Die sabotierte Revolution

Vor 100 Jahren kämpfte das persische Volk schon einmal für parlamentarische Rechte und wirtschaftliche Unabhängigkeit

Das Persien des 19. Jahrhunderts war ein absolutistischer Staat. Frühe Versuche der Liberalisierung durch fortschrittlich denkende Premierminister endeten jeweils mit deren Ermordung. Ihre Ziele waren der Aufbau einer modernen Verwaltung und die Entwicklung einer eigenständigen Industrie. Das Land war reich an Bodenschätzen und die Reformer sahen eine Chance, Persien an der weltweiten industriellen Entwicklung teilhaben zu lassen. Dazu bedurfte es allerdings tiefgreifender Reformen. Amir Kabir, Premierminister des von 1848 bis 1896 regierenden Schahs Naser ad-Din, reorganisierte das Steuer- und Finanzsystem, investierte in Bildung und bemühte sich um den Aufbau einer Universität nach europäischem Vorbild. Nach nur vier Jahren Reformtätigkeit fiel er einer Verschwörung zum Opfer, wurde verbannt und später im Auftrag des Schahs umgebracht.

Dieser öffnete das Land in ganz anderer Weise der Industrialisierung. Den Abbau von Bodenschätzen und ganze Technologiezweige vergab er per Konzessionsvertrag an ausländische Unternehmen. Nutznießer in Form von Ablösesummen und prozentualen Beteiligungen war er selbst, die beträchtlichen Gewinne wurden von den Unternehmen ins Ausland transferiert.

Ein Konzessionär der ersten Stunde war beispielsweise der Deutsche Paul Julius Reuter, Gründer der nach ihm benannten Nachrichtenagentur. Dieser Kommunikations-Pionier hatte bereits in den Fünfzigerjahren des vorvergangenen Jahrhunderts in Europa durch sein kreatives Brieftaubennetz und später durch innovative Nutzung der Telegraphie ein Vermögen erwirtschaftet und im Nachrichtensektor eine Monopolstellung erlangt. 1872 verlieh Naser ad-Din Schah diesem Mann weitreichende Konzessionen für die technologische Entwicklung Persiens. Infrastrukturprojekte wie Eisenbahnlinien und Dammbauten wurden Reuter exklusiv übertragen. Neben der weiteren Konzessionierung von Schürfrechten war auch die Schaffung einer persischen Bank angedacht, diese scheiterte jedoch an Kapitalmangel und russischem Protest.

Persien befand sich derzeit diplomatisch und machtpolitisch in einer Schraubzwinge kolonialer Interessen. Das russische Zarenreich hatte seine Grenzen stetig nach Süden ausgedehnt. Nach der Einverleibung der turkmenischen Chanate war das rohstoffreiche Persien die letzte Landschranke auf dem Weg zum Golf. Ausgehend von der russischen Botschaft in Teheran hatte man nichts unversucht gelassen, den Schah persönlich und wirtschaftlich zu binden. Kredite für standesgemäße Vergnügungen und Reisen wurden gern gewährt.

Zur Abwicklung dieser Transaktionen eröffnete Russland 1891 die "Banque d'Escompte et des Prets de Perse". Binnen kurzer Zeit befanden sich unzählige hochgestellte Persönlichkeiten des Hofes und der Verwaltung in solchen finanziellen Abhängigkeiten. Gleichzeitig geriet das Land unter zunehmenden Druck seitens des Britischen Empires. Zwar war im Osten die Ausdehnung des britischen Kaiserreichs Indien in den afghanischen Bergen gescheitert. Auf der arabischen Halbinsel jedoch wurden an der sogenannten "Piratenküste", dem heutige Oman und den Vereinigten Arabischen Emiraten, von der britischen Regierung Protektorate zur Sicherung der Handelsschifffahrt errichtet. Im Westen hatte Großbritannien mit dem Aufkauf der Suezkanal-Aktien seine Position ausgebaut, 1882 war Ägypten schließlich britisch besetzt worden.

