Die russische Gesellschaft wird plötzlich aus ihrem Schlaf erwachen

Der russische Sozialist und Soziologe Boris Kagarlitzki über die Linke in Russland, Putin als Nationalsymbol, die russische Politik in Syrien und seine schillernden Ansichten über Europa

Boris, in den 80ern hast du dich mit den Autoritäten angelegt. In den 90ern wurdest du in den Moskauer Sowjet gewählt und hast die Sozialistische Partei mitgegründet. Du hattest auch Kontakte zur KP der Russischen Föderation und diversen Gewerkschaften. Damals passierte in Russland auf linker Seite noch einiges. Nun bist du der Direktor des "Instituts für Erforschung der Globalisierung und sozialen Bewegungen" in Moskau. Wie sieht es heute mit der russischen Linken aus, wenn man so allgemein fragen darf? Oder konkreter: Gibt es gegenwärtig in Russland bemerkenswerte linke Organisationen oder Bewegungen, die Potenzial haben?
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Boris Kagarlitzki: Die Lage der Linken in Russland kann man als widersprüchlich charakterisieren. Einerseits ist die Popularität linker Ideen augenfällig - sie sind sogar zur Mode geworden. In dieser Hinsicht ist die Situation überhaupt nicht die, wie sie beispielsweise noch Mitte der 1990er war. Nur spiegelt sich das auf keine Weise im politischen Prozess wider. Und das liegt nicht an den linken Organisationen selbst, sondern am Zustand der Gesellschaft.
Ernsthafte linke Politik ist nur gestützt auf eine Massenbewegung möglich. Zudem muss es eine Graswurzelbewegung sein, eine Bewegung der Werktätigen. Wenn es so etwas nicht gibt, können sich allenfalls Sekten oder Intellektuellenclubs entwickeln. Genau das ist die heutige Situation. Die Soziologin Anna Otschkina spricht von einer "schlafenden Gesellschaft" in Russland. Die Gesellschaft schläft und träumt - davon, Großmacht zu sein, von Putin, von liberalen Werten, vom freien Markt, von der Größe der ehemaligen UdSSR und so weiter.
Das alles sind nicht einmal ideologische Klischees, sondern Träume oder Alpträume, die mit der Wirklichkeit, die auf der Tagesordnung steht, nichts gemein haben. Nichts dergleichen gibt es in Wirklichkeit. Nicht einmal Putin gibt es. Zwar gibt es einen Menschen mit diesem Namen, der regelmäßig den Vorsitz bei eher unerheblichen Sitzungen gelangweilter Bürokraten im Kreml übernimmt, aber mit dem Bild Putins als "Diktator" oder umgekehrt als "Erlöser" hat dieser Mensch überhaupt nichts zu tun - er ist bloß ein hochrangiger Funktionär, genauso wie andere Funktionäre, nur dass er ein größeres Gehalt bekommt.
In solch einer Situation ist die Mode linker Ideen nicht bloß nicht allzu wohltuend, sondern wird sogar absolut zwecklos. Es entsteht ein widersprüchliches Milieu von "Glamour-Linken", die - emotional, sozial, kulturell - vollkommen zum liberalen Establishment gehören, welches sich an den Geschmäckern und Vorstellungen dieses Milieus orientiert, aber die eigene Lage in diesem Milieu mittels der Beherrschung des "linken Diskurses" verbessert. Ehrlich gesagt ist dieses Milieu international.
Die akademische und mediale "Linke" in Frankreich weist genau diese Symptome seit mindestens einem Jahrzehnt auf. Jetzt ist diese Strömung aber auch in Russland angekommen. Die Glamour-Linken reihen sich ganz wunderbar sowohl in das russische liberale Milieu als auch in das Milieu der westlichen Intellektuellen ein. Das einzige Problem ist - sie haben nichts zu tun mit den Interessen der Massen, den Anforderungen und Problemen der russischen Gesellschaft und sind sogar noch entfremdeter von der Bevölkerung als die Regierung. Deswegen ist ihr einziger Zufluchtsort die liberale Opposition in der Hauptstadt, die sich ihrer bedient.
