Die große "Mutter Kirche" und ihre Söhne

Homosexueller Selbsthass und Frauenfeindlichkeit blockieren den römisch-katholischen Männerbund

Unerlöste Homosexualität und männerbündlerische Frauenverachtung blockieren die römisch-katholische Kirche. Doch dieser Tabukomplex wird nicht offen diskutiert. Nutznießer des Kleriker-Systems aus unterschiedlichen Lagern fürchten eine Debatte. Aber auch auf Seiten der Reformkatholiken tut man sich schwer, das heiße Eisen anzupacken. Die mächtigen Männer der Kirche stilisieren sich oft ganz ungeniert als Homo-Feinde. Derweil sorgen guter Anstand und Toleranz auf der Gegenseite dafür, dass die strukturelle und ästhetisch verfeierlichte Gleichgeschlechtlichkeit der Hierarchie als Problemschauplatz Nummer Eins nicht gründlich unter die Lupe kommt.

Das Thema steht aber unwiderruflich auf der Tagesordnung. In meinem Kirchenreformbuch "Die fromme Revolte - Katholiken brechen auf" habe ich selbst 2009 noch fahrlässig vorgeschlagen, die römisch-katholische Homophobie einstweilen auf sich beruhen zu lassen (als politischer Christ und schwuler Theologe war ich des Themas auch überdrüssig).

Inzwischen liegt es jedoch offen zutage, dass sich die Anerkennung der homosexuellen Liebesbegabung im Raum der Papstkirche nicht mehr verschieben lässt. Ansonsten wird sich diese liegengebliebene "Hausaufgabe" aus dem letzten Jahrhundert immer und immer wieder in Erinnerung rufen, nicht zuletzt durch traurige Skandale.

Plakat: "Bündnis 17 Mai" Köln

Heute, am internationalen Tag gegen Homophobie, kommt Nachhilfe aus der Gesellschaft. Vor dem Kölner Dom demonstrieren u.a. Schülerinnen und Schüler in Solidarität mit dem gemaßregelten Theologen David Berger: "Gegen Homophobie und Fundamentalismus!" Schülervertretung, Schulleitung, CDU-Politiker und auch zwei örtliche Priester haben sich nach dem vom Kölner Bischof erteilten Religionslehrer-Berufsverbot solidarisch gezeigt.

Römische Martyriums-Schauplätze und Diskussionsverbote im 3. Jahrtausend

Bei dem in Deutschland angekündigten "Dialogprozess" der röm.-kath. Kirche sollen Frauenfrage und homosexuelle Liebe ausgeklammert werden, wie der Hardliner Bischof Franz-Josef Overbeck mitgeteilt hat. Schon jetzt kann man ablesen, dass das Gespräch der männlichen Kirchenleiter mit den Gläubigen unten in den meisten Diözesen nur als Alibi konzipiert ist. Die "erlaubten Themen" werden auf Jahre hin von oben vorgeben, offene Diskussions- und Entscheidungsforen in allen Gemeinden sind nicht vorgesehen, auserlesene Kreise werden zur gnädigen "Anhörung" geladen und die - von der theologischen Forschung klar herausgearbeiteten - Verbindlichkeitskriterien für synodale Prozesse finden nirgendwo Berücksichtigung. Falls das Zentralkomitee der deutschen Katholiken bei einem solchen Theaterspiel wirklich assistieren sollte, wäre das ein Armutszeugnis.

Bischof Overbeck kann sich allerdings bei seinen Diskussionsverboten auf den Papst berufen. Im jüngsten Seewald-Interviewband (Licht der Welt 2010) mit Joseph Ratzinger betrachtet das oberste "Oberhaupt" die römischen Verweigerungen zu Frauenfrage und Homosexualität nämlich fast als kirchliche Martyriums-Schauplätze in der modernen Gesellschaft:

Wenn man beispielsweise im Namen der Nichtdiskriminierung die katholische Kirche zwingen will, ihre Position zur Homosexualität oder zur Frauenordination zu ändern, dann heißt das, dass sie nicht mehr ihre eigene Identität leben darf, und dass man stattdessen eine abstrakte Negativreligion zu einem tyrannischen Maßstab macht, dem jeder folgen muss.

Benedikt XVI. (Licht der Welt, S. 71)

Benedikt XVI. und Bischof Overbeck benennen uns mit großer Präzision die neuralgischen Angelpunkte des römischen Systems: die mono- bzw. homosexuelle Struktur der Priesterkirche und den Ausschluss der Frauen. Die Frage lautet, welche "kirchliche Identität" hier auf dem Spiel steht.

Die homophobe Verschärfung durch Joseph Ratzinger

Dass die Verschärfung der römisch-katholischen Homosexuellenfeindlichkeit in amtlichen Dokumenten ein Werk von Joseph Ratzinger ist, lässt sich mühelos nachweisen. Auftakt zum homophoben Feldzug war das Schreiben der Glaubenskongregation "über die Seelsorge für homosexuelle Personen" von 1986.

In Anweisungen an nationale Bischofskonferenzen und einem eigenen Schreiben (1992) wurden sodann "gerechten Diskriminierungen" von Homosexuellen für notwendig erachtet (vor allem im Bereich der Arbeitsverhältnisse wird ein kirchliches Sonderrecht beansprucht). Als Frauen- und Männerpaare in Europa endlich Rechtssicherheit beim Eingehen fester Partnerschaftsformen erlangten, sprach Kardinal Joseph Ratzinger wiederholt - mit großer Theatralik - von einem "Austritt aus der gesamten moralischen Geschichte der Menschheit" und einer gravierenden "Auflösung des Menschenbildes".

Ein eigenes Dokument von 2003 bezeichnete gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften als "für die gesunde Entwicklung der menschlichen Gesellschaft schädlich", wobei die Leser unwillkürlich an das unselige Konzept von "Volksgesundheit" erinnert wurden. Direkt nach dem Amtsantritt von Benedikt XVI. kam es zum Novum eines Priester-Berufsverbotes für alle homosexuellen Männer. Das amtliche Dokument, das die Kongregation für das katholische Bildungswesen dazu vorgelegt hat, ist an Absurdität nicht mehr zu überbieten (jeder Verantwortliche weiß, welche pastorale Katastrophe eine Umsetzung mit sich bringen würde). Das peinlich herzliche Verhältnis zwischen dem derzeitigen Papst und dem Kriegspräsidenten und Folterbefürworter George W. Bush jun. ging einher mit einem fundamentalistischen Konsens beim Kampf gegen die "Homoehe".

