"Die dunkle Seite einer von allen Reglementierungen befreiten Ökonomie"

Interview mit Benjamin Moldenhauer über die gesellschaftliche und sexuelle Grundierung des modernen Horrorfilms

Benjamin Moldenhauer organisierte 2006 den Horrorfilmkongress "On Rules and Monsters", dessen Beiträge unlängst in Buchform erschienen sind. Darin wird das Genre als eine Art „Trainingslager für die Psyche“ begriffen, insofern hier menschliche Handlungsweisen in Extremsituationen untersucht werden, worin sich die Menschen individuell gesellschaftlich längst Verdrängtem stellen müssen.

In der Öffentlichkeit wird der Horrorfilm oft stereotypisierend als gewaltverherrlichend und politisch reaktionär denunziert. Dem stehen andere Auffassungen konträr entgegen. Können sie ihre Ansicht über das Horrorgenre kurz erläutern und gegebenenfalls die progressiven Momente des Horrorfilms benennen?

Benjamin Moldenhauer: Mit den Begriffen „progressiv“ und „reaktionär“ kann ich wenn es um Popkultur oder überhaupt um Kunst geht nicht mehr viel anfangen. Horrorfilme sind weder progressiv noch reaktionär, aber sie bieten Möglichkeiten, die andere so Genres nicht bieten. Was Eltern, Lehrer und Medienpädagogen oft nur angstvoll als Hunger nach Grausamkeit wahrnehmen ist, glaube ich, in Wirklichkeit ein Hang zur Direktheit, wie Alexander Kluge das nennt. Ein gelungener moderner Horrorfilm inszeniert drastische, affektgeladene Bilder und erzählt von Gewalt, von psychischen und physischen Versehrungen. Gewalterfahrungen muss vermutlich jeder Mensch früher oder später in mehr oder weniger heftiger Form machen. Wirklich darüber sprechen tun die wenigsten. Gute Horrorfilme bieten also die Möglichkeit sich in einem geschützten Raum aus der Welt der Konventionen und Höflichkeiten in eine inszenierte Welt zu begeben, die verspricht, dass hier die Geheimnisse an die Oberfläche kommen, die Gewalt sichtbar wird. Ein Filmtitel wie „The Texas Chainsaw Massacre“ ist also auch als Versprechen zu verstehen.

Ist der Horror nicht stets ein “natürliches“ Gewaltverhältnis, welches sich letztendlich immer als ein gesellschaftlicher entpuppt, also der Horrorfilm eine Kunstform, in der mit der individuellen Gewalt immer auch die gesellschaftliche und strukturelle thematisiert wird?

Benjamin Moldenhauer: Viele Horrorfilme erzählen von den Verbrechen der Vergangenheit, die die nächste Generation immer wieder in ihren Bann schlägt – der Tote packt den Lebenden. Der Horrorfilm inszeniert diese Vergangenheit, die nicht vergehen will in einem überschaubaren Mikrokosmos: einer dysfunktionalen Familie wie in „Shining“ oder einer amerikanischen Suburb wie in „Nightmare On Elm Street“. Oder etwas kehrt von der Peripherie ins Zentrum zurück, der Krieg kommt nach Haus, wie im Folterkeller in „Hostel“. Das alles – Familien, Städteplanung, Folter – sind nun aber keine individuellen Phänomene. Sie haben eine Geschichte und sind verknüpft mit Politik und Macht.

„Globalisierungskritiker müssten daran großen Spaß haben“

Der Horrorfilm kommt also, wie das Kino überhaupt, gar nicht drum herum, von der unserer Welt und ihrer Geschichte zu erzählen. Was für Schlüsse daraus gezogen werden hängt zu einem guten Teil vom jeweiligen Zuschauer ab. Filme bieten verschiedene Lesarten an.

Was unterscheidet den neuen Horror vom alten?

Herschell Gordon Lewis: Blood Feast

Benjamin Moldenhauer: Es ist immer schwierig pauschal über ein gesamtes Genre zu sprechen. Die Filme sind sehr unterschiedlich und schon die Einteilung in verschiedene Phasen, zum Beispiel in den klassischen, den modernen und den postmodernen Horrorfilm, geht nicht ohne Gewalt. Hilfreich ist sie trotzdem. Die Geburt des modernen Horrorfilms kann man, wenn man von einigen Vorläufern wie den Filmen von Herschell Gordon Lewis einmal absieht, auf das Ende der sechziger Jahre datieren, auf die Premiere von George A. Romeros „Night Of The Living Dead“ zum Beispiel. Aktuelle Produktionen wie die Filme von Eli Roth und Alexandre Aja beziehen sich auf diese Phase des Genres.

Night Of The Living Dead

Der moderne Horrorfilm unterscheidet sich von klassischen Monsterfilmen wie „Dracula“ oder „The Wolf Man“ in einigen Punkten. Die Filme sind drastischer, man bekommt mehr zu sehen. Und sie werden zunehmend grimmiger. Ein glücklicher Ausgang im Sinne einer Wiederherstellung der durch das Monster verletzten Ordnung findet nur selten statt. Die Grenzen zwischen Gut und Böse werden durchlässiger, und um den Kettensägen schwingenden Irren loszuwerden, müssen die Protagonisten schon selbst zur Säge greifen. Die Plots im zeitgenössischen Horror basieren außerdem auf Prämissen, die meiner Erfahrung nach auch in der wirklichen Welt weiterhelfen können: dass der Körper ein Gedächtnis hat, dass staatliche Autoritäten und Verwandte prinzipiell verdächtig sind, dass der klassische Held es zumeist nicht einmal bis zur Mitte des Films schafft, dass auch Frauen das Recht auf die Kettensäge haben und dass in einer Welt, in der die alten Regeln nicht mehr gelten, individuelle Lösungen gefunden werden müssen.

