Die hohe Kunst des Telefon-Sex

Interview mit der erotischen Telefon-Dienstleisterin "Phonebitch"

Eine unterhaltsame Einführung in den Alltag der Telefon-Erotik ist der Erfahrungsbericht Schmutzige Nummern. Kuriose Erlebnisse vom anderen Ende des Sexhotline. Telepolis sprach mit der anonymen Autorin Phonebitch, die auch ein Blog betreibt.

Mein persönlicher Verbal-Favorit Ihrer Kunden ist: "Hörst du, wie meine Eier gegen deinen Hintern schlackern?" - Wie oft müssen Sie sich während Ihres Jobs das Lachen verbeißen und was ist Ihr Lieblingsspruch?
Phonebitch: Das kommt nicht allzu oft vor. Aber sehr prägnante schreibe ich mir nach vollbrachter Arbeit immer auf. Männer, die in nur kurzen, oft derben Worten die jeweilige Situation oder die vorgestellte Position in so wenig wie möglich verpackte Worte zu beschreiben versuchen. Mein Lieblingspruch ist definitiv der, als ein Kunde mir versuchte, seinen Fetisch zu erklären. Er, nachts im Park, mit nur einem Mantel und Stiefel bekleidet, erschreckt vorbeigehende Frauen, indem er seinen Mantel vor ihnen öffnet. Seine Worte: "Ich bin ein Extreminist." Exhibitionismus in einer ganz neuen Art und Weise. Ich musste auflegen, um der Situation zu entkommen, ihn auszulachen.
Sie schreiben: "Wenn einmal das Stammhirn die Steuerung übernimmt, dann läuft ein Jahrmillionen altes Programm ab, bei dem man nichts anderes tun muss, als sie ein kleines Stückchen des Weges zu begleiten." Würden Sie Ihre Tätigkeit unter der Bezeichnung "Fremdenführerin auf den Pfaden der Masturbation" wiedererkennen?
Phonebitch: So befremdlich es klingen mag, so genau wird es das wohl sein. Dieser Urinstinkt des Menschen der Fortpflanzung sieht es in seiner Geschichte wohl vor, dass zwei Menschen impliziert sind. Und der Mensch, in meinem Fall der männliche Kunde, fühlt sich alleine bei der Handhabung zur Minderung seiner Lust nicht sehr wohl und braucht etwas Unterstützung. Fremd scheint der Weg zur Masturbation nicht zu sein, gerne wird er aber begleitet und betreut.
Wie viel Geld machen Sie denn so im Monat?
Phonebitch: Diese Spanne liegt zwischen 250 und 2500€ pro Monat. Natürlich kann ich zum Endverdienst meine jeweilige Tageslaune davon abhängig machen. Es gibt Tage, da steht mir nicht der Sinn nach verbaler Erotik und auch der hundertste Kunde wird auf den Anrufbeantworter verwiesen. Und an Tagen, an denen ich Zeit und sogenannte "Lust" habe, melden sich nur eine Handvoll Kunden. Würde ich in einem Monat 24 Stunden am Tag jedem Kunden zur Verfügung stehen, bräuchte ich mit Sicherheit keinen Hauptberuf auszuüben.
Ist Ihr Job auch mit ein wenig Vergnügen verbunden?
Phonebitch: Vergnügen ist ein weitgefächerter Ausdruck. Vor allem kommt es auf den Kunden an. Es gibt jene, die immer einen amüsanten Schwank aus ihrem Leben erzählen und solche, die einfach nur in den Hörer atmen. Aber ein kurzweiliges Vergnügen will ich nicht so ganz ausschließen.
Wie viele Kunden betreuen Sie ungefähr am Tag? Gibt es Männer die bei Ihnen öfter am Tag anrufen?
Phonebitch: Das ist sehr unterschiedlich. An einem guten Tag betreue ich 40 bis 50 Kunden. Einige mehrmals. Erstaunlich ist aber, dass sehr viele Kunden entweder immer um die gleiche Uhrzeit anrufen oder mehrere Kunden zeitgleich. Die sogenannte "Rushhour" ist auch nicht nachts, sondern in der Mittagsstunde zwischen 12 und 14 Uhr. Und es gibt die "Daueranrufer". Wenn ich nicht Zuhause verweile, hinterlasse ich eine Ansage, in der ich die Uhrzeit meiner Rückkehr mitteile. Und genau diese "Daueranrufer" rufen trotz allem hunderte Male an, in der Hoffnung, ich sei vielleicht doch zu erreichen.
Aus welcher Schicht und welchem Alter setzt sich Ihre Kundschaft zusammen?
Phonebitch: Die soziale Stellung der Kunden kenne ich eigentlich nur vom Hörensagen. Aber vom Lagerarbeiter über den Piloten bis hin zum Bankdirektor und Polizisten ruft mich eigentlich jeder an. Ebenso differenziert sich auch das Alter. Minderjährige, die ich immer wieder abwimmele, bis hin zum 85-jährigen Altenheimbewohner sind meine Kunden.
Und wie unterscheiden sich Ihre Kunden in ihrem Gebaren?
