republik erfasst zu haben.

Deutschland war Weltmeister, Exportweltmeister, Lehrmeister Europas. Wenn es das bleiben will, dann muss es alles verändern. Und wenn es nichts verändern will, dann wird es das nicht bleiben.

Wie die Mannschaft tritt aber auch die Regierung des Landes erkennbar unabgestimmt auf, ohne Matchplan und ohne die Fähigkeit, einen Plan B zu entwickeln, falls das Spiel nicht läuft. Und ohne die Fähigkeit zum direkten Spiel nach vorn. Es gibt keine erkennbare Kommunikation innerhalb der Mannschaft.

"Eine gewisse Selbstherrlichkeit" hatte Jogi Löw immerhin nach dem Ausscheiden, zu spät, benannt. In der Welt analysierte ein Experte für emotionale Intelligenz Löws Mimik im Match gegen Schweden: "Während des kompletten Spiels zeigte der Bundestrainer körpersprachlich eine Vielzahl von Stresssignalen", ist zu lesen.

Der Stress ist die Angst vor dem Scheitern, dem Absturz, die Angst, nicht mehr Weltmeister zu sein. Analog dazu muss die Bundesregierung fürchten, am kommenden Montag auseinandergebrochen zu sein. Der deutsche Fußball spiegelt diese Lage des Landes. Grundlose Angst, die Eigendynamik entfaltet, ruhiges Denken und Analysieren verhindert und funktionierende Organisationen zerstört. Instinktiv hat das Volk reagiert: Kein "Schland"-Taumel mehr, keine Fähnchen an Autos, außer vielleicht bei Zehlendorfern. Aus dem Teamgeist ist das Gespenst des Rechtsrucks geworden.

Notwendig kommt es auch zum persönlichen Vergleich zwischen dem Chef der Nationalmannschaft und der Chefin der Nation: Angela Merkel, die kurz vor dem "Sommermärchen" 2006 Kanzlerin wurde, befindet sich in einer der schwersten Krisen ihrer Amtszeit, und genau in diesem Moment spielt die DFB-Elf, als hätte Horst Seehofer ihr ein Ultimatum gestellt und würde im Misserfolgsfall mit Abweisung an der Grenze drohen.

Jogi Löw und Angela Merkel sind sich auch persönlich erstaunlich ähnlich. In ihren Ämtern eher Überraschungen abgeneigt halten sie sich zäh, erfolgreich und daher überaus lang: Im Ton nie aufgeregt, sind sie in der Sache eisenhart und brutal. Sie tragen gern provozierende Gelassenheit zur Schau.

Ihre Sätze vor der Weltpresse ähneln sich zum Verwechseln: "Wir schaffen das" von Merkel heißt bei Löw "Wir werden das schaffen". Merkels "Ich sehe nicht, was wir anders machen sollten" heißt bei Löw: "Nein, einen Plan über den Haufen schmeißen, das machen wir schon gar nicht. Wir werden nicht von unserem Weg abgehen."

Vielleicht jetzt aber doch. "Die DNA ist entschlüsselt", sagte Olli Kahn im ZDF. Die deutsche Taktik sei nicht flexibel genug, sondern "leicht auszurechnen". Aber um was für eine DNA handelt es sich genau? Ist es womöglich das Bayern-Gen, das hier für den Misserfolg verantwortlich ist? In der derzeitigen Nationalmannschaft gibt es jedenfalls ein obszönes Bayern-Übergewicht.

Aber es sind alternde Stars, müde und satt: Thomas Müller, Mats Hummels, Jerome Boateng, Manuel Neuer, Toni Kroos noch am wenigsten. Die deutsche Elf ist gegen Mexiko so aufgetreten wie der FC Bayern vor dem Halbfinale gegen Madrid und gegen Südkorea wie die Bayern beim Pokalfinale gegen Frankfurt.

Das Bayern-Gen zeigt sich äußerlich vor allem an der diffusen Ratlosigkeit aller Seiten, der Unfähigkeit, überhaupt fassen zu können, dass man wieder nicht gewonnen hatte, obwohl man auf Siege und Titel doch ein gottgegebenes Recht zu haben scheint. Das Bayern-Gen ist ein Arroganz-Gen. Bei der Nationalmannschaft ist es die Arroganz des "wenn es losgeht, dann sind wir da".

