Die mit Abstand größte Film-Nervensäge des Jahrhunderts

Wie man Indien zur Hermes-Boutique macht: "The Darjeeling Limited" ist der Film zur Barbour-Jacke

Ist eigentlich ein Film schon allein deswegen lustig, weil Bill Murray mitspielt? Nur eine Frage zum Anfang. In Wes Andersons "The Darjeeling Limited" kommt Bill Murray vor allem auf dem Plakat vor, die erste Szene des Films, in der er zu sehen ist, ist, bis auf den Abspann, seine letzte. Nachdem Sofia Coppola in "Lost in Translation" Bill Murray zur schauspielerischen Vollkommenheit geführt und zur Filmikone gemacht hat, hängen sich Regisseure an diesen Darsteller wie Ertrinkende an ihre Schwimmweste. Wie Jim Jarmusch in "Broken Flowers". Und nun Wes Anderson, wie die großartige Stephanie Zacharek auf Salon so hübsch formuliert: "yesterday's next big thing."

Bild: 20th Century Fox

Indien, eine namenlose Metropole, vermutlich Bombay. Ein Taxi fährt in rasendem Tempo durch übervolle Straßen zum Bahnhof, hysterisch angetrieben von einem amerikanischen Geschäftsmann (Bill Murray), der seinen Zug trotzdem verpasst - im Gegensatz zu drei jungen Männern, ebenfalls Amerikanern. Die drei (Adrien Brody, Jason Schwartzman, Owen Wilson) sind Brüder und grundverschieden. Ihre einzige Gemeinsamkeit sind orangefarbene Luis Vuitton-Koffer. Nach Indien gekommen sind sie auf Initiative des einen, um nach dem Tode des Vaters ihre hier seit langem - wie sich herausstellt, in einem katholischen Kloster - abgetauchte Mutter (Anjelica Huston) zu finden…

Zwei Stunden lang reist der Film nun mit dem Zuschauer durch ein Indien, das aussieht wie eine Hermes-Boutique, die nach dem Motto "Orient" dekoriert wurde. Das Sympathischste an diesen Filmen ist dieses dekorative Element: Ihr Markenfetischismus und der für Augenblicke zur Schau gestellte nackte Hedonismus. Vor allem aber sieht man die drei Brüder im Zug sitzen und miteinander reden, labern, schwafeln. Was sie da reden, ist belanglos, es geht um Essen und Kleidung, gutes Benehmen und schlechte Angewohnheiten, Erinnerung und Vergessen.

Man könnte sagen, dies sei eine Komödie über die typische Dynamik innerhalb einer Familie, aber das würde den Ansatz von Regisseur Wes Anderson verfehlen. Denn darum, etwas Unbekanntes zu verstehen oder zumindest zu zeigen, geht es diesem Regisseur am wenigsten. Weil auch Luxuszüge vergleichsweise eng sind, ist "Darjeeling Limited" fast ausschließlich in Halbtotalen und Nahaufnahmen gefilmt. Mit Indien zu tun hat die Handlung so gut wie gar nicht, und auch sonst gibt es nichts, wovon dieser Film eigentlich handelt - außer von sich selbst.

Da ist er wieder, der unendliche Familienroman des Wes Andersson, der gern als Kultfilmer mit Kultpotential gehandelt wird, und dessen Filme (der möchtegern-kultige "Rushmore", der exzentrisch-hysterische "The Royal Tenenbaums", der statisch-erstarte "The Aquatic Life of Steve Zissou") vor allem Schlachtfeste für Nerds sind: es geht um eine Familie, die versucht, wieder zusammenzukommen, einen so abwesenden wie übermächtigen Vater, eine Mutter, die gefunden werden muss, und das alles in großen Wohn- und Bewegungsmaschinen - Schule, Haus, Boot, nun ein Zug.

