Die große "Mutter Kirche" und ihre Söhne

Homosexueller Selbsthass und Frauenfeindlichkeit blockieren den römisch-katholischen Männerbund

Unerlöste Homosexualität und männerbündlerische Frauenverachtung blockieren die römisch-katholische Kirche. Doch dieser Tabukomplex wird nicht offen diskutiert. Nutznießer des Kleriker-Systems aus unterschiedlichen Lagern fürchten eine Debatte. Aber auch auf Seiten der Reformkatholiken tut man sich schwer, das heiße Eisen anzupacken. Die mächtigen Männer der Kirche stilisieren sich oft ganz ungeniert als Homo-Feinde. Derweil sorgen guter Anstand und Toleranz auf der Gegenseite dafür, dass die strukturelle und ästhetisch verfeierlichte Gleichgeschlechtlichkeit der Hierarchie als Problemschauplatz Nummer Eins nicht gründlich unter die Lupe kommt.

Das Thema steht aber unwiderruflich auf der Tagesordnung. In meinem Kirchenreformbuch "Die fromme Revolte - Katholiken brechen auf" habe ich selbst 2009 noch fahrlässig vorgeschlagen, die römisch-katholische Homophobie einstweilen auf sich beruhen zu lassen (als politischer Christ und schwuler Theologe war ich des Themas auch überdrüssig).

Inzwischen liegt es jedoch offen zutage, dass sich die Anerkennung der homosexuellen Liebesbegabung im Raum der Papstkirche nicht mehr verschieben lässt. Ansonsten wird sich diese liegengebliebene "Hausaufgabe" aus dem letzten Jahrhundert immer und immer wieder in Erinnerung rufen, nicht zuletzt durch traurige Skandale.

Plakat: "Bündnis 17 Mai" Köln

Heute, am internationalen Tag gegen Homophobie, kommt Nachhilfe aus der Gesellschaft. Vor dem Kölner Dom demonstrieren u.a. Schülerinnen und Schüler in Solidarität mit dem gemaßregelten Theologen David Berger: "Gegen Homophobie und Fundamentalismus!" Schülervertretung, Schulleitung, CDU-Politiker und auch zwei örtliche Priester haben sich nach dem vom Kölner Bischof erteilten Religionslehrer-Berufsverbot solidarisch gezeigt.

Bei dem in Deutschland angekündigten "Dialogprozess" der röm.-kath. Kirche sollen Frauenfrage und homosexuelle Liebe ausgeklammert werden, wie der Hardliner Bischof Franz-Josef Overbeck mitgeteilt hat. Schon jetzt kann man ablesen, dass das Gespräch der männlichen Kirchenleiter mit den Gläubigen unten in den meisten Diözesen nur als Alibi konzipiert ist. Die "erlaubten Themen" werden auf Jahre hin von oben vorgeben, offene Diskussions- und Entscheidungsforen in allen Gemeinden sind nicht vorgesehen, auserlesene Kreise werden zur gnädigen "Anhörung" geladen und die - von der theologischen Forschung klar herausgearbeiteten - Verbindlichkeitskriterien für synodale Prozesse finden nirgendwo Berücksichtigung. Falls das Zentralkomitee der deutschen Katholiken bei einem solchen Theaterspiel wirklich assistieren sollte, wäre das ein Armutszeugnis.

Bischof Overbeck kann sich allerdings bei seinen Diskussionsverboten auf den Papst berufen. Im jüngsten Seewald-Interviewband (Licht der Welt 2010) mit Joseph Ratzinger betrachtet das oberste "Oberhaupt" die römischen Verweigerungen zu Frauenfrage und Homosexualität nämlich fast als kirchliche Martyriums-Schauplätze in der modernen Gesellschaft:

Wenn man beispielsweise im Namen der Nichtdiskriminierung die katholische Kirche zwingen will, ihre Position zur Homosexualität oder zur Frauenordination zu ändern, dann heißt das, dass sie nicht mehr ihre eigene Identität leben darf, und dass man stattdessen eine abstrakte Negativreligion zu einem tyrannischen Maßstab macht, dem jeder folgen muss.

