Die größte Herausforderung des 21. Jahrhunderts?

Kein anderer Begriff hat in den letzten Jahren einen so kometenhaften Aufstieg erfahren wie "Kultur"

Die ganzen 90er Jahre hindurch hat keine bedeutende gesellschaftliche Diskussion über "Kultur" in Deutschland stattgefunden - jedenfalls nicht in der Öffentlichkeit - , und nicht außerhalb von Kürzungsplänen in den Kulturetats von Bund und Ländern. Auch vor diesem Zeitraum ist die Thematik in den westlichen Industriestaaten kaum auf der Agenda anzutreffen gewesen. Kein Wunder, war das ökonomische Jahrzehnt doch vom Zusammenbruch der Ost-West-Blöcke, des Aufstiegs der neuesten Medien und der Vorherrschaft der wirtschaftlichen Thematik geprägt.

Der Spruch "It's the economy, stupid!" scheint bis heute diejenige Diskussions(gold)ader zu sein, mit deren Abbau man gesellschaftliche Probleme zu lösen vermag: Die mediale Vorherrschaft von Arbeitslosenzahlen, Wirtschaftswachstum, Exportquoten und Innovationsdebatten sind unübersehbar.

Kultureller Phönix aus der Asche der ökonomischen Gesellschaften

Nach den 80er Jahren war "die Kultur" eben einfach da oder auch nicht; überall und nirgendwo. Jedenfalls war es nichts, worüber man sich mehr großartig Gedanken zu machen brauchte. Kultur war ein nebulöser Begriff, hinter dem entweder etwas Elitär-Opernhaftes oder Kommerziell-Abgeflachtes vermutet wurde - es kam auf den Blickwinkel an. Heute verläuft die Definition ganz anders. Die wissenschaftliche Thematisierung sowie die derzeitigen Krisenerscheinungen und Unsicherheiten mancher westlicher Volkswirtschaften, und, vielleicht das stärkste Indiz dafür, die vorgebliche Zurückführung von Konfliktursachen auf kulturelle Differenzen: Dies alles steuert zunehmend auf eine kulturelle Frage zu, von der noch niemand weiß, wie und an wen sie zu stellen ist.

Die Veränderung der Perspektive und die damit verbundene aktuelle Relevanz in den Diskussionen um Kultur ist derweil mit Händen greifbar, und sie scheint unabhängig von der Perspektive und dem Empfinden des Einzelnen zu sein. Global betrachtet tauchen Unterschiedlichkeiten zwischen Kulturkreisen auf, oder besser, sie kommen zu Bewusstsein und damit auch neue Herauforderungen und Probleme. Der diesjährige Bericht des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (United Nations Development Programme, UNDP) sieht in der Bewältigung einer sich manifestierenden kulturellen Vielfalt der Gesellschaften des 21. Jahrhunderts einen entscheidenden Punkt für die zukünftige menschliche Entwicklung.

Kulturelle Freiheit ist ein ganz wesentlicher Aspekt menschlicher Entwicklung; denn die Chance, sich für die eigene Identität zu entscheiden - also dafür, wer man ist - ohne den Respekt der Anderen zu verlieren oder von anderen Wahlmöglichkeiten ausgeschlossen zu werden, ist eine wichtige Voraussetzung dafür, ein erfülltes Leben zu führen.

UNDP-Report 2004

Kultureller Hegemonismus wiederstrebt der globalisierten Realität

In einer globalisierten Welt in der Menschen-, Informations-, Handels- und Warenströme gleichfalls Kulturströme sind, ist diese These sicher nicht zu weit gegriffen. Wie schwierig das Problem zu packen ist, zeigt sich aber, wenn man allein schon auf die einfache Frage "Was ist deutsche Kultur?" eine Antwort zu finden sucht.

Allgemein machen hier zwei Abstraktionen die Beantwortung schwer: Identität und Vielfalt. Obwohl die Entwicklungen der modernen Welt den Migranten den Kontakt zur ersten Heimat erleichtern, vereinfachen sie die Herausforderung nicht gerade, weil sie eine neue Möglichkeit von individuell-multiplen Identitäten schaffen.

