Die drei Gesichter des Mario Bava (Teil 1)

Ein Buch, viele Filme und die Bundesprüfstelle

Mario Bava, der Lehrmeister von Quentin Tarantino und Tim Burton, ist einer der großen Regisseure des europäischen Kinos. In einem der schönsten und umfangreichsten Filmbücher aller Zeiten kann man jetzt nachlesen, warum das mehr ist als nur das Wunschdenken seiner Fans.

Das Buch war schon legendär, noch ehe es erschienen war: Mario Bava – All the Colors of the Dark. Ein Coffeetable Book, ein Fanbuch und ein filmhistorisches Standardwerk, alles in einem. Das Filmbuch des Jahres 2007. Minutiös recherchiert, mit Informationen aus über 100 Interviews. 1128 Seiten, durchgängig illustriert. 30,1 cm hoch, 27,6 cm breit, 6,7 cm dick, 5,45 kg schwer. Einziger Kritikpunkt: Es ist so groß und schwer, dass man es im Bett nicht lesen kann. Teuer ist es leider auch (für Europäer: $ 290 inklusive Porto), aber Qualität hat eben ihren Preis. Der Autor: Tim Lucas.

Zum Buch gibt es das informative, immer wieder sehr anrührende Blog. Man kann sehen, wie Tim und seine Frau Donna (für die Herstellung verantwortlich) das Buch endlich, nach vielen Jahren Arbeit, in Empfang nehmen dürfen (Riccardo Fredas Vorwort ist von 1984). Lamberto Bava, Marios Sohn (und ebenfalls Regisseur), hat einen Brief geschickt und ein Photo von sich, seiner Familie und dem Bava-Buch. Es gibt eine Bava-Weihnachtskarte. Bava-Fans jeden Alters haben sich im Büro, im Arbeitszimmer oder vor einem Kino mit dem Bava-Buch photographieren lassen. Einer hat sich als Mario Bava verkleidet, ein anderer hat das Buch zusammen mit seiner Tochter photographiert, die 2007 geboren wurde. Das müssen verblendete Menschen sein. Offenbar haben sie keine Ahnung, wen sie da verehren. Das wissen nur wir. Denn nur wir haben eine Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien. (Dazu später mehr.)

Lucas ist der Gründer der auf Kult- und Horrorfilme spezialisierten Zeitschrift Video Watchdog, die es sich zum Ziel gemacht hat, den Konsumenten darüber aufzuklären, was er wirklich kriegt, wenn er eine Videokassette, eine DVD oder mittlerweile eine Blu-ray kauft. Der Watchdog nennt sich selbst „The Perfectionist’s Guide to Fantastic Video“, und damit dürfte einer der Gründe genannt sein, warum es so lange gedauert hat, bis All the Colors of the Dark fertig war. Lucas begann 1972 mit der Recherche zu dem Buch, und während die Jahre vergingen, mehrte sich die Zahl der Lästerer, die spöttelten, dass der Autor sein Werk nie vollenden werde, weil sich immer noch ein Starlet finden würde, das zu einem Kurzauftritt in einem der Bava-Filme befragt werden müsse.

Eine Familie von Filmemachern

Mario Bavas Vater Eugenio war Bildhauer, Maler, Kameramann und der Vater der Spezialeffekte im italienischen Kino. Er war für viele der technischen Innovationen in Quo Vadis? (1913) verantwortlich, durch die Italien zum bedeutenden Filmland wurde, und er schuf den heute noch beeindruckenden Vulkanausbruch in Cabiria (1914), den Eugen Schüfftan bei der Vorbereitung auf Metropolis studierte. Eugenio Bava war der geheime Ideengeber hinter einigen der optischen Effekte, die später zum Ruhm des deutschen Stummfilms beitrugen. In Operazione paura, einem der Meisterwerke des phantastischen Films, erlaubt sich Mario Bava eine kleine Spitze, indem er enthüllt, dass die Heldin nicht wirklich die Tochter eines Herrn Schüfftan ist, für die sie sich bisher gehalten hat (so wie Eugenio Bava für sich in Anspruch nehmen konnte, der wahre Vater des „Schüfftan-Effekts“ zu sein).

Von Eugenio lernte Mario sein Handwerk. Er arbeitete als Kameramann für Roberto Rossellini, G.W. Pabst und viele andere, und weil der Workaholic oft ohne Namensnennung tätig war, ist seine Filmographie höchst lückenhaft; auch dank der Bemühungen von Tim Lucas wird sie allerdings immer länger. Mario Bava scheint ein äußerst hilfsbereiter und bescheidener, nicht sonderlich ehrgeiziger Mensch gewesen zu sein; ein leidenschaftlicher Filmemacher, der nie im Rampenlicht stehen wollte. Er lief zur Hochform auf, wenn kostenlose Spezialeffekte ausgetüftelt werden mussten, weil der Regisseur das Budget aufgebraucht hatte, oder wenn schnell und möglichst billig ein Film gerettet werden musste, den andere in den Sand gesetzt hatten. Bava wurde zu einer treibenden Kraft bei der Wiederbelebung des Sandalenfilms, weil er die meisten der nach wie vor sehenswerten Sequenzen in Die unglaublichen Abenteuer des Herakles (1957) inszenierte, während der Regisseur mit den Stars posierte und noch größere Teile von Herkules und die Königin der Amazonen (1958) in Szene setzte, während der Regisseur Siesta hielt. Und Mario Bava inszenierte die Schlacht von Marathon im gleichnamigen Film neu - mit 40 Statisten, in etwas mehr als einer Woche und fast umsonst-, weil in der bereits abgedrehten Schlacht die Streitwagenfahrer Zigaretten rauchten und die Krieger die Sandalen über ihren Stiefeln trugen.

