Die eigenartige Verlaufskurve der Coronavirus-Todesfälle

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Ein Update zum Artikel "Von der wissenschaftlichen Begründung der Corona-Maßnahmen"

In meinem Artikel "Von der fehlenden wissenschaftlichen Begründung der Corona-Maßnahmen" wurde anhand einer statistischen Kontrolle der berichteten Zahlen zu den Neuinfektionen um die über die Zeit hinweg stattfindende Erhöhung der Testanzahl gezeigt, dass die berichteten Zahlen die wahre Ausbreitung des Coronavirus deutlich überschätzt haben. Der beobachtete rasante Anstieg in den Neuinfektionen geht fast ausschließlich auf die Tatsache zurück, dass die Anzahl der Tests mit der Zeit rasant gestiegen ist.

In meinem Nachfolgeartikel "Die Überschätzung des tatsächlichen Anstiegs der Coronavirus Neuinfektionen" wurde dies durch weitere unabhängige empirische Evidenz bestätigt: Im Rahmen der Influenza-Überwachung des Robert Koch-Instituts (RKI) werden die von Referenzpraxen eingesendeten Proben von Patienten mit Atemwegsinfektionen auf das Vorhandensein von Influenza- und Erkältungsviren und seit dem 24. Februar auch auf das Coronavirus untersucht. Auch in dieser repräsentativen Stichprobe aus der Bevölkerung von Menschen mit Atemwegsinfektionen gibt es keinerlei Hinweis auf einen exponentiellen Anstieg der Coronavirus-Infektionen.

Anhand der damals vorliegenden Daten wurde auch die Verlaufskurve der Coronavirus-Todesfälle genauer untersucht. Dazu wurde betrachtet, wie sich der Verlauf der Todesfälle ändert, wenn man als Referenzdatum nicht die Anzahl der pro Tag neu hinzukommenden Todesfälle benutzt, sondern das im öffentlich bereitgestellten Datensatz des Robert Koch-Instituts (RKI) bei den Todesfällen eingetragene Meldedatum. Das macht deswegen inhaltlich Sinn, weil es bei den Todesfällen einen größeren Meldeverzug gibt, sodass die Anzahl der pro Tag neu hinzukommenden Todesfälle nicht die Anzahl der Todesfälle repräsentiert, welche an diesem Tag auch tatsächlich verstorben ist. Die Zeichnung einer Grafik des Verlaufs der Todesfälle nach dem im Datensatz eingetragenen Meldedatum erweckt den Anschein, dass die Anzahl der Todesfälle bereits seit Anfang April sinkt.

Wie im vorherigen Artikel vermerkt, blieb aufgrund einer noch offenen Anfrage an die Esri Deutschland GmbH, über welche das RKI die Daten zu den Neuinfektionen und Todesfällen öffentlich bereitstellt, noch unklar, inwiefern das bei den Todesfällen unter "Meldedatum" eingetragene Datum dem tatsächlichen Sterbedatum entspricht. Laut der Beschreibung des Datensatzes handelt es sich um das "Datum, wann der Fall dem Gesundheitsamt bekannt geworden ist". Laut der nun am 30.4. von der Esri Deutschland GmbH erhaltenen Auskunft handelt es sich aber bei dem zu den Todesfällen eingetragenen Meldedatum nicht um das Datum, wann der Todesfall dem Gesundheitsamt bekannt geworden ist, sondern um das Datum, wann das positive Testergebnis der später dann verstorbenen Person dem Gesundheitsamt bekannt geworden ist. Dementsprechend mussten die Daten zum Verlauf der Todesfälle noch einmal neu analysiert werden. Im Folgenden werden diese Analysen vorgestellt.

Der tatsächliche Zeitpunkt des Rückgangs der Todesfälle

Wie bereits beschrieben, besteht ein Problem bei der üblichen Darstellung des Verlaufs der Anzahl der Todesfälle darin, dass in diesen Darstellungen die Anzahl der pro Tag neu hinzukommenden Todesfälle gezeigt wird. Allerdings gibt es bei den Todesfällen einen größeren Meldeverzug. So heißt es beispielsweise in dem vom National Center of Health Statistics für die USA bereitgestellten Datensatz zu den Todeszahlen[CK1]:

Dieser Meldeverzug kann je nach Gerichtsbarkeit, Alter und Todesursache [in den USA] zwischen 1 Woche und 8 Wochen oder länger betragen.

