Die männliche Wichtelproblematik

In New York wurde die erste Selbsthilfegruppe für Männer gegründet, die unter einem zu kurzen Penis leiden

Wie lang, liebe Leser, ist Ihr schlaffer Penis? Kleiner als vier Zentimeter? Zwischen vier und sechs, sechs und acht oder acht und zehn Zentimeter lang? Oder gar länger als zehn Zentimeter? Und bitte ehrlich messen und ehrlich antworten! Wie man richtig misst, erfährt man beispielsweise hier oder dort.

Bereits gemessen haben 10031 Männer (Stand: 22.01.04) für eine Umfrage, die auf der Seite penis.de veranstaltet wird. Und da auf dieser Website für Penisverlängerung geworben wird, ist das Ergebnis doch ein wenig überraschend. Angeblich haben 28,9 Prozent nämlich einen Penis, der im schlaffen Zustand länger ist als zehn Zentimeter. Und nur 11,3 Prozent der Männer waren ehrlich und kreuzten "kleiner als vier Zentimeter" an. Ob letztere damit gut leben können, wissen wir natürlich nicht. Aber für viele Männer ist die Länge des Penis offenbar ein Riesenproblem (vielleicht sollte man in diesem Zusammenhang eher von einer Wichtelproblematik sprechen.), mit dem sie zudem fast täglich konfrontiert werden, wenn sie in ihren Email-Kasten schauen.

Auch mein Arbeitstag beginnt oft damit, dass ich Nachrichten wie die folgende genervt von der Festplatte löschen muss:

Info: Natürliche Penisvergroesserung ist moeglich"!

So lautet die Betreffzeile. Und danach geht es gleich ans Eingemachte, also in die Hose:

Hallo und guten Tag, die Untersuchung eines der grössten Kondomherstellers hat ergeben, dass 78 % aller Frauen mit der Penisgrösse ihres Partners nicht zufrieden sind! Viele Frauen schweigen - aber Grösse spielt halt doch eine entscheidende Rolle.

Ja, so sind die Frauen. Statt offen darüber zu reden, fügen sie sich lieber unzufrieden in ihr Schicksal. Und die Folgen sind leider oft genug: Seitensprung, Scheidung, Alkoholismus oder sie bewerben sich gar bei TV-Shows wie "El, der Millionär". Wobei letzteres ja auch kein Ausweg ist, schließlich ist El ja nur "Elmar, der Dachdecker" aus Essen. Obwohl, eine große Nase hat er schon...

Dabei gibt es, wie uns die Email suggeriert, längst eine Alternative, ja eine schnelle Lösung dieses drängenden zwischenmenschlichen, soviel Leid und doofe Kabarettwitze ("Ich hab heut wieder so'ne Email bekommen. Sie wissen schon: Penisverlängerung! Und jetzt frag ich mich: Woher kennen die mich bloß so genau?") produzierenden Problems:

Keine Operation, keine Pillen, keine Geräte. Von den Naturvölkern seit Jahrhunderten erfolgreich angewandt. In 60 Tagen ein grösserer Penis! Es funktioniert wirklich! Keine Hemmungen mehr in der Gemeinschafts-Dusche/Sauna. Mehr Männlichkeit in der Hose. Weltweit 5 Millionen begeisterte Anwender können nicht irren.

Und dann wird am Ende der Mail ein Link angeboten, der zu einer Seite führt, auf der ein paar äußerst beeindruckende Vorher-Nachher-Fotos veröffentlicht sind. Und auf der Mann natürlich gegen Bares ein Trainingsprogramm bestellen kann. So weit, so nervig. Allerdings zeigen amerikanische Untersuchungen, dass diese Angebote auf eine erstaunlich hohe Nachfrage stoßen (Want a BIG Penis?). Aber diese albernen Rezepturen und Stretching-Programme werden nicht nur gekauft, sondern die beinahe täglich in den Email-Kästen liegende Werbung für diese Produkte verunsichert ­ nach einem Bericht von Reuters ­ zunehmend die Männerwelt. Und mancher schreitet dann zur Tat:

also längenmässig, da denke ich, brauch ich mir nicht mehr so die sorgen machen. habe mir vor ungefähr 7 monaten so ein folterstreckaparat gekauft. damals war ich mit knappen 13,5 echt verzweifelt. seit dem ist mein kleiner freund auf ca. 15,5 - 16 cm angewachsen. nun macht mir aber irgendwie die dicke zu schaffen. also im umfang misst er 11,5 cm, was einen durchmesser von 3,5 entspricht. finde ich nicht so toll. leider hat das streckteil dickenmässig so gut wie gar nichts bewirkt, und wenn, dann vielleicht 2-3 mm, wenn überhaupt. muss aber auch sagen, dass ich das teil in den 7 monaten recht unregelmässig getragen habe. mal nen paar wochen pause, nicht immer jeden tag und meist auch nur 1-3 stunden. naja, wenn jemand noch eine zuverlässige methode kennt um ihn "aufzupumpen", wäre ich über eine mitteilung sehr dankbar.

Bei dem penetranten Dauerbeschuss durch Werbung und dem damit zusammenhängenden perfiden Spiel mit der Angst des Mannes den Kürzeren zu ziehen, fängt halt irgendwann jeder Mal zu grübeln an. Und dann ist die Männlichkeit oft erst recht wirklich in der Hose. Besonders betroffen, glaubt man den von Reuters befragten Penis-Experten, sind lustige Volksstämme wie die Japaner, die unter "Koro"-Angst leiden, dass ihr bestes Stück in den Bauch zurückwachsen könnte. Und die Franzosen, die Weltmeister im Witzeln über die vermeintliche Kleinwüchsigkeit anderer Männer sind. Aber ganz besonders betroffen sind unsere homosexuellen Mitbürger, die - weil das angebliche Problem für sie eben einen hohen Stellenwert besitzt ­ durch solche Emails gewaltig verunsichert werden.

So geschah kürzlich in New York genau das, was in New York einfach geschehen musste: In dem "Lesbian, Gay, Bisexual & Transgender Community Center" wurde mit "What Is Small Anyway?" die wohl weltweit erste Selbsthilfegruppe gegründet, die sich ausschließlich mit unserer Anfangsfrage beschäftigt.

Wem der Weg dorthin zu weit ist, der kann online hier oder dort mitdiskutieren. Und wer das Wichtelproblem jetzt sofort eigenhändig angehen möchte, der sollte auf keinen Fall das tägliche Warm-up vergessen. Denn sonst bleibt es für immer und ewig bei: Kleiner als vier Zentimeter. (Ernst Corinth)

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