Die läufige Leinwand

Ein Interview mit Christian Keßler über sein neues Buch zum Pornofilm der 70er und 80er Jahre

Kürzlich ist eine umfangreiche Monografie zur Pornofilm-Geschichte im Berliner Martin-Schmitz-Verlag erschienen. Darin reflektiert der Gelsenkirchener Filmkritiker und Publizist Christian Keßler das Entstehen und Werden des legalen US-amerikanischen Pornofilms von 1970 bis Mitte der 1980er Jahre. Stefan Höltgen hat ihn bei der Berliner Lesung getroffen und mit ihm über das Buch und einige Dinge über Pornografie gesprochen, die nicht darin stehen.

Ein neues Buch über alte Pornofilme: Gab es da noch nichts? Wie sieht es auf dem deutschsprachigen Buchmarkt zum Thema aus?
Christian Keßler: Um ehrlich zu sein, bin ich da gar nicht so gut informiert! Mir sind in den vergangenen Jahren beim Netsurfen immer wieder mal einzelne Titel aufgefallen. Jene befassten sich aber eher mit neueren Produkten, aus den letzten zwei Jahrzehnten, während mein Interesse immer mehr den alten Filmen galt - halt dem Zeitraum, den auch mein Buch dokumentieren will. Das letzte deutschsprachige Buch zum Thema, das ich gewälzt habe, war Georg Seeßlens Beitrag, und das ist ja nun auch schon einige Jahre her.
Wie kam es zu dem Buchprojekt?
Christian Keßler: Meine Faszination mit dem Pornokino war - jenseits der naheliegenden Gründe - immer von den Rahmenbedingungen geprägt, innerhalb derer solche Produktionen realisiert wurden. Auf der einen Seite hat man die Fantasien, die das fertige Produkt darstellen und vermitteln will. Auf der anderen sind da die ganz konkreten Arbeitsbedingungen vor Ort, die Leute, die an der Herstellung beteiligt waren. In den 70er Jahren schien mir das wesentlich aufregender zu sein. Ich habe mich immer gefragt, was für Menschen hinter diesen Fantasien stehen, sowohl vor als auch hinter der Kamera. Die 80er waren vergleichsweise unsexy!
Warum hat es, wie Du im Vorwort schreibst, acht Jahre lang gedauert, bis Die läufige Leinwand erscheinen konnte? Ist das Thema trotz seiner popkulturellen Angekommenheit immer noch zu heiß für Verlage?
Christian Keßler: Die lange Entstehungszeit des Buches hat einfach damit zu tun, dass die Leute, die das Buch zuerst herausbringen wollten, mehr abgebissen hatten, als sie schlucken konnten. Das resultierte dann in einem ganz erbärmlichen Klinkenputzen meinerseits, das mir schließlich die Lust raubte, mich weiter damit zu befassen. Ich habe schon das Gefühl, dass es in Bezug auf das Thema sehr wohl Vorbehalte gibt - das Thema sei unseriös, zu kontrovers. Möglicherweise wollte so mancher Verlag auch nicht in die Schmuddelecke geraten.
Ich habe ein oder zwei nachvollziehbare Absagen bekommen, in denen z.B. auf eine Unvereinbarkeit mit dem Restkatalog des Verlages verwiesen wurde. Einige Reaktionen waren auch unerfreulich, aber nachkarten möchte ich hier nicht. dass das Buch schließlich herauskam, ist allein der Initiative Martin Schmitz' zu verdanken, der von sich aus Interesse anmeldete. Ich hatte das Projekt bereits abgeschrieben. So überarbeitete ich alles, wischte die Staubecken durch, und jetzt liegt es auf dem Tisch!

"Als Videokameras für den Hausgebrauch in Mode kamen, gab es auch zahllose Leute, die sich zu Hause die Klöten gefilmt haben - ist das unverkrampft?"

