zurück zum Artikel

"Die erste Person, die von Mitgefühl profitiert, ist diejenige, die es empfindet"

Zahlreiche Studien belegen, dass Altruismus, Kooperation und Genügsamkeit einen heilenden Effekt auf Körper und Seele haben. Das sollten Überlegungen, wie Wirtschaft und Gesellschaft nach Ende der Pandemie aussehen könnten, dringend berücksichtigen

Gedanken für die Zeit nach Corona:

Der Artikel "Ist eine gesunde Wirtschaft nur um den Preis kranker Menschen möglich?" [1] präsentierte eine Vielzahl an wissenschaftlichen Arbeiten, die nachweisen, dass Egoismus, Konkurrenz und Materialismus negative Folgen auf Körper und Seele haben. Dies ist insbesondere bedenkenswert, weil oftmals die Überzeugung herrscht, der Mensch sei von Natur aus egoistisch, konkurrenzorientiert und materialistisch. Die Tatsache aber, dass diese Eigenschaften negative Effekte auf den Menschen haben, scheint dieser Annahme klar zu widersprechen. Vielmehr legt die Wissenschaft nahe, dass der Mensch von Natur aus deutlich eher altruistisch, kooperativ und genügsam veranlagt ist. Entsprechend wirken diese Eigenschaften auch positiv auf den Menschen.

Die positive Wirkung intrinsischer Motivation

Der US-amerikanische Psychologe Tim Kasser präsentiert in seinem Buch "The High Price of Materialism" hunderte Studien. Während allgemein die Gewissheit herrscht, der Mensch müsse extrinsisch motiviert werden, insbesondere durch Geld, zeigt sich, dass intrinsisch motivierte Menschen im Vergleich zu materialistisch motivierten Menschen von mehr Glück, mehr psychologischer Gesundheit, besseren zwischenmenschlichen Beziehungen, mehr Beiträgen zur Gemeinschaft und mehr Aufmerksamkeit für ökologische Fragen berichten. Nicht zuletzt sind intrinsisch motivierte Menschen auch zufriedener und seltener depressiv.

Mitgefühl und Altruismus

"Das Herz profitiert unmittelbar von Nähe, Einfühlung und Freundschaft", bringt es der Arzt und Wissenschaftsjournalist Werner Bartens auf den Punkt. Ganz in diesem Sinne belegen Studien: Mitfühlende Menschen leiden seltener an Depressionen und anderen seelischen Erkrankungen.

Altruismus steht im direkten Zusammenhang mit seelischem Wohlbefinden, wie eine Studie von Ed Diener und E. P. Martin Seligman [2] zeigt. So belegen Studien über freiwilliges Engagement, dass dieses mehr Wohlbefinden schafft als Tätigkeiten, die auf das persönlichen Vergnügen zielen. Ähnlich gelagert ist auch das Ergebnis [3] einer internationalen Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin. Nicht die Menschen waren am glücklichsten, die beruflichen oder materiellen Erfolg anstrebten, sondern diejenigen, die sich gemeinnützig oder in der Familie engagierten.

Großzügigkeit und Genügsamkeit

Nach dem Gesagten kann es kaum überraschen, dass die Tugend der Großzügigkeit zu mehr Wohlbefinden führt. Die kanadische Psychologin Elizabeth Dunn [4] hat Menschen untersucht, die in einem Experiment Geld für sich oder für andere Menschen ausgeben durften: "Wir stellten fest, dass die Leute, die erklärt hatten, mehr Geld für andere auszugeben als für sich, glücklicher waren."

Es fügt sich in dieses Bild, dass Genügsamkeit - also die Verweigerung des konsumistischen Imperativs - eine Reihe positiver Effekte hat. Im Jahr 2005 verglichen [5] beispielsweise Kirk Brown und Tim Kasser eine Gruppe von Anhängern freiwilliger Genügsamkeit mit einer Gruppe von Durchschnittsamerikanern. Sie fanden mehrere interessante Unterschiede: "Die Anhänger der freiwilligen Genügsamkeit waren mit ihrem Leben viel zufriedener, deutlich umweltbewusster und eher bereit, ihren ökologischen Fußabdruck zu verringern."

Gemeinschaft

Das Glück der Menschen hängt messbar davon ab, welcher Lebensbereich bei ihnen die höchste Priorität genießt: "Wer ausgesprochen viel Wert auf Freundschaften, Ehe und Familie legt, darf mit einem Glücksbonus rechnen. Diese Menschen werden auch mit den Jahren immer zufriedener", so das Ergebnis einer Studie [6], die die Daten des "Sozio-ökonomischen Panels" verwendetet. In diesem Licht überrascht es auch nicht, dass Menschen mit festen Beziehungen zufriedener mit ihrem Leben sind [7].

Die Psychologin Cendri Hutcherson konnte durch eine Reihe von Versuchen beweisen, dass das Gefühl der Gemeinschaft mit anderen Menschen nicht nur das Wohlbefinden steigert, sondern auch die psychische Gesundheit stärkt. Die seelisch heilende Kraft ist beeindruckend, wie der Psychiater Michael Linden (Charité Berlin) erklärt [8]: "Ob ein Erwachsener nach einem traumatischen Erlebnis wie einem gewalttätigen Angriff oder einem Autounfall psychisch erkrankt, hängt beispielsweise weniger davon ab, wie schlimm die Erfahrung war, sondern wie gut der Betroffene danach durch sein soziales Umfeld aufgefangen wird."

