Die nächste Runde der Eurokrise

Panos Kammenos. Foto: Wassilis Aswestopoulos

Griechenland und EU: Politiker streiten über Personalfragen, öffentliches Auftreten und Indiskretionen

Die aktuellen politischen Entwicklungen in Athen überschlagen sich. Es geht dabei nicht nur um die Frage der Schulden. Dieses Problem möchte Staatsminister Alekos Flambouraris auf sehr einfache Weise lösen. Flambouraris fragt sich, wem ganz Europa insgesamt 10 Billionen Euro schulden würde. Er gibt die Antwort selbst und behauptet, dass die Schulden nur heiße Luft wären. Genau damit, mit Säcken voll Luft möchte er Griechenlands Schulden aus der Welt schaffen.

Die Diskussionen der Akteure konzentrieren sich zunehmend auf Personalfragen. Die Kritik, wie sie vom Präsidenten des Europaparlaments, Martin Schulz, an der griechischen Regierung, insbesondere am Koalitionspartner von Tsipras Panos Kammenos geübt wurde, ruft in Griechenland ein ähnliches Echo hervor.

Martin Schulz gehörte bislang zu den Politikern der EU und aus Deutschland, die in Griechenland eher Sympathien als Ablehnung hervorriefen. Seine jüngsten Äußerungen zum eher rechten Panos Kammenos, den Schulz als schlimmeren Diplomaten, als den berüchtigten Elefanten im Porzellanladen, bezeichnete, brachten in Griechenland selbst linke Satiriker auf den Plan. Schulz hatte Tsipra öffentlich zum Rauswurf Kammenos aufgerufen.

Kammenos hatte vorher Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble als korrupten Politiker bezeichnet. In seinem persönlichen Blog vergleicht der Satiriker Pitsirikos, hinter dem sich ein namhafter Journalist verbirgt, wenig geschackvoll Schulz mit einem homosexuellen Kinderschänder.

Kammenos antwortete dagegen auf seine bekannte Art. Über Twitter bezeichnete er Schulz mehr oder weniger als Komplizen der korrupten Politiker. Tatsächlich hatte der Parlamentspräsident eine Anfrage des damaligen EU-Abgeordneten und jetzigen Staatssekretärs im Außenministerium, Nikos Chountis, aus formalen Gründen abgelehnt. Chountis hatte, gestützt auf Pressestimmen, nach Deutschlands Verwicklung in die Förderung von Korruption gefragt.

Die gegenseitig ausgetauschten persönlichen Beleidigungen der einzelnen Beteiligten waren so aufsehenerregend, dass die erste Anwesenheit der nun "Institutionen" genannten Troika in Athen unter "ferner liefen" versickerte. Die Institutionen wurden ab Donnerstag, so hieß es zunächst "unter strengster Geheimhaltung in unbekannten Athener Hotels" untergebracht. Den Prüfern wurde verboten, mit der Presse zu plaudern.

Bei der Auswahl der "unbekannten Hotels" ließen weder die Institutionen noch die neue Regierung ihrer Phantasie freien Lauf. Die ehemaligen Troikaner bewegten sich in bekannten Gefilden im Athener Hilton. Getagt wurde statt in Ministerien im Athener Divani Caravel Hotel, knapp 900 Meter vom Hilton entfernt.

Bereits am Donnerstagabend, also wenige Stunden nach der Ankunft der Prüfer, hatte die Medienwelt Athens das Hilton als Herberge der verhassten Repräsentanten der Kreditgeber identifiziert. Den Freitag über klemmten sich zahlreiche Paparazzi mit handlichen Mobiltelefonen als Kamera hinter die Meute der Bürokraten.

Minutiös wurde jeder Schritt aufgezeichnet. Das Interesse der Griechen blieb überschaubar. Denn die wahre Show spielte sich woanders ab.

Vor allem in deutschen Medien wurde viel darüber diskutiert, dass Varoufakis wegen einer Home-Story in der französischen Zeitschrift Paris Match unter Druck geraten sei. Tatsächlich leidet das anfangs hohe Ansehen des Ökonomieprofessors unter dessen ständiger Medienpräsenz. Die angesprochene Bildgeschichte um Varoufakis Balkon-Aussicht auf die Akropolis rief dagegen weniger kritische Reaktionen hervor.

