Die ganze Wahrheit über alles

Das Wissen über die Welt und die Gesellschaft stellt Lösungen bereit, wie wir unsere Zukunft doch noch retten können

Die ganze Wahrheit ist: Wir wissen, dass wir nichts wissen, und nicht mal das wissen wir so ganz genau. Nur von etwa vier Prozent des Universums, so schätzt die Wissenschaft, haben wir eine ungefähre Ahnung, vom ganzen Rest, also fast von allem, wissen wir nichts. "Nichts" hört sich nicht gut an, weshalb unsere Experten dafür neuerdings schönere Begriffe gefunden haben, wie zum Beispiel "dunkle Materie" oder "verborgene Variablen". Die klingen zwar auch nicht viel angenehmer, aber immerhin scheint da noch etwas Materielles, etwas Fassbares zu sein. Und fassbar, also maximal auf Armeslänge entfernt, muss etwas sein, dass wir es er-fassen, be-greifen, uns vor-stellen können.

Die Be-Griffe, die wir dafür verwenden, deuten an, dass unsere Konzeption von Wahrnehmung aus einer Zeit stammt, in der die Primaten noch auf Bäumen lebten. Seitdem wurden zwar in Windeseile das Feuermachen, die Dampfmaschine und das Internet erfunden, doch mit dem Be-Greifen sind wir als nunmehr domestizierte Primaten immer noch schwer überfordert. Das Universum, das Leben und der ganze Rest sind einfach zu viel, als dass sie sich simpel, einfältig vor-stellen und be-greifen lassen. Das heißt einen Begriff, eine Vorstellung kann man sich mit dieser Baummenschen-Methode davon schon machen, der Glaube indessen, dass diese Vorstellung der Wirklichkeit entspricht, ist pure Einbildung. Oder, wie es der Darth Vader der deutschen Philosophie, Martin Heidegger, ausgedrückt hat: "Seinsvergessenheit".

Ja, aber ... haben wir denn nicht Nobelpreisträger, leibhaftige Genies und all die Experten im Fernsehen, die auf fast jede Frage eine Antwort wissen - vom Ablauf des Urknalls bis zu den Vorteilen der Mehrkomponentenwertstofftonne? Haben wir nicht Forschungseinrichtungen, Elite-Universitäten und Thinktanks, in denen unsere Spitzendenker und HochintelligenzlerInnen der Lösung der letzten noch offenen Fragen Tag für Tag näher kommen? Haben wir als Menschheit insgesamt nicht derart gigantische Fortschritte in der Ansammlung und Verbreitung von Wissen gemacht, dass heute jeder Durchschnittsbürger mehr vom Aufbau des Universums oder der Funktionsweise des menschlichen Körpers weiß, als vor 200 Jahren das größte lebende Genie? Und haben Wissenschaft und Technologie uns nicht einen unvorstellbaren Fortschritt, immensen Wohlstand und unerreichte Bequemlichkeit und Lebensdauer beschert?

Das kann man wohl sagen. Aber mit diesem "Fortschritt" ist es nicht mehr weit her, für diesen "Wohlstand" können wir uns bald nichts mehr kaufen, und wenn wir es so weiter treiben, fährt der Karren gegen die Wand. Und das sollte man nicht nur wissen, das kann man auch wissen, wenn man genau hinschaut - nur ist das nicht gerade schön, weshalb es von den meisten Menschen vermieden wird.

Wer sich aber auf die Schultern einiger Riesen stellt und Ausschau hält, kann auch als Zwerg erkennen: Das Wissen über die Welt und die Gesellschaft stellt Lösungen bereit, um das mit Vollgas Richtung Crash bretternde Gefährt abzubremsen und umzusteuern. Dem Fatalismus, dass eh alles zu spät ist und Buchautoren allenfalls noch eine Rolle im Orchester der Titanic zufällt, schließen wir uns nicht an. Denn wir haben es auf diesem Kollisionskurs nicht mit einem Eisberg, sondern mit selbstgeschaffenen, hausgemachten Problemen zu tun: einem Wirtschaftssystem, das als zerstörerischer Kaputtalismus wütet, und einer Zivilisation, die zur Zuvielisiation mutiert ist und an ihrem eigenen Müll erstickt. An ihrer eigenen Dummheit. Die vermutlich der Tatsache geschuldet ist, dass ins Betriebssystem der allerersten Lebewesen ein Befehl programmiert war - "Wenn sich was bewegt, hau drauf und friss es!" -, der auf diesem äußerst unwirtlichen Planeten für das Überleben von entscheidender Bedeutung war und deshalb auch bei allen folgenden DNA-Updates bis hin zur aktuellen Version des Homo sapiens weiter ein Bestandteil des Betriebssystems blieb. Mittlerweile aber ist er für die potentiell fatalen Bugs, die Systemfehler, verantwortlich, die wir von A-Z aufgeführt haben.