Eine kanadische Studie [9] kam zu einem ebenfalls bedenkenswerten Ergebnis. Sie untersuchte 10-Jährige, die ein erhöhtes genetisches Risiko hatten, an einer Depression zu erkranken. Ein einziger guter Freund reichte bereits aus, um die Wahrscheinlichkeit deutlich zu reduzieren, dass die Erkrankung tatsächlich ausbrach.

Ein kostenloses Heilmittel

Allan Luks, der die seelische Verfassung tausender US-Amerikaner untersuchte, die regelmäßig freiwilligen oder ehrenamtlichen Tätigkeiten nachgingen, kam zu dem Schluss, dass altruistische Menschen in der Regel gesünder waren als andere Gleichaltrige, mehr Begeisterung und Energie an den Tag legten und seltener an Depressionen litten als der Durchschnitt der Bevölkerung.

Altruismus reduziert auch körperlichen Schmerz. Zwei Pilotstudien und drei Experimente der Peking University [10] zeigen, dass selbstlos handelnde Personen eine verringerte Schmerzempfindung im Vergleich zu Personen haben, die vorwiegend eigennützig handeln.

Die Wirkung von Empathie

Empathische Menschen haben ein besseres Immunsystem. Sie erkranken weniger intensiv, wenn sie beispielsweise in einem Experiment gezielt einer Ladung Erkältungsviren ausgesetzt werden. Entzündungsreaktionen verlaufen bei ihnen weniger intensiv und sind sogar Erkältungen seltener.

Auch die heilende Wirkung von Empathie ist erstaunlich. Krankenhauspatienten, die ihre Ärzte als empathisch erleben, erholten sich schneller von Infektionen [11]. Es ist daher bedenklich, dass der so wichtige Faktor des persönlichen Mitgefühls kaum Erwähnung im Studium der Medizin findet. Harvey Fineberg, Präsident des medizinischen Instituts der amerikanischen National Academy of Sciences, mahnt daher: "Jeder Arzt weiß, was er zu tun hat, um die erforderlichen technischen Kompetenzen zu erwerben (...). Aber wie viele haben auch nur eine Ahnung davon, wie man mitfühlender wird?"

Da die Ökonomisierung der Medizin und die ärztliche Ausbildungswirklichkeit empathisches ärztliches Handeln weitgehend verdrängt [12] haben, steht zu befürchten, dass sich hieran nicht so schnell etwas ändern wird.

Die Wirkung des Vertrauens

Die Fähigkeit zu vertrauen wird im täglichen Konkurrenzkampf und nicht zuletzt durch ein populärwissenschaftlich reduziertes Verständnis von Charles Darwin, das Leben sei ein Kampf von "jedem gegen jeden", arg auf die Probe gestellt. Die Fähigkeit zu vertrauen ist aber keineswegs naiv, wie man angesichts der Alltagserfahrungen meinen sollte, sondern sie ist für die menschliche Gesundheit zentral und hat einen erstaunlich signifikanten Einfluss auf die Lebenserwartung der Menschen [13], wie eine aktuelle Studie in den USA zeigt. Ob man anderen Menschen, auch Fremden, vertraut oder nicht, führt zu einem Unterschied in der Lebenserwartung von 10 Monaten [14].

Gemeinschaft stärkt das Immunsystem

Das Erleben von Gemeinschaft, Freundschaft und Familie hat ausgesprochen positive Wirkungen auf das Immunsystem und damit auch auf die Gesundheit des Menschen. Die Belege hierfür sind vielfältig:

Der entscheidende Faktor für die menschliche Gesundheit [22] ist hierbei erstaunlicherweise weniger, was man an menschlicher Wärme und Nähe empfängt, sondern wie viel Mitgefühl man selbst empfindet und wie sehr man sich selbst um andere kümmert, also kurz: das eigene altruistische Verhalten.

"Die erste Person, die von Mitgefühl profitiert, ist diejenige, die sie empfindet", bemerkte einmal der Dalai Lama. Aus medizinischer Sicht kann man dieser überraschenden Aussage über die Wirkung mitmenschlicher Gefühle nur zustimmen.

