Die obskuren White Helmets

Quelle: 21stCenturywire

Die Arbeit der "Helden des Friedens" für das Projekt Regierungswechsel in Syrien. Die Soft-Power der NGOs - Was ist echt?

Solche Ausschnitte werden mit religiöser Inbrunst weitergegeben, sie vermitteln das Gefühl, dass die ganze verflucht komplizierte Geschichte in einem einzigen Augenblick zur Wahrheit gerinnt: Baschar al-Dschafari (oder al-Jaafari), der ständige Vertreter Syriens bei den Vereinten Nationen, ist auf dem Weg zum Sitzungssaal des UN-Sicherheitsrates.

Unterhalb einer kleinen Treppe passt ihn ein britischer Journalist ab. Er stellt ihm die Frage: "Ambassador, did you bomb the two Hospitals in Aleppo?" Al-Jaafari lacht nur und geht weiter. Das Lachen klingt dämonisch.

Ein Schauspieler, der ein Mitglied der bösen, mit Weltzerstörung drohenden Gegenmacht in einem 007-Film verkörpert, hätte es nicht überzeugender hinbekommen. Zu hören und zu sehen ist dieses Lachen in einem 13 Sekunden langen Videoclip, der ursprünglich von al-Jazeera stammt und bei Twitter in den letzten Tagen zum Hit geworden ist.

Warum al-Jaafari gelacht hat, verschließt sich dem Zuschauer. Das Bild des Zynikers al-Jaafari, der über ein Kriegsverbrechen lacht, fügt sich in eine ganze Reihe von Medienberichten, die den Zynismus als Wesensmerkmal der syrischen und russischen Regierung zum Gegenstand haben. So ist der Zynismus die nächstliegende Erklärung des Zuschauers für die irre Reaktion auf die "Hölle von Aleppo" - konsistent mit allem, was sie oder er sonst über den Konflikt erfährt. Der einzelne Augenblick ist dann die Offenbarung der universalen Wahrheit des Konflikts.

Das Prinzip dieser Realitätsvermittlung ist die Verkürzung. Bleibt man bei dieser Methode, so lässt sich auch das Lachen von Jaafari leicht erklären: Er lacht über einen Propaganda-Versuch.

Aus Sicht des syrischen Regierungsvertreters steckt schon hinter der Frage eine falsche Behauptung, nämlich dass zwei Krankenhäuser bombardiert wurden. Wie sich diese auf den ersten Blick für Nutzer der großen Medien haarsträubende Sichtweise begründet, kann der Leser in einem Interview mit Vanessa Beeley erfahren.

Die Tochter eines reputierten britischen Nahostdiplomaten war als Reporterin in Ost-Aleppo und macht auf Ungereimtheiten und Einseitigkeiten in der dominierenden Berichterstattung aufmerksam. Zum Beispiel darauf, dass eines der Hospitäler innerhalb weniger Wochen schon zum zweiten Mal als von Bomben in Schutt und Asche gelegt gemeldet wurde.

Diese Behauptung zu überprüfen, ist ein eigenes Thema. In diesem Artikel geht es um die Akteure, die im Verdacht stehen, mit Inszenierungen für Schock, Entrüstung und Parteinahme in der Öffentlichkeit zu sorgen und damit die Wahrnehmung des Syrienkrieges zu prägen.

Zu den Prägungen gehört auch, dass das Nischenmedium, in dem sich Vanessa Beeley äußert - der Ron Paul Liberty Report - ganz bequem in die Rubrik Verschwörungstheoretiker oder Propagandisten abgetan werden kann. Es verfügt nicht über den Markennamen von Qualitätsmedien und zeigt eine Einseitigkeit in seiner Darstellung, weil die sich gegen den Konsens des Mainstreams richtet.

