Die neue heilige Kuh

Der Gleichheitsdiskurs ist zum Fantasma vieler Bewegungsbewegter geworden

Am 4. August beklagte der Schriftsteller Ingo Schulze in der FAZ (Das Monster in der Grube), dass „Gleichheit“ in der bundesrepublikanischen Gesellschaft viel zu kurz käme und zugunsten der „Freiheit“ geopfert werde. Politische Freiheit werde fragwürdig und in ihr Gegenteil verkehrt, meinte er, wenn sie nicht mit „Gleichheit“ Hand in Hand ginge. Und da sich „Gleichheit“, die er synonym mit „sozialer Gerechtigkeit“ gebraucht, nicht von allein einstelle, müsse der Staat „der Freiheit“ Einhalt gewähren und für „sozial gerechte Verhältnisse“ sorgen, beispielsweise durch die Verstaatlichung von Banken und Verkehrssystemen, von Energiewirtschaft und Gesundheitswesen.

Das Wehklagen des Schriftstellers ist nicht neu. Ungleiches als Gleiches zu behandeln, wird, seitdem der Äquivalententausch und das dazugehörige Geldsystem nahezu alle „sozialen Beziehungen“ überdeterminiert, als Wert an sich betrachtet. Darum hat sich auch die kritische Gesellschaftstheorie, oder was nach dem Tod Adornos und dem Rückzug von Jürgen Habermas in Frankfurt von ihr noch übrig geblieben ist, des „Gleichheitsthemas“ bewältigt (Normatives Versprechen). Auch sie übt und müht sich sichtlich in „Gerechtigkeitskritik“ und sinnt (nicht so platt wie der Schriftsteller Schulze) darüber nach, wie sich in modernen, funktional differenzierten Gesellschaften soziale Gerechtigkeit herstellen lasse.

Dass das nicht nur politisch, sondern auch intellektuell ein höchst mühseliges Unterfangen ist, ist der Kritischen Theorie 3.0 durchaus klar. Niemand, auch nicht die Frankfurter, vermag so recht zu sagen, was „soziale Gerechtigkeit“ ist. Verwunderlich ist das nicht. Im Grunde handelt es sich laut Norbert Bolz um ein „unkommunizierbares Gefühl“. Der Begriff appelliert an etwas Erlebbares und Erkennbares, an etwas, das keiner so genau definieren kann. Daher funktioniert diese Emotion auch so wunderbar als Nach- und Ausweis für eine „richtige“ politische Haltung und Gesinnung. Kein Wunder, dass soziale Gerechtigkeit mittlerweile zur heiligen Kuh säkularer Gesellschaften geworden ist. Sie hat die Aufgabe, den Verlust „des Heiligen“ zu kompensieren.

Es ist verständlich, dass eine Gesellschaft, die ihre Gerechtigkeitsprinzipien sakralisiert und als negative Theologie konserviert, sich vehement gegen deren Analyse wehrt. Wer will schon, nachdem er sie so mühsam aufgepäppelt hat, heilige Kühe schlachten? So ist es ebenso bemerkens- wie lobenswert, dass neben Norbert Bolz auch der Soziologe Rainer Paris (Bescheuertheit) in der jüngsten Ausgabe des „Merkur“ sich mal traut, die inneren Widersprüchlichkeiten des „Gleichheitsdiskurs“ aufzuzeigen, um ihn seines moralpolitischen Gebrauchs zu entkleiden.

Warum, so lautet seine Ausgangsfrage, berge gerade der „Wert der Gleichheit“, den es nicht per se, sondern immer nur im Bezug auf ein „Worauf“ geben könne, häufig „dieses zerstörerische und häufig selbstzerstörerische Potential“ in sich? Wie kommt es, dass es gerade im Bestreben, ungleiche Verhältnisse zu beseitigen, ständig zu neuen Ungerechtigkeiten kommt? Als Soziologe könne er sich nicht mit „Wertverschleifungen“ und „kognitiven Borniertheiten“ zufrieden geben, wie sie die Welt der „Bewegungsbewegten“ kennzeichne. Statt „normative Differenzen und Dilemmata“ auszuschließen und den unauflösbaren Widerspruch von Gleichheit und Gerechtigkeit „im Dienste der Affektkonservierung“ zu einem „einheitlichen ideologischen Brei zu verrühren“ (siehe den Schriftsteller Schulze), müsse er „aufdecken und zerpflügen, was gemeinhin untergepflügt wird.“

Paris glaubt das mit Hilfe der Unterscheidung „binärer“ vs. „gradueller Ungleichheit“ meistern zu können. Zielt erstere vor allem auf den Besitz oder Nichtbesitz von Rechten, bezieht sich letztere auf die asymmetrische Verteilung von Lasten und Ressourcen. „Binäre Ungleichheiten“ sind in demokratischen Gesellschaften in aller Regel unbedenklich. Dafür gibt es ein bewährtes Rechtssystem, das strittige Fälle regelt.

Es kann zwar vorkommen, dass jemand seiner Rechte beraubt wird (Sexualstraftäter oder Pädophile), im Allgemeinen kann aber jeder Bürger diese auf dem Rechtsweg einklagen. Schwieriger verhält es sich schon mit „gradueller Ungleichheit“. Da es in diesen Fällen immer um ein Mehr oder Weniger gehe, um Gewinn und Verlust, Erfolg und Misserfolg, Arme und Reiche ist das immer auch eine Frage der Bewertung und der Interpretation.

