Die neue rechte Ordnung der Dinge

Rechte und rechtsextreme Reflexe erhalten laufend neue Nahrung, national wie international. Differenziertes Argumentieren wird schwieriger, Dichotomien gewinnen wieder die Oberhand im politischen Diskurs

Wenn die homogene Volksgemeinschaft über den Pluralismus triumphiert, erst dann scheint rechte Ordnung zu herrschen. Das war am Ende der deutschen Weimarer und der österreichischen Ersten Republik zwar graduell und strukturell, jedoch nicht grundlegend anders. Von Berlin bis Wien, von Budapest bis Warschau und von Rom bis Paris nehmen die Zusammenrottungen rechter Gruppierungen auf allen soziopolitischen Ebenen zu. Vor Ressentiments triefend, sind sie die neuen rechten Nachbarn der Migranten; auch zu viele Deutsche unterzeichneten bereits, äußerlich friedlich gestimmt, die "Erklärung-2018". Einen nicht näher definierten Kontrollverlust durch schrankenlose Migration beschwörend, möchten sie einfach nur, dass die sogenannte "Beschädigung Deutschlands" aufhöre.

Dieses Musterbeispiel für Verbalradikalismus des sanften Wortes erzeugt mit seiner vagen Formulierung jenen xenophoben Identifikationsraum, in dem sich bereits eine relativ große Gruppe Gleichgesinnter eingerichtet hat. Naiv-diffuse Begriffe wie "illegale Masseneinwanderung" oder "rechtsstaatliche Ordnung an den Grenzen" zeigen beispielhaft, wie komplexe gesellschaftliche Konfliktlinien ignoriert werden, um an simplifizierenden Konstrukten festhalten zu können.

Als Verbalradikalismus des sanften Wortes können nach Inklusion klingende positive Wendungen bezeichnet werden, Umcodierungen, mit welchen jedoch nichts anderes als Ausschließung praktiziert wird. Sprachliche Umwertungen transformierten den Schutz für Flüchtende zunächst zum Schutz vor Flüchtlingen, nur um letztlich, mittels Konstruktionen überhöhter Bedrohungsszenarien, zu Schutzmaßnahmen gegen Flüchtlinge zu mutieren.

Restbestände des rassisch herabwürdigenden Vokabulars aus einer Jahrzehnte zurückliegenden Vergangenheit klingen durch, wenn im Kontext von Migration das Wort Überfremdung in allen seinen Sprachmutationen wieder auflebt, wenn das gesunde Volksempfinden wieder droht, mehrheitsfähig zu werden. Der verschmutzte und historisch schwer beschädigte Sprachkern des Völkischen ist immer noch vorhanden und wird als rhetorische Waffe eingesetzt. Aus diesen und zahllosen weiteren toxischen Sprachresten speist sich die Hatespeech der Gegenwart, national wie international.

Durch inhaltlich verkürzende Sprache wird die Komplexität der Welt zu Phrasen reduziert und damit massentauglich gemacht. Bekanntlich erzielen populistische Positionen ihre größten Mobilisierungserfolge in den riesigen, tendenziell apolitischen Bevölkerungsteilen. Doch Populismus greift längst auch nach der breiten Mitte und ist sogar in den oberen Sinusmilieus erfolgreich, bei den sich immer ohnmächtiger fühlenden, immer weniger an politische Partizipation glaubenden Teilen der Gesellschaft.

Der verbale Weg von der Komplexitätsreduktion zum Vorurteil ist zwar ein mehrstufiger, jedoch sehr direkter. Grammatik und Syntax von Gewalt durch Sprache werden erkennbar, sobald diese Verletzungskraft erlangt hat und zerstörerisch wird; Sprechakte des Hasses gehorchen einer dem Diskurs innewohnenden Ökonomie der Gewalt.

Wie an allen großen Wendepunkten der Geschichte bricht auch in der gegenwärtig anlaufenden vierten Industriellen Revolution das Archaische aus der Sprache. Doch der Übergang vom Wort zur Tat bleibt auch in der digitalen Welt ein qualitativer Sprung. Ein Prozess von der Sprachgewalt zur Gewalt durch Sprache und von dieser zur gewaltsamen Tathandlung erfolgt nicht mit Notwendigkeit, doch der latente Hass wird durch Sprache manifest.

