Die "neue englische Krankheit"

"Brexit Banner". Bild: Richard Leeming / CC BY-SA 2.0

Kommentar: Geht doch endlich, Ihr nervigen Briten, und beendet Euer absurdes Brexit-Theater

"Unsre Unfähigkeit, die Wahrheit zu erkennen, ist die Folge unsrer Verderbnis, unsres moralischen Verfalls."

Pascal

Und täglich grüßt der Brexit. Jeden Tag neue Politiker- und Journalistenspekulationen, jede Woche neue Abstimmungen in dem zur Lachbude verkommenen britischen Parlament. Und jeden Morgen im Radio und Frühstücksfernsehen irgendeine neue Wasserstandsmeldung, irgendeine Korrespondenten- und Kommentatorenspekulation, ob er denn nun wirklich stattfindet, was er für Folgen hat und ob er sich noch verhindern lässt.

Eingerahmt in Interviews mit verzweifelt flehenden Remainern und surrealistischen Brexeteers, die erklären, warum es Großbritannien nach einem EU-Austritt viel besser geht als vorher: "Wir werden endlich ein freies und unabhängiges Land sein ..."

Der Brexit wird stattfinden. Und zwar mit Pauken und Trompeten. Wir alle werden es zu unseren Lebzeiten erleben, wie ein souveränes Land sich selbst an die Wand fährt, zerlegt, zerstört. Wir werden erleben, wie Großbritannien sich abschafft. Wie Schottland das Vereinigte Königreich verlässt, wie in Nordirland der alte bürgerkriegsähnliche Konflikt wieder ausbricht, bevor die Katholiken ihn gewinnen, wie sich das verbliebene Wurmfortsatz-England in den Schoß eines längst reaktionär erstarrten Amerika flüchtet, immerhin seiner ehemaligen Kolonie.

Wir werden den Untergang einer Großmacht erleben. Den Selbstmord aus Angst vor dem Tode. Aber der Brexit wird stattfinden.

Und das ist auch gut so.

Großbritannien nervt und ruiniert die EU

Denn sie nerven. Sie wollen immer eine Extra-Sausage. Sie sind nicht mal halb so witzig, wie sie sich selber finden. In Gruppen sind sie immer besoffen und grölen den Kontinent zusammen. Sie behaupten, sie seien die "älteste Demokratie der Welt", aber ruinieren zuerst ihren eigenen Parlamentarismus mit ihrer albernen Volksabstimmung zum EU-Austritt und haben dann aber Angst davor, ihr eigenes Volk zum zweiten Mal zu fragen, ob sie an ihrer Entscheidung festhalten wollen.

Stattdessen wird der Parlamentarismus diffamiert, sobald es passt: Dass sich die Abgeordneten dem "Willen des Volkes" verweigern oder ihn verbiegen, plärren die europafeindlichen Blätter, als ob diese Abgeordneten nicht - übrigens nach dem Brexit-Referendum - von genau diesem Volk gewählt wurden, um ihren "Willen" in Gesetzesform zu gießen, als ob nicht 49% "des Volkes" gegen den Brexit gestimmt hätten. Die "älteste Demokratie der Welt" hat längst vergessen, was Demokratie heißt.

Danach ruinieren sie die EU. Denn statt so mutig zu sein, wie sie gern wären, statt auszutreten mit allen Konsequenzen, möchten sie Konzessionen, Handel treiben wie vorher, alle Kirschen aus dem Kuchen picken, nachdem sie den Rest weggeworfen haben. Alle internationalen Verträge, ob zu Nordirland, zu Gibraltar, zum Wissenschaftsaustausch oder zu Residenzfreiheit sollen geändert und wieder geändert, angepasst und wieder angepasst werden, bis alles genau so maßgeschneidert ist, wie es den Briten passt.

Wieder und wieder fliegt die britische Gutemine Theresa May nach Brüssel, um in den längst geschlossenen Vertrag doch noch irgendetwas heraus- und hineinzuverhandeln, wieder und wieder fordert sie eine "extension" (also Verlängerung), schwankt sie zwischen delay und no delay, deal und no deal, wieder und wieder will sie gleichzeitig raus - eine amoralische Versagerin erster Güte.

Die Politikerin, die noch vor drei Jahren vehement gegen den Brexit Wahlkampf gemacht hat, geriert sich jetzt als heilige Theresa des Austritts. Einen Wahlkampf und die komplette Achtung ihrer Landsleute hat sie darüber verloren.

Was macht dieses Vorgehen mit der EU? Wenn die EU den Briten jetzt einen weiteren Aufschub gewährt - was sie tun wird, in der Hoffnung, es käme doch nicht zum Austritt -, wird das Brexit-Spektakel den EU-Wahlkampf überschatten, der der womöglich wichtigste Wahlkampf der bisherigen EU-Geschichte sein wird.