Inwieweit wird in den neueren Horrorfilmen die Entwicklung der Gesellschaft in der Epoche des Neoliberalismus reflektiert?

Benjamin Moldenhauer: Das Genre erzählt immer wieder von Orten, an denen Menschen leben, von denen man vergessen hat, dass sie noch da sind. Es geht also wenn man so will um die dunkle Seite einer von allen Reglementierungen befreiten Ökonomie. Die vom Markt abgekoppelten kommen zurück ins Zentrum und fangen dort an zu randalieren. Globalisierungskritiker müssten mit Filmen wie „Land Of The Dead“ oder „28 Weeks Later“ eigentlich großen Spaß haben. Bei all dem Sprechen über politische Subtexte sollte man aber nicht vergessen, dass viele Horrorfilme oft auch sehr komisch sind, ob freiwillig oder unfreiwillig. Das hat auch viel von Satire und ist eben keine todernste Angelegenheit, für die Fans jedenfalls nicht.

28 Weeks Later

Warum sind Horrorfilme eigentlich ein Genre besonders für die Jugend? Kann es vielleicht damit zusammenhängen, dass im Vergleich zur normalen Realität junger Heranwachsender der Horrorfilm so heiter und entspannend ist?

Benjamin Moldenhauer: Ja, auch wenn abgetrennte Gliedmaßen durchs Bild fliegen, bequemer als in der Wirklichkeit ist es im Kinosessel und vor dem Fernseher allemal. Georg Seeßlen hat einmal gefragt, warum Jugendliche sich dort am besten repräsentiert fühlen, wo sie entweder wie in College-Komödien hemmungslos peinlich sein dürfen, oder dort, wo sie fachgerecht abgeschlachtet werden, wie im amerikanischen Slasherfilm. Eine eindeutige Antwort darauf habe ich nicht, ich glaube aber, dass moderne Horrorfilme in ihrem Fatalismus einem jugendlichen Pathos Nahrung geben. Where everything is bad, it must be good to know the worst... Die Erwachsenen sind im besten Fall verlogen und ahnungslos, im schlimmsten Fall Teil des Bösen, die Helden dagegen meist sehr jung – auch wenn sie am Ende sterben müssen. Und gerade im Splatterfilm geht es oft um körperliche Veränderungen, um Wunden und Transformationen. Damit kann ein Pubertierender wahrscheinlich unmittelbarer etwas anfangen als ein Studienrat.

Warum sind Horrorfilme im Bezug auf Sexualität (nach dem Prinzip: Geilheit wird bestraft) immer so katholisch? Gibt es auch Horrorfilme mit einer glücklichen Sexualität?

Benjamin Moldenhauer: Mir fällt spontan keiner ein, der von einer glücklichen Sexualität erzählt. Jedes Genre hat sein Thema und seine Grenzen, der Horrorfilm arbeitet sich vor allem an den beängstigenden und den gewaltvollen Aspekten der Sexualität ab. Das hat zumindest im amerikanischen Slasherfilm oft auch etwas prüdes, diese Mischung aus Voyeurismus und Bestrafung. Der beste Film dazu ist „Peeping Tom“ von Michael Powell, der ist inzwischen fast fünfzig Jahre alt und wahrscheinlich schlauer als alles, was man über Sexualität und Gewalt im Horrorfilm sagen könnte.

Peeping Tom

„Dazu muss man nicht Foucault gelesen haben“

Ich glaube jedenfalls, dass es im Genre nicht nur um Prüderie geht. Denn dass die Grenze zwischen Lust und Gewalt mitunter dünn ist und dass Sexualität nicht nur ein Medium der Befreiung, sondern auch ein Medium der Macht sein kann, ist ja eine wichtige Erkenntnis. Um das zu wissen, muss man nicht unbedingt Foucault lesen, da genügt es auch, sich ein, zwei Staffeln der Fernsehserie „Buffy The Vampire Slayer“ anzuschauen. Eine Serie im Übrigen, der es gelingt, ambivalente und komplexe Geschichten von Adoleszenz und Sexualität zu erzählen, ohne dass jeder, der sich auszieht, fünf Minuten später sterben muss.

Ich persönlich halte den Film "The Haunting" von Robert Wise für ein besonders gelungenes Beispiel des Genres. Das als Hintergrund zu meiner nächsten Frage: Ist die ideale Grundlage für einen gruseligen Film eine Kleinbürgersituation – mit verdrängter Schuld, gesellschaftlichen Hierarchien und Entfremdung, dem Umschlagen von Subjekt in Objekt, Aktivität in Passivität, Normalität und Alltag in Wahnsinn und umgekehrt?

Benjamin Moldenhauer: Es hilft immer, wenn es einem Film gelingt, eine glaubhafte Normalität zu inszenieren, in der das Unglaubliche dann losbrechen kann. Und Normalität ist in den USA mit middle class assoziiert, vielleicht ist das Setting deswegen so naheliegend. Ältere Horrorfilme neigen allerdings dazu, den Schrecken an exotische, außerweltliche Orte zu verlegen – nach Transsylvanien oder nach Bayern, wie in „Frankenstein“. Im 1962 gedrehten „The Haunting“ ist es das alte Herrenhaus. Es geht im Horrorfilm nicht um Realismus, sondern um Glaubhaftigkeit, egal, ob wir es mit sublimen Geschichten von verdrängter Schuld und Entfremdung, oder mit vergleichsweise drastischem Körperhorror zu tun haben. „It should be truthful, but fantastic“, wie Virginia Woolf sagt. Die Werbezeile von „The Haunting“ bringt es noch besser auf den Punkt: „You may not believe in ghosts, but cannot deny terror“. (Reinhard Jellen)