Noch 1975 hatte eine Vatikanerklärung lediglich festgestellt, die homosexuelle Neigung sei "in sich nicht sündhaft". In den Ratzinger-Dokumenten gilt hingegen bereits die "spezifische Neigung der homosexuellen Person" in sich als "objektiv ungeordnet" und unsittliche Tendenz. Alles zwischenzeitliche Fortschreiten in Pastoral und theologischer Wissenschaft wurde ab Mitte der 80er Jahre durch amtskirchliche Repressionen wieder zunichte gemacht. Es flossen viele Tränen. Die weltweite Spur der Opfer ist lang.

Von internen römischen Auseinandersetzungen beim neuen Kurs zeugt die Textgeschichte des Weltkatechismus (KKK). Während in der Fassung von 1993 noch von einer "nicht selbst gewählten Veranlagung" die Rede war, liest man seit August 1997 unter Ziffer 2358 der amtlichen Ausgabe nur noch etwas über die "objektiv ungeordnete Neigung".

Dass es dann beim Essener Bischof Franz-Josef Overbeck im April 2010 schon zur Sünde wird, bloß "homosexuell zu sein", ist im Grunde nur ein folgerichtiger Gipfelpunkt der sich hysterisch steigernden Homophobie. Arglos meinte der Spiegel-Journalist Matthias Matussek in der berühmt-berüchtigt gewordenen Talkrunde mit dem Bischof, er glaube als einfacher Katholik nicht, dass Gott Homosexualität als Sünde empfinde.

Nun, so lapidar können sich die extravaganten Wortführer eines regressiven und antiliberalen Katholizismus nur herausreden, weil sie die leibhaftige Leidens- und Repressionsgeschichte sehr vieler Menschen in der Kirche einfach nicht zur Kenntnis nehmen wollen. Viele neukatholische Eiferer und Fundamentalisten basteln sich ohnehin alles in komfortablen Aufspaltungen zurecht, wie es gerade passt. Im Netz streitet man für die reine Lehre und zur Papstjubelmesse fährt man dann mit genügend Kondomen im Reisegepäck.

Die Allianz der Fundamentalisten

In diesem Jahr hat sich bei uns leider auch in den evangelischen Kirchen die fundamentalistische Front gegen die Gleichberechtigung homosexueller Christinnen und Christen neu formiert. Dabei leisten sogar acht Altbischöfe ihre Schützenhilfe, unter ihnen Ulrich Wilckens, der eigene Forschungsergebnisse zur Bibel ohne neue Argumente revidiert und durch peinliche Fernsehauftritte für Erstaunen sorgt.

Römischer Weltkatechismus: "Homosexuelle Handlungen sind in sich nicht in Ordnung und in keinem Fall zubilligen." Bild: Archiv Peter Bürger

Doch Theologen wie Jürgen Ebach, prominente Kirchenleute - von Manfred Kock bis hin zum EKD-Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider - sowie Bischöfinnen und Bischöfe der Landeskirchen halten ihre Treue zu einem Protestantismus, der nicht wieder hinter die Aufklärung zurück will. Rückendeckung kommt auch von Pietisten. Nach jahrzehntelangem Ringen ist in den evangelischen Gemeinden der Lernprozess einer gelebten Offenheit fast abgeschlossen. Wirklich Sorge muss man sich um einen Rückfall im deutschen Protestantismus - trotz mancher Zauderei - nicht machen.

Abzusehen ist jedoch die Bildung neuer Allianzen von evangelikalen Homofeinden und röm.-kath. "Bibelexperten". Schon zum Ökumenischen Kirchentag 2010 hatten das rechte "Forum Deutscher Katholiken" und die "Internationale Konferenz Bekennender Gemeinschaften" gemeinsam gegen "Formen schöpfungswidriger Sexualität" und "Sonderveranstaltungen für Schwule und Lesben" protestiert, was dann den - öffentlich lancierten - Beifall des röm.-kath. Pastoraltheologen Hubert Windisch aus Freiburg fand.

Lioba Zodrow zeigt im Magazin des "Netzwerks Kirchenreform" auf, wie Rom bei der systematischen Einverleibung von antimodernistischen Anglikanern - im Zuge der Fundamentalisierung - eine "Ökumene" der Homophobiker und Frauenfeinde befördert. Zu den potentiellen römischen Konvertiten zählt sie jenen anglikanischen Geistlichen, der Anfang 2011 in Uganda nach dem Mord an dem international geachteten Menschenrechtsaktivisten David Kato mit einer homophoben Hasspredigt "letztlich die Mörder ins Recht setzte".

In den rechtskatholischen bzw. traditionalistischen Internetforen, deren Troll-Gemeinde von bestimmten Bischöfen allen Ernstes als Zukunft der Kirche betrachtet wird, schwillt der Komplex der Frauen-, Schwulen- und Juden-Hetze Tag für Tag bedrohlich an. Auch hier stellt sich wieder die Frage, um welche "kirchliche Identität" es denn gehen soll.

Auf kreuznet.de z.B. kann man - hochwissenschaftlich bewiesen - erfahren, warum Homosexualität "gefährlicher als Rauchen" ist. Einen Link auf unappetitliche Analkrebsseiten von rechtsradikalen homophoben Christenmenschen erspare ich der Leserschaft aber lieber. Wer will, wird auch da im Netz schnell fündig und stößt dabei - flankiert von Hetze gegen türkische Migranten - auf sehr gewalttätige Vorstellungen bzw. Phantasien von Penetration.

Exkurs: Der unbekannte Freund

Besonders katholisch sozialisierte homosexuelle Männer haben sehr oft in der Jugendzeit erste Ahnungen von ihrer besonderen erotischen Begabung in der Betrachtung kirchlicher Kunst erlangt. Der männliche Leib, sonst noch im letzten Jahrhundert weithin ein Tabu der Bilderwelt, war in heiligen Büchern und Hallen ohne Hüllen anzuschauen. Freilich war dieser Leib fast immer ein geschundener Leib, und nicht ohne Grund ist der von Pfeilen durchbohrte hl. Sebastian zum Schutzheiligen der Homosexuellen avanciert.

