Die ergoogelte Wirklichkeit

Verschwörungstheorien und das Internet

"Zweimal täglich googeln" empfiehlt Mathias Bröckers in seinem Buch "Verschwörungen, Verschwörungstheorien und die Geheimnisse des 11.9.". Der Band gilt den gutbürgerlichen Medien von FAZ bis Spiegel als Musterbeispiel krankhafter Verschwörungstheorie. Dabei wollte der Autor – nach eigenem Bekunden – keine Verschwörungstheorie zum 11. September vorlegen, sondern lediglich auf Widersprüche und Fragwürdigkeiten in den amtlichen Darstellungen und Erklärungen der US-Regierung zu jenem Terroranschlag hinweisen. Unabhängig davon, wie ernst diese Einlassungen des Autors zu nehmen sind, ist der "Fall Bröckers" für die Erforschung von Verschwörungstheorien unter zwei Aspekten interessant: Erstens geht der Band auf ein konspirologisches Tagebuch zurück, das der Autor zwischen dem 13. September 2001 und dem 22. März 2002 für das Online-Magazin Telepolis verfasst hat; zweitens behauptet Bröckers in der Einleitung zum Buch, dass er für seine Arbeit ausschließlich über das Netz zugängliche Quellen genutzt habe. Hierbei hätte ihm Google unverzichtbare Dienste geleistet:

Um an die Informationen in diesem Buch zu kommen, musste ich weder über besondere Beziehungen verfügen, noch mich mit Schlapphüten und Turbanträgern zu klandestinen Treffen verabreden – alle Quellen liegen offen. Sie zu finden, leistete mir die Internet-Suchmaschine Google unschätzbare Dienste.

Mathias Bröckers

Die Entstehung seines öffentlichen Tagebuchs (und im Anschluss daran seines Buches) wäre, so Bröckers weiter, ohne Suchmaschinen wie Google undenkbar gewesen wäre, weil diese den Zugang nicht nur zu einer schier unbegrenzten Zahl von Informationen, sondern auch zu vielfältigen, sich widersprechenden Interpretationen und Lesarten der Wirklichkeit ermöglichen würden:

Das WorldWideWeb bietet alles. Aufklärer und Spinner, Mainstreamer und Sektierer, Verschwörer und kritische Konspiorologen tummeln sich hier gleichermaßen in zumeist friedlicher Koexistenz. Mit Google sind sie allesamt erreichbar. Wer Veröffentlichungen zu einem bestimmten Zusammenhang sucht, muss bloß zwei, drei Suchbegriffe oder Namen kombinieren und kommt in Sekundenschnelle zum Ziel.

Mathias Bröcker

Allerdings muss der Autor anschließend zugeben, dass die Auswahl aus der Überfülle des Materials und die Zusammenstellung "passender" Quellen trotz aller Suchmaschinenlogik immer noch vom kreativen Subjekt geleistet werden muss. Bröckers (Tage-)Buch ist ein exzellentes Beispiel dafür, dass auseinander gehende, ja oftmals widersprüchliche Quellen erst nach einer spezifischen (menschlichen) Binnenlogik zusammengefügt werden müssen, um ein stimmiges, der Intention des Subjekts/Autors entsprechendes Bild zu ergeben.

Im Gegensatz zum traditionellen Puzzle ist es eben nicht nur ein einziges Bild, das sich aus diesen Bruchstücken intersubjektiv nachvollziehbar zusammensetzen lässt – es sind tatsächlich viele, letztlich beliebig viele "stimmige" Bilder, die entstehen können. Und welches davon dem Einzelnen nachvollziehbar erscheint, hängt weniger von der Verwendung bestimmter "Puzzlestücke" oder ihrer Zusammenstellung ab, als vielmehr von der Anschlussfähigkeit des Endprodukts an bereits vorhandene Grundüberzeugungen des Lesers. So löste dasselbe Puzzlebild, Bröckers' Verschwörungsszenario, bei den einen begeisterte Zustimmung, bei den anderen öffentlichkeitswirksame (und teilweise wohl auch gespielte) Empörung aus.

