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Die meisten Ökosysteme im roten Bereich

Eine umfassende internationale Umweltstudie warnt vor irreversiblen Schäden und katastrophalen Risiken

Die bislang umfassendste Studie über den Zustand unseres Planeten, die im Laufe von Jahren von 1.300 Wissenschaftlern aus 95 Ländern erstellt wurde, kommt zu einem traurigen Ergebnis. Die Menschen verändern die natürlichen Lebensbedingungen immer schneller und massiver. 60 Prozent der natürlichen Ressourcen wie Wasser, Luft oder das Leben wurden bereits schwerwiegend und teil irreversibel beeinträchtigt. Die Folgen werden vermehrte Naturkatastrophen, Epidemien und regionale Klimaveränderungen - und vermutlich nehmen die schädlichen Folgen dieses Raubbaus an der Natur in den nächsten 50 Jahren weiter zu.

Besonders in den letzten 50 Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg hat die explodierende Zahl der Menschen mit enormer Geschwindigkeit die Welt umgestaltet und die Ökosysteme teil irreversibel verändert, stellt der Bericht des Millennium Ecosystem Assessment [1] (MA) fest und warnt:

Die menschlichen Aktivitäten belasten die natürlichen Funktionen der Erde so stark, dass man nicht mehr davon ausgehen kann, dass die Ökosysteme des Planeten noch zukünftige Generationen versorgen können.

Es handelt sich um den ersten Bericht von insgesamt sieben, die den Zustand der globalen Ökosysteme und die Folgen auf das Leben der Menschen eruieren und bewerten. Unterstützt wird das Vorhaben unter der Leitung von Dr. Robert Watson, dem leitenden Wissenschaftler der Weltbank, und Dr. A. H. Zakri, dem Direktor des Institute of Advanced Studies der United Nations University, von 22 führenden wissenschaftlichen Organisationen. Dabei geht es vor allem um die vier internationalen Umweltabkommen: das Abkommen über die Erhaltung der biologischen Vielfalt, das Abkommen über den Erhalt der Trockengebiete, das Abkommen über die Bekämpfung der Wüstenbildung und das Abkommen über den Schutz wandernder wild lebender Tierarten. Koordiniert wird das MA vom UN-Umweltprogramm UNEP, finanziert wird das in seiner Größenordnung einmalige Projekt u.a. von der Global Environment Facility, der United Nations Foundation, der David and Lucile Packard Foundation und der Weltbank.

Der Bericht betrachtet die Ökosysteme als Ressourcen für die Menschen, also aus der menschheitsegoistischen und ökonomischen Perspektive, was sich aus ihnen gewinnen lässt. Geht die Beeinträchtigung oder Zerstörung von 15 der 24 untersuchten Ökosystemen so weiter, so wächst die Wahrscheinlichkeit, dass daraus plötzliche Veränderungen entstehen können, die die Lebensbedingungen der Menschen drastisch verschlechtern. So könnten neue Epidemien ausbrechen, sich vermehrt tote Zonen in den Küstenregionen bilden oder sich regionale Klimabedingungen verändern. Bereits jetzt sind der Fischbestand in den Meeren und das verfügbare Trinkwasser so beeinträchtigt, dass sie den Bedarf nicht mehr befriedigen können. Nur der Zustand von vier Ökosystemen habe sich verbessert, die aber teilweise die Probleme auch verstärken: So habe die Produktion von Getreide, Nutztieren und Fischen in Zuchtanlagen und die Ablagerung von Kohlendioxid vor allem durch vermehrten Waldanbau zum Klimaschutz im nördlichen Teil der Halbkugel zugenommen.

Seit 1945 wurde, so der Bericht, mehr Land in landwirtschaftlich genutzte Flächen verwandelt als im 18. und 19. Jahrhundert zusammen. Künstlich hergestellte Stickstoff-Düngemittel, die erst seit Anfang des 20. Jahrhunderts verwendet wurden, haben zu einem großen und irreversiblen Verlust der Vielfalt des Lebens geführt. Gegenwärtig seien zwischen 10 und 30 Prozent der Säugetier-, Vögel- und Amphibienarten von der Auslöschung bedroht. Der steigende Gehalt an Stichstoff und Phosphor im Süßwasser und in den Meeren hat zu einem explosiven Wachstum von Algen geführt und gilt als eine der großen Belastungen, die an einen Wendepunkt gelangen und ganze Ökosysteme zerstören können. Dieses aus der Landwirtschaft resultierende Problem werden bislang von den meisten Regierungen und der Öffentlichkeit am stärksten verdrängt.

Nach allen berechneten Szenarien werden zwar mehr Lebensmittel produziert, um den Hunger besser bekämpfen zu können. Aber dies geschieht sehr viel langsamer als nach der Vorgabe der beschlossenen UN Millennium Development Goals [2], wonach bis 2015 die Zahl der Hungernden auf die Hälfte verringert werden sollte. Man könne den Raubbau an den Ökosystemen zwar teilweise noch umkehren und gleichzeitig die wachsenden Bedürfnisse der Menschen befriedigen, aber das würde drastische politische und institutionelle Veränderungen voraussetzen, mit denen noch nirgendwo wirklich begonnen wurde. Als Beispiel wird etwa der Schutz natürlicher Wälder genannt, der die Vielfalt des Lebens bewahrt und gleichzeitig für sauberes Wasser und die Reduzierung von Kohlendioxid in der Atmosphäre sorgt.

Aber neben der Reduzierung etwa von Pestiziden und Düngemitteln in der Landwirtschaft müssten auch die Konsumgewohnheiten verändert, eine bessere Ausbildung angeboten, neue Techniken entwickelt und höhere Preise für die Ausbeutung von Ökosystemen verlangt werden. So sollten beispielsweise die Fluggesellschaften für die Abgabe von Kohlendioxid bezahlen, und in die Lebensmittelpreise müssten auch die Kosten für die Säuberung des Wassers durch die Verschmutzung aufgenommen werden. Notwendig seien neue Kooperationsformen zwischen Regierungen, Wirtschaft und Zivilgesellschaft:

Die Warnzeichen können von uns allen gesehen werden. Die Zukunft liegt jetzt in unseren Händen.

Aber das ist natürlich weder eine neue noch eine unbekannt Botschaft. Die Folgen betreffen in nächster Zeit nicht die globale Bevölkerung, sondern in aller Regel nur regionale und lokale Gemeinschaften, zu 90 Prozent in Ländern der Dritten Welt. Mit am stärksten gefährdet seien die Trockengebiete, die 41 Prozent der Landfläche ausmachen, sich zum größten Teil in den Entwicklungsländern befinden und von Wasserknappheit betroffen sind. Hier lebt ein Drittel der Weltbevölkerung - und seit den 90er Jahren gibt es hier das höchste Bevölkerungswachstum.


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http://www.heise.de/-3439193

Links in diesem Artikel:
[1] http://www.millenniumassessment.org/
[2] http://www.un.org/millenniumgoals/