Die magische Kugel des Allen Dulles

Dulles-Biograph David Talbot sieht den sinistren CIA-Direktor als Mastermind des Kennedy-Mords

Wohl nur wenige Menschen haben die Weltpolitik im 20. Jahrhundert so wie Allen Welsh Dulles geprägt - dennoch machen Historiker möglichst einen Bogen um den mächtigen Spionagechef. Während des Zweiten Weltkriegs manipulierte Dulles die Informationslage der USA, machte weiterhin Geschäft mit Nazis und bereitete den Kalten Krieg vor. Im Nahen Osten und in Südamerika erledigte er für die Öl- und Agrarindustrie die Drecksarbeit und legte damit den Grundstein für die dort feindselige Haltung gegen die USA. Als im eigenen Land ein Präsident dem Establishment nicht mehr patriotisch genug war, griff Dulles offenbar ein weiteres Mal in den Lauf der Geschichte ein.

Tabu-Thema Allen Dulles

Als der Autor dieser Zeilen 2007 zu seiner Telepolis-Biographie über Allen Dulles recherchierte, war insbesondere in deutscher Sprache nur wenig zu finden. Auch Tim Weiner fasste in seinem 2008 auch auf deutsch erschienenen Werk CIA - Die ganze Geschichte Dulles nur mit Samthandschuhen an und streifte das Kennedy-Attentat allenfalls am Rande. Als David Talbot in seinem gefeierten Werk Brothers den erbitterten Stellungskrieg zwischen den Kennedys und dem damals ultrarechten Pentagon nachzeichnete, sparte auch Talbot die Kennedy-Morde und die Personalie Allen Dulles weitgehend aus - wohl, um nicht in den Ruch eines Verschwörungstheoretikers zu geraten.

Diese Auslassungen füllt Talbot nun in The Devil‘s Chessboard mit einer Biographie über den Mann, den er aufgrund einer beeindruckenden Indizienkette für das Mastermind hinter dem Kennedy-Mord hält: Allen Dulles. Das umfangreiche Buch besteht jeweils zu einem Drittel aus Dulles‘ Kriegsabenteuern, seiner Rolle bei Aufbau und Leitung der CIA und dem Kennedy-Mord. Von der Fülle der bislang nicht oder kaum bekannten Details soll hier nur ein geringer Teil aufgegriffen werden.

Der Spion, der seine Präsidenten betrog

Allen Welsh Dulles (1893-1969) stammte aus einer angesehenen Ostküstenfamilie. Sowohl sein Großvater als auch sein Onkel fungierten jeweils als US-Außenminister. Seine Karriere als Diplomat in Europa krönte der Princeton-Absolvent bei den Verhandlungen zu den Versailler Verträgen. Danach trat er in die von seinem Bruder John Foster Dulles geführte Industriebank Sullivan&Cromwell ein, über welche die Wallstreet praktisch das gesamte Außenhandelsgeschäft abwickelte. Sullivan&Cromwell warb für Anleihen zur Refinanzierung des Deutschen Reichs und vertrat deutsche Firmen, fungierte etwa als US-Generalrepräsentant für das Chemiekartell IG Farben. Dulles wurde Schatzmeister der Republikanischen Partei. Besonders gut mit den Dulles-Brüdern verstanden sich die Rockefellers (Standard Oil), der Nazi Henry Ford und der Unternehmer Prescott Sheldon Bush.

Alan Dulles. Bild: National Archives and Records Administration

Die tief in das Deutschlandgeschäft verstrickte Bank verwandte sich gegen einen Kriegseintritt der USA, ebenso der auch im Rüstungsgeschäft operierende Börsenspekulant Joseph Kennedy. Nachdem ein Kriegseintritt wegen des Angriffs auf Pearl Harbour politisch nicht mehr abzuwenden war, trat Allen Dulles in den von der Wallstreet aufgebauten unkonventionellen Kriegsgeheimdienst OSS ein, der in den Räumen des Rockefeller-Centers gegründet worden war. Dulles betrieb in der eingeschlossenen Schweiz ein nur mäßig geheimes Spionagebüro, von wo er seine Kontakte in die deutsche Geschäftswelt und Politik nutzte.

