Die reichen Länder sind die Schuldner der Welt

Mehrere Erden wären notwendig, wenn alle Menschen den Lebensstil der USA, Großbritanniens oder Deutschlands führen könnten

Es mag als seltsame Frage in einer globalisierten Welt erscheinen, in der die wechselseitige Abhängigkeit der Gesellschaften enorm zunimmt, inwieweit Länder unabhängig vom Rest der Welt mit ihren eigenen natürlichen Ressourcen zur Aufrechterhaltung des Lebensstandards ihrer Bewohner auskommen. Dahinter steckt die Frage, ob die Menschheit, so wie sie derzeit lebt, einen Raubbau an der Erde betreibt oder so haushaltet, dass die natürlichen Ressourcen sich erholen und auch künftige Generationen von diesen leben können. Die Berechnung solcher Verbräuche und Ressourcen mag hochspekulativ sein, gleichwohl sind die Ergebnisse, die die New Economics Foundation (NEF) in ihrem Bericht The UK Interdependence Report vorgelegt hat, in ihrer Anschaulichkeit frappierend.

So schafft es Großbritannien jetzt gerade einmal bis zum 16. April, von den eigenen Ressourcen zu leben und benötigt den Rest des Jahres die Ressourcen der Welt. Die Abhängigkeit habe in den letzten Jahren stark zugenommen, so dass das Land immer kürzere Zeit, gemessen an einem Jahr, autonom ist und nicht auf die Ressourcen aus anderen Ländern angewiesen ist. 1961 war Großbritannien noch ein halbes Jahr unabhängig, 1981 nur noch bis zum 14. Mai.

Die Autoren des Berichts predigen nicht den fragwürdigen Wert der ökologischen Autarkie eines Landes, aber sie meinen, dass die wachsende Abhängigkeit besonders der reichen Länder vom Rest der Welt zu wenig bedacht werde, was zu falschen Ansichten und politischen Handlungsgrundlagen führen könne. Eine ökologische Überstrapazierung untergräbt so nach Ansicht der Autoren für Menschen in anderen Ländern die Möglichkeit, ebenfalls ein besseres Leben erreichen zu können, und es gefährdet das Überleben der Menschen, solange es nur diese eine Erde gibt. Zudem wird auf Untersuchungen verwiesen, die zeigen, dass dann, wenn der Konsum über eine gewisse Grenze hinaus anwächst, die Großbritannien schon lange überschritten habe, dies keine Auswirkungen mehr hat auf die empfundene Lebensqualität oder die persönliche Zufriedenheit (H. Shah und N. Marks: A well-being manifesto for a flourishing society, 2004). Zudem hätten die reichen Länder auf Kosten der armen mitunter die Ausbeutung der Ressourcen auf ihren Territorien reduziert und einen stärkeren Umweltschutz eingeführt. Diese Verschiebung der Umweltbelastung könne aber dazu führen, dass die Bewohner der reichen Länder die Verwüstung nicht mehr bemerken, die ihr scheinbar im eigenen Land ressourcenschonender Lebensstil in anderen Ländern ausübt:

The existence of international trade in ecological goods and services means that nations, unlike the planet as a whole, need not be ecologically autonomous to be sustainable. Nations can import and export goods, but the planet cannot.

Rich countries have seen remarkable local environmental improvements in recent decades. In places like London, which was famous for its toxic fogs, air and water quality have improved beyond recognition. In many ways, though, this has only been possible because the mining and manufacturing that feed rich-country lifestyles increasingly takes place elsewhere. By and large, pollution and resourced epletion no longer occur within eyesight or earshot of the final consumers. The ecological burdens created by the way we live have become hidden.

Der Bericht bezeichnet den Tag, an dem ein Land nicht mehr mit seinen natürlichen Ressourcen auskommt, den „ökologischen Schuldentag“. Großbritannien ist die viertgrößte Wirtschaftsmacht und lebt damit auf großem (ökologischen) Fuß. Aber auch die ganze Welt beutet derzeit die natürlichen Ressourcen schneller aus, als sie sich wiederherstellen können. Nach den Berechnungen der NEF geht sie derzeit am 23. Oktober in den Schuldenzustand über – und auch hier haben sich die Verhältnisse dramatisch zugespitzt. Hätten die Menschen auf der ganzen Welt 1961 den Lebensstandard der Briten übernehmen können, so wären sie angeblich noch mit dieser einen Erde ausgekommen, auf die wir noch immer angewiesen sind. Heute bräuchte man dafür 3,1 Erden.

