Die guten und die bösen Virenprogrammierer

Mit einer Stellungnahme zum Melissa-Fall wollen einige Virenprogrammierer ihr schlechtes Image loswerden

Mit Melissa und den mittlerweile existierenden Varianten ist einmal wieder die Gruppe der Virenprogrammierer in Verruf geraten. Zwar will der tatverdächtige Computerexperte David Smith auf unschuldig plädieren, sein Rechtsanwalt sagt, daß Menschen halt, ohne viel darüber nachzudenken, mit ihren digitalen Spielzeugen experimentieren und dabei manchmal wie zündelnde Kinder auch etwas in seinen Wirkungen für sie Unvorhersehbares auslösen, ohne dies wirklich zu wollen.

Jetzt jedenfalls stehen, obwohl Melissa nicht besonders bösartig ist, nicht Cracker und Hacker im Visier, sondern die Virenprogrammierer oder die Virus Exchange Community. Virenprogrammierer gibt es solange wie Hacker, aber mit dem Netz haben sie natürlich weitaus größere Möglichkeiten als bislang, ihre hinterhältigen Programme zu verbreiten und zu reproduzieren - und ernähren so in einem Wettrüsten auch die Firmen, die Anti-Virenprogramme herstellen und vertreiben. Auch als vor ein paar Monaten unbedacht einige Hacker in einem Chat den Infokrieg gegen China und den Irak erklärten, beeilten sich Kollegen mit einer Distanzierung, weil sie fürchteten, durch so etwas in Verruf zu geraten und ihre Tätigkeiten gefährdet zu sehen. Als "guter" Hacker ist man im Gegensatz zu den bösen Crackern in aller Regel friedlich, zerstört nichts und erkundet höchstens Sicherheitslöcher im Interesse der Allgemeinheit.

Ein "Teil" der Gemeinschaft der Virenprogrammierer hat sich jetzt auch über Hackernews an die Öffentlichkeit gewandt und ihren Berufsstand von "der medialen Aufmerksamkeit und dem Chaos" abgegrenzt, die durch den Melissa verursacht worden sind: "Sie wünschen, daß man das Bild vom "bösen Schurken" vergißt, und hoffen, für ihre Leistungen in der Computerforschung anerkannt zu werden." Das könnte allerdings einige Mühen der Legitimation erforderlich machen. Einige der guten Virenprogrammierer (white hat) kündigen an, ihr gesellschaftliches Ansehen durch eine Behebung des Schadens wiederherzustellen, während andere, so liest man, von Rache wegen des Schadens für den Virus-Untergrund sprechen.

Virenprogrammierer haben eine ähnliche Gemeinschaft wie Hacker. Die "Guten" unter ihnen sind brillante Programmierer, die andere in ihre Kunst einweihen, aber auch Sicherheitslöcher entdecken, die geschlossen werden müssen. Die "Bösen", vergleichbar den Crackern, nutzen dies Wissen auf zerstörerische Weise und lassen Viren frei, die von den guten Programmierern nur geschrieben und ausgetauscht werden. Verurteilt werden sollten mithin nicht die Virenprogrammierer, sondern jene, die Viren verbreiten - und im Fall von Melissa könnte das jedermann gewesen sein, der auf den Quellcode von Melissa gestoßen ist.

Die Virenprogrammierer bitten darum, aufgrund von Melissa keine Hexenjagd wie im Fall von Kevin Mitnick auszulösen. Schließlich habe sich auch der zunächst Verdächtige VicodinES nicht als der Schuldige erwiesen - zweifelsfrei allerdings ist noch nicht festgestellt worden, ob VicodinES und Smith verschiedene Personen sind. Überhaupt sei die Höchststrafe von 10 Jahren für solche Taten ziemlich hoch, zumal Melissa ja nicht bösartig ist und nichts zerstört.

Sie warnen davor, daß mit der Integration von Windows und Office 2000 die Viren noch bessere Zugriffsmöglichkeiten auf Systemressourcen und Daten erhalten werden und dadurch weitaus bösartiger als Melissa sein könnten: "Melissa offenbarte ein Sicherheitsloch in einem Betriebssystem, das wir nach Microsoft als 'sicher' betrachten sollen." (Florian Rötzer)

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