Die guten Menschen von Siemens

Der Siemens-Vorstand "verzichtet" für ein Jahr auf die Erhöhung der Gehälter, seine Leistung könne man, so heißt es, von außen gar nicht beurteilen

Manager werden, so heißt es gerne, deshalb so gut bezahlt, weil sie die entsprechende Leistung bieten und als Unternehmer größere Risiken als etwa die Angestellten oder andere Menschen eingehen. Der Fall Siemens-BenQ liefert einmal wieder ein Lehrstück dafür, wie sehr Ideologien und Lügen die Gesellschaft zusammenhalten.

Die Situation ist eigentlich weitgehend klar. Das Siemens-Management hat es nicht vermocht, mit dem Mobilfunk eine Zukunftstechnologie am Markt zu platzieren. Anstatt nun wirklich einen Führungswechsel vorzunehmen, wird abgebaut und der Rest schnell an den taiwanesischen Konzern BenQ abgeschoben, dem man noch 413 Millionen Euro voller Dankbarkeit für die Übernahme des Geschenks offeriert. Gutgläubig wie man in den Vorstandsetagen ist, wahrscheinlich aber eher gleichgültig, wenn es das Geld und das Schicksal anderer betrifft, ging man angeblich davon aus, dass BenQ das schon machen wird, woran die smarten deutschen Manager gescheitert sind: die Sparte weiterzuführen und die Arbeitsplätze in Deutschland zu erhalten.

BenQ hat offenbar aber nur bereits von Siemens den Angestellten gegebene Verpflichtungen übernommen, die jetzt ausgelaufen sind. Gut kapitalistisch wird nun das Geschenk ausgepackt und das Papier zurückgelassen. Man lässt den Standort fallen, zumal offenbar die deutschen Manager nichts auf die Beine brachten, und nimmt die mit der Mobilfunksparte übergebenen Patente und das Wissen mit. Damit bleibt nun wirklich nur eine uninteressante Hülle zurück, mit gerade einmal 25.000 Euro Eigenkapital. Kann man den Taiwanesen einen Vorwurf machen? Nach der kapitalistischen Logik nicht.

Nach dieser ist freilich auch den Siemens-Managern kein Vorwurf zu machen. Alle reden nun von der Verantwortung von Konzernen gegenüber ihren Angestellten und ihren Standorten. Damit wird man nicht weit kommen, auch wenn nun der Vorstand, der alles versemmelt hat, so großherzig ist und auf die für das Schlamassel bewilligte Gehaltserhöhung von 30 Prozent für ein Jahr verzichtet – und die fünf Millionen, die an einen Hilfsfonds gehen möglicherweise auch noch als Spende absetzen will. Wenn das Gerede von Leistung und Risiko der Wirtschaftsführer zutreffen würde, dann wäre eigentlich keine Gehaltserhöhung, sondern eine Kürzung oder eine Entlassung der verantwortlichen Manager erforderlich. Die Frankfurter Rundschau bemerkt bissig, dass die Gesellschaft das Eigeninteresse von Unternehmern oder Managern akzeptiert, auch wenn es amoralisch ist, solange die Ideologie gewahrt zu sein scheint, dass sie damit paradoxerweise auch der Allgemeinheit durch Wolhstandsmehrung dienen:

Das Modell hat allerdings eine unausgesprochene Voraussetzung: Sträfliche Dummheit ist nicht vorgesehen. Die drohende Pleite des Handy-Herstellers BenQ in Deutschland hat damit zu tun, dass das deutsche Unternehmertum, gemessen an seinen hohen Ansprüchen und komplexen Aufgaben, in weiten Teilen strukturell zu verblöden scheint. Und zwar auf Kosten der Allgemeinheit einschließlich der eigenen Beschäftigten.

Aber so ist das, wie man weiß, nicht. Zwar werden die Angestellten, die von den Entscheidungen des Managements – den „Spitzenleuten“, die angemessen bezahlt werden müssen, so der Aufsichtsratsvorsitzende Pierer - abhängig sind, entlassen, die Manager aber gehen bestenfalls mit großzügigen Abfindungen oder gewähren sich Erhöhungen ihrer Bezüge, die jeder Verhältnismäßigkeit spotten – und jeder dafür erbrachten Leistung entbehren. Und uns will man einreden, dass man eben die Leistung der Manager von außen nicht beurteilen könne, wie Pierer sagte: „Ob der Vorstand eine gute Arbeit macht, können Leute von außen doch nur sehr schwer beurteilen. Das muss man, so glaube ich, eher dem Aufsichtsrat überlassen.“ Deutlicher kann man eigentlich ausdrücken, wie der Hase läuft, so dass das Management eigentlich nie etwas falsch machen kann, wenn es nicht internen Widerstand gibt. Risiko kann man das nicht nennen, eine irgendwie leistungsgerechte Vergütung auch nicht. Nach Pierer spielt auch der Aktienkurs keine entscheidende Rolle.

Da die deutschen Siemens-Spitzenmanager, die sich unterbezahlt wähnen, also keine Fehler machen können, kann für alles nur BenQ verantwortlich sein. Hierauf scheint man sich allmählich zwischen Siemens und Politik zu einigen. Dafür wird jetzt die Konzernführung mildtätig: "Wenn BenQ die Mitarbeiter im Regen stehen lässt, wollen wir tatkräftig helfen“, tönt Siemens-Chef Klaus Kleinfeld, obgleich er dies ja zuletzt mit dem Geschenk an BenQ gemacht und ansonsten im Zeichen der „Restrukturierung“ bereits Tausende von Arbeitsplätzen „abgebaut“ hat. (Florian Rötzer)