Die neue simulierte Urbanität

Bild: Al Nakheel Properties,

Dubai Waterfront ist Ausdruck des Spektakelurbanismus mit cleanen künstlichen Welten für Touristen und Reiche, doch am Horizont droht das Platzen der Immobilienblase.

Trotz Immobilien-, Kredit- und Finanzkrise setzt Dubai mit seinem Ölreichtum und seinen gerade einmal 1,5 Millionen Einwohnern den megalomanischen Urbanismus fort, um durch herausstechende Aufmerksamkeitsarchitektur das Land als Standort für Wirtschaft, Handel, Technologieentwicklung, wohlhabende Menschen und Tourismus aufzuwerten und Unternehmen auszubauen, die überall auf der Welt gigantische Bauprojekte abwickeln können. Dubai ist weltweit wahrscheinlich nach Shanghai die größte Baustelle, auch das größte Experiment für die urbane Zukunft, sofern nicht bald auch diese Immobilienblase zu platzen beginnt und Geisterstädte zurückbleiben. Die Anzeichen dafür mehren sich. das Wirtschaftswachstum geht zurück, die Ölpresie sinken ebenso wie die Aktien, die Zentralbank der Emirate hat bereits Millarden in den Finanzmarkt gepumpt, um die beginnende Kreditkrise abzuwehren, die Rezession im Westen wird auch auf Dubai und die Boomtowns der gesamten Region zurückschlagen. Noch aber wurde letzte Woche mit dem Bau des Kanals in Dubai Waterfront begonnen: das bislang größte Bauprojekt des Emirats. Natürlich wird der "Arabische Kanal", der alleine 11 Milliarden Dollar kosten soll, der weltweit längste, von Menschen gemachte werden – darunter geht es nicht. Auch Dubai Waterfront stellt insgesamt einen Rekord ein und wird die weltweit größte neue Siedlung am Wasser - sofern sie tatsächlich zu Ende gebaut werden wird..

Bild: Al Nakheel Properties,

Man gewinnt in der Golfregion, in der wohl neben China derzeit am meisten und vor allem größten gebaut wird, den Eindruck, dass dem mit der vernetzten Globalgesellschaft einhergehenden Trend zur Virtualisierung und zur schwindenden Bedeutung des Raums mit der schieren Masse und den spektakulären Formen der gebauten Materie getrotzt werden soll. Städte breiten sich nun nicht mehr nur auf der Ebene aus, sondern verdichten zunehmend den Raum durch immer höhere Gebäude und sind erstaunlicherweise nach dem 11.9. geradezu wieder in einen Wettlauf um die spektakulärsten und höchsten Gebäude eingetreten. Nicht nur das Bevölkerungswachstum, die Grundstückspreise und die Notwendigkeit der Beschleunigung durch räumliche Verdichtung sind Ursache dieses Wachstums. Um die Menschen aus dem virtuellen Raum, in dem sie mehr und mehr Zeit mit Arbeit, Kommunikation und Freizeit verbringen, in den materiellen Raum zurückzuholen, wird dieser bombastisch aufgebläht, um so eine gegenläufige Schwerkraft zu erhalten.

Bild: Google Earth

Dubai Waterfront soll eine "ökologische Metropole" für 1,5 Millionen Einwohner werden und die Küste des Landes um 70 Kilometer vergrößern, während die letzten unverbaute natürliche Küste in einer Länge von 15 km erschlossen wird. Geschätzte Kosten: 61 Milliarden US-Dollar. Lose bebaute, übersichtliche Gartenstädte sind hier nicht erwünscht. Man lehnt sich an die verdichtete arabische Siedlungsform, wie sie sich in den unwirtlichen Wüstenregionen herausgebildet hat, und bläht sie gewissermaßen in die Breite und Höhe auf, während sie ganz nach westlichem geometrischen Muster in rechteckigen Quadern formiert wird, um sie verkehrsgerecht zu machen.

Seit die Klimaerwärmung unabweisbar wurde und die Preise für fossile Energie in die Höhe schossen, hat man nicht nur mehr Einnahmen, sondern setzt auf "grüne" Siedlungs- und Gebäudeentwicklungen, die umweltschonend und energieeffizient und, CO2-Emissionen reduzieren, Erneuerbare Energien nutzen und stärker auf fußgängerfreundliche Viertel sowie öffentliche Verkehrssysteme setzen. Allerdings sind die gewaltigen Bauprojekte, um nicht von künstlichen Schneewelten in der Wüste zu sprechen, wohl insgesamt kaum als grün zu bezeichnen, zumal sie mit unabsehbaren Folgen ganze Landschaften verändern und darauf basieren, Knoten in den globalen Transportströmen zu werden.