Die Tempelanlage der Akropolis war in der Antike so konstruiert worden, dass sie von jedem Punkt der historischen Kernstadt aus zu sehen war. Blick auf die Akropolis haben die Athener zumindest in den höheren Stockwerken des verarmten Bezirks Agios Panteleimonas ebenso wie vom Autonomenviertel Exarchia aus. Einige Häuser in der Drogen- und Prostitutionsszene um den Omoniaplatz bieten einen ähnlich guten Ausblick, wie das in gediegener Wohnlage liegende Domizil der reichen Gattin Varoufakis.

Sie haben viel zu besprechen: Tsipras und Varoufakis Foto: Wassilis Aswestopoulos

Der Tod eines zwanzigjährigen Auszubildenden erschüttert Griechenland und zeigt aus einer anderen Warte die Verfilzung des Systems. Die ebenfalls fotografierte Speisetafel des Ehepaars bestand aus exquisiten Meeresfrüchten. Es war auf den Fotos jedoch nicht erkennbar, ob es sich um frische, also teure Ware oder um Konservenspeisen handelte. Letztere werden zu durchaus erschwinglichen Preisen von einer deutschen Diskountkette mit gelb-rot-blauem Logo und vier Buchstaben im Namen angeboten. Das, was Varoufakis Fotostory in Athen zum Skandal machte, war nicht unbedingt das Gezeigte, sondern die Art der Bildkomposition.

Es ist den Griechen durchaus bekannt, dass Danai Stratou, Varoufakis zweite Ehefrau, eine in eine reiche Familie geborene, kommerziell erfolgreiche Künstlerin ist. Varoufakis selbst hat als Professor in den USA, Griechenland und Australien ebenso gut verdient, wie als Buchautor oder Mitarbeiter einer Computerfirma. Dies gereicht ihm sogar zum Vorteil, weil die bisherigen Spitzenpolitiker des Landes überwiegend ihren ersten und einzigen Arbeitsplatz in der Politik fanden.

Schlecht für Varoufakis ist die Ästhetik der Bilder. Sie erinnern zu sehr an die "Life-Style-Ära" genannte Zeit der PASOK und Nea Dimokratia Regierungen bis 2009. Varoufakis entschuldigte sich öffentlich für die Fotos, nicht aber für den Text in Paris Match. Dieser, so meint Griechenlands Finanzminister, würde Griechenland helfen. Zudem hat auch Varoufakis eine Attacke in petto.

Er wirft Wolfgang Schäuble vor, dass dieser entgegen der Absprache über Interna der Verhandlungen zur Presse reden würde. Zudem behauptet Varoufakis, dass er mit Schäuble nie über die Absicht, den Euroraum zu verlassen, gesprochen habe.

Noch hat Varoufakis die volle Rückendeckung seines Premiers. Tsipras schützt ihn gegen Angriffe aus der eigenen Partei ebenso wie gegen Angriffe der BILD. Seitens der griechischen Regierung wird die Zeitung als treibende Kraft einer Kampagne gegen den Finanzminister identifiziert.

Tatsächlich berichten griechische Medien gefühlt über jeden einzelnen Artikel der BILD. Alexis Tsipras entschloss sich dazu, öffentlich mit Varoufakis durch Athen zu spazieren. So sollte aller Welt die Einigkeit der Regierung demonstriert werden.

Im gegenseitigen Beobachten entging sowohl der griechischen als auch der deutschen Seite beinahe eine wichtige Personalie. Der von der Vorgängerregierung, namentlich dem damaligen Außenminister Evangelos Venizelos eingesetzte Sonderbotschafter Jorgo Charzimarkakis ist bald arbeitslos. Seinen für deutsche Verhältnisse niedrig dotierten Posten des Sonderbotschafters ist er Ende April los.

Der Neue Präsident Prokopis Pavlopoulos (links). Foto: Wassilis Aswestopoulos

Statt des liberalen Tausendsassas hat Tsipras mit dem neuen griechischen Staatspräsidenten Prokopis Pavlopoulos einen neuen Mitstreiter gewonnen. Der aus dem Lager der konservativen Nea Dimokratia stammende Pavlopoulos möchte für die Lösung der Reparationsfrage mit Deutschland und für die Rückzahlung des Zwangskredits einstehen.

Als eine der ersten Amtshandlungen wandte er sich in dieser Frage an Wolfgang Schäuble. Ganz im Zeitgeist wählte Pavlopoulos dafür den Weg über die Presse. Auch in Fragen des Euro ist Pavlopoulos, der aus der Schwesterpartei der CDU, der Nea Dimokratia stammt, auf einer Linie mit Tsipras. Der neue Präsident sieht die Gemeinschaftswährung keineswegs als Selbstzweck. (Wassilis Aswestopoulos)

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