Bild: New Economics Foundation

Den Berechnungen des Berichts liegt die von Mathis Wackernagel und William E. Rees entwickelte Methode des ökologischen Fußabdrucks zugrunde. Dabei werden die in einer Gesellschaft verbrauchten Ressourcen in die Naturfläche umgerechnet, die zur Produktion etwa von Lebensmitteln, Kleidung, Maschinen und Energie oder zum Abbau der freigesetzten Treibhausgase oder des Mülls notwendig wären. Die Autoren machen dies in einer allgemeinen Schätzung deutlich. Danach beträgt die gesamte Naturfläche der Erde mit durchschnittlicher Produktivität etwa 11,2 Milliarden Hektar. Auf der Basis dieser „Währungseinheit“ wird der Verbrauch in Bezug auf Nachhaltigkeit berechnet. 2002 hat die Menschheit gemäß dem Verbrauch von Ressourcen aber schon 13,7 Milliarden Hektar Fläche beansprucht. Sie konsumiert also 23 Prozent mehr, als die Natur regenerieren kann.

Die menschliche Ökonomie schießt ökologisch über: Die ökologischen Vorräte der Erde werden schneller ausgebeutet, als die Natur sie regenerieren kann. Das bedeutet, dass sie die künftige Versorgung durch die ökologischen Ressourcen untergräbt und mit dem Risiko eines Zusammenbruchs der Umwelt operiert.

Ein durchschnittliches britisches Kind im Alter von 22 Wochen ist in seiner kurzen Lebenszeit bereits für die Ausstoßmenge an Treibhausgasen verantwortlich, für die ein Mensch aus Tansania im Augenblick noch sein ganzen Leben benötigt. Allerdings ist Großbritannien nicht der größte Ressourcenausbeuter. Für die USA sind die Zahlen noch dramatischer. Würde die gesamte Welt dem US-amerikanischen Lebensstil frönen, wären schon 5,3 Erden notwendig, allerdings haben die USA wesentlich mehr natürliche Ressourcen, weswegen der Schuldentag erst später eintritt. Frankreich liegt bei drei Erden, Deutschland bei zwei.

Wie groß der Abstand zwischen einzelnen Ländern allerdings noch ist, zeigt ein Vergleich mit Indien und China, den boomenden asiatischen Schwellenländern, die ein Drittel der Weltbevölkerung stellen. Chinas Lebensstandard würde, auf die Welt erweitert, mit 0,8 der Erde die natürlichen Ressourcen nach dem Maßstab von NEF noch schonen, Indien mit 0,4 in noch weit höherem Maß. Am schlimmsten wüten die Länder, die dicht bevölkert sind, einen hohen Lebensstandard und geringe natürliche Ressourcen haben. An der Spitze der Länder, die am schnellsten nicht überlebensfähig sind, befinden sich die Niederlande am 2. März und Japan am 3. März, dann käme am 13. April Italien vor Großbritannien, am 29 April Griechenland. Nach Spanien, der Schweiz und Portugal ist Deutschland am 29. Mai am Ende.

Für Großbritannien weist der Bericht darauf hin, dass die Lebensmittelversorgung im Inland immer weiter zurückgeht und das Land dadurch immer stärker von Importen abhängig wird. Das trifft auch für die Energie zu und für die Abhängigkeit vom internationalen Handel. Auch das Gesundheits- und Bildungssystem ist immer stärker angewiesen auf die Zuwanderung von Experten, die ihre Ausbildung in ihren Heimatländern erhalten haben. Ökologisch fragwürdig sind auch seltsame Handelswege, in denen nahezu in gleicher Größenordnung identische Produkte im- und exportiert werden. So exportiert Großbritannien 1.500 Tonnen Kartoffeln nach Deutschland, das wiederum genauso viele Tonnen nach Großbritannien exportiert. Ähnlich ist dies mit vielen anderen Produkten. (Florian Rötzer)

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