Die meisten werden gleich gefressen

Zombies ziehen eine Schleimspur durch das Herz der USA: "Planet Terror"

Was Zombies und unsere Gegenwart miteinander zu tun haben, das steht im Zentrum von Robert Rodriguez' "Planet Terror". Formal betrachtet ist der Film eine Hommage an den 70er-Zombie-Film und ein Splatter-Horror-Stück, das mehr auf Schock des Ekels als des Schreckens setzt: Blut spritzt in Dezilitern, Eiterbeulen werden aufgestochen, Geschlechtsteile werden in Brand gesetzt. Doch das Furchterregendste von allem ist die wummernde 80er Synthesizer-Musik auf der Soundspur. Überdies dient alles einem guten Zweck, denn die Erfahrung geht durchs Auge in den Magen und von dort weiter in den Kopf. Weit mehr als beim Tarantino-Partnerprojekt "Death Proof" (Knochenmühle des Vergnügens), einem Film, der kein Leben jenseits seiner selbst und der Leinwand kennt, gelingt "Planet Terror" der Anschluss an die Gegenwart, eine Öffnung der Exploitation auf der Leinwand zu jener des alltäglichen Lebens. "Planet Terror", das ist ein Stück über den planetarischen Schrecken.

Bild: Dimension Films (Deutscher Verleih: Senator)

Der Terror hat endgültig die Hirne erreicht. Ausnahmezustand heißt das neue Modewort der politischen Rhetorik, und wo demokratische Staaten Konzentrationslager errichten und Folter nicht so schlimm finden, solange es der Wahrheitsfindung dient, wo ein Verteidigungsminister gegebenenfalls vollbesetzte Passagierflugzeuge abschießen möchte und der Innenminister einmal pro Woche gedankenspielt, welche Grundrechte man auch noch ohne richterliche Genehmigung außer Kraft setzen könnte, da hat das Kino alle Mühe, noch mitzukommen.

Aber im Westen ist's am besten, und darum hat auch Hollywood seine "Militante Gruppe". Sie heißen Quentin Tarantino und Robert Rodriguez. Nach Tarantinos "Death Proof" kommt nun auch der zweite Teil des "Grindhouse" betitelten Exploitation-Aufwärm-Projekts, Rodriguez' "Planet Terror" ins Kino.

Wo die Köpfe infiziert sind, muss man sich auf die Körper verlassen. Darum ist "Planet Terror" eine Hommage an den Splatter-Zombie-Film der 70er Jahre. Vage Erinnerungen an "From Dusk Till Dawn" werden wach, doch "Planet Terror" ist härter und gröber.

Zombies ziehen hier nun ihre Schleimspur durch das Herz der USA, den Middle West - sie sind das Resultat eines biotechnischen Experiments. Und wie in den 70er Jahren, in Filmen von George A. Romero oder John Carpenter, stehen die Zombies im Gegensatz zu Aliens und dem Fremden im Science-Fiction für etwas Inneres, Eigenes, für das Andere im eigenen Land. Als das ultimative Böse fungiert im Film verständlicherweise und überaus zeitgemäß die US-Armee, deren verbotene Experimente mit Bio-Waffen die Wurzel allen Übels bilden und Mutationen auslösen, an deren Ende die Zombies entstehen.

Bild: Dimension Films (Deutscher Verleih: Senator)

Der Irakkrieg und die Folgen namens Guantanamo und Abu Ghraib, die man noch vor wenigen Jahren selbst nur für Fiktionen einer übertreibenden Fantasie und die Ausgeburt eines Horrorregisseurs gehalten hätte, bilden den seelischen Hintergrund des Films und der ganzen aktuellen neuen Horrorwelle im US-Kino.

Man kann von Rodriguez und Tarantino halten, was man will - aber ihre Filme (auch "Sin City", "Kill Bill") sind politisch regierungskritisch gemeint. Es ist ihre Weise, auf den Krieg und die inneren Veränderungen in den USA zu reagieren. Ein Film wie "Planet Terror" zielt neben dem Kopf auch auf den Magen des Publikums - und wenn einem hier tatsächlich das Kotzen kommen sollte, ist dies vielleicht eine angemessenere Reaktion als viele kluge Worte und die wohlabgewogenen Phrasen aus dem Standardrepertoire der europäischen Diplomaten.

"Planet Terror" ist grell; der Realismus des Films ist nicht naturalistisch, sondern eher der einer Comic-Erzählung. Ausgangspunkt des Films: Ein Virus verwandelt die Menschen in fleischfressende Bestien, die eine Stadt in Panik versetzen. Letztlich ist das eine Metapher, ein Bild für die grassierende Infektion der Köpfe.

Zombies, das sind die durch Medien und Rhetorik gleichgeschalteten "Bürger" des Westens, die infantilisierten "Citoyens", die heute unter dem Mantel von "Beteiligung", "Mitbestimmung" und "Demokratie" noch die letzten zarten Reste von Souveränität und Freiheit eigenhändig preisgeben.