Verschwörungstheorien sind untrennbar verbunden mit Verschwörungen. Will man diese verstehen, muss man jene kennen. Definiert man Verschwörung als "fortgesetztes kollektives Handeln im Modus der Geheimhaltung mit dem Ziel von Machterhalt oder Machterwerb", gibt es dieses Phänomen so lange, wie es Gesellschaften mit starkem Machtgefälle gibt. In Europa ist uns bereits aus der Antike eine Vielzahl von Verschwörungen bekannt, die populärste ist sicherlich diejenige, die zur Ermordung von Gaius Julius Caesar führte. Und in der jüngeren Vergangenheit sind wir mit diversen Verschwörungen in zahlreichen Staaten der Erde konfrontiert – als Beispiele sollen hier die Stichwörter "Watergate" und "Geheimloge P2" genügen.

Die Existenz einer Vielzahl gesellschaftlich als real anerkannter (politischer oder ökonomischer) Verschwörungen in der Gegenwart ist sicherlich eine der Ursachen für die Popularität von Verschwörungstheorien. Gemeint sind hiermit alltagsweltliche Überzeugungssysteme, die aktuelle oder historische Ereignisse, kollektive Erfahrungen oder die Entwicklung einer Gesellschaft insgesamt als Folge einer Verschwörung interpretieren. Gewöhnlich wird so allerdings nur das Wissen über Verschwörungen bezeichnet, deren Existenz von der Mehrheit der Bevölkerung oder den Leitmedien der Gesellschaft "nicht" anerkannt wird. Nichts anderes als diese Anerkennung ist es, die eine Verschwörungstheorie von einer realen Verschwörung unterscheidet.

Die bekanntesten Verschwörungstheorien erklären die Ermordung John F. Kennedys oder Martin Luther Kings durch eine Regierungsverschwörung oder machen den Tod von Marilyn Monroe, Johannes Paul I. oder Lady Di zum Ergebnis eines gelungenen Mordkomplotts. Sie sind für das durchschnittliche Politikverständnis durchaus nachvollziehbar – sind doch alle genannten Personen (jedenfalls wenn man von einigen sehr überspitzten Verschwörungstheorien absieht) tatsächlich tot und finden sich bei allen diesen Todesfällen eine ganze Reihe zumindest merkwürdiger Umstände.

Daneben gibt es jedoch Verschwörungstheorien, die für die meisten von uns auf den ersten Blick so bizarr wirken, in so eklatantem Widerspruch zu unseren Alltagsgewissheiten stehen, dass wir zunächst einmal kaum nachzuvollziehen vermögen, warum sie sich – gerade auch im Netz – anhaltender Beliebtheit erfreuen. Gemeint sind hier "Theorien" über

  1. AIDS als vorsätzlich erzeugte Krankheit zur Dezimierung von Homosexuellen,
  2. die Beherrschung der Welt durch die Jahrhunderte alte Geheimorganisation der "Illuminaten",
  3. die Kontrolle von Drogenhandel, Pornographieproduktion und Kinderprostitution in aller Welt durch ein globales Netzwerk von Satanisten,
  4. den Untergang der Titanic als geplanter Versicherungsbetrug,
  5. die Inszenierung der ersten Mondlandung im Hollywood-Studio zur Vorspiegelung der technischen Überlegenheit der USA,
  6. den Abschuss des Space Shuttle Columbia durch die US Air-Force im Rahmen eines Testprogramms für Laserwaffen,
  7. ein Abkommen zwischen der US-Regierung und Außerirdischen über medizinische Experimente an entführten Menschen,
  8. Kondensstreifen am Himmel als Beleg für die vorsätzliche Kontaminierung der Erdatmosphäre mit hochgiftigen Schwermetallen zur Verlangsamung der globale Erwärmung.

Die Zunahme des Glaubens an derartige Verschwörungstheorien am Ende des zwanzigstens Jahrhunderts hat im Allgemeinen vier Ursachen:

