Die ewige Doppelmoral des Vatikans

Wie die Kirche Spendengelder für Investitionen ausgibt

Pecunia bekanntlich non olet, dennoch ist die Luft im Staatssekretariat des Vatikans verpestet. Im wichtigsten Dikasterium der römischen Kurie gibt es eine geheimnisvolle Sektion, die sogenannte "Bank des Papstes", die Spendengelder in Geschäfte investiert, die so gar nicht den proklamierten Glaubensgrundsätzen entsprechen.

Das wäre nicht weiter schlimm, wenn der Heilige Stuhl die öffentliche Meinung nicht massiv mitbeeinflussen würde. Die Einflussnahme geht so weit, dass der Vatikan sogar seine diplomatischen Kanäle aktiviert, um die italienische Regierung offiziell aufzufordern, einen Gesetzesentwurf zu ändern.

Eine solche Einflussnahme hat es in dieser Form noch nie gegeben. Es geht dabei um das sogenannte "Zan-Gesetz", sprich das öffentlich heiß debattierte Gesetz gegen Homo-/Transphobie, über das nach wiederholtem Stocken jetzt im Senat diskutiert wird. Die Strafrechtsreform würde angeblich das Konkordat von 1984 verletzen, weshalb sich der Vatikan genötigt sah, Italien offiziell zur Einhaltung des bilateralen Vertrages anzuhalten.

Es gibt viele Beispiele für kognitive Verzerrungen im kirchlichen Verhalten in Bezug auf Homosexualität und Homophobie. Der Fortschritt der Theologie im Bereich der Sexualität kollidiert immer wieder mit einer plakativen Ächtung der Homosexualität.

Zum einen verbietet der Vatikan die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare, zum anderen spricht sich der Papst für deren staatliche Anerkennung aus. Abgesehen von der heimlichen Homosexualität innerhalb der Mauern des Kirchenstaates stehen einer Moral, die in den Fünfzigerjahren festzustecken scheint, Investitionen in Millionenhöhe entgegen, die von Kritikern als "homophil" bezeichnet werden.

Die Geschäfte mit dem Peterspfennig

In der "Bank des Papstes" fließen die Spendengelder zusammen, die gläubige Katholiken aus der ganzen Welt direkt dem Papst zukommen lassen. Hunderte Millionen Euro häufen sich so aus der Kollekte, dem sogenannten Peterspfennig, zu einem wahrhaftigen Schatz, der eigentlich zur Unterstützung und Umsetzung der karitativen und humanitären Werke der Kirche ausgegeben werden sollte.

In Wahrheit zeichnet sich die Verwaltung dieses Vermögens, laut der Staatsanwaltschaft des päpstlichen Staates, schon seit etlichen Jahren durch Betrug, Erpressung und Korruption aus. So wurden die Einnahmen aus dem Peterspfennig etwa in einem Investmentfonds, dem Centurion Global Fund, zur Finanzierung des Films "Rocketman" angelegt. Der Film ist eine Biografie des schwulen Popsängers Elton John, der daraufhin der katholischen Kirche Heuchelei vorwarf:

Wie kann der Vatikan homosexuellen Partnerschaften den Segen verweigern, zugleich jedoch Profit aus Investitionen in Millionenhöhe in meinen Film Rocketman schlagen?

Elton John, Twitter

Rein rechnerisch war die Investition natürlich mehr als gelungen, denn der Film war mit einem Reingewinn von 13 Prozent ein riesiger Leinwanderfolg. Wie alle Anlagen des Centurion-Fonds wurde auch diese selbstverständlich mit dem Staatssekretariat des Vatikans abgestimmt, das unter der damaligen Leitung des Kardinals Giovanni Angelo Becciu stand.

Nach dem Finanzskandal von 2019 trat Becciu auf Druck vonseiten des Papstes Franziskus von all seinen Ämtern zurück und wurde daraufhin vom vatikanischen Gerichtshof wegen Veruntreuung, Unterschlagung und Amtsmissbrauch angeklagt.

Wie kann die Kirche auf geopolitische und pandemische Krisen tippen?

Eine weitere zweckentfremdete Investition der Peterspfennig-Gelder betrifft die Pandemie. Auch diese steht im Widersatz zur katholischen Grundmoral und der anthropologischen Auffassung der Kirche.

Wenn der Gewinn aus einem Film über einen schwulen Popstar vielleicht noch akzeptabel erscheint, so wirkt die Spekulation mit der Pandemie wahrscheinlich etwas abgeschmackter. Zwar hatte der Heilige Stuhl bereits vor einigen Jahren zugegeben, dass die Gelder aus der "Bank des Papstes" nicht ausschließlich für wohltätige Zwecke eingesetzt werden. Doch mit ihnen Profit aus der Corona-Krise zu schlagen, lässt dann doch perplex zurück.

Papst Franziskus hatte im Madonnenmonat Mai einen internationalen Gebetsmarathon gestartet, um ein Ende der Corona-Pandemie zu erflehen - und betet generell ständig für die Befreiung von der Plage. Vielleicht auch weil der Hedgefonds Geo-Risk, in den über den Broker Enrico Crasso, 4,3 Millionen Peterspfennige investiert wurden, und der vor seiner Schließung einen schwindelerregend hohen Profit abgegeben hat, bereits seinen Teil gemacht hat.

Dieser hochspekulative Fonds, der von der Investment-Bank Morgan Stanley verwaltet wurde, setzte auf das Eintreffen einer Katastrophe, eines Krieges oder einer Pandemie. Die Strategie ging auf, denn die Pandemie-Krise trat tatsächlich ein, was die Rendite in ungeahnte Höhen schnellen ließ. An einem einzigen Tag hat der Fonds über 20 Prozent gewonnen und hätte sich sogar verdoppelt, wenn er nach einigen Monaten nicht direkt von Morgan Stanley vorzeitig geschlossen worden wäre.

Die Einstellung von Papst Franziskus zur Pandemie spiegelt allgemein die der italienischen Obrigkeiten wider. Er hat die Lockdowns ganzheitlich befürwortet und hat auch dann nicht eingegriffen, als einige Pfarrer trotz Verbot den Gottesdienst in Anwesenheit der Gläubigen gefeiert haben und dafür von den italienischen Behörden sanktioniert wurden. Auch unterstützt der Pontifex eifrig die landesweite Impfkampagne, bezeichnet die Impfung als "moralische Pflicht" und droht internen Impf-Verweigerern sogar mit der Entlassung.

Die Ambivalenz der kirchlichen Vorgehensweise ist mehr als offensichtlich und doch immer wieder schockierend. Vordergründig scheint der Papst alles bereinigen zu wollen, zwingt fragwürdige Mitarbeiter zur Abdankung und öffnet sich grundsätzlich der Welt (wohl ein Postulat des Zweiten Vatikanischen Konzils) - doch in Wahrheit werden die meist sehr säkularen Interessen des Vatikans ausnahmslos über die der Kirche Christi gestellt.

Der Papstgegner und ehemalige Apostolische Nuntius in den USA, Erzbischof Carlo Maria Viganò, vertritt eine sehr umstrittene These zum Thema: "Deep Church", die sich an Verschwörungs-Geschichten anhängt: Seiner Meinung nach würde die kirchliche Hierarchie aktiv dazu beitragen, die Agenda des Weltwirtschaftsforums (WEF) zum "Great Reset" Punkt für Punkt umzusetzen. (Jenny Perelli)