Die erschöpfte deutsche Arbeitswelt

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DGB-Report: 40 Prozent der Angestellten gehen davon aus, dass sie es wahrscheinlich nicht schaffen werden, ihre jetzige Tätigkeit bis zum Rentenalter fortzusetzen

Im Nachbarland Frankreich findet heute ein großer Streik mit über 200 Versammlungen und Demonstrationen statt. Seit Tagen fieberten die Medien auf dieses Großereignis hin. Es deutet sich eine große Mobilisierung an, heißt es am Mittag. Der öffentliche Verkehr ist in großen Teilen lahmgelegt. Anlass sind die Reformpläne der Regierung zu Renten-Sonderregelungen.

Doch geht es um einiges mehr. Darum, welches politische Gewicht Gewerkschaften und die soziale Bewegung, die mit den Gelbwesten verbunden wird, behaupten können. Was sie dem Kurs von Macron und seiner Regierung, deren Politik die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen als Schwerpunkt hat, tatsächlich entgegensetzen können, ob sie der Regierung wichtige Zugeständnisse abtrotzen können. Bei Verhandlungen behielt die Regierung bislang die Oberhand. Nun suchen die Gewerkschaften über die Mobilisierung der Straße einen neuen Hebel. Es sind auch Schüler und Lehrer dabei.

Es geht nicht nur um die Renten, sondern um eine Systemkritik. Um diejenigen, die nicht auf der Sonnenseite stehen und von der neoliberal ausgerichteten Wirtschaftspolitik Macrons weitere Verschlechterungen befürchten.

"Arbeiten am Limit"

Hierzulande veröffentlicht der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) seinen alljährlichen Lagebericht zur "guten Arbeit", der auf einen ganz anderen Aspekt zur Rente aufmerksam macht, nämlich die Erschöpfung, die mit dem "Druck des Marktes" eng verbunden ist. Die Zahl und die Aussage, die hier am meisten erschrecken:

Unter Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern in Deutschland herrscht eine weit verbreitete Skepsis bei der Bewertung ihrer zukünftigen Arbeitsfähigkeit: 40 Prozent gehen davon aus, dass sie es wahrscheinlich nicht schaffen werden, ihre jetzige Tätigkeit bis zum Rentenalter fortzusetzen.

DGB-Index Gute Arbeit Report 2019

Überlastung ist das große Thema des diesjährigen Reports mit dem Titel "Arbeiten am Limit". Vieles, was dort an Phänomenen der aktuellen Arbeitswelt angesprochen wird, wird informierten Lesern und denen, die ihr Auskommen als Angestellte verdienen, längst bekannt sein: die Überstunden, der hohe Zeitdruck bei der Arbeit, psychischer Druck, die zunehmende Arbeitsverdichtung und die Überlastung durch die Menge an Arbeit. Dazu gaben die für die Befragung "zufällig ausgewählten" 6.500 abhängig Beschäftigten Aussagen, die begründen, warum ein derart großer Anteil unter ihnen, 40 Prozent sind viel, an ihrer Durchhaltefähigkeit zweifelt.

Zeitdruck und Arbeitsverdichtung prägen für einen großen Teil der Beschäftigten den Arbeitsalltag: 53 Prozent aller Befragten fühlen sich bei der Arbeit (sehr) häufig gehetzt. Jede/r Dritte musste - verglichen mit dem Vorjahr - deutlich mehr Arbeit bewältigen, ohne jedoch mehr Zeit zur Verfügung zu haben.

DGB-Index Gute Arbeit Report 2019

Interessant ist hier die Beobachtung, dass die Überlastung zwar in allen Berufssektoren weit verbreitet ist, aber "besonders häufig" Beschäftigte in IT- und naturwissenschaftlichen Berufen betroffen seien. 35 Prozent der Befragten gaben in diesem Sektor an, "die Arbeitsmenge (sehr) häufig nicht in der vorgesehenen Arbeitszeit schaffen zu können".

Eine Abbildung auf Seite 5 des PDFs veranschaulicht, dass die Alarmbalken in rot und orange, die die Überlastung anzeigen - "die Arbeitsmenge wird in der vorgesehenen Zeit nicht geschafft" -, bei den Kategorien "komplexe Spezialistentätigkeit" und "hochkomplexe" Tätigkeit besonders ausgeprägt sind. Sie entsprechen 30 Prozent und 36 Prozent, die in den beiden Kategorien mit "sehr häufig" und "oft" geantwortet haben.

Bei den Spezialisten und hochkomplex Tätigen könnte der Druck mit dem viel berichteten Fachkräftemangel in diesem Tätigkeitsbereichen zu erklären sein, der zur Personalnot und Überlastung führt. Bei der Kategorie "Helfer und Anlerntätigkeit" wie auch bei der "fachlich ausgerichteten Tätigkeit" zeigen sich dagegen die weitaus größten Balken in gelb und grün bei den Antworten "selten" und "nie" (80 Prozent bei den Helfern und 76% bei den fachlich ausgerichtet Tätigen).

Gegensteuerungen?

Überlastungssituationen würden häufig aufgrund von Personalknappheit entstehen, so der DGB-Bericht. 38 Prozent der Beschäftigten würden denn auch angeben, "dass sie wegen fehlendem Personal mehr Arbeit bewältigen, bzw. länger arbeiten müssen". Die begleitende Beobachtung lautet, dass diese Gruppe deutlich häufiger Überstunden leistet und bei ihrer Arbeit "Abstriche bei der Qualität" mache, um das verlangte Arbeitspensum zu bewältigen.

Gegensteuerungen sind schwierig, da die Angestellten kaum einen Einfluss auf die Arbeitsmenge und Anpassungen der Ziele hätten, wie festgestellt wird: "Die Ergebnisse zeigen (…), dass zwei Drittel der Beschäftigten ihre Arbeitsmenge gar nicht oder nur in geringem Maß beeinflussen können."

In der Einleitung hat der DGB-Vorsitzende Reiner Hoffmann einen Großbegriff für die Phänomene, die die Befragung an den Tag bringt: "erschöpfte Arbeitswelt". Er zitiert dazu das Befragungsergebnis, wonach sich jede(r) dritte Beschäftigte nach der Arbeit "häufig leer und ausgebrannt" fühle, was auf die Dauer das Risiko für Burnout, Depressionen und Angststörungen erhöhe.

Es bestehe dringender Handlungsbedarf, sagt der Gewerkschaftschef. Allerdings zeigen sich hier auch deutliche Grenzen. Personalkosten sind teuer und damit auch ein Posten, an dem gespart wird, wenn sich Unternehmer in punkto "Wettbewerbsfähigkeit" auf die Kosten konzentrieren. Hoffmann hat dafür den Satz: "Der Druck des Marktes wird ohne Rücksicht auf Verluste an den einzelnen Beschäftigten weitergegeben." Man darf gespannt sein, wie sich die Arbeitkämpfe, die für bessere Arbeitsbedingungen eintreten, an diesem Punkt weiterentwickeln.

Anders als früher steht die Sicherheit des Arbeitsplatzes nicht mehr ganz oben auf der Liste der Sorgen und Befürchtungen. Das könnte sich aber ändern, wie die ersten Alarmmeldungen aus der Autobranche andeuten. Der Verband der Autohersteller (VDA) schickt nun die Zahl von 70.000 Jobs weniger in die Öffentlichkeit. (Thomas Pany)