Die Kamera filmt Panoramabilder mit großen Brennweiten, die Bilder sind kunterbunt, die Gesichter der Schauspieler ausdruckslos, und der ganze Film wirkt wie ein riesengroßer Setzkasten, Großaufnahmen aus der Puppenstube. Und der Regisseur, wie er aus seinen Filmen erscheint, wirkt wie ein Kontrollfreak, dessen Werk alles ist, aber nie verspielt, wie er implizit behauptet.

Bild: 20th Century Fox

Schon Andersons letzte Filme waren geprägt von Wichtigtuerei, Schmunzelhumor, der Abwesenheit von Irgendetwas, das man erzählen möchte und der Mädchenliebe für kleine, süße und teure Gegenstände. Weil Anderson inzwischen eine Marke geworden ist, produziert er eben auch Markenfilme, weswegen wir uns auf noch etwa weitere 20 ähnliche Werke einzustellen haben… Dass Anderson einen privaten, sehr egozentrischen Kosmos errichtet, ist dabei nicht das Problem. Das Problem ist, dass dieser Kosmos sich aus Unterprimaner-Gags zusammensetzt.

"Anderson, der liebenswerte Spinner unter den amerikanischen Regisseuren" hat Katja Nicodemus in der "Zeit" letzten September aus Venedig geschrieben. Aber davon mal abgesehen, dass man "liebenswerter Spinner" eigentlich nicht mehr schreiben kann, so ein Wortklischee ist das inzwischen, darf man ja mal fragen, warum Spinner eigentlich immer "liebenswert" sein sollen oder müssen, und nicht einfach mal als die Nervensägen bezeichnet werden dürfen, die sie oft genug sind. Anderson jedenfalls ist einstweilen die mit Abstand größte Film-Nervensäge des Jahrhunderts, das zugegeben ja noch jung ist.

Seine Filme genügen sich selbst, infantil und innerlich tot wie eine Playmobil-Ritterburg, die erst schön aufgebaut und dann beim Spielen Stück für Stück kaputt gemacht wird; es sind Andersons immergleiche Lieblingsschauspieler, die in ihnen auftreten - Murray, der diesmal nur in der ersten Szene auftaucht, aber dick auf dem Plakat steht; Huston, die erst in der letzten Viertelstunde zu sehen ist; Schwartzman, Wilson -, es geht um dysfunktionale Familien und die Luxusprobleme amerikanischer rich kids, um viele schöne, sündteure Gegenstände und darum, wie lustig und originell doch Wes Anderson ist. Die Gags sind - je nach Geschmack der Zuschauer - putzig und verspielt, oder redundant und pubertär, und alles Übrige wird auf seine Gagfunktion zurechtgestutzt; auf Handlung wird dafür verzichtet.

Bild: 20th Century Fox

Solcher Ästhetizismus ist selbstverständlich kein Zufall, sondern Konzept, und gut begründbar mit Hilfe einiger postmoderner Theorieansätze, die das Ende "der großen Erzählungen" und der Psychologie, den Primat der Form und das Lob des Seriellen beschwören. Wenn Kino in der Bedeutungslosigkeit mäandert, dann liegt es an der Aufklärung, wenn Regisseure aus der Unfähigkeit oder dem Unwillen (was ist schlimmer?) zum epischen Ausweichmanöver ins Episodische unternehmen, ist das Ende der großen Erzählungen schuld.

Man kann darum über diese Filme auch wunderbare Texte schreiben, wie es zum Beispiel Christian Kracht zuletzt in der FAS geglückt ist.

Das Leinwand-Ergebnis, aber, so geistreich, gut begründet, und äußerlich geschmackvoll es auch daherkommt, ist trotzdem wenig mehr, als eine selbstgefällige Nummernrevue. Darum gilt weiterhin: Je kürzer ein Wes-Anderson-Film, umso besser. Das beweisen sowohl sein auch wieder arg gestelzter und zitatreicher, aber immerhin noch etwas ehrlichere American-Express-Werbespot oder "Hotel Chevalier", der 13-minütige Vorfilm zu "The Darjeeling Limited".