Der Maestro des Makabren

In den 1920ern hatte Mussolini alle Leinwand-Ungeheuer generell verboten, und seit dem verschollenen Il mostro di Frankenstein (1920) war in Italien kein Horrorfilm mehr gedreht worden. Anfang der 1950er durften erstmals die alten Universal-Klassiker Dracula und Frankenstein gezeigt werden - in stark gekürzten Fassungen. Bava und seinen Freund, den Regisseur Riccardo Freda, brachte das auf die Idee, das in Italien ausgestorbene Genre wiederzubeleben. Statt amerikanische Vorbilder zu plündern, wollten die beiden Freunde an eine europäische Filmtradition anknüpfen, die der Franzose Louis Feuillade mit Fantômas (1913) und Les Vampires (1915) begründet und Fritz Lang in Deutschland fortgeführt hatte. Schon der Titel ihres Werks enthält eine Hommage an Feuillade: I Vampiri.

Richtige Vampire gibt es in I Vampiri so wenig wie in Feuillades Les Vampires. Ein Wissenschaftler schenkt einer Verwandten der Gräfin Bathory die ewige Jugend, wofür einige Jungfrauen ihr Blut geben müssen. Dieses Blut ist nie zu sehen, gestorben wird im Off, zur Sicherheit wurde das Ganze nach Paris verlegt (einem Film konnte die Exportgenehmigung verweigert werden, wenn er dem Ruf Italiens im Ausland schadete), und geküsst wird auch nicht, weil das als unmoralisch galt. Freda fand Geldgeber, weil er versprach, den Film in 12 Tagen drehen zu können. Als er nach zehn Tagen erst die Hälfte geschafft hatte und die Produzenten eine Verlängerung der Drehzeit verweigerten, ging er verärgert nach Hause. Bava musste das bisher Gedrehte so zu einer gestrafften Version der Geschichte kombinieren, dass sich in den verbleibenden zwei Tagen ein kompletter Film daraus machen ließ. Das ist ihm erstaunlich gut gelungen.

Für Bava war I Vampiri eine prägende Erfahrung. Wenn es möglich war, unter solchen Umständen einen qualitativ anspruchsvollen Film herzustellen, musste man sich nicht sklavisch an ein Drehbuch halten. Auch die Dialoge konnte man nachträglich ändern. Da im italienischen Kino kaum mit Direktton gearbeitet wurde, musste später ohnehin nachsynchronisiert werden. Das ließ viel Raum für Improvisation, und der intuitiv arbeitende Bava liebte es, einer spontanen Eingebung zu folgen. Wenn man den realistischen, auf stringente Charakterentwicklung setzenden Film mag, kann man an seinem Verfahren viel bemängeln. Aber sein Kino ist eines der visuellen Intensität, ein enthusiastisches Erkunden der Möglichkeiten der Kinematographie – nicht das abgefilmte Theater, das oft zur wahren Filmkunst erklärt wird, weil es besser zum Kulturbegriff des Bildungsbürgertums passt.

In einer der eindrucksvollsten Szenen von I Vampiri sieht man in einer Totalen die gebrechliche Herzogin, wie sie mühsam durch die große Halle ihres Schlosses geht, flankiert von Säulen, an denen weiße, leinwandgleiche Vorhänge flattern wie Geister im Wind. Diese lange Einstellung hat keine narrative Funktion. Kritiker könnten sagen, dass sie nur eingefügt wurde, um auf mehr Laufzeit zu kommen. Und doch erschließt sich von hier aus der gesamte Film. „Dieser eine Moment“, schreibt Tim Lucas, „mit seinem Akzent auf der Atmosphäre gegenüber dem Inhalt, auf der Umgebung gegenüber dem menschlichen Element, bleibt ein herausragendes Beispiel für das, was am italienischen Horrorfilm am besten ist.“ Bei I Vampiri kommt noch ein typisches Bava-Element hinzu: die Übermächtigung der Gegenwart durch eine sinistre und verdrängte Vergangenheit. Zehn Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war das hochaktuell. Man sollte nicht glauben, dass Bava ein unpolitischer Regisseur war, nur weil er Horror- und Kostümfilme gedreht hat.

In Caltiki il mostro immortale (1959) erforscht ein britischer Archäologe den Untergang der Maya, und weil der Film stark von The Quatermass Xperiment der Firma Hammer inspiriert ist, steckt ein schwammartiges Ungeheuer dahinter, das durch Radioaktivität aus seinem Tiefschlaf erwacht, riesengroß wird und schließlich Mexico City bedroht. Diesmal war Freda wütend darüber, wie sein Freund von anderen Regisseuren ausgebeutet wurde. Deshalb ging er bei Caltiki schon nach zwei Tagen (und nachdem er fast das ganze Budget aufgebraucht hatte) nach Hause, um Mario auf den Regiestuhl zu locken. Der schaffte es wieder, den Film zu beenden, und er brachte sogar noch einige der für ihn typischen selbstreflexiven Elemente unter, die nie aufdringlich sind, weil er stets eine elegante visuelle Entsprechung für seine Gedanken zum Kino findet. Es lohnt sich, daran zu denken, wenn man die Filme sieht.