Entsprechend dominant traten auch britische Interessen in Persien auf den Plan. Die von Reuter nicht realisierte Bank fand 1889 in Form der Imperial Bank of Persia ihre Umsetzung, einem britischen Unternehmen, welches sogar die Funktion einer Nationalbank übernahm, aber ebenso wie die russische Bank auch Auslandsdarlehen und Kredite vermittelte. Ein zweiter Baustein war die 1868 von der British Siemens Company gegründete Indo-European Telegraph Company. Über allem jedoch sollten die Begehrlichkeiten stehen, welche der Ölreichtum des Landes weckte.

Die Naphtafelder von Baku waren bereits Anfang des Jahrhunderts im 3. Russisch-Persischen Krieg an das Zarenreich verloren gegangen. Doch auch im Westen, nahe der Grenze des heutigen Irak, wurden gewaltige Ölvorkommen sondiert. Auch hier erfolgte die Vergabe einer Konzession durch Muzaffar ad-Din Schah, dem Nachfolger des 1896 ermordeten Naser ad-Din, an einen australischen Minenbetreiber. Die Erschließung und Errichtung der zur Ölförderung benötigten Infrastruktur erwies sich als zu kostspielig für ihn. Es folgte die Übernahme der Konzession durch die britische Burmah Oil Corporation und schließlich 1909 die Gründung eines Burmah Oil-Tochterunternehmens namens APOC, Anglo-Persian Oil Company, heute bekannt als BP, British Petrol.

Alles dies geschah unter dem wachsamen Auge und teils der aktiven Vermittlung der britische Admiralität, die noch im selben Jahr begann, die Schiffe der Royal Navy von Kohle auf Öl umzurüsten. Bereits damals wurde gern das Argument herangezogen, man sichere die Freiheit der Menschen im Nahen Osten. Der britische Außenminister Rosebery bemerkte jedoch bereits 1893 recht unpathetisch, es gelte "die Schürfrechte der Zukunft abzustecken". Dies sollte im Vertrag von St. Petersburg von 1907 seine Umsetzung finden. Der Norden Persiens wurde als wirtschaftliche Einflusszone Russland zuerkannt, der Süden Großbritannien. Wenige Jahre später erwarb die Britische Regierung die Anteilsmehrheit an der APOC.

Der "Ausverkauf" des Landes und seiner Reichtümer weckte im persischen Volk zunehmende Empörung. Bereits 1891 hatte die Vergabe einer exklusiven Tabakkonzession an einen britischen Offizier zu Streiks und Aufruhr geführt. Die Demonstrationen erwirkten tatsächlich eine Rücknahme der Konzession, jedoch belasteten die eingeforderten Ausfallentschädigungen die persischen Finanzen schwer. Da es kein funktionierendes Zoll- und Finanzsystem gab, wurde eine Gruppe Belgier unter Leitung eines gewissen Joseph Naus vom Schah mit dem Eintreiben der Zölle und Steuern beauftragt. Das setzte dieser mit Entschiedenheit um, auch unter Einsatz der Persischen Kosakenbrigade, einer Elitetruppe des Schahs unter russischer Führung. Bald wurde Naus zum Minister ernannt. Das Ergebnis seiner Zollpolitik war pikanterweise, dass sich die Importbedingungen für russische Waren günstiger gestalteten als der Transfer persischer Güter zwischen den Provinzen. Gleichzeitig kam Naus selbst zu großem Wohlstand.

Vor dem Hintergrund einer Choleraepidemie und wachsender wirtschaftlicher Not der Bevölkerung kam es im März 1905 zu ersten Protesten gegen diesen belgischen Zollminister. Gleichzeitig gab es Übergriffe gegen russische Institutionen. Im Dezember 1905 führte schließlich die Tätlichkeit des Teheraner Gouverneurs gegen einen Händler zu einem Generalstreik der Kaufleute. Ihre Hauptforderung war anfangs lediglich die Einrichtung eines unabhängigen Gerichtes. Der Schah sagte dies zu und entließ den Gouverneur von Teheran. Da Muzaffa ad-Din jedoch nicht daran dachte, seine Zusage einzuhalten, flammten die Proteste im Frühjahr 1906 wieder auf, dieses Mal im Schulterschluss mit Vertretern der Geistlichkeit.

