Die dunkle Seite des Wirtschaftsnobelpreisträgers

Grafik: TP

Richard Thaler befürwortet eine Bargeldabschaffung

Streng genommen gibt es keinen Wirtschaftsnobelpreis. Dass trotzdem alle Welt davon spricht, liegt daran, dass die Schwedische Reichsbank sich mit einem eigenen "Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften" als Trittbrettfahrer an die Nobelpreisbekanntgaben- und verleihungen angehängt hat.

Dieses Jahr hat sich ihre Jury für den Amerikaner Richard Thaler entschieden. Der befasste sich damit, warum ökonomische Theorien in der Praxis oft nicht so funktionieren, wie sie der Vorstellung ihrer Schöpfer nach sollten - und kam dabei zum Ergebnis, dass es den reinen "Homo oeconomicus", wie ihn sich vergangene Generationen von Wirtschaftswissenschaftlern vorstellten, in der Realität nur sehr eingeschränkt gibt. Verhalten wird nämlich nicht nur von Gewinn- und Verlusterwartungen, sondern auch von Emotionen und kulturellen Faktoren gesteuert.

Bekannt wurde Thaler aber vor allem als Vater des Konzepts eines "Libertären Paternalismus", das man auch unter dem Begriff "Nudging" kennt. "To nudge" heißt auf deutsch "anstoßen". Anstoßen soll dem Konzept nach der Staat in Bereichen, in denen der Bürger dazu tendiert, sich "irrational" zu verhalten und in denen solche Entscheidungen nicht nur negative Auswirkungen auf den Einzelnen, sondern auch auf die Gemeinschaft haben - zum Beispiel bei der Altersvorsorge oder bei Organspenden.

"Erster Schritt in eine bargeldlose Gesellschaft"

Dem Welt-Autor Olaf Gersemann nach erging es dem Konzept des Libertären Paternalismus in der Realität ähnlich wie den Konzepten älterer Ökonomen, deren Scheitern Thaler untersuchte. Es blieb "hinter den Hoffnungen zurück". Das lag auch daran, dass es kein "Allheilmittel" sein kann, wie die deutsche Philosphin Lisa Herzog 2014 Telepolis erklärte: "Wenn jemand zum Beispiel insgesamt zu wenig verdient, um sinnvoll fürs Alter vorzusorgen, hilft auch ein Opt-Out-System nicht" (vgl. Wie könnte ein zeitgemäßer Liberalismus aussehen?).

Zudem lässt sich durchaus darüber streiten, wann und wo "Nudging" angebracht ist - und wann und wo nicht. Der Wikileaks-Gründer Julian Assange machte gestern darauf aufmerksam, dass Thaler auch Maßnahmen in einem Bereich befürwortet, in dem es eine Diskrepanz zwischen Politikerzielen und Bürgerwillen gibt: Als der indische Premierminister Narendra Modi im letzten Jahr 500- und 1000-Rupien-Scheine für ungültig erklärte (vgl. Indien: Es trifft weiter die kleinen Fische), twitterte der Wirtschaftspreisträger, das sei "eine Politik, die er seit langem unterstützt" - ein "erster Schritt in eine bargeldlose Gesellschaft" und ein "guter Anfang, um Korruption zu verringern".

Rationale Beliebtheit von Bargeld

Opfer eines Verbots größerer Scheine und Bargeldgeschäfte wären jedoch gerade Bezieher geringer Einkommen, die zum Beispiel Bargeld horten, um eine Notreserve jenseits der Hartz-IV- und Pflege-Freibeträgen zu haben, weil nicht nur Finanzämter und Gerichte, sondern auch Sozialbehörden (die im Regelfall keine Millionenverstecker, sondern eher kleine Fische an der Angel haben) in privaten Bankkonten schnüffeln dürfen.

Für schlecht wirtschaftende Regierungen hätte eine Volldigitalisierung von Geld dagegen den Vorteil, dass sie damit recht einfach ihre Staatsschulden verringern können, indem sie Sparer (die dann nur mehr sehr schwer ausweichen können) mittels Negativzinsen enteignen (vgl. Bargeldverbot würde zu mehr Kontrolle und Enteignung führen).

Die Beliebtheit von Bargeld bei Bürgern ist deshalb keineswegs irrational, auch wenn Politiker und andere Eliten häufig versuchen, sie als irrational darzustellen. Bislang jedoch mit begrenztem Erfolg, wie die im Juli bekannt gewordenen Ergebnisse einer öffentlichen Konsultation der EU-Kommission zu überregionalen Barzahlungsobergrenzen zeigten.

Bei dieser Konsultation sprachen sich bemerkenswerte 95 Prozent der Teilnehmer gegen Barzahlungsobergrenzen auf EU-Ebene aus. Und auf die Frage, welche Vorteile sie für sich selbst in so einer Einschränkung sehen würden, antworteten 99,18 Prozent (anscheinend in Ermangelung der Option "keine") gar nicht. Als größte Sorge bezüglich Bargeldeinschränkungen nannten die Teilnehmer die negativen Auswirkungen auf Anonymität und Privatsphäre (vgl. Visa bietet Gaststätten Geld, wenn sie kein Bargeld mehr nehmen). (Peter Mühlbauer)