CDC - Übersetzung vom Autor

Dementsprechend repräsentiert die Anzahl der pro Tag neu hinzukommenden Todesfälle nicht die Anzahl der Todesfälle, welche an diesem Tag auch tatsächlich verstorben ist. Aufgrund des Meldeverzugs ist vermutlich ein Großteil der Todesfälle in den Tagen oder gar Wochen davor verstorben. Dementsprechend können Aussagen anhand der Verlaufskurve der pro Tag neu hinzukommenden Todesfälle irreführend sein.

Betrachtet man beispielsweise die folgende Grafik zum Verlauf der pro Tag neu hinzugekommenen Todesfälle in Deutschland, so könnte man meinen, dass die Anzahl der Todesfälle bis zum 16. April gestiegen ist und erst ab dann zu sinken beginnt (entsprechend des vom European Center for Disease Prevention and Control bereitgestellten Datensatzes, Stand 30.4.).

Um nun prüfen zu können, wie stark der Meldeverzug bei den Todesfällen den tatsächlichen Rückgang in der Anzahl der Coronavirus-Todesfälle verbirgt, bräuchte man das tatsächliche Sterbedatum der verstorbenen Personen. Dies wird aber vom RKI aus Datenschutzgründen für die Coronavirus-Todesfälle nicht öffentlich bereitgestellt. Stattdessen enthält der öffentlich zugängliche Datensatz für jeden Todesfall nur das Datum, wann das positive Testergebnis der dann später verstorbenen Person dem Gesundheitsamt bekannt geworden ist.

Anhand dieses Datums kann man aber zumindest den Effekt des Meldeverzugs grob abschätzen: Angesichts der Tatsache, dass laut Studien zwischen dem Zeitpunkt der Ausbildung von Krankheitssymptomen und dem späteren Tod in etwa 18 Tage und zwischen der Ausbildung von Krankheitssymptomen und der Meldung des Testergebnisses laut RKI im Schnitt zwischen 7-8 Tage[CK2] vergehen, ist davon auszugehen, dass Personen im Schnitt in etwa 10-11 Tage nach der Meldung des Testergebnisses an das Gesundheitsamt versterben. Zeichnet man nun eine Graphik dazu, wann das positive Testergebnis der Coronavirus-Todesfälle dem Gesundheitsamt bekannt wurde, zeigt sich folgendes Bild (Stand 30.4.):

In Bezug auf das Meldedatum des positiven Testergebnisses der dann später verstorbenen Personen geht die Kurve also ab dem 2. April zurück. Damit kann geschätzt werden, dass die Anzahl der Todesfälle in Deutschland bereits in etwa 3-4 Tage früher sinkt, als es laut der Grafik zu den pro Tag neu hinzukommenden Todesfällen der Fall zu sein scheint. Sollte es wie offenbar beispielsweise in den USA (siehe obiges Zitat) einen noch größeren Meldeverzug geben, würde in solchen Ländern in Wirklichkeit die Anzahl der Todesfälle noch deutlich früher sinken, als es die Darstellung in Form der neu hinzugekommenen Todesfälle pro Tag vermuten lässt.

Der fehlende zeitliche Abstand zwischen dem Anstieg in den Neuinfektionen und dem Anstieg in den Todesfällen

Es gibt noch einen frappierenden zweiten Punkt. Um diesen zu sehen, muss man sich die Verlaufskurven für die Neuinfektionen und die Todesfälle im Vergleich ansehen. Wie erwähnt, liegen laut Studien zwischen der Ausbildung von ersten Krankheitssymptomen und dem Todeszeitpunkt 18 Tage. Wenn man annimmt, dass ein Test 7-8 Tage nach der Symptomausbildung durchgeführt wird, sollte damit die Kurve der Todesfälle erst 10-11 Tage später anfangen zu steigen als die Kurve der Neuinfektionen.

In der folgenden Abbildung sieht man den zeitlichen Verlauf der Neuinfektionen und der Todesfälle in Deutschland im Vergleich zu Italien, Spanien und Großbritannien (Datenquelle: European Center for Disease Prevention and Control). Um die Verlaufskurven für die Neuinfektionen und Todesfälle jeweils gut vergleichen zu können, ist die Anzahl der Todesfälle über die Sterberate des jeweiligen Landes auf das Niveau der Anzahl der Neuinfektionen skaliert. Das heißt praktisch: Die Verlaufskurve für die Todesfälle ist für jedes Land so gezeichnet, dass sie zeigt, wie viele Personen in etwa infiziert gewesen sein mussten, damit sich später laut Sterberate eine entsprechende Anzahl an Todesfällen ergibt (Ein Hinweis: Alle Grafiken zeigen die Anzahl der neu hinzugekommenen Fälle pro Tag).