  1. Mit dem Wachsen der machtpolitischen Bedeutung von Informationen in der Gesellschaft nimmt strukturell auch die Bedeutung von Geheimnissen zu – entsprechend auch die Bedeutung von Theorien über solche Geheimnisse.
  2. Das wachsende Misstrauen der Bevölkerung in den westlichen Demokratien gegen Motive wie ethische Grundsätze staatlichen Handelns lässt nicht nur die Legitimität von politischen Instanzen schwinden, sondern macht gleichzeitig aus jedem offiziellen Dementi fast automatisch ein Argument für die Richtigkeit einer regierungskritischen Behauptung.
  3. Der Siegeszug des (ursprünglich wissenschaftlichen) konstruktivistischen Denkens in der Lebenswelt führt zur Auflösung der ehemals festen Trennlinien zwischen "tatsächlich", "wahrscheinlich" und "vorstellbar" in den kollektiven Wirklichkeitskonzepten.
  4. Die Unfähigkeit von Menschen, in einer komplexer werdenden Welt politische oder ökonomische Veränderungen zu verstehen, lässt sie zu Erklärungsmustern greifen, in denen an die Stelle unübersichtlicher Wirkgefüge und Rückkopplungskreisläufe simple Einzelursachen und Kausalketten treten.

Neben diesen generellen Ursachen für die aktuelle Beliebtheit von Verschwörungstheorien gibt es weitere Faktoren, die damit zusammenhängen, wie Informationen in unserer Gesellschaft prozessiert und Wissensbestände erzeugt und verändert werden. Der wichtigste Faktor ist hier die Entstehung eines neuen Typus polydirektional-isomorpher Medien, welche die Vorzüge von Massen- und Individualmedien, traditioneller wie moderner Kommunikation gleichermaßen auf sich vereinen (vgl. Schetsche 2003).

Diese Netzwerkmedien sind nicht nur besser als die traditionellen Massenmedien zur Verbreitung von Verschwörungstheorien geeignet, sie bieten auch bessere Voraussetzungen für die Entstehung dieser spezifischen Interpretationsfolien. Ursache für die Zunahme der Zahl der medial prozessierten Verschwörungstheorien und für die Erhöhung ihrer Verbreitungsrate sind drei den Netzwerkmedien strukturell eingeschriebene Eigenschaften:

Die Aufhebung der Trennung von Produzent und Rezipient

Der zentrale Unterschied bei der Verbreitung von Information zwischen traditionellen Massenmedien und den "neuen" Netzwerkmedien besteht darin, dass es bei letzteren keine Instanzen gibt, die – wie Redaktionen, Herausgeber oder Medieneigner – eine "Vorzensur" ausüben, also vorab festlegen, welche Informationen über das betreffende Medium verbreitet werden dürfen und welche nicht. In den Netzwerkmedien wird diese Entscheidung von jedem Nutzer allein getroffen; dass er dies kann, ist eine Besonderheit der Netzwerkmedien: Wer die in ihnen verbreiteten Kommunikate empfängt, kann auch selbst welche aussenden.

Browser mit integrierten Editoren erzeugen dabei einen kaum merkbaren Übergang von der Rezeption zur Produktion von Hypertexten. Da in den Netzwerkmedien somit die für die Massenmedien konstitutive Trennung zwischen Produzenten und Konsumenten entfällt, hat jede individuelle Deutung eine Chance zur Verbreitung. Und weil Deutungen hier nicht nach einer ökonomisch beherrschten Selektionslogik prozessiert werden, können auch ungewöhnliche, nicht in die klassischen Medienschemata passende Meinungen erfolgreich sein.

Die Beliebigkeit der verbreiteten Inhalte

Ein weiteres Merkmal des Netzes ist, dass es Inhalten gegenüber vollständig neutral ist. Während die in Massenmedien verbreiteten Informationen nicht nur nach spezifischen Selektionskriterien (etwa so genannte Nachrichtenfaktoren) redaktionell ausgewählt werden und sich anschließend nach der hier herrschenden ökonomischen Verwertungslogik durch ein entsprechendes Publikumsinteresse bewähren müssen (vgl. Schetsche 2000: 78-81), sind die Inhalte der Kommunikate der Netznutzer vollständig beliebig. Deshalb haben Usenet und WWW sich bereits kurz nach ihrer Entstehung zu einem "Marktplatz" für so genannte abweichende Deutungsmuster und Glaubenssysteme entwickelt.

