Die fabelhafte Welt des Kapitalismus

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Der neueste Film des Kanadiers Denys Arcand über den Untergang des amerikanischen Imperiums

"Das Universum des Geldes ist unendlich groß. Niemand kann Ihnen sagen, wieviel genau davon im Umlauf ist. Wir sprechen hier von Milliarden, wenn nicht Billionen" - schon dieser Dialogsatz ist eine Fabel, denn genau genommen müsste man von Trilliarden sprechen. Allein die Bargeldsumme der Welt liegt bei einer zweistelligen Billiardenzahl. In jedem Fall aber gilt: Der eigentlich Hauptdarsteller dieses Films ist das Geld. Es gibt ziemlich viel davon, aber ziemlich wenige haben wirklich genug.

Ums Geld dreht sich alles

Ums Geld dreht sich alles, es steht im Zentrum der Handlung. Die wichtigste menschliche Hauptfigur heißt Pierre-Paul. Der ist ein junger und hochintelligenter Mann, zugleich aber eine Art lebensfremder Stadtneurotiker, wie ihn Woody Allen nicht präziser und lustiger zeichnen könnte.

Er arbeitet für einen Billiglohn als Paket-Kurierfahrer im kanadischen Montreal, und in seiner Freizeit liest er Philosophen. Seine Freundin Linda ist Bankangestellte, ihr hält er beim gemeinsamen Date lange Vorträge in einer Mischung aus Verzweiflung und Intellektuellenhochmut:

"Die großen Schriftsteller waren alle dumm wie Stroh. Dostojewski hat die Pelze seiner Frau versetzt. Er war spielsüchtig. Er war sicher zu gewinnen und blind gegenüber den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit. Tolstoi hat seinen Dienern verboten, sich impfen zu lassen, und Louis Ferdinand Celine floh aus Frankreich und kam bei der SS unter - ein Vollidiot. Hemingway sah sich selbst als Boxer - was für tolle Genies!"

Berechtigte Rückfrage: "Wenn du so schlau bist, warum leitest du dann keine Bank oder arbeitest in der Universität?"

"Ich bin zu intelligent. Intelligenz ist kein Vorteil"

Pierre-Pauls Antwort: "Ich bin zu intelligent. Intelligenz ist kein Vorteil. Es ist ein Handicap", stellt er so ganz ohne Eitelkeit, aber mit sehr nüchternem Analysevermögen fest. Schließlich hat er einen Doktortitel. Pierre-Pauls Fähigkeit, die Abgründe dieser Welt in ihrer Komplexität erfassen zu können, sorgt für berechtigte Depressionen.

Der unverhoffte Charme des Geldes (13 Bilder)

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Eines Tages ändert sich dann alles. Da bricht das Leben mit Macht über Pierre-Pauls Existenz ein, sodass er ihm nicht mehr entkommen kann. Nun werden sich seine Theorien über die Dummheit der Klugen entweder bestätigen, oder er wird sie widerlegen. Denn zufällig wird er Zeuge eines Banküberfalls, der so blutig ausgeht, dass an dessen Ende eine Handvoll Leichen und zwei riesige Taschen voller Banknoten auf der Straße liegen.

Bevor die Polizei ankommt, stopft Pierre-Pauls die Taschen in seinen Lieferwagen.

Aber was soll er jetzt mit dem vielen Geld anfangen? Zumal nun alle Gangster von Québec und natürlich auch die Polizei hinter den Taschen her sind.

Die Entrechteten und Beleidigten setzen sich endlich zur Wehr

Zusammen mit dem Escort-Girl Aspasia und dem cleveren Ex-Rocker Sylvain (Rémy Girard) bildet der Zufalls-Millionär eine Außenseiterbande der Ausgegrenzten - angetrieben vom Stoiker Marc Aurel und dessen Prinzip des Amor fati, der Liebe zum Schicksal.

Mit ihnen bekommt Pierre-Paul auch Einblick in die wenig sichtbare Welt der Geldwäsche.

Sie wird zum Beispiel von Politikern genutzt, die legales Geld direkt auf die Bermudas transferieren, weil sie es sich nicht leisten können, dass sich die Medien darauf stürzen. Oder von Edel-Prostituierten. Wer sie bezahlt, spendet im Grunde an eine Wohltätigkeitsorganisation.

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Der neue Film des frankokanadischen Regisseurs Denys Arcand führt mit dem Film die Kritik am Materialismus der gegenwärtigen Gesellschaft fort, die schon Arcands bisherige Filme prägten: "Der Untergang des Amerikanischen Imperiums" (1986) und "Die Invasion der Barbaren" (2003).

Sein neues Werk ist eine Komödie und ein komödiantischer Thriller und damit ziemlich altmodisch - mehr als an einen Woody Allen-Film erinnert er an eine Peter Sellers-Komödie wie "Der Rosarote Panter" von Blake Edwards. Im Original lautet der Titel des Films "Der Fall des amerikanischen Imperiums".

Die Grundidee überzeugt: Arcand will die Welt erklären und benutzt dafür einen polit-philosophischen Gangsterfilm. Geld ist hier kein bloßer Fetisch und Vorwand, um schöne Männer bei schönen Dingen zu zeigen, bei der Arbeit, beim Küssen, beim Schießen und beim Autofahren, so hat es hier tiefere (gesellschaftliche) Bedeutung.

Die Entrechteten und Beleidigten setzen sich endlich zur Wehr. Filme wie "Die Abenteuer eines Zehnmarkscheins" (1926) von Bertold Viertel, Max Ophüls' "Komödie vom Geld" oder Robert Bressons "L'Argent" ("Das Geld") stehen hierfür Pate.

Als Regisseur hat Arcand seine verwickelte Geschichte nicht immer im Griff. Heftig schwankt die Stimmung zwischen harschem, teils brutalem Thriller, bitterem Sozialdrama und leichter Romanze. Die Dialoge, die anfangs noch etwas behäbig wirken, werden aber mit zunehmender Filmdauer anspielungsreich und witzig.

Arcand verbindet mit alldem tiefere Bedeutung, nämlich eine Kritik der Hochfinanz, der alltäglichen gesellschaftlichen Korruption und der politischen Verhältnisse im Westen: "Genauso erbärmlich sind die Politiker: George Bush, Nicolas Sarkozy, Silvio Berlusconi - sie sind allesamt Verlierer. Donald Trump!" - "63 Millionen Amerikaner haben ihn gewählt." - "Natürlich: Schwachsinnige beten Idioten an."