Dabei beschaffte er nicht nur Informationen aus Deutschland, sondern machte weiterhin Geschäfte mit deutschen Unternehmern, die nach Kriegseintritt US-Amerikanern verboten waren. Dulles bereicherte sich u.a. an anrüchigen Goldgeschäften und finanzierte damit faktisch den Gegner mit dessen Raubgold. Aus mehreren Quellen erfuhr Dulles vom Holocaust, gab diese Informationen jedoch nie weiter. Die Nachricht vom industriellen Massenmord hätte in den USA durchaus auch die öffentliche Meinung beeinflussen können. So waren in den USA jüdische Flüchtlinge dort ähnlich unwillkommen wie derzeit syrische. Als Dulles 1962 abdanken musste, machte er es seinem Nachfolger zur Auflage, seine damaligen Aktivitäten nicht zu untersuchen.

Kalter Krieg

Wie viele im US-Militär war auch Dulles der Meinung, dass man statt gegen Deutschland besser mit den Deutschen gegen die nun geschwächte Sowjetunion kämpfen sollte. So verhandelte er Jahre vor Kriegsende mit Hitler-kritischen Deutschen aus Wirtschaft und Militär über eine Kapitulation, obwohl ihm dies der Präsident ausdrücklich verboten hatte. Manche sehen Dulles Eigenmächtigkeiten als den eigentlichen Beginn des Kalten Kriegs.

Dulles schleuste denkbar hochbelastete Nazis aus und brachte sie später im US-Geheimdienst unter. Um die Nachkriegsgesellschaft zu kontrollieren, empfahl der Diplomat das Umwerben der Eliten und hofierte diese in deutsch-amerikanischen Netzwerken (Grüne und Linke auf der Atlantik-Brücke). Zu Dulles wichtigsten Kontakten gehörte der ehemalige Nazi-General Reinhard Gehlen, der ein Jahrzehnt einen US-Geheimdienst mit deutschem Personal führte und diesen 1956 zum Bundesnachrichtendienst umfirmierte.

Dulles setzte sich 1947 für die Gründung der CIA ein. Dem von der dilettantischen Cowboytruppe OSS angewiderten Präsidenten Truman spiegelten die Befürworter vor, man installiere lediglich eine Agentur, um die in Washington kursierenden Informationen über das Ausland zentral zu sammeln. Erneut hatte Dulles seinen amtierenden Präsidenten hintergangen, denn Dulles reaktivierte praktisch wieder das OSS. Statt lediglich zu spionieren, manipulierte die CIA 1948 etwa die italienischen Wahlen, um die Kommunisten kurz zu halten.

Die in der Republikanischen Partei einflussreichen Dulles-Brüder gewannen Kriegsheld Eisenhower als Präsidentschaftskandidaten, der nach seiner erfolgreichen Wahl John Foster Dulles zum Außenminister und Allen Dulles zum CIA-Direktor machte. Damit lag die US-Außenpolitik in jeder Hinsicht in den Händen der ultrakonservativen Wallstreet-Banker, die von Kommunismus wenig hielten und die Welt in den Kalten Krieg führten. Ihre Positionen bei Sullivan&Cromwell und damit das Mandat der Wallstreet behielten die Brüder.

Kalte Krieger

Um seine Ziele zu erreichen, war Dulles jedes Mittel recht. Zu den düstersten Kapiteln der CIA zählt das auf Dulles zurückgehende Projekt MKUltra, mit dem man über Drogen und Gehirnwäsche Menschen u.a. zu willenlosen Attentätern manipulieren wollte. Bei der verdeckten Finanzierung nicht nur dieser Operation waren die gleichfalls spionagebegeisterten Rockefellers behilflich, mit denen die Dulles-Brüder eng befreundet waren.

Ein weiterer wichtiger CIA-Partner war Milliardär Howard Hughes, der etwa die Spionagesatelliten baute und später das Azorian Project realisierte. Eines der erfolgreichsten Projekte wie der ultrageheime Höhenaufklärer U2 führte jedoch zu einer harten Blamage. So war der Pilot Gary Powers über der Sowjetunion abgeschossen worden, obwohl Eisenhower die völkerrechtswidrigen Spionageflüge inzwischen untersagt hatte. Die so provozierte Absage des Pariser Friedensgipfels dürfte dem Kalten Krieger durchaus willkommen gewesen sein.