Hier können Deutungen verbreitet werden, die in den Massenmedien nach deren spezifischer Ökonomie der Aufmerksamkeit (oder nach ihren rechtlichen Rahmenbedingungen) nur schwer oder gar nicht prozessierbar sind. Im Netz erfolgt die Verbreitung von Inhalten unkontrolliert und weitgehend unstrukturiert. Im Gegensatz zu den Massenmedien folgen die Netzwerkmedien keiner eindeutigen und linearen, sondern einer diffusen und nicht-linearen thematischen Organisation: Es gibt weder Sendezeiten noch eindeutige Formate oder eine thematische Seitengliederung. Für die Verbreitung von Verschwörungstheorien bedeutet dies, dass jede dieser Theorien, und sei sie für den Beobachter noch so abstrus, ins Netz gestellt und dort von Nutzern prinzipiell gefunden und rezipiert werden kann.

Beliebigkeit von Inhalten bedeutet, dass sich im Netz Bausteine zur Zusammenstellung einer unbegrenzten Zahl neuer (Verschwörungs-)Theorien finden: Über seine Suchmaschinen liefert das Netz beliebige Aussagen zu allen nur vorstellbaren Themen, die vom Nutzer nur noch nach einer entsprechenden Verschwörungslogik verknüpft werden müssen. Und auch hierfür stellt das Netz Vorlagen bereit. Selbst wenn diese, hier exemplarisch genannte Website als ironische Kritik am (angenommenen) "Verschwörungswahn" der Internetnutzer zu verstehen ist, zeigt sie gleichzeitig doch, wie die Kernthesen von Verschwörungstheorien aufgebaut sind – und wie solche Theorien gerade mit Hilfe der de facto unendlichen Wissensbestände des Netzes aus einfachen Kausalketten erzeugt werden können.

Das so erzeugte neue Erklärungsmuster für dieses oder jenes stellt allerdings noch lange keine "gute" – sprich erfolgreiche – Verschwörungstheorie dar. Die Fähigkeit zum Anschluss an bereits anerkannte Wissensbestände, Immunisierungsstrategien und selbstreplikative Strukturen müssen immer noch individuell hergestellt und argumentativ implementiert werden. "Googeln" allein erzeugt deshalb keine Verschwörungstheorien – es hilft allerdings, diese erfolgreich(er) zu machen, weil es mögliche Schnittstellen zu bereits anerkannten Deutungen offenbart, "Fakten" für fast jede vorstellbare These liefert und mögliche Gegenargumente findet und sie so antizipierbar macht. Bröckers Thesen zum 11. September waren vielleicht auch ohne das Netz formulierbar, wären ohne das "tägliche Googeln" des Autors aber bei weitem nicht so erfolgreich geworden.

Die beliebige Vermischung von Fakten & Fiktionen

In unmittelbarem strukturellem Zusammenhang mit den bereits genannten Faktoren steht eine weitere Besonderheit der Netzwerkmedien: die Aufhebung der traditionellen Trennung von "Fakten" und "Fiktionen". Während die Unterscheidung zwischen dokumentarischen und fiktionalen Inhalten für die Massenmedien konstitutiv war und sich in festen Grenzen zwischen einzelnen Medien, Gattungen, Genres und Formaten niederschlug, sind die entsprechenden Trennlinien in den Netzwerkmedien überaus durchlässig – wenn sie überhaupt existieren.

Dies liegt zum einen daran, dass die im Internet verbreiteten Bilder oder Textdokumente auf ihre "Echtheit" ebenso wenig überprüft werden können wie die Authentizität ihrer Absender. Zum anderen nimmt – damit zusammenhängend – die Möglichkeit der personalen Legitimierung von Informationen durch Träger besonderer sozialer Rollen stark ab: Während der Wahrheitsgehalt von Informationen in den Massenmedien durch die "Beglaubigung" anerkannter Persönlichkeiten (wie dem "anchor man" der Nachrichtensendung) oder Experten (wie den interviewten Wissenschaftler) abgesichert werden konnten, ist dies im Netz nur ausnahmsweise möglich. Hier kann jeder unüberprüfbar als Spezialist für dieses oder jenes auftreten und sich den Anschein von Kompetenz geben.

Kommunikate von Wissenschaftlern, selbsternannten Experten, interessierten Laien und Spaßvögeln stehen nicht nur gleichberechtigt nebeneinander, sie vermischen sich auch zu diskursiven Konglomeraten, bei denen Fragen von "Wahrheit" oder "Unwahrheit" und "Spaß" oder "Ernst" letztlich kein relevantes Selektionsmerkmal für den Erfolg mehr darstellen. Die Unüberprüfbarkeit von Informationen ist im Netz zum Prinzip erhoben; sie wird – wenn wir Medienphilosophen wie Baudrillard oder Flusser glauben – letztlich in der Gesellschaft insgesamt zur Aufhebung der informationellen Leitdifferenz "wahr und falsch" führen. Dieser Prozess ist es, der die unglaublichsten Verschwörungstheorien ebenso entstehen läst, wie er sie den klassischen Mechanismen öffentlich-medialer Realitätskontrolle entzieht.