Im Sommer führten Zusammenstöße mit der herrscherlichen Garde zu zahlreichen Todesopfern, der Schah verhängte schließlich sogar das Verbot, die Moschee zu besuchen. Die Mullahs unter Führung von Ajatollah Behbahani verließen daraufhin demonstrativ die Hauptstadt. Zahlreiche Händler flüchteten sich in die britische Botschaft, bis August hielten sich auf dem Gelände rund 13.000 Menschen auf. Mittlerweile forderten die Streikenden ein gewähltes Parlament. Überall im Land wurden die Basare geschlossen, der Warenverkehr kam praktisch zu Erliegen. Der Schah lenkte schließlich ein. Er ließ ein Wahlgesetz ausarbeiten und die Wahl eines Parlaments vorbereiten, welches am 6. Oktober 1906 zu seiner ersten, konstituierenden Sitzung zusammentrat. Bis Ende Dezember erarbeitete man dort die erste persische Verfassung. Kurz darauf verstarb der Schah.

Sein Sohn Mohammed Ali Schah trat Mitte Januar 1907 die Nachfolge an und ignorierte das Parlament schlichtweg. Auf Proteste der Abgeordneten hin ließ er durch seinen Premier verlauten, Persien könne keine konstitutionelle Monarchie werden, da sich bürgerliche Rechte nicht mit dem Islam vereinbaren ließen. Er entfachte damit einen bis heute andauernden Konflikt. Mit diesem Schachzug gelang es dem Schah tatsächlich, weite Teile der Geistlichkeit auf seine Seite zu ziehen, die nun für eine islamische Monarchie und gegen die konstitutionelle Staatsform agitierten. Allen voran Scheich Fazlollah Nuri, der einen Verfassungszusatz durchsetzte, nach dem ein geistliches Expertengremium alle Beschlüsse des Parlaments auf seine Vereinbarkeit mit islamischem Recht prüfte. Heute heißt dieses Gremium "Wächterrat" und hat das Parlament im Iran in die Machtlosigkeit verdrängt.

Trotz der Kompromissbereitschaft der konstitutionellen Bewegung kam es zu weiteren Ausschreitungen, jetzt geschürt von der Geistlichkeit und unterstützt und finanziert vom Schah und dessen Geldgebern. Das Bekanntwerden des "Teilungsvertrages" von 1907 goss weiteres Öl ins Feuer. Mitte Dezember standen sich die Gruppierungen in Teheran in Waffen gegenüber. Die aserbaidschanische Stadt Täbris befand sich in offener Revolte gegen den Schah. Mohammed Ali lenkte ein, bekannte sich öffentlich zur Verfassung, nahm aber gleichzeitig Kontakt zum russischen Botschafter auf und mobilisierte die persischen Kosaken. Am 23. Juni 1908 ließ er das Parlament mit Kanonen beschießen. Die Kosaken wüteten in Teheran und töteten die Anführer der Konstitutionalisten. Im November wurde das Parlament aufgelöst und durch einen Rat von Schahtreuen ersetzt. Die bürgerliche Revolution schien gescheitert.

Nur in Täbris hielt sich der Widerstand. Unter der Führung eines Mannes namens Sattar Khan hatten die Bürger eine Miliz aufgestellt und an den Waffen trainiert. Sie erhielten Unterstützung durch den Armenier Ephraim Khan, einem Partisanenführer der Armenischen Revolutionären Föderation. Mehrere Versuche der Schah-Truppen im Sommer 1908, die Stadt militärisch einzunehmen, scheiterten. Als Sattar Khans "Mudjaheds" schließlich sogar in die Offensive gingen, wechselte der Provinz-Gouverneur Mohammad Vail Khan ins Lager der Konstitutionalisten. In Teheran, Isfahan und anderen Städten schöpften die Menschen neue Hoffnung und gingen auf die Straße.

Bald bewegten sich Einheiten der Aufständischen aus verschiedenen Richtungen auf Teheran zu, welches sie am 13. Juli 1909 erreichten und nach kurzen Gefechten mit den Kosaken einnahmen. Auch ein von Mohammed Ali ausgerufenes neues Wahlgesetz, welches das allgemeine Wahlrecht für Männer vorsah, konnte seine Absetzung nicht mehr verhindern. Er floh in die russische Botschaft. In einem Rat der Konstitutionalisten, in welchem auch ihre Kontrahenten aus Geistlichkeit und kadscharischem Adel vertreten waren, wurde die Übertragung der Herrschaft auf den Sohn des Schahs vereinbart. Unter Einflussnahme der britischen und russischen Botschaften wurde sogar eine Pension für Mohammed Ali Schah ausgehandelt, er selbst ging ins Exil nach Odessa. Die Beibehaltung der Monarchie, aber streng gebunden an die Verfassung, sollte ein Ende der inneren Konflikte herbeiführen.

