Die geheimnisvolle russische Unterwasserdrohne mit Nuklearsprengkopf

Zufällig sei bei einem Treffen Putins mit Militärs ein Geheimdokument von Fernsehkameras aufgenommen und verbreitet worden

Am 9. November traf sich der russische Präsident Putin mit hohen Militärs und Vertretern der Rüstungsindustrie, um über die Entwicklung des militärisch-industriellen Komplexes zu diskutieren oder seine Weisungen zu geben (USA und Russland im nuklearen Rüstungswettlauf). Nach den Aufnahmen zu schließen, war es eine äußerst steife, von Putin dominierte Veranstaltung.

Kurz zuvor hat der US-Verteidigungsminister Russland zur größten Bedrohung der von den USA geschützten Weltordnung stilisiert und erklärt, mit welchen Strategien und Rüstungsanstrengungen man der "russischen Aggression" begegnen werde ("Sicherheit ist wie Sauerstoff"). Putin wiederum erklärte, dass Russland angesichts des gegen ihn gerichteten US-Raketenabwehrschilds, das das nukleare Gleichgewicht verändere, neue Raketen entwickelt habe, die es angeblich wirkungslos machen. Man wolle aber nicht in ein teures nukleares Wettrüsten hineingezogen werden.

Staatliche Fernsehsender waren während der Konferenz zugelassen und haben - zufällig oder nicht - die erste Seite einer Präsentation aufgenommen, die eine vielfach einsetzbare Waffe, eine Art Unterwasserdrohne oder eine lenkbare Unterwasserrakete namens "Status 6 seegestütztes Mehrzwecksystem", zeigten, das vom russischen U-Boot-Entwickler Rubin entworfen wurde. Der Kremlsprecher Peskow bestätigte schließlich, dass die von den Sendern ausgestrahlten Bilder tatsächlich ein Geheimdokument zeigten und dass die Fernsehsender dieses von ihren Webseiten entfernen würden. Die offizielle Bestätigung scheint darauf hinzudeuten, dass das Bekanntwerden beabsichtigt gewesen sein könnte.

Bislang war "Status 6" nicht bekannt, am Mittwoch wurden dann die "zufällig" aufgenommenen Bilder der Sender Pervyi Kanal und NTV im Internet verbreitet. Es entstand eine lebhafte Diskussion darüber, welche Art Waffe dies sein könnte. Die Diskussion erreichte auch amerikanische Medien wie die New York Times. Daily Beast etwa schrieb, die Fernsehkameras hätten einen "Blick auf eine möglicherweise geplante verblüffende und angsteinflößende neue Waffe - eine radioaktiv strahlende schmutzige Bombe" gewährt.

Man wisse aber nicht, ob es diese Waffe wirklich gibt oder ob es nur um eine "Medienprovokation" handelt, damit man in die USA glaube, Russland verfüge über eine neue gefährliche Waffe. Putin komme aus dem KGB und sei noch aus Sowjetzeiten erfahren in Desinformationskampagnen. Wie auch immer zufällig oder geplant über die Medien verbreitet, dürfte das Waffenprojekt eher für die Öffentlichkeit gedacht sein, um Angst vor der weiteren Aufrüstung auszulösen. Die New York Times sieht ganz im Sinne des Pentagon das "jüngste Beispiel des nuklearen Säbelrasselns aus Russland in der Zeit der zunehmenden Spannung mit dem Westen", verschweigt allerdings das Säbbelrasseln, das von den USA ausgeht. Klar ist nur, dass beide Seiten wie im Kalten Krieg wirklich und PsyOp-mäßig aufrüsten.

Auf dem Screenshot von dem Nachrichtenfilm ist der Text lesbar: "Schädigung wichtiger Komponenten der Wirtschaft des Feindes in der Nähe der Küste und Verursachung eines garantierten schweren Schädigung des feindlichen Territoriums durch die Schaffung von ausgedehnten Zonen radioaktiver Verseuchung, wodurch diese Gebiete für militärische oder agrar-ökonomische Aktivitäten oder andere Aktivitäten für eine längere Zeit unbenutzbar werde." Nach den Bildern zu schließen wird die angeblich neue oder geplante Waffe von einem U-Boot gestartet, abgebildet sind die im Bau befindlichen atomgetriebenen U-Boote "Projekt 09852" (Belgogrod) und "Projekt 09851" (Chabarowsk). Darunter ist eine Art Unterwasserdrohne, die einem Torpedo gleicht, zu sehen. So soll 2020 einsatzbereit sein können.

