Die mühsame Ankunft des Zauberkästchens

Kann man Origami knicken?

Nachdem Microsoft im Vorlauf zur letzten CeBIT seine neue ultramobile Plattform "Origami" mit ungewöhnlichem Aufwand in die Medien gedrückt hat, fragt sich jetzt, was nach der Erstpräsentation des Wunderdings noch übrig bleibt.

Eigentlich hätte ja alles so schön sein können. Im Vorlauf der diesjährigen CeBIT verdichteten sich die Gerüchte, Microsoft werde demnächst im Hardware-Geschäft mitmischen, und zwar in einem sehr speziellen Marktsegment, nämlich dem der ultraportablen Tablet-PCs.

Kurz darauf tauchte ein Konzeptvideo auf das angeblich unbeabsichtigt von einer Werbefirma ins Netz hinausgeblasen worden war. Darin war ein Gerät zu sehen, das, abgesehen von seiner Hässlichkeit, viele hätte begeistern können, denen PDAs zu klein und Laptops zu groß sind. Gleichzeitig eröffnete eine Website, die geheimnistuerisch für Anfang März weltbewegende Dinge versprach. Überall war plötzlich zu hören: „Was Tragbarkeit, Connectivity und Vielseitigkeit angeht, sollen Maßstäbe gesetzt werden“. Die Welt, so versuchten einige eifrige Pressevertreter zumindest zu suggerieren, hielt den Atem an.

Origami-PC (Bild: Tabletkiosk)

Die erste Ernüchterung kam mit der Präsentation der UMPC-Platform durch Intel zwei Tage vor der geplanten Feier des Origami. "UMPC", das muss man erklären, bedeutet Ultramobile Personal Computer und ist für die wichtigsten Hardwarepartnern Microsofts das, was Microsoft selber Origami nennt.

Wohl wahr, die gezeigten Gerätemuster boten Schnittstellen im Überfluss, alles lief so weit rund, aber weil statt der erforderten teuren mobilen Komponenten Standardbausteine verbaut worden waren, hielten sie teilweise mit einer Batterieladung nur 15 Minuten (!) durch. Aber auch mit optimierter Technik versprach der UMPC-Standard für die erste Ausbaustufe nur eine Batterielaufzeit von 2-3 Stunden, was angesichts der Möglichkeiten von modernen Laptops schon fast erbärmlich zu nennen ist. Viel war die Rede von der Bereicherung durch ein Gerät dieser Art für den "digital lifestyle", wenig von der Frage, wie man die drängendsten technischen Fragen angegangen hatte. So zum Beispiel die Anpassung der in Frage kommenden Desktopbetriebssysteme an den ultraportablen Betrieb, die Bootproblematik usw.

Bei der Origami-Präsentation am 9. März ein ähnliches Spiel: Wortreich wurde die Plattform als das Ei des Kolumbus gepriesen, die desaströsen Batterielaufzeiten gerieten aus dem Blickfeld, wie natürlich alle anderen kritischen Punkte auch. Konkrete Aussagen zu den Preisen und der Verfügbarkeit für den Massenmarkt gab es nicht. Vor dem 9. März hatte die Pressestelle von Microsoft Deutschland angeblich überhaupt keine Informationen über die Plattform, noch eine Woche später war die Auskunftsfreudigkeit zu dem angeblichen Wunderding höchst mäßig. Zitat: "Derzeit liegen uns leider noch keine Informationen zu der Möglichkeit einer Teststellung von Ultra-Mobile PCs vor."

Das hinderte bestimmte Presservertreter natürlich nicht, in Jubelarien auszubrechen und so zu tun, als sei nun endlich eine neue, glückliche Ära der Computernutzung angebrochen. Der Spott der jungen, metropolitanen Kreativnomaden, also der Leute, die die UMPCs eigentlich kaufen sollen, ließ allerdings nicht lange auf sich warten.. Mehrfach wurde darauf hingewiesen, dass Origami/UMPC eben nicht der erste Versuch ist, ultraportable Tablets zu schaffen. Mit Recht wiesen verschiedene Blogger darauf hin, dass das Apple Newton MP 2100, obwohl seit 1998 nicht mehr im Handel, heute noch eine sehr brauchbare Tablet-Maschine für den ultraportablen Einsatz ist und mit traumhaften Batteriestandzeiten, einer extrem flexiblen und leicht handhabbaren OS-Architektur, hervorragender Handschrifterkennung und echter Instant-On-Fähigkeit aufwarten kann.

Farbbildschirm hin, Mediengeklingel her, von manchen dieser Features kann man bei Origami/UMPC nur träumen. Dass eine Episode der Hype-Kampagne für den Origami vor der Erstpräsentation einen Newton-Werbespot von 1993 (!) zu zitieren schien, war in dieser Hinsicht sicher auch nicht hilfreich. Zwar versucht man seit der CeBIT den Hype am Leben zu erhalten und verspricht das erste Auftauchen von UMPC-Geräten für Endkunden ab April, aber es ist nicht zu übersehen, dass bis jetzt die Origami/UMPC-Plattform wie ein Stück Vaporware aussieht, das über das Stadium vorzeigbarer Prototypen noch nicht wirklich hinaus gekommen ist. Und selbst die immer positiv denkenden Marktforscher kommen ins Grübeln.

Fällt das Soufflé in sich zusammen, wenn es aus dem Ofen genommen wird? Sieht man sich das "usage model" auf der sogenannten "community site" umpc.com an, dann muss man sich unwillkürlich fragen, ob die treibenden Kräfte hinter der Plattform eigentlich selber wissen, wozu ihre Geräte genutzt werden sollen. Da sieht man zum Beispiel junge Frauen, die beim Shoppen nichts Wichtigeres zu tun haben, als mit Hilfe ihres WLAN-fähigen UMPCs die Preise der Kleider zu vergleichen, für die sie sich interessieren. Oder Gamer, die unbedingt die Spielstände vom Heim-PC auf ihren UMPC übertragen wollen, um auch am Strand weiterdaddeln zu können.

Das sind alles sicher lebenswichtige Anwendungsbereiche, aber irgendwie scheint den neuen Geräten die eine, entscheidende Kernkompetenz zu fehlen. All das hat in den entsprechenden Foren schon zu der Vermutung geführt, bei Origami/UMPC handele es sich bisher eher um eine "marketing probe, also eine Art Testballon vor der eigentlichen Markeinführung einer Technologie, der einerseits die Marktchancen erkunden und andererseits die Entwicklungsabteilungen mit dringend benötigtem kreativem Interessenten-Input versorgen soll, damit die Geräte, wenn sie ausentwickelt sind, auf eine Kundschaft treffen, die sie auch wirklich annimmt.

Ist ausgeschlossen, dass die Origami/UMPC-Plattform ein Erfolg wird? Gar nichts ist ausgeschlossen, nicht einmal, dass Microsoft/Intel und die verschiedenen anderen Hersteller eine echte Marktlücke schließen und letztendlich ein sehr brauchbares Gerät hervorbringen. Aber für die wichtige Gruppe der early adopters, an der seinerzeit die wenig ausgereiften ersten Newton-Modelle gescheitert sind, ist das Enttäuschungsrisiko groß. Es steht zu befürchten, dass über eine hohe Leidensbereitschaft verfügen muss, wer sich auf die erste Origami/UMPC-Generation einlässt.

Andererseits hätte seinerzeit kaum jemand auf den Erfolg von Windows gewettet, während heute die meisten Computernutzer überhaupt nichts anderes mehr kennen. Über Qualität sagt das letztendlich wenig. (Marcus Hammerschmitt)