Die "gefährlichste Hackergruppe" der Welt

Das Pentagon hat ein einsatzbereites Team für den Cyberwar aufgebaut, aber unklar ist, was es kann und darf

Seit langem werden vom Pentagon schon Angriffs- und Verteidigungsmittel für den Cyberwar entwickelt, der trotz immer wieder geäußerter Ankündigungen bislang aber ausgeblieben ist. Schon 1999 hat das Pentagon unter der Leitung des Space Command mit dem Aufbau von Infowar-Teams begonnen (Hacken für das Vaterland). 2002 ordnete US-Präsident an, eine Strategie auszuarbeiten, um Richtlinien festzulegen, wann und mit welchen Mitteln ein Cyberwar ausgeführt werden soll (Strategie für den Cyberkrieg). Angeblich wurde nun bereits ein solches Team unter dem Namen Joint Functional Component Command for Network Warfare (JFCCNW) aufgebaut, das bereits einsatzfähig sein soll.

Am 16. März berichtete General James Cartwright vom Strategic Command (Stratcom) vor dem Streitkräfteausschuss des US-Senats über die Pentagon-Strategie im Weltraum, wozu eben auch der Infowar gehört, da diese "Informationsoperationen" dem Space Command zugeschlagen wurden. Cartwright betonte die "globale wirtschaftliche, politische und soziale Abhängigkeit", die das Zeichen dieses Jahrhunderts sei. Sie betreffe auch den Zusammenhang zwischen den strategischen Interessen der USA und "regionalen Operationen" wie beispielsweise denen in Afghanistan oder im Irak, aber auch in Asien nach dem Tsunami.

Die Feinde würden zu "asymmetrischen Mitteln" greifen, um Verluste im Kampf gegen den übermächtigen Gegner zu vermeiden und dabei die dieselben Informations- und Kommunikationsmittel benutzen, die auch der amerikanischen Öffentlichkeit zur Verfügung stehen. All das unterscheide die Einsätze im 21. Jahrhundert von denen früherer Zeiten. So könne an einem Ort eine humanitäre Aktion stattfinden und einige Hundert Meter entfernt ohne vorheriges Warnung ein schweres Gefecht ausbrechen.

Stratcom müsse insgesamt seine Strategie global anlegen, weswegen Cartwright allen strategischen Bereichen einfach das Adjektiv global anfügt:

  1. Global deterrence; • Global support from space-based operations; • Global intelligence, surveillance, and reconnaissance; • Global strike; • Global information and network operations; • Global command and control; • Global integrated missile defense coordination; • Globally combating weapons of mass destruction.

Cartwright hebt unter anderem hervor, dass auch weiterhin Atomwaffen eine wichtige strategische Funktion haben und dass die USA ihre jetzige Überlegenheit im Weltraum sichern müsse. Dazu gehöre die aktive und passive Verteidigung der Objekte im Weltraum, aber auch die Fähigkeit, einem Gegner nach Belieben den militärischen Zugang zum Weltraum zu verwehren. Neben der globalen Überwachung und den anderen Mitteln für den net-centric warfare finden sich hier auch die "globalen Informations- und Netzwerkoperationen" im Rahmen des "network warfare".

Die Struktur scheint allerdings verwirrend zu sein. Nach Cartwright leite das Space Command zusammen mit der National Security Agency (NSA) die Infokrieger des Network Warfare Joint Functional Component Command. Das Kommando soll die Zusammenarbeit der anderen Einheiten bei der Verteidigung der Computernetze und beim "offensiven" Informationskrieg unterstützen. Koordiniert werden sollen die Aktivitäten vor allem mit der Joint Task Force for Global Network Operations der Defense Information Systems Agency und eben dem neuen Joint Functional Component Command for Network Warfare. Neben Verteidigung von Netzwerken und Angriff auf solche arbeiten diese Einheiten mit weiteren zusammen, die für psychologische und elektronische Kriegsführung sowie für Sicherheit und militärische Täuschung zuständig sind. Es ist also ein kompliziertes Geflecht aus Zuständigkeiten.

Ein Wired-Artikel kündigt nun in reißerischem Stil die neue Einheit an: ein "supergeheimes, viele Millionen Dollar teures Waffenprogramm, das bereits ist, einen unblutigen Cyberwar gegen feindliche Netzwerke zu starten – angefangen von Stromnetzen bis hin zu Telefonnetzen". Die Einheit könne man, so heißt es weiter, am besten als die "weltweit gefährlichste Hackergruppe" beschreiben, die neben der Verteidigung der Pentagon-Netzwerke auch für Angriffe auf feindliche Netzwerke (Computer Network Attacks – CNA) zuständig sei. Ansonsten ist alles schwer geheim und geheimnisvoll laut Wired. Dafür wird ein Experte zitiert, der spekulieren darf, dass die Einheit Netzwerke zerstören, in Computer eindringen oder einen Wurm freisetzen könne, der dann etwa die Kontrolle über feindliche Computersysteme übernimmt.

Interessanter als solche Rhetorik sind freilich die Ausführungen über das Spektrum möglicher Infowar-Angriffe. So habe beispielsweise das im Internet zirkulierende Video, das die Enthauptung von Nicholas Berg im letzten Jahr zeigte, die Diskussion im Pentagon und anderen Ministerien entstehen lassen, so der pensionierte Oberst Lawrence Dietz, ob man solche Webseiten durch Angriffe schließen oder verändern könne und ob das JFCCNW dazu berechtigt sei.

Damit würde das Militär allerdings zivile Ziele angreifen, zumindest wenn die Websites nicht vom "Feind" sind, sondern deren Inhalte veröffentlichen. Zwar gibt es im Kriegsrecht noch keine explizite Erwähnung von Infowar-Angriffen, es wird auch die Ansicht geäußert, dass der Infowar, weil er kein im traditionellen Sinne "bewaffneter" Konflikt ist, gar nicht unter das Kriegsrecht oder das humanitäre Völkerrecht falle. Experten sind etwa der Meinung, dass Cyber-Angriffe im Rahmen eines Konflikts völkerrechtlich nicht verboten seien, solange sie keine Zivilisten leiden lassen, diese verletzen oder töten und zivile Objekte schädigen oder zerstören. Ob das Pentagon den Auftrag des US-Präsidenten bereits eingelöst hat, Vorschriften für den Infowar zu formulieren, wäre interessant zu erfahren.

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