Ohne Frage hat dieser tief im Kern des Überlebensprogramms steckende Reflex unsere Vorfahren über Millionen Jahre hinweg in einer von Knappheit und Mangel geprägten Umwelt extrem erfolgreich gemacht. Aber diese vielversprechende Strategie der Gier - darauf deuten alle identifizierten Bugs hin - hat definitiv ausgedient. So wie der Hecht im Karpfenteich irgendwann checkt, dass es mit seinem Hechtsein zu Ende geht, wenn er alle Karpfen frisst, so haben wir Menschen mittlerweile gecheckt, dass wir dank unserer Erfindungsgabe und Ideen in der Lage sind, aus diesem von Knappheit und Mangel geprägten Planeten ein Paradies zu machen.

Mit einem gigantischen Atomkraftwerk am Himmel, das (für die nächsten ca. zwei Milliarden Jahre) kostenlos freie Energie liefert, mit (noch) fruchtbaren Böden, (noch) sauberem Wasser und einer (noch) ausreichenden Vielfalt von Pflanzen und Tieren, sodass die Erde auch eine größere Menschenbevölkerung ernähren könnte als die derzeit lebende - sofern sich diese Bevölkerung an die Spielregeln hält. Entscheidend ist die Gesundheit des ganzen Planeten und nicht die irgendeiner einzelnen Art von Organismen, entscheidend für die Regulierung des Gesamtsystems ist die Vielfalt organischen Lebens.

Wer sich parasitär, auf Kosten dieser Vielfalt ausbreitet, wird zwangsläufig untergehen. Wenn wir den Zoom ganz weit öffnen und die vier Milliarden Jahre der Entwicklung des Lebens auf der Erde in den Blick nehmen, können wir die einzige wirklich unumstößliche Regel erkennen, die Wahrheit, die auf diesem Planeten von Beginn an gilt: Alle Parasiten müssen Symbionten werden - oder sie werden verschwinden.

Diese große Wahrheit gilt als Regel nicht nur für das Gesamtsystem, den Superorganismus Erde, sondern für sämtliche Sub-Sub-Sub-Systeme, die sich in der Biosphäre tummeln. Und nicht nur die natürlichen, sondern auch die hergestellten und geschaffenen gesellschaftlichen, kulturellen und technischen Systeme. Diese Wahrheit spiegelt sich in vielen der oben angesprochenen guten und wahren Ideen für die Organisation dieser Systeme, die in der Praxis immer noch scheitern, weil wir - als Menschheit insgesamt und als unsere Generation im Besonderen - den Switch vom Parasitären zum Symbiotischen nicht geschafft haben.

Und das hat nicht nur mit dem immer noch zuschlagenden "Friss"-Befehl zu tun, der aus den Urzeiten der Evolution in unserem Betriebssystem steckt, sondern auch mit den diesen Impuls ansprechenden Ideologien: vom Überleben des Stärkeren im Kampf ums Dasein, vom Homo oeconomicus, der allein von egoistischen Impulsen getrieben wird, vom Homo homini lupus, dem Menschen, der für den anderen stets ein Wolf und nur mit Gewalt zu bändigen ist.

Doch diese Theorien und die daraus abgeleiteten Ideologien sind falsch, weil sie nur Teilwirklichkeiten erfassen. Und zwar solche, die für Planeten gelten, auf denen Knappheit und Mangel ein schier unüberwindliches Problem darstellen. Auf der Erde anno 2016 tun sie das indes nicht mehr. Und während die gute alte Hippie-Utopie "Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin" allenfalls insoweit verwirklicht ist, als Krieg mittlerweile ferngesteuert wird, stehen wir jetzt, wo die Lösungen für die Probleme der Welt auf dem Tisch liegen, vor dem Paradox "Stell dir vor, es geht, und keiner kriegt’s hin".

Zumindest wir haben's nicht geschafft. Aber ihr, die kommende Generation, seid hoffentlich ein bisschen smarter - weil ihr die andere Seite der Evolution, der Ökonomie, der (Staats-)Macht entdeckt und Ideologien schafft, die die symbiotischen, kooperativen und emphatischen Eigenschaften betonen, ohne die das Leben auf diesem Planeten gar nicht hätte entstehen können.

Dies ist ein Auszug aus dem neuen Buch von Sven Böttcher und Mathias Bröckers: "Die ganze Wahrheit über alles - Wie wir unsere Zukunft doch noch retten können", das gerade im Westend Verlag erschienen ist.

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