Das Urteil möge der Leser selbst bilden. Wie schwierig das ist, zeigt das Interview von Jürgen Todenhöfer, das kürzlich für Wirbel sorgte (Todenhöfer spricht mit al-Nusra). Die Aussagen des befragten Kommandeurs widersprachen in vielem den öffentlich verbreiteten Gewissheiten zum Syrienkrieg. So fühlten sich viele in ihrer Skepsis bestätigt, Mainstreammedien reagierten sehr schnell mit dem Vorwurf, das Interview sei ein Fake.

Eine deutsch-sprachige Webseite zum syrischen Stellvertreterkrieg/Konflikt steuert Argumente bei, die dafür sprechen, dass es ein Fake ist.

Die Argumentation, die sich auf gut unterrichteter Basis stellt, macht es sich nicht leicht (der Goldring spielt keine Rolle). Man muss sich damit auseinandersetzen, um eine Positionierung einzunehmen, die auf Distanz zu leicht konsumierbaren Nachrichtenangeboten der jeweiligen Lager geht. Bei der Berichterstattung über Syrien war schon weit vor dem Krieg Vorsicht geboten, ob bestimmte Äußerungen nicht im Interesse von Geheimdiensten gemacht werden.

Vorbehalte gegenüber Lager-Wahrheiten gelten auch für das Phänomen der "White Helmets", auch als Syria Civil Defence bekannt. Sie sind keine Nischen-Produktion. Was sie behaupten, wird international von den großen Medien weiter verbreitet, von der New York Times, vom Guardian, von Le Monde, von der FAZ, vom Spiegel, von der SZ. Es sind auffallend häufig die Helfer mit den weißen Helmen im Bild, wenn ein Kind aus dem Schutt zerbombter Häuser geborgen wird, wenn Krankenhäuser zerstört oder Hilfskonvois angegriffen wurden.

Sie sind Quelle und Kläger, die von Nachrichtenagenturen und Medien bereitwillig zitiert werden. Lieferanten von mitleidserregenden Bildern, die von Experten, die in Medien und Think Tanks sehr gut vernetzt sind und die der Opposition nahestehen, sofort in die Heavy-Twitter-Rotation geschickt werden

Die Klage der White Helmets, das ist schon mal als Regel festzuhalten, gilt immer und stets der syrischen oder der russischen Luftwaffe. Der Grund für das Lachen von al-Jaafari ist hier zu finden. Die White Helmets haben einen großen Anteil an der Art der Berichterstattung über den Syrienkrieg.

Unparteiisch ist die NGO nicht. Aber sie kann mit glänzenden Namen werben, die sie unterstützen. George Clooney zum Beispiel oder Karl Ove Knausgard sind prominente Unterstützer der Initiative, den White Helmets den diesjährigen Friedennobelpreis zu überreichen.

Die Helden des Friedens, wie sich die White Helmets auch nennen, präsentieren das stolz auf ihrer Webseite. Vielleicht unterschreiben die Prominenten Clooney und Knausgard solche Aufrufe wie der Kaiser Franz Beckenbauer lukrative Verträge, ohne genau hinzuschauen…

Die Gegenposition, vertreten etwa durch die oben genannte Journalistin Vanessa Beeley oder den Blog Moon of Alabama, geht indessen soweit, die White Helmets direkt mit der al-Nusra-Front und damit dem al-Qaida-Dschihadismus zu verbinden.

Die Gleichsetzung White Helmets ist gleich al-Nusra bzw. al-Qaida kommt dann in dieser Verkürzung auch in manchen kritischen und lesenswerten Berichten vor, aber noch öfter als konstantes Element auf manchen der syrischen Regierung nahestehenden Twitterseiten, die mit Bildern attraktiver Frauen geschmückt sind, die aussehen wie von Berlusconi für eine Fernsehshow gecastet. So geht der Info-Krieg 2016.


Allerdings sind die Parteinahme der White Helmets, ihre Hintergründe und vor allem ihre Verbindungen höchst suspekt. Wer glaubt, eine solche Behauptung sei nun typisch für das "Propagandamedium Telepolis", der möge sich den aktuellen Artikel auf National.ae anschauen, einer Publikation, die in Abu Dhabi erscheint, einen seriösen Ruf als Qualitätsmedium hat und politisch nicht der syrischen Regierung, sondern den Golfstaaten nahe steht. In dem Artikel heißt es, dass Fakten zur Gründung und zur finanziellen Unterstützung der NGO "schwerwiegende Fragen zur Unabhängigkeit" aufwerfen.