Am Ende eines solchen Prozesses kann die Dynamik der Hassrede nahezu jede instrumentalisierte Masse durchsetzen. Im Europa der Gegenwart beginnt die Symmetrie der Anerkennungsverhältnisse in sich zusammenzubrechen, Ressentiments werden immer rascher ethnisiert. An einem solchen Punkt angelangt, reicht der sprichwörtliche Funke bereits aus, um Katastrophen nach sich zu ziehen.

Es scheint selbst in Parlamenten heute kein Problem mehr darzustellen, seinen Affekten und Vorurteilen sprachlich freien Lauf zu lassen; jenen Individuen Solidaritätsbekundungen zu erweisen, die überhaupt keine Berührungsängste mehr mit völkischer Begeisterung haben. Dabei sind Rechts-Wähler gegenwärtig nicht nur ungebildete Rumpelstilzchen des Unbehagens; der Übergang vom Wohlstands- und Bildungsbürger zum rechtskonservativen Wutbürger ist längst fließend geworden.

Der eigentliche gesellschaftspolitische Skandal der Zukunft wird aber der durchschlagende Erfolg dieser sich anbahnenden rechten Ordnung werden. Die deutsche Sozialdemokratie beging kürzlich einen Fehler von historischer Dimension, als sie zuließ, dass eine im politischen Spektrum überaus weit rechts angesiedelte Partei zur stärksten Oppositionskraft im Parlament werden konnte. In Zeiten der Krise führen Koalitionen aus Mutlosigkeit zumeist zum Erstarken extremer Kräfte, die ohne jegliche Hemmung in das Macht- und Führungsvakuum einzudringen gewillt sind.

Das Ende der Weimarer Republik und das Ende der Ersten Republik Österreichs waren historische Lehrstücke führungsschwacher, visionsloser Politik. In der Gegenwart Ungarns und Polens sind autoritäre Tendenzen bereits mit freiem Auge sichtbar, nur in Österreich werden die aufbrechenden gesellschaftlichen Bruchlinien gerade noch mit dem Schein von Aufbruch und Dynamik notdürftig verklebt.

Ähnlich wie der antidemokratische, militaristische Nationalist und Schriftsteller Ernst Jünger einst gegen die Weimarer Republik hetzte, können die heute nach rechter Ordnung Rufenden mit ihrer kontaminierten Sprache höhnen und genüsslich zusehen, wie "den Linken" und deren Argumenten das gesellschaftspolitische Licht ausgeht.

Spätestens seit dem großen politisch-kulturellen Entwerter in Washington ist verbalradikale Diktion auch international wieder en vogue. Die Tag für Tag über den Atlantik gezwitscherte politische Dekultivierung wird von den europäischen Möchtegern-Demagogen begierig aufgegriffen. Endlich können auch sie wieder offen und unverhohlen sagen, was Sache ist. Auch sie benötigen nun keine Sprachkultur mehr, denn wie er, stellen auch sie sich über diese. Sprachentgleisungen und Feindbildrhetorik mutieren zur Normalsprache, Stereotype und Herabwürdigungen stehen an der Tagesordnung und drohen zur neuen europäischen Leitkultur - jedoch nicht ohne Folgewirkungen - zu werden.

Die Sprache der Macht ist immer nur aufgrund der Kollaboration eines Großteils der Regierten erfolgreich, wie P. Bourdieu zeigte. Die Rückkehr zu sprachlicher Anerkennung, zu gesellschaftlichem Respekt und politischer Haltung beginnt daher beim Einzelnen, bei jeder Bürgerin und jedem Bürger. Dieser vermeintliche Schritt zurück ist jedoch der eigentliche Schritt nach vorne, zu einem sich allmählich zu kulturellem Miteinander zivilisierenden Diskurs.

Paul Sailer-Wlasits, geb. 1964, ist Sprachphilosoph und Politikwissenschaftler in Wien. Forschungsgebiete: Sprachphilosophie, Hermeneutik, Metaphorologie, Diskursanalyse, Philosophie der Mythologie, vorsokratische Philosophie und Ästhetik.

Monografien: "Die Rückseite der Sprache. Philosophie der Metapher" (2003). "Hermeneutik des Mythos. Philosophie der Mythologie zwischen Lógos und Léxis" (2007). "Verbalradikalismus. Kritische Geistesgeschichte eines soziopolitisch-sprachphilosophischen Phänomens" (2012). "Minimale Moral. Streitschrift zu Politik, Gesellschaft und Sprache" (2016). Zahlreiche Texte und Essays zur Sprache der und in der Politik, zu politischer Kultur, zeitgenössischer bildender Kunst und philosophischer Ästhetik.

(Paul Sailer-Wlasits)

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