Dort macht es tatsächlich sogar einigen Spaß, einem Paar amerikanischer rich kids in einem Zimmer des Pariser Nobelhotels Raphael (das hier "Hotel Chevalier" heißt) dabei zuzusehen, wie sie Musik auf dem i-pod hören, Cheeseburger essen, Balmain tragen, in einem gelben Bademantel oder nackt herumlaufen und über sich selbst reden. Das orangene Gelb, der Bademantel, vor allem aber Natalie Portman mit sehr kurzen Haaren (Jean Seberg! Jean Seberg?), roten Fingernägeln, und schließlich ihr nackter Hintern machen den Film zu einer schönen Erfahrung.

Bild: 20th Century Fox

Aber "Hotel Chevalier" ist leider nur der Vorfilm. Er ist besser und inhaltsreicher als der Hauptfilm - was nicht heißt, dass er viel zu sagen hätte oder nicht auch vor allem vom Marken-Fetischismus geprägt wäre. Aber immerhin geht es um etwas. Und alles, was "Hotel Chevalier" NICHT erzählt, und alles was er zeigt, ist hundert Mal interessanter und berührender als jede Sekunde von "The Darjeeling Limited." Das Vergnügen wird nur dadurch gemildert, dass der Film schwer zugänglich ist; bei i-Tunes, auf You-Tube wird er sehr schnell und sehr regelmäßig gelöscht.

Journalisten bei der Weltpremiere des Films in Venedig hatten eine eher wichtigtuerische "pressnote" erhalten, folgenden Wortlauts:

There are two parts of "The Darjeeling Limited". The first part, the short film, which you will see first, is a seperate story from, but is slightly related to the main feature. It will not be shown in theatres but instead on the internet and also at film festivals and on the DVD. Our goal is to try to get every person who goes to see the film, to see the short first. Thank you very much.

Man kann auch zu jener Spezies unter den Beobachtern gehören, die bei jedem Film den ein Westler in Indien dreht zuerst laut "Renoir!" ausrufen und dann "Der Fluß!". Das ist in diesem Fall noch nicht mal originell, denn Anderson weist im Presseheft darauf hin. Doch wenn es um Aneignung Indiens gehen soll, um Hippie-Sehnsüchte gar, dann wüsste man doch gern, wo die denn in diesem Film zu finden sind? Oder doch nur in den Köpfen der Lobhudler? Da kann man noch so viel Bazin und Rivette zitieren, wenn das Ergebnis am Ende so langweilig und nichtssagend und redundant ist wie hier.

Bild: 20th Century Fox

Wenn Anderson selbst konstatiert: "Es sollte eine spirituelle Reise werden, aber das hat nicht so richtig funktioniert!", dann wüssten wir gern: Warum nicht? Weil die Träume falsch waren oder überholt? Oder weil Andersons Ansatz nicht stimmt? Weil sein Indien-Bild, wenn man das überhaupt so nennen möchte, verlogen ist und kolonialistisch? Weil es mit dem Indien der Wirklichkeit nichts zu tun hat und auch nicht haben will?

Andersons Blick auf Indien wie auf alles andere ist touristisch: Er bleibt äußerlich, der eines gleichgültigen Besuchers, der irgendwo, nur als entferntes Echo des Lebens spürt, dass er, was er da sieht, immer verfehlt. Man kann sicher sein, dass dieser Film schon in 20 Jahren niemanden mehr interessieren wird, auch nicht als Zeitzeugnis. Nur am Schluss darf natürlich trotz aller Leere die Biedermeier-Moral nicht fehlen: Große Kinder müssen erwachsen werden, Brüder einander vertrauen. Mit irgendeiner Erfahrung, außer der gewisser Drogenexperimente, hat das allerdings nichts mehr zu tun. (Rüdiger Suchsland)

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