Die katholischen Ahnungen sind in der Vergangenheit in einem geheimnisvollen "Zusammenfallen von Wissen und Nichtwissen" angesiedelt gewesen (vgl. Lettre International 90/2010, S. 34). Man wusste um das Unaussprechliche der Nachtseite und wusste gleichzeitig bei hellem Tage doch nichts. Gerade auch Verbot und Höllenpredigt konnten die Lüsternheit ins Unermessliche steigern.

Der postmoderne Feuilletonist mag das absehbare Versiegen solcher "Lustquellen" - aus der Repression - bedauern. Wer wie ich als ehemaliger Priesteramtskandidat noch die Selbstmorde von zwei unglücklichen katholischen Theologiestudenten zur Kenntnis nehmen musste, betrachtet den Wandel der Zeiten anders, ohne jede Wehmut, was die alten Verhältnisse betrifft. Dass ein WDR-Dokumentarfilm noch jüngst für meine sauerländische Herkunftsheimat einen Priester zeigen konnte, der mit gemeingefährlichen theologischen Axiomen die Selbstmordgefährdung eines schwulen Jugendlichen aus seiner ländlichen Gemeinde kommentiert, ist schlimm genug.

Doch im offengehaltenen Zwischenraum waltete noch nicht die spießige Kleinbürgerlichkeit des amtlichen Katholizismus unserer Tage. Die Bilderwelt gab nicht nur den gemarterten Männerleib zur Projektion her, sondern auch den guten Hirten des Barocks, an dessen Seite man in unbeschwerter Lebensfreude eine Frühlingswiese betreten konnte.

Die geistliche und mystische Literatur ist voll von homoerotischen Bezügen. Anselm von Canterbury schrieb heftige Briefe an seine geliebten Freunde. Der Zisterzienserabt Aelred von Rieval († 1167) rühmte in einem Werk über die "geistliche Freundschaft" das Lächeln aus den süßen Augen des Vielgeliebten. Richard von Sanct-Victor beleuchtete 1170 die Dreieinigkeit im Erfahrungshorizont der Liebe zwischen Männern. Spätestens seit der Studie "Same-Sex Unions in Premodern Europe" (1994) von John Boswell wissen wir, dass es vor Jahrhunderten sogar einen eigenen geistlichen Ritus zur Feier des mann-männlichen Lebensbündnisses gab. Für den geistlichen Schriftsteller und Priester Henri Nouwen, der zölibatär lebte und zu seiner Homosexualität stand, war z.B. eine Ikone "Christus der Bräutigam" sehr bedeutsam.

Erst wenn wir alle Kunstwerke homosexueller Maler aus dem Vatikan entfernt und alle geistlichen Schriftzeugnisse aus dem Strahlkreis des gleichgeschlechtlichen Begehrens verbrannt haben, wird auch der langsamste Zeitgenosse begreifen, wie eng Homoerotik an vielen Stellen mit der Magie des Katholischen verwoben ist.

Der große Schatten, oder: "Die größte transnationale Schwulenorganisation"

Alle Welt weiß es ohnehin: hinter der römisch-katholischen Verächtlichmachung homosexuell liebender Menschen verbirgt sich ein riesiger Schatten. Als der Jesuit und Therapeut Hermann Kügler 2005 im Spiegel die katholische Kirche als "die größte transnationale Schwulenorganisation" bezeichnet hatte, musste er dies sogleich wieder zurücknehmen.

Ein unbequemes Buch für den Kölner Kardinal

Recht hatte er trotzdem. Empirische Untersuchungen aus den USA sowie die Veröffentlichungen von renommierten Pastoraltheologen und Priestertherapeuten weisen sogar auf einen deutlich größeren Anteil homosexueller Priester hin als Kügler seinerzeit. Ich kenne keine klugen und wirklich kirchenerfahrenen Katholiken, die im persönlichen Gespräch die hohe Präsenz von homosexuellen Theologen im Priesterberuf leugnen würden. Ob es sich nun - je nach örtlichen Gegebenheiten - um 20, 25 oder mehr als 50 Prozent der Kandidaten und Amtsträger handelt, darüber mag man lange streiten. Mein persönlicher Erfahrungswert tendiert eher in Richtung 50.

Der ganze Sachverhalt ist weder ein Resultat des letzten Reformkonzils, noch hat die repressive Ratzinger-Ära dem Trend in irgendeiner Weise gegensteuern können. Nicht irgendein "liberaler Irrweg" gibt den Hintergrund ab, sondern die abnehmende Plausibilität der zölibatären Berufswahl für heterosexuelle Männer nach Zerfall des verkirchlichten Milieus.

Die Verhaltensweisen für römisch-katholische "homosexuelle Personen" sind in den Schreiben der Glaubenskongregation und im Weltkatechismus enthalten. Die "Betroffenen" sollen sich als Objekte von Mitleid und taktvollem Verhalten betrachten. Der Gesamtkomplex ergibt einen maßgeschneiderten Verhaltenskodex gerade auch für homosexuelle Priester (z.B. eine besondere Berufung, das Leidenskreuz Christi zu tragen; ein permanentes Sündenbewusstsein und häufiges Beichten; Fernhalten von allen "homosexuellen Kulturen"; das Verbergen der eigenen Identität vor der Umwelt). 1992 schrieb Joseph Ratzinger als Glaubenspräfekt:

Die sexuelle Orientierung eines Menschen ist in der Regel andern nicht bekannt. […] Grundsätzlich gilt, dass die meisten homosexuell orientierten Menschen, die danach streben, ein keusches Leben zu führen, ihre sexuelle Orientierung nicht publik machen. Daher tritt das Problem der Diskriminierung bei Arbeits- oder Wohnungssuche usw. für sie normalerweise nicht auf.

Kongregation für die Glaubenslehre, 23. Juli 1992

Und genau so wird es in der römischen Kirche auch gehandhabt. Wer Geist und Leiblichkeit mit schizoidem Platonismus trennt und sich schön diskret, schuldbewusst und immer folgsam verhält, braucht eine Diskriminierung nicht zu befürchten. Wer sich hingegen auf den Weg der Angstfreiheit begibt, seinen Mitmenschen vertrauensvoll begegnet oder eine befreiende Seelsorge für andere verfolgt, muss gehen.