Überall auf der Welt sind die Immigranten dank der revolutionären Entwicklung in den Bereichen Nachrichtentechnik und Verkehrswesen in der Lage, zur gleichen Zeit doppelte oder sogar mehrfache kulturelle Identitäten und Interessen beizubehalten. Einwanderer können, wollen und sollten heutzutage in der Lage sein, die Verbindung mit ihren Herkunftsländern aufrecht zu erhalten (...).

UNDP-Report 2004

Nur allzu oft wurde und wird die kulturelle Vielfalt mit dem Verweis (und Rückzug) auf die eigene Identität ausgeschlossen. Dabei werden "Exklusionsgewinne" erwartet, die aber in das Reich der Mythen zu verweisen sind, so der Bericht der UN. Es lassen sich nämlich keine Anhaltspunkte für eine bessere ökonomische Leistungsfähigkeit von homogenen Kulturgemeinschaften gegenüber heterogenen finden. Gleichwohl steht kulturelle Vielfalt weder einer staatlichen Einheit im Weg, noch stimmt das langgehegte Vorurteil, dass bestimmte Kulturen mit gesellschaftlichen Entwicklungen oder demokratischen Werten nicht kompatibel wären: Heute lebe die Mehrzahl der Moslems in demokratisch regierten Gesellschaften, und ein Vielvölkerland wie Malaysia könne jüngst auf ansehnliche Fortschritte verweisen, ökonomisch wie gesellschaftspolitisch.

Die Emanzipation der kulturellen Frage?

Was diese Aussagen jedoch so besonders erscheinen lässt, sind nicht die empirischen Fakten oder die Infragestellung zahlreicher Mythen, sondern die Lenkung der Aufmerksamkeit auf "das Kulturelle" schlechthin. Die kulturellen und sozio-kulturellen Aspekte werden denen der Ökonomie, der Staatlichkeit und des technischen Fortschritts, was die Entwicklung von Gesellschaften anbelangt, mindestens gleichgestellt. Es eröffnet sich, wenn schon kein Paradigmenwechsel, so doch eine ganz neue Perspektive in Hinblick auf die Hierarchie der Diskussionsthemen innerhalb und zwischen den Gesellschaften und Kulturkreisen.

Wie sehr sich in Deutschland die öffentliche Diskussion inzwischen auf das kulturelle Paradigma eingelassen hat, ließ sich jüngst wieder beobachten. Die geforderte Quote für deutsche Musik im Radio belegte dies sehr eindrucksvoll. Obwohl dies nur ein Beispiel unter vielen ist, verdeutlicht es doch neben der Religion einen Hauptpunkt, die Sprache, der zur Identitätsbildung von Kulturen als entscheidend postuliert wird.

Menschen wünschen sich die Freiheit, ihre Religion offen praktizieren, ihre Sprache sprechen, ihre ethnische oder religiöse Herkunft ausleben zu können (...). Menschen wünschen sich auch die Freiheit, an der Gesellschaft teilhaben zu können, ohne sich von dem kulturellen Halt lösen zu müssen, für den sie sich entschieden haben. Das ist zwar eine einfache Vorstellung, aber sie ruft tiefe Beunruhigung hervor.

UNDP-Report 2004

Vorbild für eine Radio-Quote in Deutschland ist das Toubon-Gesetz. Dies hat in Frankreich allerdings weniger mit Migrationsbewegungen als mit der Furcht vor kultureller Überlagerung zu tun. Verabschiedet 1994 und erstmals 1996 angewendet beinhaltet es Regelungen zum öffentlichen Umgang mit der französischen Sprache und fordert neben einer Quotenregelung für Radio-Kernzeiten auch die Förderung von Nachwuchskünstlern. Hintergrund ist das Verhältnis der Franzosen zu ihrer Sprache, wie es der ehemalige Staatspräsident Georges Pompidou einmal formulierte:

Die Seele unseres Volkes findet in der französischen Sprache ihren unmittelbaren Ausdruck.

Allerdings drückt die gefundene Regelung auch aus, dass kulturelle Werte wichtiger als Marktgesetze sind, denn als Beispiel gegen eine kulturelle Überlagerung wird das Toubon-Gesetz auch im Zusammenhang mit Freihandelsabkommen diskutiert. Dahinter steht wiederum die Frage, ob audiovisuelle Medien kulturelle Produkte oder einfach ökonomische Waren sind. Auch hier stellt sich das Kultur-Prinzip gegen "das Ökonomische". Wer der Gewinner sein wird, ist noch nicht entschieden. (Andreas Hagen)