Folglich ist dies auch der Ort, wo Ideologen einhaken und versuchen, den Kampf um Teilhabe mit dem um Gleichverteilung willentlich zu vermischen. Weil die Wahl des Maßstabs, wonach verglichen werden soll, nicht ein für alle Mal festliege, ist es von strategisch großer Bedeutung, jenes Raster politisch durchsetzen zu können, auf das hin eine reale oder vermeintliche Ungleichheit in der Gesellschaft geprüft werden kann. Dieses Vergleichsmuster gibt dann nicht nur die Richtung des Kampfes vor, es entscheidet auch darüber, wer danach in der Öffentlichkeit als Begünstigter oder Benachteiligter gilt.

Um die Deutungshoheit darüber zu erlangen, ist es wichtig, diesen Bezugsrahmen, nach denen die Bewertung vorgenommen wird, so gut wie möglich zu verschleiern. Bewährt hat sich in der Vergangenheit vor allem „die Rolle des Opfers“. Wer sich damit „schmücken“ kann, für den ist es relativ einfach, einen Ausgleich für erlittenes Unrecht, für Willkür oder Benachteiligung zu fordern und auch zu erhalten. Es mag der Ironie der Geschichte geschuldet sein, dass „Opfer sein“ nur noch unter deklassierten Jugendlichen als schlimmer Wert gilt.

Zeigen lässt sich dies, so Paris, recht gut am Begriff der Diskriminierung. Für diskriminiert halten sich aktuell nicht mehr nur ethnische, religiöse oder andere Minderheiten; zurückgesetzt fühlen sich, je nach Bedarf und Sichtweise, Junge oder Alte, Kranke oder Gesunde, Rentner und Lehman-Geschädigte usf. Dies ist möglich, weil die „sozialen Verhältnisse“ in Gewinn und Verlust verrechnet werden. Und weil diese Spirale des ständigen Vergleichens und Unterscheidens nach oben und unten keine Grenzen kenne, werde dieses Tun auch nach erreichter Gleichheit weiter fortgesetzt. Denn auch danach wird wieder jemand entdecken, dass der Nachbar steuerlich besser gestellt ist, eine Kilometerpauschale kassiert, sich im Krankheitsfall einen besseren Arzt leisten kann oder für seine Arbeit schlechter entlohnt wird.

Gesellschaftlich unproblematisch ist in aller Regel der situative oder flüchtige Vergleich. So kann es passieren, dass wir zwar die Wohnung, das Aussehen oder den Geschmack des anderen bewundern, es im nächsten Moment aber schon wieder vergessen haben. Es kann aber auch vorkommen, dass wir vor Neid erblassen und trotzdem froh sind, nicht in der Haut des anderen zu stecken.

Bösartig und gefährlich wird es jedoch, wenn wir unseren Groll oder unseren Neid gegenüber dem anderen am anderen bestätigt finden oder wir unsere eigenen Maßstäbe für die einzig wahren halten. Dann können scheinbar „hochmoralische Motive“ rasch in „Skrupellosigkeit und Selbstgerechtigkeit“ umschlagen. Aus Sozialneid und Missgunst erwachsen dann Fanatismus und Despotismus. Beide verschaffen sich dann Luft, indem sie Symbole des Wohlstands attackieren, Autos, Häuser und Wohnungen in Berlin oder Hamburg etwa.

Eine bedenkliche Rolle spielen dabei häufig die Massenmedien. Indem sie den korrupten Wirtschaftsführer und Politiker an den Pranger stellen, den Reichtum der Superreichen mit der armseligen Welt der Armen konfrontieren und das Genießen der einen dem Leiden der anderen gegenüberstellen, steigern sie die soziale Lust an der Moralität. „Der dort zumeist erhobene Ton“, schreibt Norbert Bolz, „ist nicht der Ton der Kritik, sondern der der modischen Wut“. Wo früher kritisch verfahren wurde, dominiert heute meist der Schaum vor dem Mund.

Soziologisch nüchtern betrachtet, kann es letztlich nur heißen: „Es gibt keine gerechte Gesellschaft.“ Wer sie verlangt, will betrügen. Begabung und Talent, Vitalität und Glück sind stets ungleich verteilt, gleich, welchen vollkommenen Gesellschaftstyp man sich dazu auch ausmalen mag oder wird. Hinter dem Gleichheitsdiskurs versteckt sich eine "Anleitung zum Unglücklichsein" (P. Watzlawick)

Zudem gibt es immer Dinge, Menschen und Kulturen, die jenseits aller politisch korrekter Bekenntnisse besser und humaner, prominenter und mächtiger, schöner und überlegener sind als andere. Wer sie dem „Wert der Gleichheit“ unterordnet, legt die Axt an die liberale Gesellschaft. „In dieser Gleichheitssucht“, die der Schriftsteller Schulze stellvertretend für viele im Lande artikuliert, steckt nach Meinung von Norbert Bolz, „die größte Gefahr der modernen Gesellschaft, nämlich die Verlockung, einer Ungleichheit in Freiheit die Gleichheit in der Knechtschaft vorzuziehen.“

Die Tapferkeit des Bürgers bestehe folglich darin, auf ein „Konzept von Glück als Wunscherfüllung zu verzichten“. In der modernen Gesellschaft stelle neben der „Rechtssicherheit“ die Funktionstüchtigkeit der Sozialsysteme das Äquivalent für Gerechtigkeit dar, nicht der „vorsorgende Sozialstaat“. Der nimmt, so Bolz, nur „den Selbstständigen das Geld und den Bedürftigen die Würde“.

Gleichheit unter modernen Lebensbedingungen könne daher nur heißen: die Möglichkeit der Teilnahme aller an den sozialen Funktionssystemen, an Wirtschaft, Politik, Kunst usw. Das ist nicht viel, aber auch nicht wenig. (Rudolf Maresch)

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