Einige Verlage können mit dem Thema Sex und Pornografie ja offenbar seit Jahren ganz gut über die Runden kommen (im Berliner Schwarzkopf-&-Schwarzkopf-Verlag erscheint ein Huren-, Seitensprung-, Meinerstesmal-Bekenntnisbuch nach dem anderen). Ist das eine Renaissance der verkappten "Aufklärungsfilme", von denen du im Buch schreibst und wie wir sie schon Ende der 1990er Jahre zuletzt im Fernsehen ("Wa(h)re Liebe", "Liebe Sünde", "Peep") hatten?
Christian Keßler: Ich habe diese Aufklärungssachen immer als sehr zweifelhaft empfunden. Die Unverkrampftheit, mit der da ein an sich ja natürliches Thema wie Sexualität zu einem leckeren Mediensoufflé zubereitet wird, ist häufig nur eine behauptete, eine scheinbare. Wenn Sex in den Medien vorgeführt wird, orientiert sich der Verkäufer an kommerziellen Motiven. Wäre Sex wirklich so unverkrampft und unproblematisch, wie das solche Sendungen häufig suggerieren wollen, dann würde sich vermutlich kaum jemand dafür interessieren.
Als Videokameras für den Hausgebrauch in Mode kamen, gab es auch zahllose Leute, die sich zu Hause die Klöten gefilmt haben - ist das unverkrampft? Nein, die Medien verwenden Sexualität meistens als Attraktion, als Zirkusnummer. Wie das Sexploitationfilme im allgemeinen auch tun - das liegt in der Natur der Sache. Nicht umsonst waren sogenannte Aufklärungsfilme in den USA ein beliebtes Medium, um expliziten Sex an der Zensur vorbei zu mogeln. Das Interesse an Sex ist ungebrochen, aber wäre er entzaubert und völlig "normal", dann wäre er kommerziell wohl kaum so attraktiv.
Mal wieder zurück in die 70er- und 80er-Jahre. Einmal abgesehen von den offensichtlichen Moden, wie Intimbehaarung und so weiter: Worin unterscheiden sich die Pornofilme von Damals zu denen von heute besonders?
Christian Keßler: Als Hardcorefilme nach 1970 ihren langen Weg in die Legalisierung antraten, waren explizite Details auf der Leinwand der große Attraktionspunkt, die Sache, die es vorher noch nicht gegeben hatte. Was die Filmemacher drum herum strickten, war den Produzenten weitgehend egal, solange ordentlich kopuliert wurde. So kam es, dass der Hardcorefilm jener Jahre ein Betätigungsfeld für unzählige aufstrebende Filmemacher wurde, die alle eigentlich "richtige" Filme machen wollten - oder sogar schon gemacht hatten - und hier eine Möglichkeit vorfanden, in einem kommerziell extrem günstigen Rahmen ihre Privatobsessionen auszuleben und Praxis zu erlangen.
Die Filmemacher hatten also durchaus nicht nur Sex und Geld im Kopf?
Christian Keßler: Nein, die Obsessionen waren beileibe nicht nur sexueller Natur. Man konnte Genrefilme imitieren, man konnte die Gesellschaft kommentieren. Man konnte auch einfach nur einen Lebensstil illustrieren, der damals weit verbreitet war und ebenso "anti-establishment" wie die Pornofilmer selbst, die sich schließlich in einer legalen Grauzone bewegten. Sehr viel war damals "sex & drugs & rock'n'roll". Als dann später die Budgets immer höher wurden und die Filme immer kokainiger und größenwahnsinniger, ging diese konzeptuelle Unschuld zunehmend flöten. Um es kurz zu machen: Damals gab es Überraschungen noch und nöcher, es war im Grunde alles möglich. Das Format war noch nicht so festgelegt.
