Die kleine Sechste schmeckt wie Sahne

Schweizer Forscher dokumentieren den Fall einer Synästhetikerin, die Tonintervalle als Geschmack wahrnimmt.

Es gibt Menschen, die können Worte schmecken, andere sehen Töne in bunten Farben. Über das Phänomen der Synästhesie wurde bereits im 19. Jahrhundert berichtet, doch ernsthaft beschäftigt sich die Wissenschaft erst seit der 2. Hälfte des vergangenen Jahrhunderts damit.

Jetzt dokumentieren Schweizer Neuropsychologen in der aktuellen Ausgabe von Nature erstmals einen Fall, bei dem eine junge Musikerin, die Tonintervalle nicht nur als Geschmack wahrnimmt, sondern Tonintervalle auch über den Geschmack identifizieren kann.

Als Synästhesie bezeichnet man, wenn es bei der Stimulation einer Sinnesmodalität etwa des Hörens oder des Riechens in einer anderen Sinnesmodalität wie z. B. dem Sehen von Farben zu einer Sinneswahrnehmung kommt. Am häufigsten belegt ist das so genannte farbige Hören (Coloured Hearing), d. h. jemand sieht Wörter und Buchstaben in vielen Farben.

So eine Synästhesie ist das Resultat einer spezifischen Vernetzung im Gehirn, die -- statistisch gesehen -- relativ häufig vorkommt: Einer unter 2.000 Menschen besitzt sie, die meisten davon Frauen. Bekannte Synästhetiker sind die Komponisten Franz von Liszt, Jean Sibelius und Oliver Messiaen, der Maler David Hockney, der Physiker Richard Feynman und der Sänger Blixa Bargeld.

Forscher, des Instituts für Neuropsychologie der Universität Zürich unter der Leitung von Gian Beeli berichten nun von einer 27-jährigen Blockflötenspielerin, die nicht nur Töne in bestimmten Farben sieht, sondern die auch immer, wenn sie ein bestimmtes Tonintervall hört -- d. h. zwei Töne, die entweder hintereinander oder gleichzeitig gespielt werden -- einen bestimmten Geschmack auf der Zunge spürt.

Diese Klaviertastatur zeigt die Farben, die die Musikerin bei den jeweiligen Tönen sieht. Sie hat sie selbst am Computer hergestellt. (Bild: Neuropsychologisches Institut Zürich)

Dieser Geschmack ist fest mit diesem Tonintervall verknüpft. Ein konkretes Beispiel: Wenn ein C und ein Cis (kleine Sekunde) gleichzeitig gespielt werden, bekommt die Musikerin einen sauren Geschmack auf der Zunge; während die kleine Sechste wie Sahne schmeckt und die Quarte nach gemähtem Gras.

Ein Jahr haben die Neuropsychologen die Musikerin immer wieder getestet, um ihre Fähigkeit zu testen. "Wir haben ihr einen Geschmack auf die Zunge gelegt, z. B. etwas Saures, und haben ihr dann verschiedene Intervalle vorgespielt. Sie musste mittels einer Computertastatur angeben, um welches Tonintervall es sich handelte. Wenn es ein Intervall war, das bei ihr sauer auslöste und sie schmeckte gleichzeitig sauer auf der Zunge, erkannte sie das Intervall signifikant schneller. Wenn sie ein Intervall hörte, das einen anderen Geschmack auslöste, als den, den sie auf der Zunge hatte, wurde sie langsamer", erklärt Gian Beeli im Gespräch mit Telepolis. "Die Resultate zeigten, dass bei ihr Tonintervalle und Geschmack fest verbunden sind."

Mit ihren Versuchen konnten Beeli und sein Team beweisen, dass die Musikerin auch tatsächlich über die Synästhesie verfügte, von der sie erzählte. Die zweite gewonnene Erkenntnis ist jedoch noch wertvoller: Die Neuropsychologen konnten zeigen, dass die junge Frau auch in der Lage ist, mit der Synästhesie Töne zu identifizieren. "Sie erkennt, etwas schmeckt sauer, also muss es eine kleine Sekunde sein", so Beeli.

Und das ist ein großer Unterschied zu 'normalen‘ Synästhetikern. Wenn bei jemandem Buchstaben bestimmte Farben auslösen, dann hat der streng genommen nichts davon. Nur bei ganz bestimmten Tests sind solche Menschen dann etwas schneller. Doch unsere junge Musikerin kann ihre Synästhesien zur Tonintervall-Identifikation verwenden. Sie kann davon Gebrauch machen, und das macht ihre Synästhesie so einmalig.

Ihre Synästhesie begleitet die junge Frau, seit sie sich erinnern kann. Ein besonderes "Urerlebnis" verbindet sie damit allerdings nicht. Sie gibt an, dass sie die Musik intensiver empfindet, weil sie eben noch eine Sinnesebene dazu spürt. Musik bekommt dadurch für sie eine ganz spezielle emotionale Bedeutung, die wahrscheinlich stärker ist als bei "normalen Menschen".

Wahrnehmung der Musikerin, wenn sie die ersten 5 Takte von Bachs "Leite mich" hört. Das Bild hat sie selbst gezeichnet. (Bild: Neuropsychologisches Institut Zürich)

Doch was nützt ihr diese Befähigung im Alltag? Laut Beeli hilft ihr die spezielle Begabung bei ihrem Studium am Konservatorium bestimmte Aufgaben, wie z. B. ein Notendiktat, leichter zu lösen. Doch natürlich fallen ihr solche Übungen grundsätzlich leicht, weil sie ein absolutes Gehör hat.

Wo liegt nun der Ursprung einer Synästhesie? "Die Vermutung, die ich am plausibelsten finde, ist dass die Synästhesie eine genetische Komponente hat. Bei Zwillingen etwa kommt es häufig vor, dass beide eine Synästhesie haben. Man führt ihre Entstehung darauf zurück, dass gewisse Verbindungen im Gehirn aufrecht erhalten bleiben, die bei anderen Leuten absterben und dass dies genetisch weitergegeben wird", so Beeli. "Und diese Verbindungen führen dann zur Kopplung einzelner Sinne."

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