Als "Verschwörungstheorien" werden öffentlich verbreiteten Interpretationsfolien bezeichnet, die für im weitesten Sinne politische Ereignisse oder Sachverhalte andere Deutungen/Erklärungen liefern, als diejenigen, welche von den dominierenden Massenmedien verbreitetet werden (und damit als sozial anerkannt gelten). In diesem Sinne handelt es sich bei Verschwörungstheorien zunächst einmal um nichts anderes als um heterodoxe Wissensbestände, die im Widerspruch zu jenen anerkannten (eben orthodoxen) Wissensbeständen der Gesellschaft stehen.

Dies ist der Grund, warum Verschwörungstheorien gerade in konservativen oder bürgerlich-liberalen Massenmedien regelmäßig sehr negativ bewertet werden, gelegentlich (etwa was den "11. September" angeht) sogar hysterische Reaktionen auslösen: Sie stellen deren Deutungsmonopol für politische Ereignisse und Zustände in Frage. Letztlich geht es hier also um einen fast klassischen ideologischen Kampf um die "Wirklichkeit in den Köpfen" der Gesellschaftsmitglieder.

Die Frage, ob eine bestimmte Verschwörungstheorie "objektiv" wahr oder falsch ist, hat hiermit nur insofern etwas zu tun, als diese Wahrheitsfrage immer auch für die massenmedial "verbürgten" Interpretationen von Wirklichkeit gestellt werden kann und muss – und sich in beiden Fällen gleichermaßen das Problem ergibt, welche Instanz gesellschaftlich legitimiert ist, über solche Wahrheitsfragen zu entscheiden. Die gesellschaftliche Geltung bestimmter Deutungen von politischen oder sozialen Sachverhalten resultiert nicht daraus, dass diese Deutungen "wahrer" wären als andere, sondern daraus, dass sie das sind, was sie sind, nämlich gesellschaftlich anerkannt. Mit dem Grad der Anerkennung wechselt entsprechend ihr "Wahrheitsgehalt": Was wir heute – etwa über den Tod von John F. Kennedy – als "wahr" annehmen, können wir morgen für eine "große Lüge" halten; und umgekehrt.

Über den Wandel einer Deutung von orthodoxen zum heterodoxen Wissen – und zurück – beschließen weder Fakten (von lat. factum = von Menschen gemacht) noch eine neutrale Gemeinschaft objektiver Wissenschaftler, die im Zweifelsfalle ebenso zerstritten ist wie der Rest der Gesellschaftsmitglieder. Herbeigeführt wird dieser Wandel in der Realitätswahrnehmung vielmehr von Prozessen der Verbreitung und Durchsetzung von Deutungsmustern in der Gesellschaft. Und eine zentrale Rolle bei diesen Prozessen spielen die Medien – Massenmedien ebenso wie Netzwerkmedien. Ein besondere Rolle ist Netzwerkmedien dabei im letzten Jahrzehnt zugekommen, weil in ihnen auch die abweichenden (heterodoxen) Deutungen eine Verbreitungschance haben, die aufgrund politischer und ökonomischer Selektionsmechanismen in den Massenmedien chancenlos bleiben müssen.

In diesem Sinne führen die Netzwerkmedien zu einer generellen Pluralisierung der gesellschaftlich verbreiteten Einzeldeutungen und Weltsichten. Dass davon gerade Verschwörungstheorien profitieren, kann man – angesichts des oben skizzierten Verhältnisses zwischen Verschwörungen und Verschwörungstheorien – politisch ebenso für ein Desaster wie für einen Glücksfall halten - oder eben für eine Verschwörung.

Literatur

Der Artikel wurde dem von Kai Lehmann und Michael Schetsche herausgegeben Buch: Die Google-Gesellschaft. Vom digitalen Wandel des Wissens entnommen, das Anfang Mai im transcript-Verlag erscheint (410 S., 26,80 Euro).

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