Die 1980er Jahre waren auch die Geburtsstunde der Gonzo-Pornografie (Anthony Spinellis Reel People von 1984 gilt als das Initialereignis des Subgenres - ein Jahr später besuchte dann Harry S. Morgan schon Horst und Gabi in ihrem Lüdenscheider Wohnzimmer), die heute den Markt dominiert. Ist dieser Hang (oder ist es ein Zwang?) zum Dokumentarismus und Story-Verlust das Gegenteil oder die Konsequenz der besonderen Artifizialität jener Pornospielfilme, über die zu im Buch schreibst?
Christian Keßler: Die Hinwendung zum Gonzo-Porno mag einerseits dem Umstand geschuldet sein, dass man Ende der 70er Jahre so ziemlich alles ausprobiert hatte, sich Richtung Hollywood gespreizt hatte, aber letztlich keine Möglichkeit sah, dort hinzukommen. Da fehlte unterm Strich einfach zu viel Geld im Vergleich. Zu jener Zeit kam ja auch Video als Produktionsmedium in Mode, das einfacher und billiger zu handhaben war. Das führte natürlich zu einer Sturzflut von billigst hergestellten Schmuddelfilmchen, die sich aber dennoch rechneten.
Kein Produzent hätte in dieser Situation noch Unsummen in einen sorgfältig gestalteten Film gesteckt, der dann womöglich im Schmuddelstrudel untergegangen wäre. Geld verliert niemand gern. Durch den Heimvideomarkt wurde die ganze Industrie völlig umstrukturiert. Ein richtiges "Ereignis" zu landen, war in der neuen Marktlage sehr schwer geworden. Da vertraute man lieber dem kleinsten gemeinsamen Nenner.
Die läufige Leinwand ist so gesehen ja irgendwie auch wie ein Blick unter die Bettdecke, indem es - vor allem in den Interviews - die Produktionsbackgrounds beleuchtet. Meta-Porno sozusagen, oder gar ein Beitrag zu den porn studies?
Christian Keßler: Dass sich Leser von meinem Buch erregt fühlen, halte ich für unwahrscheinlich, schon wegen des Fotos auf dem Backcover ... Aber natürlich ist meine eigene ursprüngliche Reaktion auf diese Filme eine Erektion. Das Interesse, das diese Filme erzeugen, ist vornehmlich sexuell motiviert, wie immer man sie nun bewertet. dass man den Filmen dann weitere Reize abgewinnen kann, ist ein Lernprozess - man lernt, sie über den sexuellen Impuls hinaus interessant zu finden. Das halte ich aber für völlig wünschenswert und normal. Auch im realen sexuellen Leben muss man schließlich lernen, die Partner als komplexe Wesen zu erfassen und zu respektieren.
Pornofilme liefern Fantasien, wie alle anderen Filmgattungen auch. Sie befassen sich ganz explizit mit dem Verschwiegenen, mit dem Verbotenen. Das sieht häufig nicht hübsch oder artig aus, da es nicht im Wesen sexueller Fantasien liegt, hübsch und artig zu sein. Sie speisen sich aus all den Dingen, die man im wirklichen Leben aus Gründen der gesellschaftlichen Akzeptanz ausklammert, wegschließt in irgendeiner schwarzen Schachtel.
Du schreibst im Vorwort, dass du die politischen und Gender-Debatten zur Pornografie-Diskussion außen vor lassen möchtest. Gehören die nicht zur Pornofilm-Geschichte dieser Zeit essenziell dazu wie auch die Zensurgeschichte des Genres (auf die du ja sehr oft eingehst)?
Christian Keßler: Stimmt, ich wollte mich nicht verheddern in der moralischen Diskussion, sondern erst einmal darauf hinweisen, dass es einst Darstellungsmöglichkeiten für expliziten Sex gab, die weit jenseits von Gangbang Audition 27 führten. Mir liegt auch nichts ferner als eine Pauschalwerbung für Pornographie. Vieles von dem, was man heutzutage im Netz findet, finde ich bestenfalls öde, schlimmstenfalls widerwärtig und kriminell. Ganz zu schweigen von den gesundheitlichen Risiken und der sehr wohlfeilen Art, in der - zum Beispiel in Osteuropa - soziale Ausbeutung betrieben wird.
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