Phonebitch: Je älter, je höflicher. Und in netten Beschreibungen ihrer Geschlechtsteile erkennbar. Junge Männer sind in der derben, ja fast vulgären Sprache erkenntlich. Und vor allem sicherer. Ein junger Mann brachte es einmal auf den Punkt: "Ich bezahle dich und darf dich deshalb auch beschimpfen und alle erdenklich dreckigen Sexpraktiken von dir verlangen." Ältere Männer bedanken sich nach getaner Arbeit höflich und bitten um die Erlaubnis, noch ein weiteres Mal anrufen zu dürfen.
Bekommen Sie von Ihren Kunden auch exotische Wünsche zu hören? Welche denn?
Phonebitch: Abstumpfung gehört nach 10 Jahren Telefonsex dazu. Ob es sich bei dem vorgebrachten Wunsch um einen exotischen handelt, ist mir wahrscheinlich oft nicht mehr klar. Erstaunt bin ich jedoch immer wieder. Da mag ein Kunde mich vollbekleidet, in mehreren Kleiderschichten, dass ich ihm erzähle wie ich auch den dritten Pullover ausziehe und eine vierter darunter hervorblitzt. Oder der Kunde, der sich in der Anzahl und Platzierung meiner Narben und Muttermale ergötzt. Die Beschreibung meiner Füsse für Fußfetischisten ist dagegen ein Klacks. Nackt Seilspringen, dieser Wunsch eines Kunden hat sich in meinem Kopf aber auf jeden Fall eingebrannt. Ob es exotisch klingt, sei dahingestellt.
Wie oft müssen Sie sich von der Größe des Gemächts eines Anrufers beeindrucken lassen? Können Sie mutmaßen, warum das so ist?
Phonebitch: Sehr oft. Eigentlich können Anrufer bei mir ja entspannen und genießen, sie sind gänzlich anonym und unbeobachtet und trotzdem ist die Länge ihres besten Stücks ein ganz großes Thema. Ungefragt posaunen sie die Messergebnisse ihres Getriebes heraus. Am Telefon bin ich selten einem Mann begegnet, der unter 20 Zentimeter in seiner Hose hat. Ich weiß nicht, ob es sich dabei um ein Mangel an Selbstbewusstsein handelt oder sie ihre Größe als Inbegriff der Männlichkeit ansehen. Das männliche Geschlecht wird indes aber auch mit unnatürlichen und überdimensionalen Größen in Erotikfilmen und dem Erotikspielzeugfachhandel konfrontiert. Nachempfundene Sexpielzeuge für Frauen lassen die Vermutung auftreten, dass das weibliche Geschlecht es gerne eine Nummer größer bevorzugt.
Kommt es vor, dass die Gewaltphantasien Ihrer Kunden so heftig sind, dass Sie das Gespräch abbrechen?
Phonebitch: Ja, doch, das ist ein sehr selten auftretender Fall. Aber wenn ich gebeten werde, Gliedmaßen gegen die Wand zu schlagen, um einem Kunden damit Befriedigung zu schaffen, breche ich das Gespräch ab. Auch Drohungen oder Wünsche, mich windelweich zu prügeln, mit brutalen Ausdrücken ausgeschmückt, lassen mich zusammenzucken und auflegen.
Gibt es Kunden, vor denen Sie Angst haben?
Phonebitch: Am Anfang meiner sogenannten "Karriere" waren einige Kunden schon recht furchteinflößend, in der Zwischenzeit habe ich die Einstufung zwischen verbalen leichten Schlägen und verbalen Gewaltausbrüchen zu unterscheiden gelernt. Angst kenne ich nicht, da ich mich beschützt fühle hinter der Gesichtlosigkeit und Anonymität des Telefons.
Haben sich die Sexphantasien Ihrer Kunden mit dem Lauf der Zeit verändert?
Phonebitch: Ich glaube nicht. Die Wortbeschreibung, die Umgebung, die technischen Möglichkeiten haben sich im Laufe der Zeit verändert. Aber der Klassiker, es mit 2 Frauen zu treiben, wird sich wohl nie verändern.
Hat sich Ihr Männerbild geändert?
Phonebitch: Absolut nicht. Ich nehme es als innerberufliche Weiterbildung auf, Männer besser kennen zu lernen. Vielleicht sogar in der eigenen Beziehung. Männer sollten sich öfter trauen, der Partnerin oder Lebensgefährtin mitzuteilen, welche Vorlieben sie hegen. Dasselbe gilt für Frauen. Ich erlebe es tagtäglich, dass Kunden sich nicht trauen, ihrer Frau ganz banale Sexpraktiken zu unterbreiten, so entsteht ein vielleicht lebenslanges aneinander vorbeilebendes Verlangen, das vielleicht erfüllt werden wird, gebe man sich den Anstoss der Mitteilung.
Frauen tun selten ihrem Sexualverlangen öffentlich so viel kund, dass es sich für einen Mann wohl nicht lohnen würde, eine Sexhotline anzubieten. Und nur weil Männer in dem Verhalten das eher schwache Geschlecht sind, ihrem Trieb ohne längere Aufmerksamkeit für sich zu behalten, sehe ich sie nicht in einem schlechteren Licht.
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