Einige Beispiele und Erkenntnisse aus neuerer Zeit

Veröffentlichungen der letzten zwei Jahrzehnte beleuchten die kirchlichen Verhältnisse zu Genüge. Aus neuerer Zeit ist besonders das Buch "Der heilige Schein" von David Berger ("Vom Weltjudentum gesteuerte Attacke auf Kirche und Papst") zu nennen. Hier wird nicht nur autobiographisch die Erpressbarkeit schwuler Theologen aufgezeigt, sondern von einem Aussteiger ein ganzes Spektrum rechtskatholischer Szenen beschrieben, in dem Homophobie und Homosexualität auf scheinbar paradoxe Weise gleichzeitig eine wichtige Rolle spielen. Von der homosexuellen Klerus-Szene des skandalträchtigen Priesterseminars von St. Pölten lassen sich z.B. enge persönliche Verbindungslinien zur rechtskatholischen Publizistik und bis in den allernächsten Kreis des derzeitigen Papstes nachzeichnen. Meines Wissens gibt es gegen solche Hinweise in Bergers Buch keine Gerichtsklagen. Aber Religionsunterricht darf der Autor seit diesem Monat nicht mehr erteilen.

In der "Causa Mixa" wird trotz aller im Internet zugänglichen Berichte meist auf "Prügelstrafe" oder irreguläre Spendenverwaltung verwiesen. Indessen zeichnen die Veröffentlichungen doch recht deutlich das Bild eines unglücklichen Bischofs, der bei jungen männlichen Theologen um Liebe bettelt und das Drama seines Lebensweges durch einen noblen Weinkeller, Heimsolarium, Stereoanlage, Kunstsammlung, Klerikerwürden im rechten Kirchenflügel oder ähnliche "Tröstungen" zu mildern versucht. Über die theologischen Qualitäten dieses ehedem von Joseph Ratzinger protegierten Amtsträgers kann sich jeder z.B. anhand eines Firmgottesdienst-Videos auf YouTube ein eigenes Bild verschaffen.

Im Essener Bistum von Franz-Josef Overbeck, der - wie bemerkt - den Weltkatechismus an Homophobie noch übertrifft, gedeiht ein besonderes Klima der Schnüffelei und Denunziation. Der Vatikan hat dort derzeit zu untersuchen, ob nicht einer der geistlichen Saubermänner das Beichtgeheimnis gebrochen hat, um homosexuelle Mitbrüder kaltstellen zu können. In diesem Fall würde ein homophober Priester gehen müssen und zwar wegen Exkommunikation. Wie viele Unappetitlichkeiten wollen die verantwortlichen Herren uns Katholiken eigentlich noch zumuten?

Einen traurigen Fall von Anpassung schildert Hans Küng in seinem jüngsten Buch "Ist die Kirche noch zu retten?". Vor seiner - demokratischen - Wahl zum Bischof von Basel im Jahr 1995 war Kurt Koch, heute als Kardinal im Vatikan tätig, ein offener und kritischer Theologe. Rom verzögerte nach einem Einspruch vom Opus Dei seinen Amtsantritt um ein halbes Jahr, und diese Zeitspanne genügte, um den liebenswürdigen Theologen linientreu zu machen. Als junger Professor hatte er sich gegen die Diskriminierung von Homosexuellen eingesetzt, als Bischof aber beteiligte er sich an dieser Diskriminierung. Hans Küng teilt in diesem Zusammenhang auch ein "delikates" biographisches Detail mit:

Noch ein halbes Jahr vor seiner Priesterweihe (1982) veröffentlichte er [Kurt Koch] die kleine Schrift "Lebensbeispiel der Freundschaft. Meditativer Brief an meinen Freund". Es handelt sich um eine Hymne auf die körperliche Zärtlichkeit zu seinem Freund, den er in bizarrer Weise als "die zweite, die soziale Gebärmutter meines Lebens" bezeichnet. Auffallenderweise erscheint diese Schrift in der offiziellen Bibliographie Bischof Kochs nicht mehr.

H. Küng: Ist die Kirche noch zu retten? 2011 (Seite 175)

Als Kommentar zum Zitat aus der Freundschaftshymne von Kardinal Kurt Koch lese man den vorletzten Satz von Ziffer 2357 im Römischen Weltkatechismus.

Homosexuelle sind im römischen System Opfer und Täter

Bisher sollte bereits deutlich geworden, dass Homosexuelle im römischen System nicht nur Opfer, sondern in vielen Fällen zugleich auch Täter sind. Sehr lange haben Milieu-Solidarität und Kirchentreue für eine unglaubliche Diskretion gesorgt. Bezogen auf selbst homophob agierende homosexuelle Kirchenvertreter läuft die Schonfrist ab. Der amtliche Kurs wird in naher Zukunft zwangsläufig für noch mehr Enthüllungen sorgen.

Die "heiligen Madln" in Markt Schwaben. Bild: Ursula Schade

Der anpassungsbereite Kompensationskonservatismus und die Erpressbarkeit homosexueller Kleriker bilden zusammen einen zentralen Pfeiler des autoritären Kirchenmodells. Offenen Seelsorgern kann man ob des "wunden Punktes" leicht die Flügel stützen. Sich selbst ablehnende homosexuelle Amtsträger gehen den homophoben Kreuzzügen voran. Die gewalttätige Beschädigung von homosexuellen Menschen durch eine aberwitzige Kirchendoktrin beschädigt immer auch die Kirche selbst. Sie verhindert zudem die Wahrnehmung des eigenen homosexuellen Schattens, der sich in fast allen zentralen Reformfragen als heimliche Blockade auswirkt. Wir bräuchten in der Kirche mehr wache Zeitgenossen, die die zentrale Bedeutung des Themas endlich zu sehen lernen.