Bild: Dimension Films (Deutscher Verleih: Senator)

Während die meisten gebissen oder gleich gefressen werden, organisiert eine kleine Gruppe Widerstand. Im Zentrum steht die Go-Go-Tänzerin Cherry (Rose McGowan), die einen wirklich schlechten Abend verlebt. Der Höhepunkt: Beim Nachhausweg von ihrer Table-Dance-Arbeitsstelle wird ihr von einem Haufen Zombies das Bein abgebissen. Ihr Ex-Freund Wray (Freddy Rodriguez) rettet sie gerade noch vor dem Verbluten. Nach einer Schnelloperation, die ihren Beinstumpf mit einer auch als Schnellfeuergewehr funktionierenden Prothese ergänzt, kämpfen beide mit ein paar anderen Nicht-Infizierten gegen die Übermacht der Zombies.

Diese Prothese und was Rodriguez und seine perfekte Hauptdarstellerin mit ihr machen, spottet jeder Beschreibung. Man muss es sehen. Es ist Rodriguez gelungen, mit diesen Szenen eine neue Ikone des Genres zu formen. Denn wenn Cherry Salven schießt - ohne den Anzug zu betätigen, wie auch? -, dann vollführt sie einen zweiten, tödlichen Table-Dance, dann verbinden sich Sex und Gewalt zu einer untrennbaren Mischung. Der Regisseur vermännlicht damit also seine Hauptfigur: Er versieht die im sexy Tänzer-Outfit überaus leicht bekleidete Frau mit dem klassischen Phallussymbol schlechthin und macht sie zur einer Action-Heroine.

Als Exploitation-Film funktioniert "Planet Terror" besser als "Death Proof", weil er ehrlicher ist, weniger idiosynkratisch, weniger snobistisch und egozentrisch als Tarantinos Film, auch weitaus weniger dialoglastig. Dafür klarer und gradliniger. Ähnlich witzig wie Tarantino ist er auch: Ein spezielles Barbecue-Rezept wird zum running gag des Films, und die Barbecue-Sauce sieht verdammt ähnlich aus wie andere rote Flüssigkeiten, die hier literweise vergossen werden.

Rodriguez hat zudem die doppelte Chuzpe, ohne die kein Exploitation-Film auskommt: Er mixt diverse Zitate hintereinander, püriert alles zu einer insgesamt nicht sonderlich originellen, aber ernsthaften Hommage, die dem Genre gerecht wird, ohne es einfach nur nachzuahmen. Denn die Qualität von "Planet Terror" ist nicht perfekte Imitation, sondern dass Rodriguez seinen Gegenstand ernstnimmt.

Es sagt sich auch etwas zu leicht, Tarantino sei reflektierter. Rodriguez macht Bewegungsbilder, Tarantino Zeitbilder, das ist vielleicht einfach der Unterschied. Tarantino ist der Godard, Rodriguez der Truffaut des Neo-Exploitation-Kinos. Zudem hat Rodriguez sowenig Angst vor Trash, wie Truffaut vor Kitsch. "Planet Terror" ist mehr als effektiv, der Film steckt voller schöner visueller Ideen - mit alldem ist er dem Geist der Exploitation näher, er fühlt das Genre, statt es nur zu zitieren und passagenweise zu reproduzieren.

Bild: Dimension Films (Deutscher Verleih: Senator)

Wer das nicht glaubt, der sollte sich einmal zum Vergleich die großartigen Filme von Stephanie Rothman ("Velvet Vampire") ansehen, der berühmten Exploitation-Filmerin aus den frühen 60er- und 70er-Jahren, der jetzt die Viennale, das Wiener Filmfestival, eine komplette Retrospektive widmet. Sie gehörte zum Stall von Roger Corman, aber "Boxcar Bertha" durfte dann auch nach fünf Filmen nicht sie verfilmen, es bekam ein gewisser Martin Scorsese den Vorzug.

"Death Proof" ist dafür vergleichsweise filmisch komplexer: Die zwei Geschichten, die versteckt parallelisiert sind, die Ruhe, mit der alles inszeniert ist, die Präzision und der Geist der Dialoge zeigen die Kunst des Regisseurs. Beide Regisseure eint die offenkundige Liebe zum Gegenstand. Aber beide sind so von dem Objekt der Liebe und der Philologie hingerissen, dass sie den Sinn des Ganzen manchmal aus den Augen verlieren.

Übrigens sollte man pünktlich kommen. Denn am Anfang des Films steht nach all den glatt-glänzenden Trailern für Mainstreamware aus Deutschland und der Welt ein großartiger Fake-Trailer. Er wirbt für "Machete", eine sehr sehenswerte Perle der Kinophantasie - und der nächste Film von Robert Rodriguez. Bis dahin bietet "Planet Terror", was Rodriguez immer garantiert, und womit er dem Geist der Exploitation ganz nahe ist: uneingeschränkte Unterhaltung.

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