Regime Changes

Dulles war spätestens seit seinen Kontakten zum deutschen Widerstand gegen Hitler mit Staatsstreichen befasst. Der Schattenmann schlug ein Sniper-Attentat (!) auf Stalin in Paris vor und wollte die chinesische Regierung durch einen Flugzeugabsturz beseitigen, was ihm Eisenhower versagte. In den 1950er Jahren wahrte Dulles die Interessen der von Sullivan&Cromwell vertretenen United Fruit Company, die praktisch die gesamte Wirtschaft Guatemalas kontrollierte und vertrieb durch einen von der CIA inszenierten Putsch den gewählten Präsidenten Jacobo Árbenz Guzmán. Für seine persönlichen Mandanten Mohammad Reza Schah Pahlavi und die mit den USA eng kooperierende britische Ölindustrie, organisierte er im Iran den Sturz der Regierung Mossadegh.

Während die CIA das Putschen stets den von ihr angeleiteten und aufgerüsteten ausländischen Partnern überließ, beschäftigte sie auch ein eigenes Spezialkommando für Black Ops wie Liquidation von missliebigen Personen. Von der Existenz dieses "Secret Teams" berichtete 1975 der Militärgeheimdienstler L. Fletcher Prouty, Vorbild für die Figur des Mister X im Spielfilm JFK.

Der bislang größte Regime Change der CIA war 1961 für Kuba vorgesehen. Der anfangs von der CIA begeisterte Kennedy hatte von seinem Vorgänger die fortgeschrittenen Pläne zur Geheiminvasion in der Schweinebucht geerbt. Tausenden Exilkubaner sollten unter CIA-Regie auf Kuba anlanden und als neue Regierung die USA gegen Castro-treue Kräfte um Hilfe rufen.

Um den Angriffszeitpunkt der bereits durchgesickerten Operation zu verschleiern, fuhr Dulles mit seiner Familie auf Reisen. Als ihm die Nachricht von den Problemen überbracht wurde, zeigte er nicht die geringste Überraschung. Tatsächlich war den Strategen klar gewesen, dass der Plan nur bei Luftunterstützung durch das Militär Erfolgsaussichten hatte. Ihre Erwartung, Kennedy würde den Angriff durch US-Militär nicht versagen, ging nicht auf und besiegelte das Schicksal der Operation, die (aus patriotischer Sicht) der Nation die größte Schande aller Zeiten bereitete.

Am 28. November 28 1961 erhielt Dulles die National Security Medal von Präsident Kennedy. Bild: gemeinfrei

Schatten-CIA

Der für das Debakel verantwortlich gemachte Dulles erhielt für seinen unumgänglichen Abgang eine Schamfrist, in der er für das neu gebaute CIA-Gebäude einen Hausherrn suchen durfte. Der 69jährige Dulles präsentierte schließlich den in der Branche unerfahrenen Rüstungsunternehmer John McCone, dem er die Familiengeheimnisse der Agency (wie etwa die Mordaktionen) verschwieg. Tatsächlich wurde McCone in erster Linie von Dulles benutzt, während Dulles‘ Stellvertreter Richard Helms weiterhin die Kontrolle behielt.

Intrigant Dulles hatte nicht die Absicht, sein Lebenswerk anderen zu überlassen. Fortan leitete er die Firma heimlich aus seinem Privathaus, wo er regelmäßig seine Getreuen empfing. Außerdem nutzte er eine verdeckte Zentrale im geheimen Stützpunkt Camp Peary. Das in einem militärischen Sperrgebiet in Virginia gelegene Objekt fungierte auch als Basis für Black Ops wie das Festhalten und Verhören von Gegnern. In seiner Eigenschaft als CIA-Ausbildungszentrum wurde es als "die Farm" bekannt.