Schon im September wurde darüber berichtet, dass Russland nach Pentagon-Mitarbeitern eine autonome Unterwasserdrohne, genannt Kanyon, entwickle, die Küstenstädte und Hafenanlagen mit Nuklearsprengköpfen mit einer Sprengkraft vieler Megatonnen angreifen soll. Sie sollen etwa die Häfen zerstören können, in denen die US-U-Boote liegen. Kanyon galt als weiterer Hinweis auf die angebliche "aggressive Modernisierung der strategischen Waffen" Russlands - was man benötigt, um die eigene Modernisierung der Atomwaffen als notwendig zu legitimieren.

Besonders technisch aufregend wäre die Unterwasserdrohne allerdings nicht, es wäre einfach ein verbesserter Torpedo, mit dem ein Sprengkopf möglicherweise besser getarnt als mit einer Langstreckenrakete oder einem Flugzeug an die Küste gebracht werden kann. Verdächtig ist, dass nun auch staatliche Medien wie Sputniknews in der Gerüchteküche mitmischen und Experten zitieren, die angeblich zweifeln, ob das Zufall war. Garniert wird die Story mit einem Video, das den Abschuss von Raketen zeigt.

So wird die "Argumenty i Fakty" zitiert, die schrieb, nach dem gefilmten Dokument würde "der Torpedo einen 100 Megatonnen starken Gefechtskopf" mit sich führen, er könne "10.000 Kilometer in bis zu 1.000 Meter Tiefe" mit einer Geschwindigkeit von 185 km/h zurücklegen: "Laut Militärexperten ermöglichen diese Parameter, die U-Boot-Abwehr der USA zu durchbrechen." Damit wäre dieses System für das Wasser, was Putin mit angeblich neuen Langstreckenraketen angekündigt, die den US-Raketenabwehrschild nutzlos machen würden. Es soll sich um ein Nachfolgeprojekt von Andrej Sacharow handeln, dessen "Projekt T-15 (auch 'Sacharow-Torpedo' genannt) beinhaltete ebenfalls einen selbstfahrenden Untersee-Apparat, der einen Fusions-Sprengsatz an die gegnerische Küste transportieren sollte".

Zitiert wird zudem der russische Militärexperte Viktor Murachowski , der einem Radiosender sagte: "Ich denke, das war natürlich kein Zufall … Das ist eine Andeutung, adressiert an eine gewisse Seite. Wer baut in Europa Raketenabwehrsysteme? Nun bekommen sie eine Andeutung, dass die Sache nicht unbedingt durch Raketen entschieden werden kann."

Nachdem Peskow die "zufällige" Aufdeckung des Projekts eingeräumt hat, wurden Journalisten informiert, dass bei Treffen des Präsidenten mit Militärs in Zukunft nur der Präsident gefilmt oder fotografiert werden dürfe. Auch da kann man sich wieder überlegen, ob das eine weitere Finte ist, um irgendwie Glaubwürdigkeit für die Existenz einer Waffe zu fördern, die eine "Mini-Apokalypse" durch einen aus sicherer Entfernung abgeschickten Torpedo verursachen kann. Allerdings lässt sich davon ausgehen, dass die Fernsehsender erst einmal die Bilder verbreiten sollten, schließlich hätten sie diese vor der Sendung bereits herausschneiden können. In den russischen Medien wird gerne von irgendwelchen Superwaffen gesprochen, über die die Streitkräfte verfügen oder diesen entwickeln sollen.

Von Florian Rötzer gerade zum Thema Krieg, Cyberwar und Stadtentwicklung erschienen: Smart Cities im Cyberwar.

(Florian Rötzer)

Anzeige