Benedikt XVI. (Licht der Welt, S. 71)

Benedikt XVI. und Bischof Overbeck benennen uns mit großer Präzision die neuralgischen Angelpunkte des römischen Systems: die mono- bzw. homosexuelle Struktur der Priesterkirche und den Ausschluss der Frauen. Die Frage lautet, welche "kirchliche Identität" hier auf dem Spiel steht.

Dass die Verschärfung der römisch-katholischen Homosexuellenfeindlichkeit in amtlichen Dokumenten ein Werk von Joseph Ratzinger ist, lässt sich mühelos nachweisen. Auftakt zum homophoben Feldzug war das Schreiben der Glaubenskongregation "über die Seelsorge für homosexuelle Personen" von 1986.

In Anweisungen an nationale Bischofskonferenzen und einem eigenen Schreiben (1992) wurden sodann "gerechten Diskriminierungen" von Homosexuellen für notwendig erachtet (vor allem im Bereich der Arbeitsverhältnisse wird ein kirchliches Sonderrecht beansprucht). Als Frauen- und Männerpaare in Europa endlich Rechtssicherheit beim Eingehen fester Partnerschaftsformen erlangten, sprach Kardinal Joseph Ratzinger wiederholt - mit großer Theatralik - von einem "Austritt aus der gesamten moralischen Geschichte der Menschheit" und einer gravierenden "Auflösung des Menschenbildes".

Ein eigenes Dokument von 2003 bezeichnete gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften als "für die gesunde Entwicklung der menschlichen Gesellschaft schädlich", wobei die Leser unwillkürlich an das unselige Konzept von "Volksgesundheit" erinnert wurden. Direkt nach dem Amtsantritt von Benedikt XVI. kam es zum Novum eines Priester-Berufsverbotes für alle homosexuellen Männer. Das amtliche Dokument, das die Kongregation für das katholische Bildungswesen dazu vorgelegt hat, ist an Absurdität nicht mehr zu überbieten (jeder Verantwortliche weiß, welche pastorale Katastrophe eine Umsetzung mit sich bringen würde). Das peinlich herzliche Verhältnis zwischen dem derzeitigen Papst und dem Kriegspräsidenten und Folterbefürworter George W. Bush jun. ging einher mit einem fundamentalistischen Konsens beim Kampf gegen die "Homoehe".

Noch 1975 hatte eine Vatikanerklärung lediglich festgestellt, die homosexuelle Neigung sei "in sich nicht sündhaft". In den Ratzinger-Dokumenten gilt hingegen bereits die "spezifische Neigung der homosexuellen Person" in sich als "objektiv ungeordnet" und unsittliche Tendenz. Alles zwischenzeitliche Fortschreiten in Pastoral und theologischer Wissenschaft wurde ab Mitte der 80er Jahre durch amtskirchliche Repressionen wieder zunichte gemacht. Es flossen viele Tränen. Die weltweite Spur der Opfer ist lang.

Von internen römischen Auseinandersetzungen beim neuen Kurs zeugt die Textgeschichte des Weltkatechismus (KKK). Während in der Fassung von 1993 noch von einer "nicht selbst gewählten Veranlagung" die Rede war, liest man seit August 1997 unter Ziffer 2358 der amtlichen Ausgabe nur noch etwas über die "objektiv ungeordnete Neigung".

Dass es dann beim Essener Bischof Franz-Josef Overbeck im April 2010 schon zur Sünde wird, bloß "homosexuell zu sein", ist im Grunde nur ein folgerichtiger Gipfelpunkt der sich hysterisch steigernden Homophobie. Arglos meinte der Spiegel-Journalist Matthias Matussek in der berühmt-berüchtigt gewordenen Talkrunde mit dem Bischof, er glaube als einfacher Katholik nicht, dass Gott Homosexualität als Sünde empfinde.

Nun, so lapidar können sich die extravaganten Wortführer eines regressiven und antiliberalen Katholizismus nur herausreden, weil sie die leibhaftige Leidens- und Repressionsgeschichte sehr vieler Menschen in der Kirche einfach nicht zur Kenntnis nehmen wollen. Viele neukatholische Eiferer und Fundamentalisten basteln sich ohnehin alles in komfortablen Aufspaltungen zurecht, wie es gerade passt. Im Netz streitet man für die reine Lehre und zur Papstjubelmesse fährt man dann mit genügend Kondomen im Reisegepäck.

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