Kennedys Haltung während der Kubakrise sowie die Beschneidung von Militär und Geheimdiensten brachte die politische Klasse in Rage. Von Kennedys Steuerplänen waren insbesondere die Vertreter der Öl- und Stahlindustrie nicht erbaut. Der im Staat deutlich besser verdrahtete Nelson Rockefeller, der ebenfalls Interesse am Präsidentenamt hatte und später Fords Vizepräsident wurde, griff Kennedy an. Der geschworene Kennedy-Hasser General LeMay, der später ebenfalls für das Weiße Haus kandidierte, beklagte Kennedys fehlende Entschlossenheit, die das Land gegenüber der Sowjetunion schwäche. CIA-Planer James Jesus Angleton beunruhigten Kennedys Frauenaffären. Die letzte Freundin des Präsidenten war ausgerechnet Mary Meyer gewesen, die Ex-Frau des CIA-Desinformationsspezialisten Cord Meyer.

Mit Argwohn verfolgte die CIA Kennedys Italienreise im Herbst 1963, auf der sich der Präsident mit dem Christdemokraten Aldo Moro traf. Obwohl die italienischen Christdemokraten von der CIA großzügig finanziert worden waren, wollte Moro mit den Sozialisten koalieren, was Kennedy zum Entsetzen der CIA billigte. Der neue CIA-Stationschef in Rom war einer der heißspornigsten Kennedy-Feinde überhaupt.

William King Harvey

Draufgänger William King Harvey war Leiter des Secret Teams für Mordanschläge gewesen. In der Geheimdienstwelt hatte er sich mit dem Bau des Berliner Spionagetunnels und der Enttarnung des Doppelagenten Kim Philby einen Namen gemacht. Dem von Dulles zum Idol für Agenten aufgebauten Harvey unterstand die in jedem Geheimdienst prestigeträchtige Abhörabteilung, zudem strebte er die Zuständigkeit für den Hauptfeind Sowjetunion an.

Harvey hatte auch den europäischen Killer rekrutiert, der Patrice Lumumba tötete. Nach der kubanischen Revolution nahm Harvey bereits 1961 Kontakt zur US-Mafia auf, die den gemeinsamen Gegner Fidel Castro beseitigen sollte - ohne Wissen des Präsidenten. Harvey sandte hinter dem Rücken der Kennedys sogar noch auf dem Höhepunkt der Kubakrise subversive Teams auf die Insel, um Fidel Castros Regime zu destabilisieren.

Als der hiervon entsetzte Robert Kennedy diese Provokation kritisierte, beschimpfte ihn der als trinkfreudig bekannte Harvey in respektloser Weise. Kurz darauf wurde Harvey trotz fehlender Sprachkenntnisse auf den CIA-Posten nach Rom strafversetzt. Dort pflegte er Kontakte zur italienischen und korsischen Mafia, die über fähige Auftragskiller verfügte. Außerdem war er als CIA-Stationschef der Verbindungsmann für eine paramilitärische Geheimarmee, die 1990 als Gladio bekannt werden sollte. Als der Schattenmann vor dem Church-Komitee aussagen musste, beteuerte er, stets nur auf Befehl von oben gehandelt zu haben - was durchaus zutreffen kann, soweit es Dulles betrifft.

Rauhbein Harvey blieb sich treu. Als etwa dessen Mitarbeiter Wyatt gegen eine Rekrutierung von Mafiosi zur Liquidierung von Kommunisten protestierte, richtete Harvey seine Waffe auf den eigenen CIA-Mann. 1967 war Harvey in die Putschpläne des rechtsgerichteten Geheimdienst- und Carabinieri-Chefs General de Lorenzo involviert. 1978 wurde Moro von Personen aus dem Gladio-Umfeld liquidiert.

Durch Zufall bemerkte Wyatt, dass sein Chef im November 1963 nach Dallas reiste und sich über den Anlass ausschwieg. Am Tag des Kennedy-Attentats weilte der grobschlächtige Harvey jedoch wieder in Rom und hatte damit ein Alibi. Als das parlamentarische House Assassinations Committee ab 1976 die Morde an Martin Luther King und den Kennedys erneut untersuchte und Harvey des Mordes an Kennedy verdächtigte, verweigerte die CIA die Herausgabe von Harveys Reiseunterlagen. Während 99% der Akten zum Kennedy-Attentat freigegeben wurden, stehen Harveys Reisedokumente bis heute unter Verschluss.