Gewiss: Man könnte argumentieren, dass diese Querelen die Austrittslust mancher rechtsextremer Parteien aus der EU dämpft. Aber nicht die rhetorische. Nicht den Wahlkampf. Der Brexit kann die EU retten, aber nur, wenn er jetzt auch von den Briten auf Druck der EU hin vollzogen wird. Oder wenn die Briten kapitulieren.

Großbritannien hat gesagt, was es will. Die Europäische Union will das mit guten Gründen nicht gewähren. Deshalb sollte das Vereinigte Königreich ohne ein Abkommen ausscheiden. Sollen sie doch das bekommen, was die Brexeteers "die Kontrolle über unser Geld, unsere Gesetze und unsere Grenzen" nennen.

So lange, bis Großbritannien auf das wirtschaftliche Niveau Bulgariens geschrumpft ist, und die jungen Briten in zwei, drei Jahrzehnten eine endlich erfolgreiche Revolution gegen ihre alten Eliten unternehmen und wieder bei der EU anklopfen. Ohne Sonderwünsche.

Auswüchse des Narzissmus

Tatsächlich aber handelt es sich bei alldem eher um Auswüchse des Narzissmus. Denn der Brexit ist vor allem eine Ausrede. Eine Selbstbeschäftigungstherapie für eine Nation in unaufhaltsamen Niedergang, die den Verlust ihrer Weltgeltung nicht verkraften kann und sich in Arroganz und Nostalgie flüchtet: Es gibt Tausende von kleineren und größeren Indizien für diese weinerliche, in der Vergangenheit verharrende, zukunftsscheue feige Haltung.

Man braucht dazu nur Paul McCartneys bereits vor über 50 Jahren geschriebenes bekanntestes Pop-Lied zu zitieren: "Yesterday/ All my troubles seemed so far away/ Now it looks as though they're here to stay/ Oh, I believe in yesterday/ Suddenly/ I'm not half the man I used to be/ There's a shadow hanging over me/ Oh, yesterday came suddenly."

Sie behaupten aber nach wie vor, die Größten zu sein: In der Pop-Musik, wo dann schnell mal Ex-Kolonien mitgezählt werden, in der Mode, mit ihren Autos (für die jüngeren Leser: ja, die Briten haben tatsächlich selber einmal Autos gebaut), die längst den verhassten Ausländern gehören, Rover etwa den Chinesen.

Sie behaupten, den besten Fußball zu spielen, haben aber seit bald 60 Jahren keinen Titel gewonnen und verkaufen ihre komplette Liga an russische, arabische und asiatische Oligarchen.

Kaum eine Mannschaft der ersten zwei englischen Ligen besteht noch mehrheitlich aus Engländern. Die Trainer sind Spanier (Manchester City, Arsenal, Warford, Newcastle), Deutsche (Liverpool, Huddersfield), Italiener (Chelsea), Argentinier (Tottenham), Chilenen (West Ham), Portugiesen (Wolverhampton, Everton), sogar Österreicher (Southampton), Iren (Leicester, Brighton) und Norweger (Manchester United), aber keine Engländer. Das ist die Wahrheit über den vermeintlichen "Full House"-Erfolg der englischen Mannschaften in der diesjährigen Champions League - er ist mit Oligarchengeld und ausländischer Kompetenz geliehen.

Und so weiter...

Liebe macht blind

Aber sie jammern, weil inzwischen niemand mehr Großbritannien so toll findet, wie es sich selber.

Dies gekrönte Eiland, dies Land der Majestät, der Sitz des Mars, dies zweite Eden, halbe Paradies, dies Bollwerk, das Natur für sich erbaut, der Ansteckung und Hand des Krieges zu trotzen, dies Volk des Segens, diese kleine Welt, dies Kleinod, in die Silbersee gefasst, die ihr den Dienst von einer Mauer leistet, von einem Graben, der das Haus verteidigt vor weniger beglückter Länder Neid, der segensvolle Fleck, dies Reich, dies England.

William Shakespeare; "Richard II." (II.2), 1595

Über diese Sätze sind wir noch immer nicht hinaus. Die Deutschen hatten zu den Briten schon immer eine besondere Liebe. Ob zum Historiker Christopher Clark, der ihnen in seinem letzten Buch die Schuld am Ersten Weltkrieg abnimmt, ob zur Marine des Empire mit ihren putzigen Matrosenanzügen, die der Uniformnarr Kaiser Wilhelm II. kultivierte. Oder Carl Schmitt, der berüchtigte konservative Revolutionär und Staatsphilosoph, der in seinem Buch "Land und Meer" England zum Erzfeind der Deutschen stilisierte, nur eben zum geliebten Erzfeind.