Blockade (1): Männerbund und Ausschluss der Frau

Die soziologische Homosexualität des hierarchischen Männerbundes in der römischen Kirche steht unter der archetypischen Wirkmacht einer "Großen Mutter". Feministische Theologinnen haben schon im letzten Jahrhundert aufgezeigt, dass gerade diese tiefenpsychische Konstellation den konsequenten Ausschluss der Frauen aus der Kirchenleitung notwendig macht. Der "ewige Muttersohn" ist von seinem Reifegrad her und aufgrund einer "ungesicherten Männlichkeit" nicht in der Lage, mit Frauen in eine gleichberechtigte und partnerschaftliche Beziehung einzutreten. Andererseits muss er, der im reinen Männerbund seine Erlösung sucht, permanent gegen die Gefahr latenter Homosexualität ankämpfen.

Haltbare biblische und andere theologische Argumente gegen einen Ausschluss der Frauen im dritten Jahrtausend kann die Männerhierarchie freilich nicht vorbringen (die Gründe liegen ja auch auf einer ganz anderen Ebene). Deshalb musste ein Ideologe wie der Dogmatiker Manfred Hauke sogar die Chromosomenkonstellationen der Geschlechter als "Argument" gegen das Priestertum der Frau bemühen. Wer vor solchen Absurditäten nicht ratlos resignieren will, wird die Zusammenhänge von "Kleriker-Psychogramm" (E. Drewermann) und Kirchenstruktur in den Blick nehmen.

Ein "Diakonat der Frau" könnten die traditionalistischen Glaubenswächter noch vergleichsweise gut verkraften, denn nach ihrer Ansicht repräsentiert nur der geweihte männliche Priester den Christus (vgl. dagegen Galaterbrief Kap. 3,28). In der Kirchenreformdebatte wäre deshalb endlich theologisch zu diskutieren. Der 33-Tage-Papst Albino Luciano, dessen Gedächtnis systematisch unterdrückt wird, nannte Gott "Vater und Mutter".

In direktem Gegensatz dazu schreibt Papst Benedikt XVI. im ersten Teil seines Jesus-Buches, nur das Männliche verdeutliche die Transzendenz Gottes und deshalb könne nur "Vater" ein eigentlicher Gottesname sein (vgl. Bürger: Die fromme Revolte 2009, S. 256-261). Der theologische "Familienroman" im Werk von Joseph Ratzinger kommt über die Geschlechterideologien des 19. Jahrhunderts nicht hinaus, und entsprechend fallen auch die vatikanischen Wortmeldungen zum Gender-Diskurs der Moderne aus. Lediglich die Überschrift "Ökologie" ist neu.

Römische Verlautbarungen zur Geschlechterfrage erwecken überhaupt den Eindruck, dass ihre Autoren auf eigene persönliche Erfahrungsprozesse in der Identitätsfindung als Mann gar nicht zurückgreifen können. So versteigt sich z.B. der Weltkatechismus in Ziffer 2357 zu der Behauptung, Homosexualität könne keiner "wahren affektiven Ergänzungsbedürftigkeit" entspringen. Man fragt sich, wie sich denn die Mitglieder des römisch-katholischen Männerbundes - umgeben nur von lauter Männern - dann "affektiv ergänzen" lassen.

Eine unsichere männliche Identität ist gleichermaßen Quelle von Homophobie und von Frauenfeindlichkeit. Allerdings ist auch ein Papst wie Karol Wojtyla, der wie kein anderes Oberhaupt des 20. Jahrhunderts ein eindeutig heterosexuelles Persönlichkeitsprofil verkörpert hat, einem denkbar traurigen, patriarchalistischen Frauenbild verhaftet gewesen. So schreibt er z.B. im Buch "Liebe und Verantwortung":

Aus der Natur des Sexualaktes ergibt sich, dass der Mann dabei eine aktive Rolle spielt, während die Frau eher eine passive Rolle hat; sie nimmt hin und erlebt. Dass sie sich passiv verhält und nicht abweist, genügt schon, um den Sexualakt mit ihr zu vollziehen. Dieser kann auch ohne Beteiligung ihres Willens stattfinden und sogar, wenn sie in völlig bewusstlosem Zustand ist, z.B. während des Schlafs, während einer Ohnmacht usw.

Karol Wojtyla (Zitat nach: Albus/Brüggemann: Hände weg 2011, S. 39f)

Homophobie und Frauenfeindlichkeit gehören im männerbündlerischen oder patriarchalistischen Kontext unlösbar zusammen. Das gilt schon für die geschichtlichen Zeiten vor der christlichen Kirche. Aber die Kirchenväter haben es kritiklos übernommen. Für Augustinus etwa wird die von Gott geschaffene Natur durch Homosexualität erniedrigt, wobei er es als besonders schändlich erachtet, dass Männer beim "naturwidrigen Geschlechtsverkehr" eine weibliche Rolle einnehmen. Mit anderen Worten: "Wie kann ein Mann sich nur so tief erniedrigen, dass er in die Nähe des minderwertigen Geschlechtes, in die Nähe der Frau rückt?" Die nahe Kirche lebt heute ihrer Substanz nach überall von den Frauen. Wann, liebe Schwestern, kommt euer Aufstand?

Blockade (2): Wem nützt der Zwangszölibat?

Als weiteres muss die merkwürdige Blockade in der Zölibatsfrage gesichtet werden. Alle abenteuerlichen Konstruktionen von ultramontanistischen Theologen bringen kein einziges haltbares Argument für die obligate (!) Ehelosigkeit aller Priester. Die traurigen Realitäten hinter dem Zölibat und die zahllosen verwaisten Gemeinden liefern aber Argumente gegen die inzwischen oft verlogene Zwangseinrichtung im Übermaß. Mit Rom voll vereint sind außerdem Priester des byzantinischen Ritus, die verheiratet sind. Der Kardinal von Köln hat jüngst problemlos einen ehedem evangelischen Theologen und Historiker, der verheiratet ist, zum röm.-kath. Priester geweiht. Wenn der Kandidat - wie in diesem Fall - ohne Wenn und Aber zum traditionalistischen Kurs passt, gibt es keinerlei kirchenrechtlichen Probleme.

Dagegen verliert eine Dorfgemeinde ihren beliebten Seelsorger, sobald der öffentlich zu seiner Freundin steht und in den Ehestand eintritt. Der australische Bischof William Martin Morris, der daran dachte, verheiratete Priester zurück in die Seelsorge zu holen, ist Anfang dieses Monats vom Papst abberufen worden.