Dallas Cowboys

Auch Allen Dulles bewegte sich vor dem Attentat in Texas, wo Sullivan&Cromwell sowohl die Ölindustrie als auch die Politik beriet - etwa den Bürgermeister von Dallas, Earle Cabell. Dessen Bruder General Charles Cabell war Deputy Director der CIA gewesen, bis ihn Kennedy nach dem Fiasko in der Schweinebucht rauswarf. In den zum Rassismus tendierenden Südstaaten war Kennedy ohnehin verhasst. Der rechtsgerichtete Herausgeber der Dallas Morning News, Ted Dealey (nach dessen Familie die Dealey Plaza benannt ist), hatte Kennedy zu einer härteren Linie gegen die Sowjets aufgefordert. Die Ölindustrie war vom texanischen Vize-Präsident Johnson enttäuscht, weil dieser deren Interessen nicht ausreichend vertrat und wegen einem Korruptionsskandal als lame duck galt. Dulles besuchte nachweislich auch Johnson auf dessen Ranch, obwohl er das Treffen nicht in seinem Terminkalender vermerkte. Beim Attentat dürfte der angeschlagene Johnson allerdings allenfalls Zaungast gewesen sein.

Einen Monat vor dem 22.11.1963 traf sich Dulles mit dem befreundeten Investmentbanker C. Douglas Dillon, auf dessen Anwesen sein todkranker Bruder John Foster seinen Lebensabend verbracht hatte. Als Finanzminister war Dillon der Secret Service unterstellt, der neben dem Schutz der Währung auch für die Sicherheit des Präsidenten zuständig ist. Während der Tatzeit befand sich Dillon auf einer einwöchigen Reise, so dass er nicht für die nachlässige Sicherheit verantwortlich gemacht werden konnte. Bis heute ist unklar, wer den Sicherheitsleuten befahl, von ihren Trittsteigen an der Präsidentenlimousine zu steigen und warum diese trotz zuvor vereitelter Scharfschützenattentate ohne ihr Verdeck fuhr. Dillon und Dulles setzten später die Lüge in die Welt, ausgerechnet Kennedy habe dies verlangt. Ebenso seltsam ist, dass der Fahrer nicht einmal befragt wurde, warum er nicht beim ersten Schuss beschleunigte und dass die Limousine nicht auf Spuren untersucht, sondern stattdessen gereinigt wurde.

E. Howard Hunt

Einer von Dulles Männern fürs Grobe war E. Howard Hunt, der die Staatsstreiche in Guatemala und im Iran koordiniert hatte. Von Miami aus hatte Hunt die Geheiminvasion in der Schweinebucht kommandiert. Für die Miami-Station arbeitete der CIA-Killer David Sánchez Morales, der für Harvey schmutzige Aufträge erledigte und Hunt zufolge Ende 1963 von einem "off-the-board"-Auftrag Harveys gesprochen haben soll. Hunt, der seine eigene Rolle verschwieg, waren Harvey und Morales suspekt. Morales soll seinem Anwalt den Kennedy-Mord sogar betrunken gestanden haben.

Später wurde Hunt unrühmlich durch den Watergate-Einbruch bekannt, bei dem er unmittelbar für Präsident Nixon die gegnerischen Wahlkampfzentrale ausspionierte. Nixon befürchtete, dass dies das ganze Bay of Pigs-Thing öffnen könne. Wegen des Skandals war Hunt bei der Agency in Ungnade gefallen und musste damit rechnen, selbst zum Sündenbock gemacht zu werden. Hunt und Harvey verband, dass sie sich zur Elite der CIA zählten. Die eigentliche CIA-Elite jedoch betrachtete sie als Handlanger, die nicht ihre Klasse hatten und notfalls nach dem Codex des Hauses für ihre Vorgesetzten den Kopf hinzuhalten hatten. Hunt schwieg daher und machte auf dem Totenbett diffuse Andeutungen.