Großbritannien ist auch Alexander Gaulands Lieblingsland. Als er noch nicht rechtsextremer Parteivorsitzender war, schrieb Gauland in seinen englischen Gentry-Tweedjackets in der FAZ (beiseite bemerkt überhaupt einer AfD-Kaderschmiede) über "Gemeine und Lords", über die "Klugheit der politischen Klasse" Englands, die "den relativen Erfolg der englischen Nationalgeschichte" erkläre.

Gauland erinnerte an eine britische Aristokratie, die über mehrere Jahrhunderte bis zum Ersten Weltkrieg "das Land regiert, ein Weltreich gebaut, Positionen verteidigt und - schwerer noch - rechtzeitig geräumt" habe.

Aber Liebe macht blind.

"Rule, Britannia!"

Die Selbstbesoffenheit und das aus ihr folgende Allmachtsgefühl sind einer der Gründe, warum einem jetzt das Mitleid mit den Briten fehlt, warum man zum dem Schluss kommt: Es reicht, Freunde, geht doch endlich, ihr nervigen Briten und beendet Euer absurdes Brexit-Theater.

Das Bündnis, das den Brexit realisierte, bestand aus den Alten und den Dummen, den Reaktionären und den Profiteuren, den alten Eliten, die eigentlich noch vom Empire träumen, und der neuen Unterschicht, den reaktionären Kleinbürgern, die nicht begreifen, was die Öffnung ihres Landes ihnen bringen könnte - außer Ausländer.

Was für ein Spektakel! Wie grotesk anzuschauen und wie erniedrigend für uns alle, dass wir uns noch immer von diesem Land nicht lösen können, uns von ihm auf der Nase herumtanzen lassen. Seit Napoleon Bonaparte hätte man über die Mentalität des "perfiden Albion" aufgeklärt sein können, und doch ...

Was steckt hinter alldem? Destruktive Charaktere. Eine perverse, zum Teil pathologische Lust am Untergang, wie sie inzwischen in geringeren Dosen den ganzen Westen erfasst hat.

Destruktivität und Lust am Untergang

Diese "Lust am Untergang" hat Karl Heinz Bohrer, einer der wenigen echten deutschen Intellektuellen und in den 1970er und frühen 1980er Jahren FAZ-Kulturkorrespondent in London, seinerzeit bereits in seinem gleichnamigen England-Buch ("Ein bißchen Lust am Untergang. Englische Ansichten", Suhrkamp; leider vergriffen) beschrieben.

Damals meinte Bohrers Formulierung allerdings eher das Gegenteil, nämlich einen "wilden Liberalismus", die Freude an verwegenem Selbstbewusstsein und Revolte gegen Konventionen, die die britische Oberschicht mit der Arbeiterschaft verband - gegen die immer schon auf Sicherheit bedachte "middleclass".

Heute ist diese Exzentrik längst selbst provinziell und middleclass geworden, ein nicht mehr beiläufig, sondern kleinbürgerlich auftrumpfend zur Schau getragener Spleen, der sich mit politisch reaktionärer, geistig konventioneller Gesinnung paart - kurz: die Mentalität des unsicher gewordenen Spießbürgers.

Eine einzige Filterblase der Verweigerung

Das ist die neue "englische Krankheit"! Es ist die Verweigerung gegenüber der Verantwortung, die mit Macht und Reichtum einhergeht, die Verweigerung gegenüber der Aufgabe der Herrschenden: Vorbild zu sein, zu führen. Diese Verweigerung der britischen Eliten teilen sie mit denen des Kontinents - sie hat dort aber bereits das komplette Land erfasst. Großbritannien ist eine einzige Filterblase. Splendid Isolation.

Inzwischen hat diese neue "englische Krankheit" längst den ganzen Westen erfasst. Entweder zerstört man andere oder sich selbst - der Verrat an den eigenen Werten ist der gleiche.

Wenn man sich ohnmächtig fühlt, dann ist Destruktivität zumindest "eine kleine Erleichterung" (im Sinne von Nietzsche: "Der Fall Wagner"). Es vermittelt ein Gefühl der Allmacht, dass man etwas total zerstören kann und sich zumindest damit noch zum Herren über die Welt aufschwingt.

"Je tiefer die Verderbnis der Vernunft, um so notwendiger die Heilslehre", schrieb Schopenhauer. Und auch die Sehnsucht nach dem Nichts kann zur Heilslehre werden.

Anzeige