Während in Deutschland die Kurve der Todesfälle in der Tat erst etwa 10-11 Tage nach dem Anstieg in den Neuinfektionen zu steigen anfängt, zeigt sich in allen anderen Ländern ein sehr eigenartiges Muster: Dort gibt es zwischen der Verlaufskurve für die Neuinfektionen und Todesfälle fast keinen zeitlichen Abstand, sondern die Anzahl der Neuinfektionen und Todesfälle steigt praktisch parallel an. Das ist biologisch eigentlich unmöglich.

Die einzige vernünftige Erklärung für das Fehlen einer zeitlichen Verzögerung zwischen Neuinfektionen und Todesfällen könnte sein, dass in diesen Ländern viele der Verstorbenen erst kurz vor bzw. nach dem Tod auf das Coronavirus getestet wurden, was in der Tat wahrscheinlich ist, da beispielsweise laut Medienberichten in Italien - anders als in Deutschland - auch viele Verstorbene im Nachhinein auf das Coronavirus getestet wurden.

Sollte dem so sein, impliziert das aber, dass in diesen Ländern eine von zwei relativ überraschenden Möglichkeiten der Fall sein muss:

Möglichkeit A: Die verstorbenen Personen sind wirklich am Coronavirus verstorben. Das hieße dann aber, dass die Verstorbenen sich vor ungefähr 23-24 Tagen infiziert haben müssen. Das hieße wiederum: Wenn man beispielsweise bereits 14 Tage früher angefangen hätte, intensiv auf das Coronavirus zu testen, dann hätte man auch schon exakt dieselbe - durch die Testanzahl nach oben verzerrte -Wachstumskurve bei den Neuinfektionen gefunden.

Möglichkeit B: Die verstorbenen Personen haben sich das Coronavirus erst kurz vor dem Tod eingefangen und sind in Wirklichkeit gar nicht daran verstorben. Das hieße dann aber, dass die Verlaufskurven der Neuinfektionen und der Todesfälle in diesen Ländern in Wirklichkeit dasselbe abbilden: Einen durch die Testanzahl nach oben verzerrten Anstieg in den Neuinfektionen.

Fazit

Eine genauere Analyse des Verlaufs der Coronavirus-Todesfälle zeigt zwei interessante Befunde:

(1) Die übliche Darstellung des Verlaufs der Todesfälle in Form der pro Tag neu hinzugekommenen Todesfälle birgt die Gefahr in sich, dass dadurch der wahre Rückgang verschleiert wird, da es bei den Todesfällen einen größeren Meldeverzug gibt.

(2) In vielen Ländern steigt die Anzahl der beobachteten Todesfälle praktisch fast gleichzeitig mit der Anzahl der beobachteten Neuinfektionen, was darauf hinweist, dass sich entweder viele Menschen bereits weitaus früher infiziert haben müssen, als es die berichteten Zahlen zu den Neuinfektionen nahelegen, oder dass viele Menschen gar nicht am, sondern mit dem Coronavirus verstorben sind.

Eine Abschlussbemerkung

Mit diesem Artikel soll in keiner Weise die vom Coronavirus ausgehende Gefahr für bestimmte Risikogruppen verharmlost werden. Auch das Leid betroffener Menschen soll in keiner Weise verharmlost werden. Hier muss es das höchste Ziel einer jeden Gesellschaft sein, diesen Menschen bestmöglich zu helfen.

Es geht hier ausschließlich darum, das von vielen angenommene Szenario einer epidemischen Ausbreitung des Coronavirus mit mehreren Millionen von Infizierten zu hinterfragen. Denn sollte dieses Szenario in Wirklichkeit gar nicht drohen, würden viele Menschen ohne wirklichen Grund so große Ängste erleben, und man würde ohne wirklichen Grund Maßnahmen ergreifen, deren dramatische negative Nebenwirkungen noch gar nicht abgeschätzt werden können.

Quellen:

- Daten zu den Todesfällen in Deutschland: NPGEO Corona Hub 2020 (Robert Koch Institut).
- Daten zu den pro Tag neu hinzugekommenen Infektionen und Todesfällen in Deutschland Großbritannien, Italien und Spanien: European Center for Disease Prevention and Control (ECDC).
- Alle der für die Analysen verwendeten Datensätze können beim Autor per Email angefordert werden.

Prof. Dr. Christof Kuhbandner, Fakultät für Humanwissenschaften, Universität Regensburg.

(Christof Kuhbandner)