Die geistliche Gabe der Ehelosigkeit würde nach Freistellung der Ehe noch immer allen katholischen Priestern offenstehen, doch offenbar glaubt man doch eher an Kirchenparagraphen als an Gnadengaben. In Wirklichkeit nützt der Zwangszölibat nur einer einzigen Gruppe, nämlich jener, die sich mit ihrem ehelosen Lebensentwurf - unbewusst oder bewusst - in einem ehelosen Beruf verstecken will. Und hier sind an erster Stelle angsterfüllte und unerlöste Homosexuelle zu nennen. Denn befreite schwule Kleriker ziehen heute im Fall von großer Liebe von dannen wie ihre heterosexuellen Kollegen, um einem anderen Mann anzuhangen. So tat es jüngst sogar der Vorsteher eines Klosters. Die Gruppen verheirateter Priester beraten schon über die Aufnahme von Männerpaaren.

Blockade (3): Eine biologistische Sexual-"Ethik"

Die Kirche des II. Vatikanischen Konzils entdeckte wieder die Liebe als Zentrum menschlicher Sexualität, doch schon die Naturrechts-Enzyklika "Humanae Vitae" (1968) zeigte auf tragische Weise, wie im Hintergrund traditionalistische Kräfte - darunter Karol Wojtyla - den Lernprozess von Anfang an blockierten. Zementiert wurde - mit dem Nimbus der Unfehlbarkeit - eine Naturrechtslehre, die mit dem heutigen Wissen über menschliche Sexualität rein gar nichts mehr zu tun hat und auf einen wahnwitzigen Biologismus hinausläuft.

Selbstbefriedigung, heterosexueller Oral- und Analverkehr und Homosexualität sind am Ende "schlimmer" als heterosexuelle Vergewaltigung oder Inzest mit Zeugungsmöglichkeit. Alles kreist, wenn auch heute verziert mit lieblichen Ornamenten, um den vergötzten Fortpflanzungszweck (davon ausgenommen ist nur der zölibatäre Klerus, der die Doktrin lehrt). Wie viele versäumte Nächte der Zärtlichkeit - auch unter Eheleuten - auf das Konto kirchlicher Angstmoral gehen, weiß nur der liebe Gott.

Der Paradigmenwechsel in der - nach dem Konzil auf höchstem Niveau weiterentwickelten - katholischen Moraltheologie ist in Rom nie angekommen. Die "Schlichtheit" der romhörigen Hirten ist atemberaubend. Zu allen Zeiten und in allen Kulturen gibt es Homosexualität. Mit einem unglaublich geistreichen Einwand macht der Kölner Kardinal Joachim Meisner dagegen geltend, "der Schöpfer hätte den Menschen anders konstruieren müssen, wenn auch solche Formen der Sexualität gedacht worden wären" (Kölner Stadt-Anzeiger, 10.2.1999). 2005 klagte Kardinal Karl Lehmann anlässlich des Papstbesuches, den jungen Leuten in der Kirche sei die amtliche Lehre in Sachen Sexualität nicht mehr zu vermitteln, und das könne ja wohl nicht nur an den jungen Christen liegen.

"Brüsseler Spitzen" - Karikatur von Annelie Hürter (Wir sind Kirche, Eichstätt)

Der bedeutsamste Prüfstein für ein Aufbrechen des ganzen Systems ist aber eben die Homosexualität. Der Weltkatechismus (Ziffer 2357) lehrt: Homosexuelle Handlungen "verstoßen gegen das natürliche Gesetz", da sie die Fortpflanzung ausschließen, und sind ausnahmslos Sünde. Wer sich hier im angekündigten Dialogprozess an das von Papst und Bischof Overbeck erlassene Diskussionsverbot hält, sollte auch an andere Stelle keinerlei Fortschritte bei der Entwicklung eines menschenfreundlichen Ethos von Eros und Beziehung erwarten. Im Übrigen: auch die wenigen offenen Bischöfe bindet ein Gehorsamseid unter absolutistischer Herrschaft, und Courage ist in ihren Reihen zum Fremdwort geworden. Das Neue müssen die Gläubigen unten schon selbst auf den Weg bringen. Keinem Pfarrgemeinderat kann es verwehrt werden, im Aushangkasten ein Schild "Lesben und Schwule herzlich willkommen" anzubringen.

Blockade (4): Selbstverliebter Kleiderfirlefanz statt Nachfolge Jesu

In den Schlagzeilen steht die Kirche heute nur noch mit "Sexgeschichten", aber niemals, weil sie gegen menschenverachtende Zustände in Gesellschaft und Weltgesellschaft ein prophetisches Zeugnis - in Wort und Tat - setzt. Der katholische Adelsglanz ist wieder im Gespräch, und vor einigen Jahren soll sogar ein Buch mit Rezepten aus deutschen Bischofsküchen erschienen sein.

Die schrillen klerikalen Kleidermoden und Extravaganzen des derzeitigen Pontifikates heben sich von der Einfachheit unter Paul VI. und Johannes Paul II. deutlich ab und sind im Licht des Glaubens ein echtes Ärgernis geworden. Sie liefern das passende Erscheinungsbild eines narzisstischen Traditionalismus, der die Pastoralkonstitution des letzten Konzils nicht mehr kennt und Kirche im Gegensinn zur Botschaft Jesu wieder als Selbstzweck verfeierlicht. In bislang drei Enzykliken lässt sich ein brennendes Interesse an den drängenden Zivilisationsfragen nicht ausmachen. Kleine Geister ergehen sich in Lobeshymnen über theologische Bestseller, die keiner zu Ende liest. Formalia und zwanghafte Äußerlichkeiten dominieren im Rechtskatholizismus. Von biblischer Substanz … kaum eine Spur.