Bild: waterfront.ae

Gigantisch ist alles. Neben einigen Inseln vor der Küste wird bereits an dem 8 km langen Palm Cove Kanal gebaut, jetzt wird der Bau des 75 km langen Arabischen Kanals gestartet, der sich in einer großen Schleife von der künstlichen Insel Palm Jebel Ali durch die Wüste, am Flughafen vorbei, im Osten bei Dubai Marina wieder mit dem Meer verbinden wird. Die Bauarbeiten an dem Kanal, der bis zu 150 m breit und 6 m tief wird, sollen in drei Jahren beendet sein. Dazu müssen mehr als 200 Millionen Kubikmeter Erde ausgebaggert werden, mit denen man an einem 9 km langen Kanalabschnitt in der Wüste eine neue Landschaft mit bis zu 200 m hohen Hügeln und Tälern gestalten will.

Limitless, ein Baukonzern aus Dubai, ist für den Entwurf und den Bau des Kanals und der Waterfront City verantwortlich. Der Kanal sei das anspruchsvollste und größte Bauprojekt Dubais du soll den künftigen Bewohnern und Touristen "außergewöhnliche Eindrücke" in einer umweltfreundlichen Umgebung bieten. Die Einwohnerzahl der Stadt, die hier später entlang des Kanals in einer Länge von 30 km entlang reichen und 440 Quadratkilometer Grund bedecken soll, wird mit 1,5, manchmal auch mit 2,5 Millionen angegeben, man spricht von "globalen Einwohnern" der "Ökostadt des 21. Jahrhunderts. Vorgesehen sind 10 unterschiedliche Stadtteile mit unterschiedlichen Funktionen, die auch architektonisch eine eigene, wenn auch zentral vorgegeben Identität haben und von Kanälen durchzogen sein sollen. Man geht davon aus, dass Immobilien begehrter sind, die direkt am Wasser liegen, deswegen wird Waterfront City eben von zahlreichen Kanälen durchzogen und durch Inseln erweitert sein. Neben den Siedlungen auf dem Festland ist auch ein Archipel weiterer künstlicher Inseln geplant, die die bislang gebauten Inseln abschließen. In der Innenstadt soll dann der allergrößte Wolkenkratzer mit einer Höhe von über 1000 Metern gebaut werden.

Dubai Waterfront. Bild: OMA/Koolhas

Die Pläne offenbaren, dass man natürlich die reiche globale Schicht ansprechen will, die sich als Investoren in den neuen Stadtprojekten niederlassen sollen. Die "Besten und Klügsten" werden umworben. Das heißt natürlich auch, dass die neuen Städte Orte des Ein- und Ausschlusses sind, dass sie den Trend zu homogenen, wenn auch hier möglicherweise multikulturellen Bevölkerungsstrukturen verstärken und letztlich gated communities in großem Maßstab darstellen. Der neue Urbanismus im Stile Dubais verdichtet die Attraktionen und stellt durch und durch vorkonstruierte Städte her, in denen nichts dem Zufall überlassen bleiben soll. Es sind Fertigbaustädte im modischen und extravaganten Einheitsstil, die möglicherweise beeindrucken, aber städtisches Leben mit seinen heterogenen Welten vermutlich nicht entstehen lassen. Gebaut in einer kaum von Demokratie getrübten Monarchie stellen sie eine Welt vor, die clean, reich und kommerziell ist, eine Art Flughafen- und Themenparkarchitektur und –urbanismus, die auch künstlich belebt werden muss und daher wohl kein eigenständiges urbanes Leben entwickeln wird, sondern nur ein simuliertes. Vermutöich muss man nicht lange warten, bis diese simulierte Urbanität als nächste Immobilienblase platzen wird.

Der erste Bauabschnitt umfasst 2.200 Hektar mit Gebäuden und Infrastruktur für 600.000 Menschen. Die Entwürfe für Kanal und Stadt werden nicht in Dubai entwickelt, man kauft sich nicht nur billige Gastarbeiter aus dem Ausland ein, sondern auch die Creme der Architekten, Landschaftsplaner, Kanal- und Infrastrukturingenieure oder Verkehrsplaner aus den westlichen Ländern. Der Masterplan für die Waterfront City stammt von Rem Koolhaas.

Ein weiteres Megaprojekt ist der Themenpark Dubailand, der mit seinen zahlreichen Attraktionen jährlich viele Millionen von Besuchern anziehen soll, die sich in den künstlichen Orten in der Wüste aufhalten, vergnügen und shoppen sollen. Es gibt einen riesigen Zoo, eine Anlage für Extremsport, eine "Ökotourismuswelt" mit Regenwald und anderen Biotopen, wo man auch Safaris machen kann oder künstliche Dinosaurier herumspazieren, eine riesige Mall, Themenhotels, eine Anlage mit allen möglichen Unterhaltungsangeboten, beispielsweise ein gigantischer Wassertehmenpark und das weltweit höchste Rad, eine Golf City, eine Beautyland sowie die City of Arabia, eine von Gründ- und Wasserflächen umgebene Stadt in der Stadt mit Hochhäusern. Die Stadt der Wunder baut alte Spektakel der Stadtkultur nach: Pyramiden, die Hängenden Gärten von Babylon, den Eiffel-Turm, Das Taj Mahal und den schiefen Turm von Pisa. Ein Bereich widmet sich den Wissenschaften und der islamischen Kultur. (Florian Rötzer)