Im Vertrag von St. Petersburg 1907 hatten Russland und England detailliert die Einnahmen aus Zoll, Fischerei und Post- und Telegraphenwesen untereinander aufgeteilt. Zur Begleichung erteilter Darlehen, wie es hieß. Zu diesem Zwecke zog man das autokratische Regime des Schahs einer parlamentarischen Regierung selbstverständlich vor. In der Folge verweigerten sie dem Parlament die dringend zur Aufrechterhaltung der Staatsverwaltung benötigten Kredite, die sie ehedem stets freigiebig gewährt hatten. Im Schatten dieser Ereignisse waren britische Ingenieure bei Masdsched Soleyman auf eines der größten Ölfelder der Welt gestoßen. Unter Protesten der persischen Regierung landeten britische Truppen und "sicherten" die Region.

Das am Rande des Bankrotts stehende Land nahm in seiner Verzweiflung schließlich Verhandlungen mit den USA auf, die jedoch keine aktive Unterstützung entgegen den Interessen Russlands und Englands leisten wollten. Allerdings empfahl man der persischen Regierung einen fähigen Finanzberater. Der Amerikaner Morgan Shuster willigte ein und begann im Mai 1911 in Teheran mit einem kleinen Team den Aufbau eines effizienten Finanzsystems sowie einer zuverlässigen Gendarmerie, um die Interessen des Schatzamtes auch gegen Widerstände durchsetzen zu können. Diese entflammten vor allen Dingen bei der Besteuerung der Großgrundbesitzer und des bis dahin von Abgaben befreiten Adels. Die unausgesetzte Torpedierung seiner Vorhaben zeigte das verheerende Ausmaß der alles durchdringenden Korruption.

Ein Konflikt Shusters mit der belgischen Zolltruppe führte zu offenen Drohungen des russischen Botschafters. Die Lage eskalierte weiter, als im Juli 1911 der abgesetzte Schah Mohammed Ali mit Hilfe turkmenischer Söldner von Russland aus einen Staatsstreich versuchte, der allerdings von der Gendarmerie unter Leitung des mittlerweile zum Polizeichef ernannten Ephraim Khan sowie schwedischer und deutscher Offiziere kurz vor Teheran zurückgeschlagen wurde.

Kurz darauf forderte Russland den Rücktritt Shusters und besetzte einige Städte im Norden des Landes. Als die vom persischen Regenten veranlasste Entlassung des Amerikaners vom Parlament wieder aufgehoben wurde, rückten reguläre russische Truppen in Teheran ein und lösten das Parlament auf. Shuster floh aus dem Land. England hielt sich an die mit Russland vereinbarten Einflusszonen und beschränkte sich darauf, den freien Zugriff auf "seine Ölquellen" zu sichern.

Das geteilte und zerrüttete Persien aber vermochte so in den folgenden Jahren keine wesentliche Verbesserung der Lage erlangen. Nach dem Ausbruch des 1. Weltkriegs verlor es im Zuge der anglo-russischen Invasion vollends seine Unabhängigkeit. Persien wurde nach dem Zusammenbruch des Zarenreiches britisch besetzt und mit dem anglo-iranischen Vertrag 1919 zu einem britischen Protektorat gemacht.

Erst mit dem Putsch Reza Khans 1921, des späteren Reza Schah Pahlavi, begann eine Zeit des nationalen Aufbaus, welcher freilich durch die anglo-sowjetische Invasion 1941 erneut unterbrochen wurde. Die Chance aber, eine parlamentarische Form der Interessenvertretung zu etablieren, war durch europäische Wirtschaftsinteressen aktiv zunichte gemacht worden. Der Antagonismus zwischen Vertretern der bürgerlich-nationalen und der religiösen Staatsidee blieb bis heute ungelöst.

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