Postmoderne "ästhetische Neukatholiken" und schwule Liturgie-Fans zollen dem neuen Kurs der Scharlatane Beifall, was in David Bergers Buch "Der heilige Schein" ausgezeichnet beschrieben wird. Aus der Sicht von bekümmerten Anhängern der "Sache Jesu" sollte die Welt der Brüsseler Spitzen endlich ohne Tabus beleuchtet werden. Verhält es sich vielleicht so, dass die massiv gesteigerte Homophobie gerade einen stärker gewordenen homophilen Schatten in der Kirche verdecken soll? Und sind die homophil anmutenden klerikalen Stile - abgesehen von ihren feudalistischen Wurzeln - nicht wirklich unzeitgemäß? Die Bedeutsamkeit von grellen Kleiderfetischen hat nach einigen Jahrzehnten der homosexuellen Befreiung in den unterschiedlichen Szenen sichtlich abgenommen. Nun scheint sie - mit einiger Verzögerung - ausgerechnet in der Kirche wieder ein kräftiges Comeback zu feiern.

Im Bischofsamt brauchen wir Frauen und Männer, die den einfachen, solidarischen Lebensstil von ernsthaften Christen verkörpern und ohne geziertes Getue die Botschaft Jesu vortragen. Mit einem Raum der Angstfreiheit, in dem jeder ohne Verbiegungen seine eigene Geschlechtsidentität entdecken und entwickeln kann, wäre auch deshalb der Sache des Glaubens viel gedient. Denn die unbewussten Haltungen derjenigen, die sich selbst nie wirklich kennenlernen durften, signalisieren - nolens volens - auch nach außen hin verwaschene Gekünsteltheit und Unverbindlichkeit.

Blockade (5): Menschenrecht und Evangelium

Zusammen mit bibelfundamentalistischen Protestanten gehört die römische Kirche in Europa zu den letzten Bastionen, die für sich das Un-Recht einer Verächtlichmachung und Diskriminierung homosexuell Liebender reklamieren. Das Evangelium wird als Quelle der Menschenrechtsidee beschworen, doch freie Rede, rechtsstaatliche Verfahrensweisen, Machtkontrolle von unten, gemeinschaftliche Entscheidungsfindung, Gleichberechtigung der Frau und Rechtsschutz von Homosexuellen will man im Raum der Kirche nicht haben ("bravo!" schreien dazu die neukatholischen "Intellektuellen"). In den letzten beiden Punkten ist man sogar märtyrerhaft zum Widerspruch in der modernen Gesellschaft bereit.

Nun, zu diesem wahrhaft mutigen Martyrium, dessen Billigkeit zur Diskussion steht, werden die entsprechenden Apostelnachfolger bei uns noch viel Gelegenheit bekommen. Heute demonstrieren junge Leute vor dem Kölner Dom gegen Homophobie. Beim kommenden Deutschlandbesuch von Benedikt XVI. wird auf Initiative des LSVD hin ein breites Bündnis "gegen die menschenfeindliche Geschlechter- und Sexualpolitik des Papstes" protestieren. Vielleicht kann in nicht allzu ferner Zukunft auch ein katholisches Komitee für die Rechte homosexueller Christinnen und Christen seine Arbeit aufnehmen.

Es geht aus reformkatholischer Sicht nicht darum, dass die Kirche die gesellschaftlichen Standards in der Achtung der menschlichen Würde einfach nur übernimmt, sondern dass sie den Ehrgeiz entwickelt, diese Standards in ihren Reihen deutlich zu überbieten. Es ist an der Zeit, dass die Gemeinde Jesu den Entwicklungen hin zu mehr Menschlichkeit nicht länger hinterherhinkt und dass ihre Amtsträger den gesellschaftlichen Widerstand endlich dort wagen, wo eine Anwaltschaft für den Menschen wirklich Widerstand erfordert. Die erneute Sexualisierung der Moralverkündigung zeigt, wie armselig und bequem der amtliche röm.-kath. Menschenrechtsdiskurs der Gegenwart ausfällt.

Blockade (6): Sexualisierte Gewalt in der Kirche

Mit seinem homophoben Feldzug hat speziell Joseph Ratzinger über einen sehr langen Zeitraum systematisch eine angstfreie Kultur der Offenheit, Wahrhaftigkeit, Reifung und Selbstfindung im Raum der Kirche unmöglich gemacht. In keiner Weise führte der ganze Komplex zu weniger homosexuell orientierten Kandidaten in bischöflichen Einrichtungen des zweiten Bildungsweges, Konvikten, Klöstern etc. Gefördert wurden lediglich Denunziationen, Spitzeltum, Paranoia, Misstrauen und die Entwicklung raffinierter Überlebensstrategien.

Genau dieses Klima der Angst in der Kirche ist einer der Nährböden für Unwahrhaftigkeit und sexualisierte Gewalt! Denn nicht per se die homosexuellen Priester, sondern nur die allzu zahlreichen unreifen, gespaltenen und sich selbst hassenden homosexuellen Priester sind - neben den Pädosexuellen - im Bereich der sexualisierten Gewaltausübung wirklich gefährdet, Täter zu werden. Schließlich wirft ein Münchener Diözesanbericht die Frage auf, ob strafrechtlich sonst völlig unbescholtene Homosexuelle sich nicht in Einzelfällen wegen ihrer kirchlichen Erpressbarkeit einer gebotenen Mitwirkung bei der Aufklärung von Straftaten der Mitbrüder entziehen.

Homophobie, Restriktionen, Priester-Berufsverbot etc. sind an dieser Stelle also nicht nur nutzlos, sondern im Endergebnis extrem gewaltfördernd. Wem hier an Prävention gelegen ist, der wird sich in der Kirche ganz speziell auch für einen Bruch mit der tradierten Homophobie und für eine gleichsam amtliche Annahme aller gleichgeschlechtlich Liebenden (mit oder ohne Amt) einsetzen.

Statt nach Art der Glaubenskongregation den Kontakt zu homosexuellen Kulturen zu untersagen, sollte genau zu diesem Kontakt geraten werden. Denn in den gefürchteten Szenen könnte man lernen, wie man sich respektvoll gegenüber anderen Homosexuellen jeden Alters verhält. Statt ein Verschweigen der eigenen sexuellen Identität zur kirchlichen Norm zu machen, sollte man gerade eine Transparenz auch von erotischen Begabungen gegenüber der Mitwelt fördern.

Statt nach Art des Katechismus zu einem steten, depressiven Sündenbewusstsein und zur häufigen Beichte aufzufordern, sollte man zur liebenden Selbstannahme und zum offenen Austausch mit Freundinnen und Freunden ermuntern. Dann nämlich hätten wir weniger Verzweiflungstaten und auch weniger Kleriker, die allzu sehr selbst seelsorgebedürftig sind und Teile ihres Lebens wie eine Dunkelkammer abspalten.