Es gibt kein richtiges Leben im falschen

Dieser berühmte Ausspruch Theodor W. Adornos aus seinem Werk "Minima Moralia" fasst präzise die Erkenntnis über die Auswirkungen von Egoismus, Konkurrenz und Materialismus auf der einen und Altruismus, Kooperation und Genügsamkeit auf der anderen Seite zusammen. Betrachtet man Gesellschaft, Politik und Wirtschaft im Zeitalter des Neoliberalismus, kann man nicht umhin festzustellen, wie sehr Weichenstellungen auf der Überzeugung basieren, der Mensch sei von Natur aus egoistisch, konkurrenzorientiert und materialistisch. Entsprechend löst die offiziell eingeforderte Eigenverantwortung beispielsweise zunehmend die Solidargemeinschaft auf, wird Konkurrenzkampf und Leistungsdruck in der Schule forciert und werden Universitäten und Krankenhäuser zunehmend zum Konkurrenzkampf gezwungen, um nur einige wenige stellvertretende Beispiele zu nennen. Und während so Eigenschaften des Menschen gefordert und gefördert werden, die nachweisbar schädliche Auswirkungen haben, werden mitmenschliche Eigenschaften wie Altruismus und Kooperation unterdrückt und zerstört. Es gibt kein richtiges Leben im falschen, wie Theodor W. Adorno betonte. Entsprechend sollte für eine Zeit nach der Pandemie über die verschiedenen Weichenstellungen in Gesellschaft und Wirtschaft nicht auf Grundlage einer Ideologie, sondern der angeführten wissenschaftlichen Studien nachgedacht werden.

Von Andreas von Westphalen ist im Westend Verlag das Buch erschienen: "Die Wiederentdeckung des Menschen. Warum Egoismus, Gier und Konkurrenz nicht unserer Natur entsprechen".

Benutzte Bücher:

Bartens, Werner: Empathie: Die Macht des Mitgefühls: Weshalb einfühlsame Menschen gesund und glücklich sind.
Bauer, Joachim: Das Gedächtnis des Körpers. Wie Beziehungen und Lebensstile unsere Gene steuern.
Bauer, Joachim: Prinzip Menschlichkeit. Warum wir von Natur aus kooperieren.
Bauer, Joachim: Schmerzgrenze. Vom Ursprung alltäglicher und globaler Gewalt.
Bauer, Joachim: Warum ich fühle, was du fühlst. Intuitive Kommunikation und das Geheimnis der Spiegelneuronen.
Christakis, N. A. und Fowler, J. H.: Die Macht sozialer Netzwerke. Wer uns wirklich beeinflusst und warum Glück ansteckend ist.
Goleman, Daniel; Davidson, Richard J.: Altered Traits. Science Reveals How Meditation Changes Your Mind, Brain, and Body Hari, Johan: Lost Connections.
Kasser, Tim: The High Price of Materialism. Kast, Bas: Ich weiß nicht, was ich wollen soll. Warum wir uns so schwer entscheiden können und wo das Glück zu finden ist.
Keysers, Christian: Unser empathisches Gehirn. Warum wir verstehen, was andere fühlen.
Ricard, Matthieu: Allumfassende Nächstenliebe. Altruismus - die Antwort auf die Herausforderungen unserer Zeit.


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-4704087

Links in diesem Artikel:
[1] https://www.heise.de/tp/features/Ist-eine-gesunde-Wirtschaft-nur-um-den-Preis-kranker-Menschen-moeglich-4676645.html
[2] http://pcl.missouri.edu/jeff/sites/pcl.missouri.edu.jeff/files/Diener.pdf
[3] https://www.wiwo.de/erfolg/trends/psychologie-warum-wir-doch-keine-egoisten-sind/5691128-all.html
[4] https://greatergood.berkeley.edu/images/application_uploads/norton-spendingmoney.pdf
[5] https://link.springer.com/article/10.1007%2Fs11205-004-8207-8
[6] http://www.psychology.hku.hk/ftbcstudies/refbase/docs/headey/2008/38_Headey2008.pdf
[7] http://www.heise.de/tp/artikel/43/43889/1.html
[8] http://www.spiegel.de/gesundheit/psychologie/freundschaften-sind-gut-fuer-die-gesundheit-a-954153.html
[9] http://www.gripinfo.ca/grip/public/www/doc/Articles/Brendgen_2013_id_4663.pdf
[10] https://www.pnas.org/content/117/2/950
[11] http://www.stfm.org/fmhub/fm2009/July/David494.pdf
[12] https://www.spektrum.de/video/aerztliche-empathie-zwischen-oekonomisierung-und-patientenwohl/1647036
[13] https://jech.bmj.com/content/73/1/50
[14] https://www.heise.de/tp/features/Geringes-Vertrauen-in-andere-Menschen-erhoeht-die-Mortalitaet-4209463.html
[15] https://journals.lww.com/psychosomaticmedicine/Abstract/2002/09000/Cardiovascular_Reactivity_and_the_Presence_of.5.aspx
[16] http://journals.plos.org/plosmedicine/article/fileid=10.1371/journal.pmed.1000316&type=printable
[17] http://web.stanford.edu/group/ecampus/cgi-bin/cancerpen/node/99
[18] http://jech.bmj.com/lookup/doi/10.1136/jech-2016-207857
[19] https://cpb-us-w2.wpmucdn.com/sites.chapman.edu/dist/5/366/files/2014/05/Boehm-Kubzansky-2012-Psych-Bull-1jhjz1g.pdf
[20] http://people.stat.sc.edu/hansont/stat770/CohenEtAl.pdf
[21] https://personal.eur.nl/veenhoven/Pub2000s/2008d-full.pdf
[22] https://bmcgeriatr.biomedcentral.com/articles/10.1186/1471-2318-7-19