Um es kurz zusammenzufassen: Die größten Geldgeber sind die USA und Großbritannien, auch Deutschland unterstützt die NGO. Gegründet wurde sie 2013, eine wesentliche Rolle spielte dabei James Gustaf Edward Le Mesurier, ein ehemaliger britischer Offizier mit sehr guten Verbindungen in Netzwerke von Sicherheitsfirmen und Regierungsorganisationen wie zum Beispiel USAID. Daran knüpfen Verdachtsmomente, wonach die Gründung der Gruppe mit der Operation "Regimechange in Syrien" verbunden ist, die die Agenda der USA, Großbritanniens, Frankreichs und Deutschlands in den letzten Jahren bestimmte und noch immer bestimmt. Ausführlich wird diese These bei 21stCentury von der genannten Vanessa Beeley untermauert.

Dort wird u.a. darauf aufmerksam gemacht, dass die Gründung im März 2013 in der Türkei stattfand, wo die syrische Opposition ihr Zentrum hatte. Gründer James Le Mesurier, der, wie im National.ae-Artikel ersichtlich, versucht, seine Rolle abzuwiegeln, aber seinen maßgeblichen Anteil dann doch nicht bestreiten mag, hat eine gewisse Biografie im Kosovo-Konflikt, wo er als britischer Geheimdienstoffizier und Sicherheitsspezialist arbeitete.

Das erste Geld, 300.000 US-Dollar, für die White Helmets oder Syrian Civil Defence kam nach Angaben von Beeley von Großbritannien, den USA und der syrischen Opposition. Später auch von USAID. Angeblich zählt auch die britische Regierung zu den großen Geldgebern. Beeley untermauert dies mit einem Telegraph-Bericht.

Große Mühe verwendet sie darauf, die mannigfaltigen Beziehungen von James Le Mesurier aufzubereiten. Dabei werden private Söldnergruppen wie Olive Group genannt oder Mayday Rescue, das 2014 nach den Syria Civil Defence/White Helmets gegründet wurde. Dabei zeigen sich enge Verbindungen zu bewaffneten syrischen Widerstandsmilizen.

Namentlich genannt wird Farouq al Habib, der zu den Führern der White Helmets gehört und ein Teil der "syrischen Revolution" ist, Mitglied des "Revolutionären Rats in Homs", für den, so die Journalistin, wie für alle anderen Revolutionären Räten gelte, dass sie in Beziehungen zum CIA standen.

Beeley zieht daran und an einer Menge anderer Details und Verknüpfungen - wie etwa die zwischen der Olive Group und Blackwater - ein großes Bild auf, in dem NGOs nicht länger als neutrale Organisationen fungieren, sondern als Teil einer großen Infrastruktur und einer Strategie, die auf einen Regierungswechsel abzielt, also zu einem militärischen und politischen Plan gehört. Inwieweit das stimmig ist, sollten die Leser selbst beurteilen.

Was allerdings an der Arbeit der White Helmets auffällig ist, sind solche Bilderinszenierungen:

Seriös ist das nicht. Mehr solcher Parteinahmen sind hier zu finden. Darunter auch ein Bild von einer von al-Nusra durchgeführten Exekution, wo die White Helmets, wieder einmal die ersten und einzigen Helfer vor Ort, die Leiche abtransportieren.

Wem das zu plakativ ist oder zu fragwürdig (könnte ja sein, dass sich nicht nur Todenhöfer, sondern auch der Fotograf des letztgenannten Bildes von Mukhabarat-Agenten als Darsteller überlisten ließ), der sollte sich die Selbstdarstellung der White Helmets im Orginal anhören und danach beurteilen, wie unparteiisch die NGO ist.

Anzeige