Neue Töne von einem Kardinal und sehr vielen Theologen

Es gibt durchaus Hoffnungszeichen. Im April 2010 plädierte der Wiener Kardinal Christoph Schönborn für einen Wandel hin zu einer "Moral des Glücks" und konkretisierte dies so: "Beim Thema Homosexualität etwa sollten wir stärker die Qualität einer Beziehung sehen. Und über diese Qualität auch wertschätzend sprechen." Solche Differenzierungen aus dem Mund eines engen Ratzinger-Schülers sind immerhin etwas Neues, auch wenn sie nicht so warmherzig ausfallen wie im letzten Jahrhundert die Wertschätzungen von Kardinal Basil Hume. Mit den Memoiren von Rembert Weakland (USA) liegt inzwischen auch das hilfreiche Zeugnis eines homosexuellen Bischofs vor.

"Geschlossene Gesellschaft" - Karikatur von Annelie Hürter (Wir sind Kirche, Eichstätt)

Mehr als 300 römisch-katholische Professorinnen und Professoren der Theologie haben in diesem Jahr im Rahmen des Memorandums Kirche 2011 Respekt für homosexuell Liebende eingefordert. Das allerdings darf man wirklich als Novum bezeichnen. Immer deutlicher wird, dass die Homophoben zu jener machtvollen Minderheit gehören, die die Kirche - nach zuletzt hierzulande 180.000 Austritten in einem Jahr - in eine Sekte verwandeln wollen. Immer deutlicher wird auch, dass die bislang schweigende Mehrheit nicht mehr Willens ist, den traditionalistischen Kamikaze-Kurs widerstandslos hinzunehmen.

Selbst in den konservativsten ländlichen Milieus werden Schwule und Lesben heute unten in den Gemeinden angenommen wie jede und jeder andere auch (bodenständige Milieukatholiken lassen sich durchaus vom Leben belehren, Fundamentalisten nicht). Jeder wirklich engagierte Katholik weiß, dass es viele homosexuelle Seelsorger gibt, und jeder halbwegs gescheite Bischof ist sich bewusst, dass er ohne diese Seelsorger sein Bistum gar nicht zusammenhalten könnte. Für die Menschen spielt es keine Rolle, ob ein Priester hetero-, bi- oder homosexuell orientiert ist. Sie fragen nur, wie "fromm", glaubwürdig, geschwisterlich und mitmenschlich ein Pfarrer sein Dienstamt ausfüllt.

In der KirchenVolksBewegung Wir sind Kirche hat sich längst eine kompromisslose Parteinahme zugunsten lesbischer und schwuler Mitchristen durchgesetzt. Defizite gibt es noch beim Zentralkomitee der Katholiken und im traditionellen Verbandkatholizismus. Aber diese Defizite resultieren wohl nicht aus Homophobie oder Homosexuellenfeindlichkeit, sondern aus einer gewissen Sprachscheu und aus der finanziellen Abhängigkeit hauptamtlicher Akteure vom amtskirchlichen Apparat.

Therapie: "Hört auf mit dem Selbsthass und lasst euch lieben!"

Gerne will ich mich als schwuler katholischer Theologe in diesem Jahr mit den Protesten der Regenbogen-Community gegen kirchliche Homophobie solidarisieren. Es wäre mir allerdings sehr lieb, wenn die altbekannten Gleise der Bürgerrechtsempörung zumindest versuchsweise verlassen würden. In einer langen, sehr gewalttätigen Geschichte hat die Kirche Schwule und Lesben vornehmlich zu - angeblich lebensuntüchtigen - Seelsorgeobjekten degradiert.

Heute darf die Sache auch einmal andersherum laufen, nämlich als Befreiung und Seelsorge an der Kirche. Den Gemeinden könnte die Bewegung beim Christopher-Street-Day zurufen: "Homosexuelle Priester gehören zu eurem menschlichen Reichtum! Gebt ihnen Rückendeckung!" Mit Blick auf unglückliche Homosexuelle bis hinauf in die oberen Leitungsetagen der Kirche könnte eine passende Losung lauten: "Hört auf mit dem Selbsthass und lasst euch lieben!" Bei solchen Werken der Barmherzigkeit von Lesben und Schwulen, soviel ist sicher, wäre Rom sprachlos.

Literatur:

  1. Berger, David: Der heilige Schein. Als schwuler Theologe in der katholischen Kirche. Berlin 2010.
  2. Brinkschröder, Michael: "Wer zu seinem Bruder sagt: 'Schwuchtel'". Zur Erneuerung der christlichen Sexualethik. Vortrag beim Bundeselterntreffen der BEFAH am 19.03.2011 in Berlin. [noch unveröffentlicht]
  3. Bürger, Peter: Das Lied der Liebe kennt viele Melodien. Eine befreite Sicht der homosexuellen Liebe. 2. erweiterte Auflage. Oberursel 2005.
  4. Bürger, Peter: Homophobie und Homosexualität in der römisch-katholischen Kirche. In: Michael Albus / Ludwig Brüggemann: Hände weg! Sexuelle Gewalt in der Kirche. Butzon & Becker, Kevelaer 2011, S. 99-118.
  5. Drewermann, Eugen: Kleriker. Psychogramm eines Ideals. 4. Auflage. Olten und Freiburg 1989.
  6. Migge, Thomas: Kann denn Liebe Sünde sein? Gespräche mit homosexuellen Geistlichen. Köln 1993.
  7. Müller, Wunibald: Verschwiegene Wunden. Sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche erkennen und verhindern. München 2010.
  8. Robinson, Geoffrey: Macht, Sexualität und die katholische Kirche. Eine notwendige Konfrontation. Oberursel 2010.
  9. Tóibín, Colm: Der Papst trägt Prada. Katholische Kirche, Sexueller Missbrauch und Homosexualität. In: Lettre International 90/2010, S. 32-38. (Auszug im Internet)
  10. Weizer, Jens: Vom anderen Ufer. Schwule fordern Heimat in der Kirche. Düsseldorf 1995.