Edward Lansdale

Zu den Teufelskerlen gehörte auch Militärgeheimdienstler Edward Lansdale, der auf den Philippinen "psychologische Kriegsführung" durch Grausamkeit kultiviert hatte. So hatte der General einen Gefangenen kopfüber an Stichen im Hals ausbluten lassen, um der abergläubischen Landbevölkerung die Existenz vampirartiger Monster vorzugaukeln. Nachdem Kennedy der CIA die Federführung bei den Aktionen gegen Kuba entzogen und an das Militär delegiert hatte, leitete zunächst Landsdale die berüchtigte Operation Mongoose. In der Terrorkampagne vertauschten Agenten etwa für den Export gedachten Zucker mit Gift. Die Kennedys pfiffen schließlich auch Lansdale zurück.

Cover Up

Als die Schüsse von Dallas fielen, befand sich Dulles auf einer Promotiontour für sein Buch The Craft of Intelligence. Nachdem er offiziell von den Ereignissen hörte, fuhr Dulles auf die "Farm", die u.a. als Basis für Black Ops und als Kommandozentrale diente. Dort blieb er bis zum 24. November. Innerhalb dieser Zeit war als offizieller Attentäter ein Lee Harvey Oswald ausgerufen worden, der (für einen Überzeugungstäter ungewöhnlich) seine Unschuld beteuerte und dann selbst niedergeschossen wurde. Die Leiche des Präsidenten war in einem Marinehospital ein zweites Mal obduziert worden, diesmal unter Militäraufsicht. Die Ärzte der ursprünglichen Obduktion in Dallas, die frontale Einschüsse verzeichnet hatten, schworen ihrer Diagnose ab, da inzwischen die Leiche zum Tatort zu passen schien. Mit dem offiziellen Narrativ hatte sich für viele damit der Fall erledigt - nicht für alle.

Polaroid-Aufnahme vom Attentat. Bild: Mary Ann Moorman/gemeinfrei

Nach dem Attentat meldeten sich die beiden Ex-Präsidenten Eisenhower und Truman zu Wort. Vor allem Truman hatte sich nicht vorstellen können, dass sich die CIA in Friedenszeiten an Mantel- und Degenaktionen beteiligte. Alleinige Aufgabe der CIA sei das Sammeln von Informationen. Es sei höchste Zeit, diese Entwicklung zu korrigieren. Dulles konterte und berief sich auf die Truman-Doktrin. Während die US-Zeitungen ansonsten auf Linie blieben, wurde im Ausland insbesondere die Täterschaft des "Kommunisten" Oswald bezweifelt. In Italien, wo viele Weltkriegsveteranen mit den Unzulänglichkeiten des primitiven Mannlicher-Carcano-Gewehrs vertraut waren, mochte man nicht glauben, dass Oswald innerhalb von sechs Sekunden zweimal nachgeladen und dann auf Entfernung den Blattschuss gemeistert hatte.

Warren-Report

Als Opportunist Johnson eine unter Richter Earl Warren agierende politische Kommission zur Untersuchung des Attentats zusammenstellte, litten etliche Mitglieder an Interessenkonflikten. Etwa der rassistische Hardliner John McCloy, der als Anwalt für die Rockefellers und später für die ultrarechten texanischen Ölmilliardäre Murchison und Richardson tätig war. Ein weiteres Mitglied war der Republikaner Gerald Ford, der 1969 selbst Vize-Präsident werden sollte und nach Nixons Rücktritt ins höchste Staatsamt aufrückte.

U.a. Dulles früherer Stellvertreter Richard Helms brachte Johnson dazu, auch den Ruheständler Dulles persönlich zu rekrutieren. Dulles dominierte den Ausschuss und blockierte jegliche Spurensuche in Richtung CIA. Aus dem (beim besten Willen nicht zu einem Einzeltäter aus der Schussposition des Schulbuchverlags passenden) Spurenbild zauberte Dulles die absurde Theorie von der Magischen Kugel. Ford und Dulles leakten ihre Versionen vorab an die Presse, um den Spin zu kontrollieren.