Ein ernsthaftes Gegengewicht zu den "Glamour-Linken" gibt es angesichts der unterschiedlichen stalinistischen und trotzkistischen Sekten ebenfalls nicht. Die Aufgabe besteht darin, ohne sich groß um diese Grüppchen zu kümmern, an einer Politisierung der spontan linksgerichteten Mehrheit zu arbeiten. Menschen, die sich als Aktivisten verstehen, erweisen sich unter den Bedingungen des wirklichen Kampfes und der offenen Krise mehrheitlich als Hemmnisse.
Aber damit eine neue aktivistische Masse entsteht, reicht kein Abwarten - man muss sich mit politischer Aufklärung beschäftigen, an ihr arbeiten, sich nicht an Zirkeln und Sekten oder dem glamourösen liberalen Publikum orientieren, sondern sich vor allem an der Provinz, an der Stimmung der Massen in der Gesellschaft orientieren. Und man muss verstehen, dass ein ernsthafter und für das System gefährlicher Protest nicht aus dem oppositionellen Milieu geboren wird, sondern ausgerechnet und ausschließlich aus dem Milieu jener, die in den Jahren 2011 und 2012 die Wiederwahl Putins unterstützten. Haben sie ihn nicht aus Sympathie zu seiner Politik, sondern angesichts der liberalen Opposition aus der Bemühung heraus, einem noch größeren Übel zu entgehen, unterstützt? Diese Menschenmasse hat die Regierung anschließend verraten, wofür sie früher oder später bezahlen wird.
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Solange die Gesellschaft nicht erwacht ist, ist linke Politik nicht möglich, aber die Gesellschaft wird plötzlich erwachen, so wie es im Osten der Ukraine 2014 geschehen ist. Sind die Linken darauf vorbereitet? In ihrer Mehrheit nicht. Aber es gibt keinen Grund, die Situation als hoffnungslos abzustempeln.
Boris Kagarlitzki 2013. Bild: www.facebook.com/kagarlitsky
Welche Rolle spielt die Kommunistische Partei im gegenwärtigen System?
Boris Kagarlitzki: Die KPRF ist ein Element des Systems. Ihre Führung ist am Erhalt des Status Quo interessiert. Aber es gibt lokale Gruppen, die ernsthaft darum bemüht sind, den Status der Systempartei dazu auszunutzen, das dieses oder jenes soziale Recht zu verteidigen. Sobald sie das zu eifrig tun, kommt es zum Konflikt mit der Zentralregierung. Daher die ständig sich wiederholenden Spaltungen der Partei und die massenhaften Parteiausschlüsse.
Aber ihr müsst bedenken: Keiner der Ausgeschlossenen konnte eine ernstzunehmende Organisation gründen, die eine Alternative zur KPRF darstellt. Sie bemühen sich, eine "verbesserte Kopie" der KP zu gründen, was von Anfang an zum Scheitern verurteilt ist.
Gibt es unabhängig von den explizit linken Organisationen und Intellektuellen plebejische Trends, proletarische Aktivitäten oder sonstige Massenbewegungen, die für Linke interessant sein könnten?
Boris Kagarlitzki: Man kann von einer wachsenden "plebejischen" Opposition sprechen. Der Ökonom Wassilij Koltaschow spricht von einem "dritten Stand". Eine entsprechende Tendenz macht Ruslan Dsarassow in seinem kürzlich erschienenen Buch "За лучшую долю!" (ungefähre Übers. "Für einen größeren Anteil am Kuchen!") aus. Mit anderen Worten gibt es ein klares Anwachsen des Unbehagens in der Gesellschaft und sogar Orte des Widerstands - das äußert sich in Aktionen für den Erhalt kostenloser Medizin und Behausungen, in Bewegungen rund um Bildungsfragen und im Aufkommen unabhängiger Gewerkschaften. Ein neueres Beispiel war der Streik der Langstrecken-LKW-Fahrer.
Aber ich wiederhole, dass all diese Bewegungen im Prinzip unpolitisch sind. Und sie sind nicht völlig proletarisch, selbst wenn sie sich im Wesentlichen auf Lohnarbeiter stützen. In diesem Sinne wäre es genauer, sie als Graswurzelproteste "des Volkes" zu bestimmen, insofern sie eine Art klassenübergreifende Graswurzel-Solidarität darstellen.
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