Es gibt zu viele Spieler des FC Bayern in der DFB-Mannschaft. Nicht weil einer von ihnen schlecht wäre, "an sich" schlecht. Aber weil auch keiner von ihnen in der Lage ist, über sich hinauszuwachsen. Weil keiner von ihnen zurzeit das Charisma des Sieges, des absoluten Glaubens an den Erfolg in sich trägt. Nicht mehr. Zu schlecht und zu vielfältig schlecht und zu wiederholt schlecht waren die Erfahrungen der letzten Jahre gewesen. Nicht nur die letzte Saison.

Misserfolge in der Championsleague, das Desaster im Pokalfinale - alles das hat sich in die Glieder und Gesichter und vor allem in die Gemüter einiger Spieler eingeschrieben. Sie sind nicht schlecht. Aber sie sind auch nicht so gut, wie sie sein könnten, und das spüren sie. Sie selbst vor allem.

Das Bayern-Gen ist zum Zweifel- und Verlierer-Gen geworden. Sie ahnten schon früh, dass es nicht klappen wird, sie glauben nicht unumstößlich an sich. Das Bayern-Gen ist zurzeit ein Loser-Gen.

Wir werden uns nicht mit Platz zwei zufrieden geben!

Markus Söder, bayerischer Ministerpräsident

Das Bayern-Gen ist aber auch ein Rabauken-Gen. Denn wie viel CSU steckt im FC Bayern und damit in der deutschen Nationalmannschaft? Die CSU ist derzeit ähnlich wie die deutsche Mannschaft von Unsicherheit beherrscht. Die CSU scheint darauf mit Aggression zu reagieren, die DFB-Elf bisher nur mit Medien-Boykott.

Aber im jetzigen Showdown zwischen CSU und Kanzlerin kann man auch erkennen, dass sich Bayern asozial benimmt. Bayern will siegen auf Kosten des übrigen Landes. "Make Bayern great again" - da sitzt ein weißblauer Mini-Trump in der Münchner Staatskanzlei, der die Denkfaulen, Überforderten und Abgehängten hinter sich versammeln will und dafür glaubt, Merkel zur Strecke bringen zu müssen statt Gauland.

Von Blindheit für das Nächstliegende war oben die Rede. Wie blind ist Merkel? Vielleicht wäre das Nächstliegende, ihrerseits ein Ultimatum zu stellen: Ein öffentlicher Kotau Seehofers oder die Partnerschaft mit der CSU ist beendet.

Etwas mehr Führung, etwas weniger flache Hierarchien, etwas weniger "Mutti" und dafür gelegentlich eine Blutgrätsche könnten Politik wie Fußball nur nutzen - gerade wenn man nicht in die Steinzeit zurückwill. Beweglichkeit, die Fähigkeit auch eigenes Verhalten zu verändern, ist in Politik wie Fußball das Gebot der Stunde. Nur dann gibt es keine Rückkehr zum unsäglichen Rumpelfußball und seinen politischen Repräsentanten, zur Union der Dreggers und Zimmermanns.

Wer mit der berechtigten Kritik an Löw und einigen Spielern jetzt aber das ganze Spielsystem abschaffen will und zurück zu den Effenbergs und Baslers möchte, sollte sich daran erinnern, was sie in der Nationalmannschaft erreicht haben: Nichts.

Darum noch eine abschließende Bemerkung zum Fußball: Es ist kein Zufall, dass parallel zum Verfall der Nationalmannschaft auch die Bundesliga langweiliger geworden ist und international an Bedeutung verloren hat. 2010 bis 2014 war geprägt vom Zweikampf zwischen Bayern München und Borussia Dortmund, einem Duell auf Augenhöhe, von zwei Championsleague-Finalteilnahmen und einem CL-Titel.

Die Jahre von 2014 bis 2018 sind geprägt von Langeweile in der Liga, mit einem zu dominanten FC Bayern und keiner einzigen CL-Finalteilnahme. Auch die allgemeine Rolle der Bundesliga bei der Fußball-WM wird immer kleiner: Die Anzahl der Profis aus den deutschen Spitzenligen sinkt 2018 im Vergleich zu 2014 deutlich. 67 Spieler deutscher Vereine sind diesmal nominiert, vor vier Jahren waren es 77, 2010 in Südafrika sogar noch 84 Spieler.

Darum sollten sich alle, die den deutschen Fußball lieben, über das frühe Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft freuen. Denn nur wenn sich etwas ändern muss, ändert sich wirklich etwas. "Eisberg voraus!!"

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