Doch selbst Dulles Nachfolger McCone ging von mindestens zwei Schützen aus. Angesprochen auf die Lücken in der Geschichte kommentierte Dulles, das amerikanische Volk lese nicht. Die Agency wendete beachtliche Energie auf, um Kritiker wie Mark Lane oder Bezirksstaatsanwalt Jim Garrison mit Schmutzkampagnen zu diskreditieren und mundtot zu machen. Zur Stigmatisierung entwickelte die CIA den psychologisch wirkungsvollen Kampfbegriff conspiracy theory, deutsch Verschwörungstheorie.

Robert Kennedy

Robert Kennedy hatte von Anfang an die CIA im Verdacht. Aus Gründen der Staatsraison hielt er sich öffentlich zurück, zumal ihn FBI-Chef Hoover inzwischen kurz hielt. Doch seine eigene Kandidatur für das Präsidentenamt ließ wenig Zweifel daran, dass er den Fall erneut aufrollen würde. Während einer Wahlkampfveranstaltung wurde Robert Kennedy 1968 ebenfalls erschossen. So wurden 13 Kugeln abgefeuert, obwohl die Waffe des angeblichen Alleintäters nur Kapazität für acht Geschosse hatte. Der angebliche Alleintäter hat bis heute keine Erklärung für sein Handeln, was an die Pläne von MKUltra erinnert. Der tödliche Kopfschuss kam wie beim Bruder von hinten. Manche wollten u.a. CIA-Killer Morales am Tatort ausgemacht haben.

Rockefeller-Commission

Nachdem im Zuge des Church-Komitees 1975 die Mordprogramme der CIA bekannt wurden, sollte der Kennedy-Mord erneut überprüft werden. Präsident Ford, der selbst am Warren-Report mitgewirkt hatte, besetzte die Kommission ausgerechnet mit Dillon, dessen Secret Service so eigenartig versagt hatte. Als Chairman wählte Ford Kennedys Erzfeind Nelson Rockefeller, der inzwischen zum Vizepräsidenten aufgestiegen war. Zudem berief Ford auch den im Ruhestand befindlichen General Lyman Louis Lemnitzer - den einst ranghöchsten Soldaten, der den Kalten Krieg mit einem überraschenden Nuklearangriff auf die Sowjetunion und China krönen wollte, die Pläne zur Operation Northwoods unterschrieb und an Kennedy gescheitert war. Die Herren fanden den Warren-Report überzeugend.

Des Teufels Schachbrett

David Talbot bietet in seinem aufwändig recherchierten Buch nachvollziehbare Indizien dafür, dass das Establishment der Milliardäre wie die Rockefellers den Ausschlag zur Beseitigung des lästigen Präsidenten gab. Allen Dulles war praktisch der einzige Mann, der das Format und die Verbindungen hatte, um einen solchen Coup d‘Etat und dessen politische Auswirkungen sowie Vertuschung zu konzipieren und zu steuern. Zur Vorbereitung des Anschlags stand der erfahrene Killer William King Harvey bereit. Manche wollen in den drei Tramps in Dallas mit den für Penner dann doch etwas zu guten Schuhen in Wirklichkeit Howard Hunt, Frank Sturgis und vielleicht sogar Edward Lansdale erkannt haben, die den jeweiligen Schützen das Kommando gaben. Die verräterischste Fehlspur ist die Biographie des angeblichen Alleintäters Oswald, die in nahezu jedem Detail in Richtung CIA weist.

Ein ungewöhnlicher Plan wie das Manipulieren einer Leiche zum Legen von Fehlspuren passt zu den Desinformationsspezialisten Cord Meyer und James Jesus Angleton. Das offenbar von langer Hand vorbereitete Verbringen von Kennedys Leiche durch die Air Force zur illegalen zweiten Obduktion im Marinekrankenhaus sowie die eklatante Nachlässigkeit des Secret Service waren nur mit Verbindungen in höchste Staatskreise möglich, über die etwa die oft verdächtigte Mafia so nicht verfügte. Am auffälligsten aber ist der Umstand, dass der Staat mit der Aufklärung ausgerechnet die Hauptverdächtigen und Nutznießer des Verbrechens befasste. Das nachträgliche Vertuschen war Chefsache.

Nach dem JFK Act vom 26.10.1992 sollen am 26.10.2017 1.100 noch gesperrte Dokumente zum Kennedy-Attentat freigegeben werden.